In the Flesh

"Der Stricher und der Kommissar" könnte diese Story von Ben Taylor auch heißen, der nach erfolgreicher Tätigkeit als Co-Autor ("Abgeschminkt") und Drehbuchautor ("Stadtgespräch") in Deutschland mit dieser US-Produktion sein Debüt als Regisseur gibt. 

OLIVER (Dane Ritter, auf dem Cover bzw. auf dem Bild im Vordergrund) ist der Stricher, ziemlich von sich eingenommen, unnahbar und ziemlich "in charge" gegenüber seinen Kunden. Einer dieser Kunden ist MAC (Frank Roberts), den Oliver mal nimmt, mal eiskalt stehen lässt. Diese Kontrolle ist auch das, was Oliver an seinem Hustlerdasein so mag. Er lässt sich ficken oder fickt und nimmt Geld dafür, aber mit wem oder von wem - das bestimmt er. Zumindest am Anfang des Films, als er noch der Star-Hustler in der Bar ist, privilegiert, sich frei zu bewegen und sich seine Freier aussuchen zu können.

Eines Abends beginnt dann auch der noch ungeoutete Cop PHILIP (Ed Corbin, auf dem Bild stehend), Kommissar im Drogendezernat, seinen Dienst in eben jener Bar. Diese soll nämlich ein wahrer Drogenumschlagplatz sein. Nun ist Philip ein wahrer Kerl und es ist wohl klar, dass OLIVER darin eine willkommen geile Abwechslung zu seinen sonstigen Freiern sieht und ihn anmacht. Völlig ungewohnt für ihn, übt Philip aber die Kontrolle aus und lässt ihn abblitzen. Allerdings nicht ohne ein Interesse an ihm gefunden zu haben: der Blickkontakt zwischen den beiden reißt auch an den folgenden Abenden nicht ab.

Nur langsam kommt die Geschichte in Gang, so wie generell der Film etwas behäbig daherkommt. Doch hat dieser Mangel an Rasanz wohl seinen Grund in der Angeschlagenheit der Charaktere. Noch ohne Erfahrungen, was die schwulen Seiten des Lebens angeht der Cop, verletzt, verängstigt Gefühle zu zeigen und zuzulassen der Stricher. Letzterer hat ja auch schon einige Schicksalsschläge zu verkraften gehabt. Der wohl schwerste war der Tod seines besten Freundes, nachdem Oliver, nicht mehr nur angetrunken, der nächtlichen gemeinsamen Ausfahrt vor dem Baum ein jähes Ende setzte. Noch schwerer als der Tod des Freundes wiegt sicher das eigene Überleben, die Schuld am Sterben des Freundes stets vor Augen (Dass er, indem er seinen Freund ans Steuer umsetzte und selbst verschwand, der behördlichen Verfolgung entkam, nützt da auch nicht viel).

Nach einigen Abenden in der Bar kommen die beiden doch noch ins Gespräch und sogar ins Geschäft, hatte sich doch Philip inzwischen in Oliver "verguckt". Doch während es für den Stricher nur ein weiterer "trick" (Freier) war, zeichnete es für Philip den Beginn einer Obsession: er verfolgt ihn, ermittelt Adresse und Telefonnummer und geht sogar seine Polizeiakte durch. Als Oliver ihn vor seinem Haus stellt und als "sick" bezeichnet, wäre die Geschichte schon fast zu Ende. Wenn danach nicht ein Mord passierte: Mal wieder ohne Kunden, muss Oliver sich doch mit Marc begnügen. Als dieser jedoch am Geldautomaten die notwendigen Scheine abheben will, wird er von einem Unbekannten brutal erstochen. Oliver kann lediglich eine grüne Uhr am Handgelenk ausmachen. Gelähmt, unfähig seinem Freier beizustehen, bringt er es nur fertig, mit dem Auto davonzurasen. Natürlich dauert es nicht lange, bis die Polizei ihn als potentiellen Täter ermittelt, wurde er schließlich gesehen, wie er mit seinem Freier zusammen die Bar verließ.

Aus dem Gefängnis rettet ihn lediglich das beherzte Eingreifen Philips, der ihm ein nächtliches Alibi bietet, sich damit selbst outet und zudem noch eine Suspendierung vom Dienst einhandelt, da seine Chefin ihm diese Chose nicht abkauft. Philip ist es auch, der Oliver einen Platz auf seiner Couch anbietet, als der Stricher nach seiner Entlassung aus dem Untersuchungsgefängnis sowohl seine Jobs (tags als Verkäufer in einem Plattenladen, nachts als Stricher in der Bar) als auch seine Bude verliert. Ein bisschen viel ist das schon, was sich Philip da auf einmal zutraut und für nicht wenige Zuschauer sicher auch schwer nachvollziehbar.

Natürlich denkt Oliver alles andere als an Liebe, hat er doch anderer Gefühle sich selbst gegenüber doch schon lange nicht mehr zugelassen. Und so ist für ihn klar, dass Philip ihn nur "gerettet" hat, um in Zukunft ihre Nummern kostenlos zu bekommen. Um so verwunderter ist er, als er nicht im großen Doppelbett Platz findet, und noch weitaus mehr, als ihn Oliver ein zweites Mal abblitzen lässt, als er ihn des Nachts frontal anmacht: "Wir wissen doch beide, was kommt und was du von mir erwartest, also warum bringen wir es nicht hinter uns?" Er kann es nicht fassen, dass jemand so etwas ohne Gegenleistung für ihn machen sollte. Da er das nicht auf die Reihe kriegt, kommt er am nächsten Morgen nochmal darauf zurück, woraufhin ihm Philip zu verstehen gibt, dass es ihm genug und zehn Mal lieber wäre, ihn einfach nur halten zu dürfen. Was Oliver zunächst zu viel ist und er dann nur widerstrebend zulässt. Was noch nicht heißt, dass er sich wirklich auf Philip einlässt / einlassen kann. Das wohl höchste der Gefühle ist ein gemeinsames zaghaftes (An-)Kuscheln viele Nächte später.

Schon kurz darauf hält es Oliver nicht mehr aus und flüchtet feige. Als er, wenigstens dazu fühlt er sich noch verpflichtet, Philip einen Abschiedsgruß schreiben will, findet er in dessen Schublade eine grüne Uhr, wie sie auch der Mörder trug. Doch werden seine voreiligen wenig später Schlüsse lügen gestraft: "sein" Dealer Meyer (Philip Solomon), der ihn abfängt und in sein Auto zwingt, trägt eine ebensolche Uhr an seinem Handgelenk wie auch der zweite Kollege Philips, Dexter (Adam Boyer), der sich zur gleichen Zeit um Philip selbst kümmert. Die beiden korrupten Kollegen hatten also in der Tat die Schwulenbar zu einem Drogenumschlagplatz gemacht und deshalb war ihnen der Kontakt Olivers zu Philip ein gewaltiger Dorn im Auge. Der Mord an Olivers Freier, den sie diesem mit Leichtigkeit anhängen konnten, wäre ein gutes Mittel gewesen, ihn aus dem Wege zu ziehen und das eigene Auffliegen zu verhindern.

Auf jeden Fall gewinnt nun erst, in den letzten zehn Minuten, die Story wirklich an Schwung, an Spannung und auch Action. An einer Kurve kann Oliver den fahrenden Dexter ablenken und fliehen ... Kann er Philip beistehen und dessen Exekution verhindern? Wird er ihm näher kommen?

Alles in allem ein durchaus sehenswerter Film, auch wenn man sich, wie so oft bei Independent- und Low-Budget-Filmen erst einmal daran gewöhnen muss. Eigentlich auch sehr schön gemacht ist die Bildunterlegung: im Hellen selbst passiert selten was Gutes, nur im Dunkeln, während der Nacht, kommen sich die beiden, vielleicht näher. Kameraeinstellungen und Filmqualität indes lassen doch zu wünschen übrig, auch wenn man die Tristesse die Seelenstimmung besonders Olivers und den Zustand ihrer "Beziehung" zur Entschuldigung heranziehen kann.

Positiv anzumerken ist in jedem Fall, dass der Stricher nicht auf sein sexuelles Geschäft reduziert und dieses als Anlass genommen wird, ihn dauerhaft nackt posierend und in den abenteuerlichsten Stellungen zu zeigen. Im Gegenteil, nicht selten wurde moniert, dass gerade diese Seite des Ganzen eigentlich nur in Dialogen, nicht aber bildhaft präsent ist - was ja durchaus stimmt. Selbst die eine Sexnacht der beiden Haupthelden wird nicht pornografisch zelebriert, sondern kurz abgehandelt. Andererseits geht es dem Regisseur ja gerade um die - äußerst behutsame - Annäherung der beiden, um die gefühlsmäßige Verrohung bzw. Abhärtung Olivers und die Schwierigkeiten, sich ehrlichen Gefühlen zu öffnen und andererseits um die Schwierigkeiten und Hemmungen des Kerls Philip, diese Gefühle auch wirklich zu zeigen oder zu thematisieren. Er verlässt sich vielmehr darauf, dass Oliver sie schon sehen, fühlen wird.

Drama

USA 1998, 104 Min.
Regie/Drehbuch: Ben Taylor ("Stadtgespräch") 
Produzent: Julie R. Lee
Cape Town Films

 

Darsteller & Rollen:

Dane Ritter ........ Oliver Beck (der Stricher)
Ed Corbin .......... Philip Kirsch (der Cop)
Frank Roberts .... Mac (anderer Freier)
Philip Solomon .... Meyer (Philips Kollegen)
Adam Boyer ....... Dexter (Philips Kollegen)
Adele Phares ...... Lisa (Olivers Schwester)
                                                                   

 

© 2004 Dieter Herchenbach & Dirk Carius