Ginger und Fred

Amelia und Pippo tanzten und steppten in den 30er und 40er Jahren als eine Art italienische Ausgabe von Ginger Rogers und Fred Astaire über die Bühnen. Weitgehend in Vergessenheit geraten, erinnert sich eine Fernsehgesellschaft der zwei ergrauten Stars und lädt sie zu einer Live-Sendung ein, in der die beiden noch einmal auftreten sollen. Man verspricht sich von der Darbietung einige rührende Momente. Im Studio angekommen, erkennen Amelia und Pippo sehr schnell, dass man sie nur als skurrile Gestalten in eine Ansammlung primitivster Darbietungen eingereiht hat, in der weder der Erfinder des essbaren Damenslips noch eine Kuh mit 18 Zitzen fehlt. Trotzdem versuchen sie, eingebettet zwischen Reklamespots für Spaghettis und Bockwürstchen, sich mit Würde aus der unerquicklichen Affäre zu ziehen...

Eine bissige, aber hinreißende Persiflage auf die Institution Fernsehen. Zu seiner Motivation, diese Satire zu drehen, sagte Fellini einmal: "Wahrscheinlich lag der Ursprung der Idee zu "Ginger und Fred" in meiner Gereiztheit beim Betrachten von Spielfilmen im Fernsehen; die werden von den permanenten Werbeeinblendungen regelrecht massakriert. Niemand respektiert die Integrität eines Werkes. Bei diesem Anblick empfand ich den Wunsch nach Auflehnung und Revolte." Hauptdarstellerin und Ehefrau Giulietta Masina inspirierte Federico Fellini zu seinen wichtigsten Filmen. Unter seiner Regie erstrahlte sie als Charakterstar der 50er Jahre. Ihre ebenso bewegende wie witzige Darstellung in "La Strada" und "Die Nächte der Cabiria" brachten ihr zahlreiche Auszeichnungen ein. Auf diesem hohen Niveau waren die Filmrollen freilich rar und Giulietta Masina zog sich bald zurück, um als Filmautorin zu arbeiten. Spätere herausragende Rollen waren "Ginger und Fred" und "Julia und die Geister", wieder unter der Regie von Fellini.

Giulietta Masina starb am 23. März 1994. Am 22. Februar hätte sie ihren 80. Geburtstag gefeiert.

Amelia Bonetti und Pippo Botticella, ein gealtertes Tanzpaar, das in den vierziger Jahren mit der Imitation einer Steppnummer von Ginger Rogers und Fred Astaire Erfolge feierte und seither getrennte Wege ging, sieht sich anlässlich eines Auftrittes in einer nostalgischen Fernsehshow wieder. Trotz eines Schwächean- und eines Stromausfalls absolvieren die beiden vor der pittoresk-absurden Kulisse des Fernsehbetriebs unter Mühen, aber mit Würde, ihren großen Auftritt. - "Ginger und Fred" mit Giulietta Masina und Marcello Mastroianni zählt zu den unvergessenen Meisterwerken von Federico Fellini.

Ihre große Stunde schlug in den späten vierziger Jahren. Amelia Bonetti und Pippo Botticella glänzten auf den Varietee-Bühnen mit der Imitation einer Stepptanz-Nummer von Ginger Rogers und Fred Astaire. Doch seit die beiden das letzte Mal unter dem Namen "Ginger und Fred" auftraten, sind mehr als dreißig Jahre vergangen. Pippo ist inzwischen Vertreter und Amelia Großmutter und Besitzerin eines kleinen Ladens. Im Rahmen einer nostalgischen weihnachtlichen Unterhaltungssendung erinnert sich das Fernsehen an die beiden und lädt sie ein. Zu den weiteren Gästen dieser Show zählen die Doppelgänger von Franz Kafka und Marcel Proust sowie weitere skurrile Gestalten wie der Erfinder eines essbaren Damenslips, eine Kuh mit zwanzig Eutern und eine Frau, die unter Tränen berichtet, wie sie freiwillig einen Monat lang auf das Fernsehen verzichtete. Als sie sich für ihre alte Tanznummer vorbereiten, erfährt Amelia von einem Bühnenhelfer, einem Bekannten aus alten Zeiten, dass Pippo ihre Trennung seinerzeit nicht verschmerzte und einige Zeit in der "Klapsmühle" verbringen musste. Unmittelbar vor ihrem großen Auftritt taucht ein Stromausfall das Studio in Stille und Finsternis. Zusammengekauert auf dem Boden, nutzen die beiden die unerwartete Ruhe inmitten des Trubels für ein warmherziges Gespräch. Als das Licht wieder angeht, ist es Zeit für ihren ganz großen Auftritt. - Federico Fellinis spätes Meisterwerk "Ginger und Fred" ist eine kompromisslose und zugleich augenzwinkernde Abrechnung mit dem Fernsehen, dessen seelenlos-sterile Oberfläche mit einem farbenprächtigen, skurrilen Mikrokosmos hinter der Bühne korrespondiert, der mit typisch "fellinesken" Figuren und Gesichtern voller Spontaneität, Witz und Menschlichkeit bevölkert ist. Giulietta Masina und Marcello Mastroianni begeistern durch ihre großartige schauspielerische Leistung.

 

 

(GINGER E FRED)
Spielfilm in einer Koproduktion BRD/Italien/Frankreich, 1985
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Nicola Piovani
Drehbuch und Regie: Federico Fellini, Ennio Guarnieri

Personen und ihre Darsteller:
Amelia Bonetti "Ginger" (Giulietta Masina) , Pippo Botticella "Fred" (Marcello Mastroianni), Conferencier (Franco Fabrizi), Admiral (Frederick von Ledenburg), Transvestit (Augusto Poderosi) u. a.

 

© 2001 Dieter Herchenbach