Sein Bruder

    

Schon als der neue Film von Patrice Chéreau auf der Berlinale 2003 vorgestellt wurde, avancierte er zum Geheimtipp und in der Tat kann man den Silbernen Bären, den er für die Beste Regie einsackte, nur unterstreichen! Dieser Film ist ein gefühl- und doch kraftvoll erzähltes Drama um zwei Brüder, die im Angesicht des nahenden Todes wieder zueinander finden. Das Drehbuch zum Film entstand in Teamarbeit von Regisseur Patrice Chéreau und Anne-Louise Trividic nach einem Roman von Philippe Besson, der erst kürzlich die neue premium-Reihe bei dtv eröffnen durfte.

Das Drehbuchgespann hat ja schon mit "Intimacy" (Goldener Bär 2002) ein Meisterstück intimer wie nahe gehender menschlicher Schicksale bzw. zwischenmenschlicher Gefühle vorgelegt und auch bei diesem Film setzten sie auf die bewährte Kameraführung von Eric Gautier.

Thomas (ein glänzender Bruno Todeschini), der ältere der beiden Brüder, ist erfolgreicher Infografiker, doch gerät sein Leben völlig aus der Bahn, als er von seiner fatalen Diagnose erfährt: sein Körper zersetzt seine Blutplättchen und es wird nicht mehr lange dauern, bis sie völlig aufgefressen sind. Das Ergebnis: ein simples Anrempeln, geschweige denn ein Schnitt oder eine andere Wunde endet in nicht enden wollenden Blutungen. Trotz Vollpumpens mit Cortison zeichnet die Krankheit ihre Male auf den langsam verzehrt werdenden Körper wie auf die Psyche, Thomas ist ein Sterbender.

In einem letzten Aufschrei findet er zurück zu seinem schwulen Bruder Luc (Eric Caracava), der sich damals, da keiner ihn verstehen und der Bruder nichts mit ihm zu tun haben wollte, aus dem Staub gemacht hatte. Und Luc ist für ihn da! Das geht schon nahe! Vorbehaltlos schon, aber vergessen hat er keineswegs und macht das Thomas letztlich auch zum Vorwurf. Und erst im Laufe der gemeinsamen Leidens- und Lucs Mitleidensgeschichte kommen die beiden einander wieder näher und erst kurz vor Ende kann Thomas Luc gestehen, dass er ihn immer geliebt habe und immer noch liebe - als Bruder, als Menschen.

Wovon der Film lebt sind die glaubhaft - authentischen plastischen Räume - zunächst das Krankenhaus, ein Ort des Leidens und der Trostlosigkeit, insbesondere auch gestärkt durch Hilflosigkeit der trotz allem noch unnahbaren Chefärztin (Catherine Ferran). Als auch die Entfernung der Milz nicht die gewünschten Erfolge zeitigt, bricht Thomas seine Therapie ab, um ein letztes Mal im Haus der Familie am Meer und diesmal wieder zusammen mit seinem Bruder, der sich inzwischen von seinem Lebensabschnittgefährten getrennt hat, zu wohnen. Das Haus am Meer, die Klippe mit der Bank und der Strand selbst sind die anderen faszinierend trostlosen Orte, an denen Luc und Thomas ihre Entfremdung überwinden, zueinander kommen.

Bis eines Tages Thomas seinen sinnlosen Kampf gegen die Zersetzung seines Fleisches - nicht unerfüllt - aufgibt.

Einzig gewünscht hätte sich der Rezensent bei aller Betonung der Beziehung der beiden Brüder, die genauere Zeichnung der beiden Bis-dato-Bezugspersonen Nr. 1 in der Brüder Leben: von Thomas' Freundin Claire (Nathalie Boutefeu) und von Lucs Lebensabschnittgefährten Vincent (Sylvain Jacques). Während letzter dadurch auf der Strecke bleibt, dass sich Luc von ihm trennt (berechtigt bzw. aus welchen Gründen erfährt der Zuschauer nicht), hält Claire der psychischen Belastung, Zeuge des Niedergangs ihres Geliebten zu werden, nicht stand und lässt ihn über Luc wissen, dass sie nicht mehr wiederkomme.

Ein äußerst realistischer, nie Tränen drückender, nie heroisierender, nie kalter Film über zwei Männer, die ein Martyrium gemeinsam bestehen und dieses nutzen, um sich wieder zu finden. Ein Film, der uns vor Augen führt, dass es neben AIDS noch andere Krankheiten gibt, denen die Medizin ähnlich, wenn nicht gar noch hilfloser gegenüber steht. Trotzdem kein pessimistischer Film.

Keine Fernsehunterhaltung und auch kein Schwulenfilm als solcher, das Schwulsein des Bruders wird nur am Rande thematisiert. Aber ein nahe gehender Film, der die Möglichkeiten und Hindernisse tief empfundener Bruderliebe sowie die Sprachlosigkeit von Angst und eben dieser Liebe unter Brüdern auslotet und mit seinen überzeugenden Bildern und Figuren, denen man ihre Existenzkrise, Ratlosigkeit und Fürsorge in jeder Situation abnimmt, einen wohltuend anderen cineastischen Erlebnisraum eröffnet, ohne ins Experimentelle abzugleiten.

Aus diesem Grunde auch die zwei "Daumen hoch!" Die sind also durchaus beabsichtigt.

Über diesen Link könnt ihr die DVD, die neben der deutschen Synchron- auch noch die französische Originalfassung bietet, bei amazon.de bestellen. Ein Jammer, dass sie keine weiteren Zusatzangebote und Hintergrundberichte bietet.

Krebs-Drama

Originaltitel: Son Frère
Frankreich 2003

Regie: Patrice Chéreau
Drehbuch: Patrice Chéreau, Anne-Louise Trividic
 

DVD-Start: 08. April 2004

 

 

Darsteller und ihre Rollen

Bruno Todeschini ..... Thomas
Eric Caravaca ........... Luc
Maurice Garrel .......... Alter Mann
Nathalie Boutefeu ..... Claire
Sylvain Jacques ........ Vincent
Catherine Ferran ...... Chefärztin
Robinson Stévenin ... Manuel
 

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