Leben in Angst

1. Das Geheimnis

Ein "Leben in Angst" muß nicht unbedingt spektakulär sein. Der Protagonist dieses zweiteiligen Fernsehfilms wird von einer besonders bösartigen Form der Angst erfaßt: einer Angst, die er nicht zeigen darf. Er ist nämlich bisexuell und führt seit langem ein geheimgehaltenes Doppelleben. Dagmar Damek hat nach einem Buch von Axel Plogstedt unspekulativ und ohne jede modische Attitüde eine ganz alltäglich anmutende Geschichte inszeniert: Die Geschichte einer Familie, die durch eine Lüge und durch eine gemeine Intrige zerstört zu werden droht.
Dabei dürfte den gebündelten Kräften des äußerst einfühlsamen und facettenreichen Drehbuches, einer auf Vitalität und Subtilität setzenden Regie und vor allem mit diesen mitreißend agierenden Schauspielern etwas Ungewöhnliches gelungen sein: spannende Unterhaltung, packender Thrill und ans Herz gehende Glaubwürdigkeit.
Die Steinbergs sind eine glückliche Familie: Johannes ist ein qualifizierter und beliebter Arzt, ein zärtlicher Mann und Vater; seine Frau Anne arbeitet als Gartenarchitektin und kann auf ihre Kinder, den schon fast erwachsenen Oliver und das Nesthäkchen Lena, stolz sein. Als der alte Chefarzt der Klinik, in der Johannes als Oberarzt arbeitet, plötzlich ums Leben kommt, ist allen klar: Dr. Steinberg wird der Nachfolger. Doch an eben diesem Abend, als gerade erste Gefühle von Gewißheit und Triumph die Trauer beiseite schieben, tut sich vor Dr. Steinberg ein schrecklicher Abgrund auf. Aus einem unscheinbaren Umschlag fallen ihm eine kleine Diktaphon-Kassette und ein Erpresserbrief entgegen: 50000 Mark oder die Information wird der Klinikleitung zugespielt. Steinberg ist erpreßbar. Denn Steinberg geht fremd. Seine Gefühle ängstigen ihn schon lange. Denn Johannes Steinberg ist bisexuell. Neben der als glücklich empfundenen, ausgeglichenen Ehe hat er ein Verhältnis mit Chris Maeder, einem männlichen Model. Kein einfacher Nervenkitzel, sondern Not. Und Lust. Ein Teil von ihm, den er vor sich nicht verleugnen kann. Seit Jahren lebt Johannes in Angst, sein Geheimnis könnte ans Licht kommen. Jetzt verfällt er in Panik: Wie soll er die 50000 Mark aufbringen, ohne großes Aufheben. Natürlich quält ihn auch die Frage, wer von seinem Doppelleben weiß und ihn erpreßt. Seine Frau Anne ist ahnungslos. Erst als sie Zeugin eines Telefonats ihres Mannes wird, glaubt sie, Johannes beende eine Affäre mit einer Frau - allerdings nicht ihr, sondern der Karriere zuliebe. So bringt sie auch nicht den Mut auf, ihren Mann zur Rede zu stellen. Der familiäre Friede ist dahin. Mißtrauisch geworden, beschattet Anne ihren Mann und erfährt so, daß er nicht eine andere Frau, sondern einen Mann liebt. Von einem zum anderen Moment erscheint ihr ihre Ehe als Farce, ihre Familie als Trümmerhaufen.
Neben den Steinbergs gibt es in diesem hochspannenden und sensiblen Zweiteiler noch eine weitere, ebenso aufregende und anrührende Figurenkonstellation, das jugendliche Zwillingspaar Kaspar und Carolin Hensel. Steinbergs Sohn Oliver findet bei diesen untrennbar treuen und verrückten "Kindern" Halt und seine erste Liebe.

2. Die Wahrheit
Auf dem Cover einer Golf-Zeitschrift entdeckt Anne Steinberg das Foto von Chris Maeder, des Geliebten ihres Mannes. Sie ermittelt Name und Anschrift des männlichen Models und sucht ihn auf. Derweil versucht Johannes Steinberg heimlich, die restlichen 25000 Mark für den Erpresser aufzutreiben. Neues Unglück: Steinbergs Sohn Oliver macht sich in der Klinik, in der Abteilung seines Vaters, an einem Medikamentenschrank zu schaffen und wird dabei von dessen Widersacher Dr. Hufnagel erwischt. Kurz darauf bricht Johannes Steinberg in Gegenwart seines Sohnes zusammen. Herz und Kreislauf, Streß und Panik. Er muß in seine Klinik eingeliefert werden. Weder er noch sein Sohn wollen aber Anne Steinberg offenbaren, wo sich die beiden begegnet sind. Steinbergs Erpresser gibt keine Ruhe. Bis Anne Steinberg ihm auf die Spur kommt. Auch Olivers Freund Kaspar Hensel macht eine gespenstische Entdeckung - mit tödlichen Konsequenzen.

 

© 2000 Dieter Herchenbach