Chantal Akerman über Chantal Akerman

Dokumentation von Chantal Akerman, La Sept ARTE, Frankreich/Belgien 1996

Warum nicht mal ein Selbstporträt in der Reihe KINO - UNSERE ZEIT? Es geht natürlich nicht darum, den Narzißmus oder das überstarke Ego eines Regisseurs oder einer Regisseurin zu bedienen. Vielmehr war es abzusehen, daß die den Regisseuren gestellte Aufgabe, einen Film über einen Kollegen/eine Kollegin ihrer Wahl zu machen, eines Tages auch zu einem Selbstporträt führen würde. Chantal Akerman hat diese schwierige Aufgabe gewählt.
Chantal Akerman - Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin. Von SAUTE MA VILLE bis zu EINE COUCH IN NEW YORK. Immer wieder neue Ansätze, neue Wege. Die Künstlerin konfrontiert ihr Publikum mit einer unerschöpflichen Vielfalt an Bildern, Äußerungen und Bedeutungen, kehrt aber immer wieder zu ihrem Wesen und den für sie wichtigen Alltagssituationen zurück. Belleville, Brüssel, vielleicht auch New York. Die Wohnung, die Straße, wiederholte Betrachtung der eigenen Filme und häufiger Rückgriff auf Material, das am Rande der eigentlichen Dreharbeiten entstanden ist, wie zum Beispiel bei GOLDEN EIGHTIES. Auf dieser Grundlage entstehen Filme, die wahrhaftig und universell sind. Die Regisseurin macht Umwege, berührt aber auf diese Art die ganze Palette des Filmgenres. "In vielen meiner Filme geht es auf die eine oder andere Weise um Autobiographisches; meine Filme sind aber keine Autobiographie."

"Am Anfang, 1968, habe ich mich in einer Küche umgebracht. Das war eine Dokumentation über die Küchen 1968 in den Brüsseler Vorstädten. Was ich da spielte, unterschied sich kaum von dem, was ich war. Eine burleske Gestalt, um die bittere Pille zu versüßen. Nicht wenige Figuren in späteren Filmen von mir haben ziemlich viel Zeit in Küchen, in Schlafzimmern und Fluren verbracht. Manchmal gab es überhaupt keine Menschen. Die Zeit? Steht die Zeit mit den Küchen in Zusammenhang? Oder die Zeit, die vergeht bzw. nicht vergeht, einfach nur mit dem Film. Und wie betrachtet man die Zeit, die da vor einem vergeht? Das ist auch die Zeit auf einem Gesicht. Von Küchen und Gesichtern. All das gehört zum Dokumentarfilm, zum Raum-Zeit-Gefüge."
"Wenn ich etwas über mich als Regisseurin machen sollte, sagte ich mir, dann würde ich meine gesamte bisherige Arbeit als Dokumentarfilme behandeln und mich als Spielfilmfigur einfügen (...). Eine burleske Fiktion, eine burleske Figur, die gegen Türen rennt, Gläser umstößt, fehlerhaft Französisch spricht und sich fragt, wie sie zwischen dem Dokumentarfilm oder dem, was man Fiktion nennt, und zwischen dem Autorenfilm und dem kommerziellen Film ihren Weg finden kann, die ständig zwischen den Genres hin und her springt und doch immer wieder mit sich selbst konfrontiert ist."

 

© 2000 Dieter Herchenbach