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Aschenboy

Der hübsche Thomas war der Mittlere von drei Brüdern. Sie lebten zusammen mit Ihrem Vater in einer kleinen Stadt im Rheinland. Die Mutter war vor einigen Jahren nach einer langen Krankheit gestorben.

Es waren recht einfache Verhältnisse, in denen er aufwuchs. Der Vater arbeitete als Facharbeiter im nahen Automobilwerk, der ältere Bruder war Manager in diesem Werk und der Jüngere ging natürlich noch zur Schule. Thomas machte gerade eine Ausbildung zum Kaufmann. Eigentlich wollte er ja studieren, aber ohne Unterstützung des Vaters war das unmöglich. Außerdem musste er sich ja nach dem Tod der Mutter um den Haushalt kümmern. Er merkte schnell, warum die Mutter so früh gestorben war. Bei der nörgeligen Familie, kein Wunder. Nichts konnte man ihnen Recht machen. Der ältere Bruder verdiente als Manager schon sehr gut und der Vater war sehr darum bemüht, dass es seinem Jüngsten an nichts fehlte. Thomas musste seinen Lehrlingslohn schon gut einteilen, dass am Monatsende noch genug zum Essen für ihn blieb.

Es war nun kurz vor Weihnachten und im Werk wurde ein Weihnachtsfest für die Angestellten und deren Familien arrangiert. Als der Tag gekommen war, standen Vater und die Brüder stundenlang vor dem Spiegel, um auf dem Fest einen guten Eindruck zu hinterlassen. Sie konnten sich lange nicht entscheiden, ob Gucci, Prada oder Hugo Boss die bessere Wahl war. Thomas war es egal, er würde sowieso nicht hingehen. Zum Einen hatte er viel im Haushalt zu tun. Es musste noch gewaschen und gebügelt werden, zum Anderen hatte er auch nichts Rechtes anzuziehen. Seine Garderobe beschränkte sich auf die Sonderangebote des naheliegenden Discountmarktes. Mehr lag nun wirklich bei seinem Lohn nicht drin. Vater und die Brüder machten sich auf den Weg. Bestellten ein Taxi und fuhren zum Werk.

Thomas mühte sich mit der Wäsche ab, als es plötzlich an der Haustür schellte. „Auch das noch“ dachte Thomas und ging zur Tür, um zu öffnen. Vor der Tür stand ein Junge aus der Nachbarschaft. Thomas kannte ihn flüchtig. Auch dessen Vater arbeitete im Autowerk. „Er grinste und fragte „Kommst Du nicht mit? Heute ist doch die Weihnachtsfeier im Werk.“ Thomas verneinte „Ich habe viel zu viel zu tun..“ – „Aber doch heute nicht. Komm zieh dich um.“ Thomas sah ihn traurig an „Ich habe ja auch gar nichts anzuziehen.“ – Peter, der Nachbarsjunge lachte „Wenn das Deine einzige Sorge ist. Wir haben beide etwa die gleiche Figur und ich habe die Schränke voll.“ Damit zog er Thomas aus dem Haus und sie gingen zu Peter. Thomas hatte es aufgegeben. Diesem Jungen war er nicht gewachsen. Im Hause zog Peter zielsicher einen dunklen Seidenanzug aus dem Schrank, ein passendes fliederfarbenes Hemd, Fliege und glänzende Schuhe. „Na da haben wir es“ und warf Thomas die Sachen zu. Thomas entledigte sich seiner 10-Euro-Jeans und seines 1,50-Euro-T-Shirts und schlüpfte hinein. Passte, wie für Ihn gemacht. Dann zog Peter Thomas in das Badezimmer und brachte dessen Frisur auf Vordermann. „So geht’s“ stellte er fest. Als sie am Wohnzimmer vorbei kamen, schaute Peter hinein und rief „Papa, wir sind dann soweit !“ Der Vater kam und Vater, Mutter, Peter und Thomas stiegen in den großen repräsentativen Wagen von Peters Vater. Schnell waren Sie mit dem schweren Fahrzeug im Werk. Ein Angestellter eilte herbei und öffnete die Türen des Vorstandswagens. Sie stiegen aus und der Angestellte fuhr das Fahrzeug auf einen Parkplatz.

Thomas bekam große Augen als er die schön geschmückte Halle betrat. Soviel Prunk hatte er nicht erwartet. Ein älterer graumelierter Herr eilte auf sie zu. „Das ist unser Oberguru“ raunte Peters Vater Thomas ins Ohr. Freundlich begrüßte der Peters Vater . „Guten Abend. Ist Ihre Familie plötzlich größer geworden?“ – Nein, wir haben nur den Thomas mitgenommen, dessen Vater und Bruder bei Ihnen arbeiten.“ Damit schob er Thomas vor. Artig gab Thomas dem Mann die Hand, als hinter dem Herrn ein wunderschöner Junge auftauchte. Thomas war wie elektrisiert. Der Chef stellte den Jungen vor „Dies ist mein Sohn“ und etwas stolz hinzufügend „und mein Nachfolger.“

Auch ihm gab Thomas die Hand und die Jungen schienen sich gegenseitig in den Augen zu verlieren. Viel länger als normal hielten sie sich die Hände. Thomas erschreckte und zog hastig seine Hand zurück. Dem Jungen, Martin, schien es egal. Er lächelte Thomas freundlich an. Sie gingen alle gemeinsam in den großen Saal, wo an langen Tafeln bereits viele Menschen Platz genommen hatten und auf das Essen warteten. Zielsicher steuerte Martin auf die Stirnseite der Tafel zu. Mit Thomas im Schlepptau. Und Augenblicke später fand sich Thomas dort zwischen Martin und dem Chef sitzend wieder.

Die Belegschaft applaudierte. Thomas Vater und seinen Brüdern schienen die Augen aus dem Kopf zu fallen, als sie erkannten, wer da neben dem Chef saß. Der wiederum zwinkerte mit einem Lächeln und einem Blick auf Thomas seinem Sohn zu. Kannte er ihn doch gut genug um zu wissen, dass Martin den Thomas mochte. Thomas schaute verlegen. Dann spürte er die Hand Martins, welche die seine suchte fand und zuversichtlich drückte. Thomas schaute ihn an. Sein Herz machte Luftsprünge. Aber er beruhigte sich zumindest äußerlich ein wenig. Es wurde gegessen. Nach dem reichhaltigen leckeren Menue räumten eifrige Helfer die Tische zur Seite und schufen Platz zum Tanzen.

Martin war ein toller Kerl, fand Thomas. Sehr lieb und gar nicht abgehoben. Nach anfänglicher Zurückhaltung unterhielten die Zwei sich prächtig. Und dann, Thomas mochte es nicht glauben, nahm der Junge seine Hand, führte ihn auf die Tanzfläche und tanzte mit ihm vor aller Augen. Thomas wäre am liebsten im Boden versunken, aber in Martins Armen. Es schien so normal dass hier zwei Jungen zusammen tanzten. Von den wenigen, die das überhaupt mitbekamen schauten einige etwas pikiert, überrascht, belustigt oder auch erfreut. Thomas Vater, der gerade mit einer Kollegin tanzte raunte ihm ins Ohr „Komm Du mir nach Hause.“ Es war Thomas egal.

Es wurde ein wundervoller Abend. Zu fortgeschrittener Stunde zog Martin seinen neuen Freund in einen Nebenraum. Sorgfältig schloss er die Tür. Dann konnte Thomas nicht mehr an sich halten und flog dem Jungen förmlich um den Hals. Es folgte ein langer, inniger Kuss. Die Weihnachtsfeier war vergessen. Alles um sie herum schien vergessen. Es dauerte lange, sehr lange bis sie feststellten, dass es an der Zeit war auf das Fest zurück zu kehren. Die Überraschung folgte umgehend. Spät am Abend wollten Peters Eltern aufbrechen. Und Thomas musste nun wohl oder übel mit. Er war ja schließlich ein anständiger Junge.

Viel zu schnell mussten Thomas und Martin sich trennen. Dann saßen sie auch schon im Auto und fuhren Richtung Heimat. Peter grinste „Na Du Schlingel. Hätte ich das nur eher gewusst, dass Du Jungen magst. Ich mag zwar Mädchen, aber Jungen sind mir auch nicht egal.“ Thomas sagte dazu nichts. Er brauchte sicher noch eine Weile um das Erlebte zu verdauen. Er verschwand im Haus um seine Hausarbeiten wieder auf zu nehmen. Tief in der Nacht, er war gerade dabei das letzte Hemd seine Vaters zu bügeln, kam auch seine Familie zurück.

Der Hammer kam am nächsten Morgen zum Frühstück. Gerade hatte Thomas den Tisch gedeckt als sein Vater in der Tür stand. Etwas laut wandte er sich seinem Mittleren zu „Das Du nichts taugst, damit hatte ich mich schon abgefunden, dass Du auch noch schwul bist und mit dem Sohn des Chefs anbandelst geht entschieden zu weit.“ Und Zack, zack erhielt Thomas links und rechts ein paar schallende Ohrfeigen. Der vermochte nichts zu sagen, kannte er doch die Wutausbrüche seines Vaters nur zu gut. Seine Geschwister schienen ihn mit Missachtung strafen zu wollen. Aber auch das kannte Thomas schon. Nur mit der Erinnerung an Martin fiel es ihm leichter das Alles zu ertragen.

Und Martin? Der war verzweifelt. Kannte er doch nur den Vornamen seines neuen Freundes und etwas aus dem Leben des jungen Mannes, was der eben so erzählt hatte. Bei einigen tausend Mitarbeitern im Betrieb keine leichte Suche. Also einen Thomas in dem Alter gab es zumindest im Werk nicht. Also schaute er weiter im Programm der Buchhaltung. Was hatte Thomas erzählt? Seine Mutter sei vor 7 Jahren gestorben. Also suchte Martin jetzt Männer, die vor 7 Jahren Urlaub wegen eines Todesfalles gehabt hatten. Und er hatte Glück. Der Computer spie nur zwei Namen aus. Mit Glück würde er Thomas wieder finden. Er ließ sich die Anschriften ausdrucken. Dann meldete er sich bei seinem Vater ab und machte sich auf den Weg.

Bei der ersten Anschrift spielten zwei kleine Kinder vor dem Haus im Schnee. Das war sicher verkehrt. So fuhr Martin weiter zur nächsten Anschrift. Bald schon erreichte er das tief verschneite Siedlungshaus aber mit peinlich geräumten Wegen. Er hielt an. Mit pochendem Herzen ging er auf das Haus zu und schellte. Der Vater öffnete und erkannte sofort den Sohn des Chefs. Freundlich stellte Martin sich vor und fragte: „ Gibt es hier einen jungen Mann namens Thomas?“ – „Nein“ antwortete der Vater unwirsch und knallte die Tür zu. Doch Thomas war etwas neugierig und schaute aus dem Küchenfenster, wer da wohl gekommen war. Und zum Glück, Martin sah ihn noch, gerade als Thomas sich schon wieder traurig zurück ziehen wollte. Nun war es Martin egal. Er stapfte durch den tiefen Schnee und klopfte ans Küchenfenster. Thomas erschien erneut am Fenster und öffnete es. Leise, damit sein Vater ihn nicht hören konnte raunte er Martin zu „Bist Du verrückt, wenn mein Vater das mitbekommt schlägt er mich tot.“ Martin erkannte die Situation sofort. Lächelnd reichte er Thomas die Hand und zog ihn hinaus. „Nein jetzt nicht mehr. Ich bin doch bei Dir.“

Er nahm Thomas bei der Hand und sie liefen über Vorplatz durch den tiefen Schnee zu Martins Wagen. Irgendwie spürte Thomas, dass etwas Gigantisches passierte. Und schon saß er, in abgeschabten 10-Euro-Jeans und obligatorischem T-Shirt neben dem gestylten Freund in dessen Luxuskarosse. Martin sah ihn liebevoll lächelnd an. „Glaubst Du ernsthaft, ich würde es zulassen, dass Dich jemand totschlägt? Dem liebsten was ich habe auf der Welt?

Dann startete er den Wagen und bevor Thomas Vater es sich noch bewusst wurde waren die Jungen auf dem Weg zu Martins Zuhause. Erst vor dem Haus fiel die Anspannung von den Jungen ab und sie lagen sich in den Armen. Überglücklich sich gefunden zu haben saßen sie noch lange im Auto und hielten sich ganz fest. Während der Butler weise lächelnd in der Kälte stand und wartete, dass er dem jungen Herrn die Autotür öffnen dürfte.

© Dirk Carstensen

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