Sugar

Tipp für Schwule

 

Mal ein ganz anderer, nicht bemitleidender, nicht deprimierender Blick auf die imaginierte Stricherszene und zwar in Toronto. Die Grundlage des Drehbuches bildet "JD", ein Sammelband von Kurzgeschichten von Bruce LaBruce, selbst Fotograf, Regisseur und Schriftsteller aus Toronto, der mit zahlreichen aufreizenden und provokativen Fotos auf sich aufmerksam gemacht hat und schon selbst einige Filme vorlegte:

- Hustler White (!!!)
- No skin off my ass
- Skin Flick
- Super 8 1/2

(Mehr zu Bruce einschließlich einiger Kostproben aus seinem fotografischen Werk auf seiner eigenen HP inklusive Weblog: www.brucelabruce.com)

Eben diese Kurzgeschichten von Bruce hat Todd Klink sich vorgenommen, selbst Sexworker und Pornodarsteller (und eben Autor!) und sie aus den 1980ern in die heutige Zeit und seinen eigenen Erfahrungsbereich transponiert. Wohl auch deswegen kommt sein zusammen mit Regisseur Jeff Palmer verfasstes Drehbuch authentisch 'rüber.

Worum geht es?

Der Titelheld Sugar (Andre Noble) heißt eigentlich Cliff und wird zu Beginn des Filmes gerade 18. Mit großem Getöse feiert seine Mutter den Geburtstag und überreicht ihm ein zwar nicht so cooles, aber dennoch akzeptables Skateboard. Übermäßig zu freuen scheint sich Cliff nicht, aber das liegt auch an dem Brimborium, das die Mutter abzieht, inklusive Gefühlsäußerungen, die die weit jüngere Schwester Cookie (glänzend gespielt von Haylee Wanstall) mit dem lapidaren Satz "Gefühle sind nicht notwendig" abtut.

Eben jene Schwester überreicht Cliff noch ein Paar Geschenke, die schon etwas jugendnaher sind: einen Wodka, einen Joint und ein selbst gemaltes Bild. Und sagt, worauf Cliff nur gewartet zu haben scheint "Mach dich ab in die Stadt und hab Sex". Also los geht's, und Cliff scheint zu wissen, wo er hinmuss / -will: jedenfalls landet er bei Straßenstrichern, unter denen es ihn zu einem namens Butch (Brendan Fehr) besonders hinzieht.

Richtig ran an ihn kommt er jedoch zu seinem Leidwesen nicht. Die beiden teilen zwar das Bett, über ein gemeinsames Wettwichsen am nächsten Morgen geht es jedoch nicht hinaus. Dennoch lässt Cliff nicht locker und landet immer mehr auch in der Szene, auch wenn er sich noch zurückhält selbst anzuschaffen. Er sieht zwar einiges und lernt sogar einen wahren Sugardaddy Stanley (Maury Chaykin) kennen, der, wenn er kommt, für Butch den Haushalt schmeißen und abwaschen muss und wenn er nicht spurt oder gar was kaputt macht, setzt es was.

Erst die Aussicht, doch noch mit Butch im Bett zu landen, verlockt ihn: als nämlich Butch einen Partner sucht für eine Vorführung bei einem Voyeur. Doch das was dann wirklich läuft, hat sich Suggar ganz anders vorgestellt. Statt Zärtlichkeiten gibt es eine handfeste Vergewaltigung inklusive brutaler Entjungferung - das vor Augen des Kunden (Michael Riley; "Amistad"), der sich zwei Hockeyspieler bei der Erleichterung von ihrem aufgestauten Samen vorstellt.

Kaum raus, gibt Cliff seinem vermeintlichen Freund den Laufpass, so hat er sich die Erwiderung auf seine Suche nach Zuneigung nicht vorgestellt.

Wir sehen später Butch wieder: völlig unter Drogen (um weiteren Nachschub bettelt er Butchs Schwester an, die es mit ihren 12 Jahren schon faustdick hinter den Ohren hat), verfallen und wahrhaft abgef***t. Und schon bald im Grab, aus dem er jedoch in Gedanken Cliff gegenüber noch einmal aufersteht, der daraufhin - was den positiven, aber nicht illusionistischen Schlusspunkt bildet, wahrlich aufblüht und schon fast zum Aufreißer wird.

Der Film bringt schon irgendwie das Flair des Straßenstriches 'rüber, glorifiziert vielleicht am Anfang den Butch noch ein wenig, wer weiß, vergisst aber nicht die Realität. Die äußert sich im Film z. B. auch in einem ziemlich entstellten Kunden, der mit geilem Gerede den einzig die Dollars sehenden Butch zum Stück-für-Stück-Strip verleitet (und die beiden landen natürlich auch im Bett). Dennoch ist der Film nicht so deprimierend wie Gossenkind, wo ja auch noch das Problem der Erpressung und sexuellen Abhängigkeit thematisiert werden.

Was diesen Film angeht, so widmet er sich eines anderen Problems: nämlich der Gewalt, mit der Alkohol und Drogen eben gerade auch unter den Hustlern viele im Griff haben und die nicht selten auch desaströs in ihren Auswirkungen ist. Wohl auch aus diesem Grunde stirbt Butch im Film nicht wie im Buch an Alk, sondern am viel verheerenderen Crack (übrigens ist der vollgedröhnte, neben sich stehende Butch von Brendan Fehr super dargestellt).

Nach seiner Deutschlandpremiere auf dem VERZAUBERT Filmfestival des Jahres 2004 gibt es den Film jetzt - mit deutschen Untertiteln - im Programmkino. Der leider nur wenig bekannten Verleihfirma GMfilms sei Dank!

Dort wie natürlich auch bei der amerikanischen Produktionsfirma selbst gibt es eine vorbildlich zu nennende Dokumentation inklusive Informationen zu den Darstellern und der Crew, den Dreharbeiten, der Erstellung des Drehbuches und so weiter. Für alle, die den Film gesehen haben, ein Muss. Das Presseheft zum Film gibt es hier.
 

Drama

Kanada 2004
Originaltitel: Sugar

Regie: Jeff Palmer
Drehbuch: Todd Klink

nach Kurzgeschichten von Bruce LaBruce

78 Minuten

Darsteller und ihre Rollen:

Brendan Fehr ...... Butch
Andre Noble ........ Cliff ("Sugar")
Haylee Wanstall ... Cookie
(Sugars Schwester)
Marny McPhail ...... Madge
(Sugars Mutter)
Maury Chaykin ..... Stanley
(Sugardaddy)
Michael Riley ........ Der Kunde

 

© 2012 D. Carius, GayStation