Vingarne

Jahrzehnte verschollen, jetzt wiederentdeckt: Vingarne, der erste schwule Film der Welt. Der führende schwedische Stummfilmregisseur und spätere Garbo-Entdecker Mauritz Stiller adoptierte hier lange vor Carl Dreyers Remake von 1924 den Roman "Mikaël" des schwulen dänischen Autors Herman Bang für die Leinwand. Der schwule Filmpionier aus russisch-jüdischer Familie verknüpft den Stoff mit der Gegenwart. Aus dem Maler Claude Zoret wird ein Bildhauer mit den Zügen Strindbergs. Er begegnet im Wald einem jungen Mann und verliebt sich. Mikaël steht ihm Modell, er wird sein Schüler und Adoptivsohn. Doch dann verfällt er der skrupellosen Mäzenin Zorets. Als er Zorets Geschenk, eine nach ihm geformte Jünglings-Figur, verkauft, stirbt ihr Schöpfer zu Füßen der nackten Originalskulptur. Der ekstatische Jüngling stammt von dem wirklichen schwulen Bildhauer Carl Milles; der Adler weist ihn als Ganymed aus, der von Zeus vergewaltigt wird. Stiller gibt das verhüllend Vingarne - Flügel benannte homoerotische Werk listig als "Ikarus" aus (so der Titel des Films bei der deutschen Erstaufführung). Der Prolog zeigt, wie Stiller und sein Kameramann die geflügelte Statue in einem Park entdecken und auf die Idee zu Vingarne kommen. Die daran anschließende Rahmenhandlung vom Casting bis zur Erstaufführung kontrastiert die tragische homosexuelle Film-im-Film-Liebe mit der lächerlichen heterosexuellen Vernarrtheit eines schlechten Schauspielers. Von diesem atemberaubend modernen Erzählrahmen sind nur Stills erhalten, doch weisen sie Stiller als einen der kühnsten Neuerer der Filmgeschichte aus.

Regie: Mauritz Stiller
Schweden, 1916; 40 Min.

 

© 2000 Dieter Herchenbach