Kurzgeschichten

GayStories

Das Klassenfoto

Sonntag. Er wird es nicht verkraften. Er sollte nicht zur Schule gehen, meinen die Eltern.

Dienstag. Er ist hingegangen. Bis jetzt scheint es zu klappen. Er verkraftet es. Doch er ist so still seit dem Tag vor einer Woche.

Mittwoch. Die Lehrer haben seine Eltern angerufen. Er meldet sich nicht, redet nicht, berichten sie. Ihm scheint alles unwichtig, egal, zudem scheint er gelangweilt und doch verschlossen.

Donnerstag. Er erwacht. Es kam sogar ein Gespräch mit einigen anderen Mitschülern zustande. Johanna, ein Mädchen, welches ihn sehr mag, hat bei ihm einen Durchbruch geschafft. Sie haben sich über das Klassenfoto unterhalten. Sie wollen verarbeiten, verstehen und begreifen. Das "Wieso" ist beiden sehr wichtig.

Freitag Morgen. Heute sind alle sehr angespannt. Die ganze Klasse ist in trister Stimmung. Sie wissen, was heute kommt. Die ersten zwei Stunden haben sie Englisch-Grundkurs bei Herrn Messer. Dieser ist recht engagiert, aber die Schüler können nicht... sie sind unkonzentriert und nicht in der Lage, ihre grauen Zellen dem Fach zu widmen. Es gibt so viel zu bedenken, begutachten und analysieren. Die nächsten zwei Stunden haben sie Betriebswirtschaftslehre mit Frau Gabel. Diese ist ein wenig hochnäsig, doch heute ist das allen egal, denn das "Wieso" ist allgegenwärtig.

Freitag Mittag. Herr Löffel betritt den Raum. Er ist ein wenig nervös und es ist ihm klar, dass es sehr bedrückend wird, dieses Gespräch zu führen. Er selbst hat es kaum verkraftet, doch nun ist es an ihm. Er will seine Schüler beruhigen... ihnen ein beruhigendes Bild vermitteln, obwohl das Chaos in ihm immer noch vorherrschend ist, trotz seiner langen Lebenserfahrung. Sie unterhalten sich lange darüber. Nicht genug Zeit. Die Schulglocke klingelt. Die Schüler dürfen heim. Sie versuchen sich zu beeilen, um die Busse zu erwischen, doch sie sind heute zu zerstreut und tollpatschig. Die Klasse hat das Gröbste hinter sich, denkt Herr Löffel.

Jack verabschiedet sich von Johanna, dem netten Mädchen. Er will heim wie alle anderen. Zu Hause angekommen schmeißt er seine Sachen in die Ecke des Flurs und läuft in sein Zimmer. Dort, dort auf dem Schreibtisch – Das Klassenfoto.

Tobias sieht da glücklich aus, doch zum ersten Mal fällt Jack auf, dass Tobias bedrückt und erschöpft aussieht. Seine Augen sind leer.

Jack bedauert all dies. All das ist wegen Tobis Eltern passiert. Sie haben ihn rausgeworfen. Auf die Straße gesetzt. Sie haben ihn verstoßen. Wieso?

Das ist nicht ganz klar, denn er war doch immer noch derselbe. Gut und freundlich, sehr hilfsbereit. Ganz besonders, nichtsdestotrotz nahm er sich das Leben. Jack hatte keine Chance mehr es ihm zu sagen... er war sich nicht sicher gewesen. Er vermisst ihn. Wieso?

Tobi war Schwul.

© Michael Lodwich

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