Finding North

Kurz-Besprechung:
Ein nackter Mann auf der Brooklyn Bridge! "Netter Arsch", ruft die quirlige Rhonda noch ihren zwei Freundinnen im Auto zu, dann will sie den offensichtlich Lebensmüden am Sprung in die Tiefe hindern, doch sie kommt zu spät. Aber wenige Tage später spaziert dieser Lebensmüde, Travis, geradewegs in die Bank, in der Rhonda arbeitet. Er hat gerade seinen Lebenspartner verloren und gemeinsam begeben sich die beiden auf einen unvergesslichen Trip, geleitet von Tonbändern, die Travis' Freund vor seinem Tod heimlich besprochen hat.

Ein wenig mehr:
Auf der Brooklyn-Bridge in New York drängen sich die Menschen, um einen nackten Mann von der Brücke springen zu sehen. Travis Furlong, einen verklemmten, schwulen Yuppie, der den AIDS-Tod seines Lovers Bobby nicht verwinden kann. Im letzten Moment ändert er jedoch seine Absicht.
Unter den Schaulustigen ist Rhonda Portelli, eine ledige Bankangestellte, die von ihrer Mutter drangsaliert wird. Die ansonsten lebhafte Rhonda ist im Moment so deprimiert über ihr Liebesleben, dass sie sich einen Stripper für ihre Geburtstagsparty engagiert.
Zufällig begegnen sich die beiden tragischen Figuren wieder. Travis will - dem letzten Wunsch Bobbys folgend - dessen Heimat Texas besuchen. Die verliebte Rhonda - noch in tiefster Unkenntnis über Travis' Schwulsein - schließt sich ihm an. Der selbstmitleidige AIDS-Witwer und die aufrichtige Romantikerin, die versucht, von zu Hause auszubrechen, verbinden gemeinsame Bedürfnisse, deren Befriedigung Travis keine Wandlung zum 
Hetero abverlangen wird.

Ausführlich:
Travis Furlong steht auf einer Brücke in New York, nackt, mit Selbstmordabsichten. Dabei verursachte er einen Verkehrsstau, in dem auch Rhonda, eine noch-29-jährige Bankangestellte mit ihren Freundinnen steht. Als sie die Lage erkennt versucht den Mann von seinem Plan abzubringen. in einem kurzen, unbeobachteten Moment steigt Travis tatsächlich wieder in sein Taxi und verschwindet. Rhonda findet nur noch seinen grünen Schuh, einen Hush Puppie. In der Annahme des Todessprunges beginnt sie nachzuforschen.
Zu ihrem 30. Geburtstag bestellt sich die bei den Eltern lebende Frau ohne Liebesleben bei einer Agentur einen Stripper in die Bank; und das nicht zum ersten Mal. Er soll muskulös sein - aber nicht wie Arnold, ein wenig hilflos wirken und - ganz wichtig - er soll Cowboystiefel tragen. 
"Pünktlich" erscheint Travis dort - unwissend, denn er will nur sein Konto auflösen - und wird von Rhonda in einer lustigen Verwechslungsszene genötigt, seine Hosen herunterzulassen... Letztlich klärt sich jedoch dieses Missverständnis. 
Travis Laune ist auf dem Tiefpunkt. Sein langjähriger Freund ist an AIDS verstorben; der Nachlass soll auf einer Trauerfeier unter Freunden verschenkt werden. Rhonda - noch immer auf Travis' Fersen - schummelt sich in die Wohnung, verkennt eine Lesbe und findet im Kleiderschrank - Ähnlichkeiten zu Cinderella sind *rein zufällig* - den zweiten, grünen Hush Puppie, im Bad den Mann von der Bücke und - von Travis unsanft befördert - den Weg nach draußen. Eigentlich wollte sie Ihm das Geld zurückgeben, dass er ihr im Eifer des herunter-gelassenen-Hosen-Gefechtes an den Kopf geschmissen hatte. Darum stellt sie ihm weiter nach, verfolgt ihn auf den Flughafen und auch ins Flugzeug nach Dallas. Denn Travis bekam von seinem Lover posthum den Auftrag, in Texas einige Dinge für ihn zu erledigen, zu denen er nicht mehr gekommen ist. Dazu verwendet der kreative Tote MusiCassetten, die er kurz-vor-knapp noch in die Post gegeben hatte. Nach Manier einer Schnitzeljagd macht sich Travis nun - mit Rhonda im Schlepptau - auf die Mission gen Süden.

Immer wieder - zwischendurch mit der schönen Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes - geraten die Beiden in Streit; Rhonda hat ein ausgeprägtes Helfersyndrom und Travis geht sie schlichtweg auf die Nerven; andererseits braucht er ihren Beistand nun doch - hin und wieder. In einer dieser Sequenzen outet sich travis und Rhonda fällt es wie Schuppen von den Augen: gutaussehend, gebildet, nett, trägt Hush Puppies... schwul!
Doch nun zur ersten Aufgabe: Stehlen einer Reklame-Tafel-Figur eines Motels. Denn das hatte Bobby - so der Name des Verstorbenen - in seiner Kindheit vergeblich versucht. Dies gilt es jetzt zu vollenden. Mittels einer Wimpernzange (! Er: "Ich brauche eine Zange." Sie: "Ich habe nur die hier. Ich dachte, Du hättest so 'was..." Er: "Ich bin schwul, keine Drag-Queen!") gelingt der Coup. Eingecheckt im Motel begegnen sie dem knackegeilen Hausboy Bud, dem sie später noch einmal auf dem anstehenden Halloween-Fest über den Weg laufen werden. 
In dem kleinen Ort muss Travis die Stationen der Kindheit Bobbys aufsuchen - soweit noch vorhanden. Beim Einkauf "landesüblicher Kleidung" stellt Rhonda die neugierige Frage: "Wie ist das, schwul zu sein?" und bekommt eine schlagfertige Antwort. Was sie aber immer noch nicht weiß, ist, dass Bobby tot ist. Sie dachte bis dahin, er hätte Travis sitzen lassen. In einem Showdown klärt er sie auf. Nach dem ersten Schock hält sie dennoch weiter zu ihm. Apropos "aufklären", nach dem örtlichen Halloween-Fest, welches schon im Leben Bobbys eine große Rolle gespielt hat und auf dem es zu einem heftigen Streit kommt, sucht Travis die letzte lebende Verwandte Bobbys und klärt sie auf, während Rhonda mit Adonis Bud die Nacht verbringt.
Die Situation spitzt sich an Bobbys leerem Grab dramatisch zu. Rhonda und Travis erkennen, dass das Schicksal sie zusammengeführt hat; sie scheinen für einander bestimmt; nur nicht in sexueller Hinsicht.
Auf dem Friedhof wird die Vergangenheit beerdigt und  die Zukunft in Angriff genommen: Nächste Aufgabe: Finde Norden...

Tanya Wexler gelingt die einfühlsame Gratwanderung zwischen Komödie und Drama, zwischen köstlichem Wortwitz und Charakterstudie. 

USA 1998
95 Min.

Regie: Tanya Wexler

Drehbuch: Kim Powers
Produzenten: 
Steven A. Jones, Stephen Dyer

Englisches Original mit deutschen Untertiteln

Erschienen bei Salzgeber & Co.

John Benjamin Hickey ("Love! Valour! Compassion!"), 
Wendy Makkena ("Sister Act"), 
Angela Pietropinto

 

© 2001 Dieter Herchenbach