Die Neonbibel

Der 15-jährige David erlebt das bigotte Leben in der Provinz als Zeit der Reife vor dem Aufbruch in ein eigenes Leben.

Terence Davies' ruhiges und ausdrucksstarkes Melodram basiert auf dem gleichnamigen Roman des Pulitzer-Preisträgers John Kennedy Toole.

Ein kleiner Ort im ländlichen Georgia während des Zweiten Weltkrieges. Der junge David wächst in einem streng puritanischen Umfeld auf. Seinem verbitterten und gewalttätigen Vater gelingt es nicht, die Familie zu ernähren. Die stille, sensible Mutter ist dem mühsamen Leben in Armut nicht gewachsen. Doch eines Tages tritt eine Person in Davids kleine Welt, die alles verändert: Tante Mae, eine schillernde Persönlichkeit. Sie tingelt als Nachtclubsängerin durchs Land und macht sich nicht viel aus gesellschaftlichen Konventionen. Durch sie erfährt David etwas vom eigentlichen Leben - jenseits von religiösem Wahn und der Verbohrtheit, die ihm täglich begegnet. Da erreicht die Familie die Nachricht vom Tod des Vaters an der Front in Italien. Dieses Ereignis verstärkt die Labilität der Mutter nur noch mehr, so dass sich David zu Hause um vieles kümmern muss. Die lebenslustige Mae verlässt sich auf ihren eigenen Verstand und zieht nach Nashville, um die lang ersehnte Karriere zu verwirklichen. Im Elternhaus herrscht nun Totenstille. Als die Mutter wieder einmal einen schweren Zusammenbruch erleidet, trifft David eine folgenschwere Entscheidung.

In vielen Einstellungen und Bildkompositionen gleicht "Die Neonbibel" den Gemälden des amerikanischen Malers Edward Hopper (1882- 1967), der es wie kaum ein anderer verstand, die Randbezirke der Gesellschaft, die Einsamkeit des Menschen in einer fremden Außenwelt mit einem genialen Sinn für Farbe und Licht auszudrücken. Terence Davies wählte für seinen Film lange Kamerafahrten und ruhige Sequenzen, die dem Zuschauer Zeit lassen, diese stilisierten Bilder zu betrachten. Mit kleinen, unspektakulären filmischen Mitteln entsteht so das Gemälde einer vergangenen Zeit.

Meloodram 
(The Neon Bible)
Großbritannien/USA 1995

Regie: Terence Davies
(88 Minuten)

Darsteller: 
Tante Mae Gena Rowlands
Sarah Diana Scarwid
Frank Denis Leary
David Jacob Tierney
Bobbie Lee Taylor Leo Burmester
Miss Scover Frances Conroy
Pfarrer Watkins Peter McRobbie
Flora Joan Glover
                                               

 

© 2001 Dieter Herchenbach