Mein Leben ohne mich

Dass Pedro Almodóvar nunmehr international angekommen ist, zeigt sich jetzt auch an der Tatsache, dass aus seinem Studio nicht mehr nur Filme mit ihm als Regisseur, sondern auch anderer Regisseure finden. Nicht so schrill und auch noch nicht so meisterhaft von der Kameraführung wie der Meister, erzählt Isabel Coixet in dem neuen Film "Mein Leben ohne mich" eine nicht minder nahe gehende Geschichte.

Lachen, weinen, spielen, lieben, leben - mein Leben ohne mich heißt es in dem Kinotrailer. Und genau darum geht es auch, vielmehr darum, dass all das, was zum Leben gehört, bisher an ANN (Sarah Polley, s. Cover und hier mit ihrer Friseusin) vorbeiging bzw. nur wenig bewusst war. Nun muss sie, noch nicht mal Mitte 20, erfahren, dass sie nur noch zwei Monate zu leben hat. Nach einem kurzen Moment des Zusammenbrechens beschließt sie, die schwer zu verkraftende Tatsache ihrer Familie zu verschweigen und macht sich daran, einerseits für die Zukunft von Mann und Kindern, andererseits dafür zu sorgen, dass sie in den verbleibenden Wochen noch so viele Sachen wie möglich, von denen sie bisher nichts weiß, probieren kann.

Bereits mit 17 hat sie DON (Scott Speedman), ihren Mann, auf dem Abschiedskonzert von Nirvana kennen gelernt. Schwanger geworden, heiratete sie ihn kurz darauf und seitdem haben es sich die beiden in einem Wohnwagen im Garten ihrer Mutter (Deborah Harry) eingerichtet und erfreuen sich ihres gemeinsamen Daseins und ihrer beiden Töchter. Und gerade jetzt scheint es bergauf zu gehen: Don hat endlich Arbeit und träumt bereits davon, Frau und Kindern schon bald statt des eher tristen, in jedem Fall äußerst engen Wohnwagens ein ordentliches Haus bieten zu können.

So steht denn die Vorsorge für die Familie ganz oben auf der Liste Anns noch zu erledigender Dinge: eine Frau für Don finden, die auch ihre beiden Töchter akzeptieren sowie für beide Töchter Geburtstagsgrüße auf Band zu sprechen für jeden Jahrestag bis zur Volljährigkeit. Andererseits möchte Ann in den verbleibenden Wochen noch möglichst viel vom Leben kennen lernen, noch so viel wie möglich zu lachen, weinen, spielen und lieben. Dazu gehört auch Sex mit anderen Männern - wie sie in ihrer Liste vermerkt "um zu sehen, wie das ist". Wie günstig, dass schon während sie in einem Cafe ihre Liste verfasst, der überaus sympathische LEE (Mark Ruffalo) ein Auge auf sie geworfen hat.

Das bemerkt sie an diesem Abend zwar noch nicht, zu sehr ist sie mit sich und ihrer Liste beschäftigt, aber schon kurz darauf sehen sich die beiden im Waschsalon wieder - und diesmal kommen sie auch ins Gespräch, d. h. bis Ann, von den Schmerzmitteln ermüdet, einschläft. Lee ist es denn auch, mit dem Ann Fremdsex praktiziert und schon bald funkt es irgendwie zwischen den beiden und erlebt sie mit ihm zahllose Momente des Glücks - wie auch mit ihrem Mann und ihrer Familie.

Unterdessen leiert sie auch die Suche nach einer Frau für Don an. Die Bemühungen, eine Arbeitskollegin in die Familie einzuführen, scheitern kläglich. Aber wie so oft, liegt das Glück auch hier ganz nah, sozusagen vor der eigenen Haustür. Die neue Nachbarin, die junge, Kinder liebende ANN, wird sogleich von den beiden Töchtern in Beschlag genommen, die schon kurz darauf verzaubert ihren amüsanten und spannenden Geschichten lauschen. Auch Don scheint sie bei einem gemeinsamen Abendessen, zu dem Ann ihre Namensvetterin eingeladen hat, nicht unsympathisch zu sein.

Fesselnd, bedrückend und nahe gehend zu gleich, lässt dieser Film eines der vielen Mädchen vor uns erstehen, die eigentlich noch in ihrer Kindheit bzw. pubertären Verträumtheit schwanger und damit in den Alltag einer sicher nicht unerfüllenden Ehe gedrängt werden, ohne viel vom "Leben da draußen" mitzubekommen. Dennoch ist die Geschichte sehr individuell und rutscht nicht in irgendwelche Klischees ab. Überzeugend ist auch die Darstellung Mark Ruffalos als Anns neuer Lover, sowohl in seiner Angst, zu viel Gefühl zu zeigen, als auch in seiner Sehnsucht, Ann wirklich nahe zu kommen. In einer kleinen Nebenrolle sehen wir auch Alfred Molina wieder (bekannt aus Grasgeflüster oder Frida), und auch Maria Madeiros, die Taxifahrerin Bruce Willis' aus Pulp Fiction, ist als wahrer Milli-Vanilli-Fan in der Rolle der etwas abgefahrenen Friseusin, gut besetzt.

Weitere Infos zum Film und den Trailer gibt es online auf der offiziellen Homepage des Films.

Die Kauf-DVD bietet neben dem Film, leider nur mit deutschem und englischem Audioton, ein Making of, Interviews mit den Hauptdarstellern und Isabel Coixet sowie den deutschen und spanischen Kinotrailer, dazu zwei spanische Fernsehtrailer.

Zu kaufen ist die DVD z. B. auch bei Amazon.

Drama

Kanada / Spanien 2003
Regie/Drehbuch: Isabel Coixet
Produzent: Augustin & Pedro Almodóvar

El Deseo / Milestone / TOBIS

 

Darsteller & Rollen:

Sarah Polley .............. Ann
Scott Speedman ........ Don
Mark Ruffalo .............. Lee
Deborah Harry ........... Anns Mutter
Leonor Watling .......... Ann (Nachbarin)

 

 

© 2004 Dirk Carius