Coming-Out-Stories

GayStories/GayOut

Ralf aus Krefeld

Wie alles begann...

Ich war wohl ca. in der 5. Klasse, als wir diese schicken Bio-Bücher mit den Duschaufnahmen von Männer- und Frauengruppen bekamen, wo mich schon seit dem ersten Tag die Seite mit den Männern immer mehr faszinierte als die der Damenwelt. Ganz anders als bei meinen Klassenkameraden. Das Wort "schwul" oder "homosexuell" kannte ich nicht einmal, traute mich aber auch nicht so recht, mir diese Seiten ausgiebig zu betrachten, da ja alle anderen Jungs halt die Frauen bewunderten, was ich dann auch immer mal wieder kurz tat, aber doch meist recht schnell irgendwelche anderen interessanten Blätter studierte. Mich faszinierte damals das Musikvideo "It's my life" von Dr. Alban, in dem einige attraktive junge Männer spärlich bekleidet tanzten. Aber schwul? Nein, jetzt, wo ich im Groben "wusste", was das war, das konnte ich doch nicht sein!

Doch irgendwie ließen mich diese Männer nicht los und auch die Frauen in meinen erträumten "Liebesnächten" wurden häufiger und häufiger durch wesentlich interessantere Akteure ersetzt. Schwul? Nein! Vielleicht Bi... Aber auch nur vielleicht... Und so gingen die Wochen und Monate ins Land und irgendwann lernte ich, der eigentlich immer mehr der Außenseiter war, einen Jungen aus meiner Klasse kennen. Wir verstanden uns prächtig und waren irgendwann dicke "Kumpel". Dieser Kumpel übernachtete dann irgendwann einmal bei mir.. und noch einmal und als es dann nach einigen Monaten ein weiteres Mal geschah, onanierten wir gemeinsam. (Wow ;) Irgendwann einmal gingen wir auch weiter, aber das war ja eh' nur so eine Phase... So was hat man schon mal in der 7. Klasse.

Leider verließ er Krefeld kurz darauf und es war ein Abschied, der wirklich mein Herz brach...

Doch ich fand neuen Anschluss. Er war mindestens ein so komischer Kauz wie ich und zusammen kapselten wir uns immer mehr von dem Rest unserer Klasse ab. Wir wurden abweisend, arrogant und, und, und...

Unsere Freundschaft war zwar sehr eng, aber dennoch nicht wirklich offen oder gar intim. Wir erhoben die Konservativität zum Ideal und daher war das Thema Sex absolut tabu, so, wie wir es auch bei uns zu Hause gewohnt waren. Nach und nach freundete ich mich jedoch mit dem Gedanken an, schwul zu sein. Ich traf mich erneut mit "meinem" ersten Kumpel und wir hatten die ein oder andere heiße Nacht.

Ich begann mich über diverse Mailboxen, Fernsehen etc. über dieses Thema zu informieren und erkannte mich mehr und mehr darin wieder. Ja, ich war SCHWUL!

Oh mein Gott, was, wenn die Anderen davon was erführen?
Ich kapselte mich noch mehr ab.

Irgendwann, ich war mittlerweile in der 10. Klasse, zerbrach dann meine Freundschaft mit dem oben genannten und ich stand ganz alleine da. Ich war mittlerweile recht fett und unansehnlich.

Es ärgerte mich meine ganze Situation und ich zog einen Schlussstrich. Ich nahm mal eben 20 Kilo ab, tauschte meine gesamte Garderobe aus und wurde richtig eitel. Ich nahm alle meine überholten und konservativen Überzeugungen und warf sie, na ja, sagen wir mal ein bisschen über Bord und begann zu rudern wie ein Wilder. Alle sollten mich akzeptieren. Und der Wegfall der Klassen kam mir da recht gelegen, da die anderen mich nur wenig kannten.

Und schau mal einer an, irgendwann fasste man Vertrauen zu mir. Ein Mädchen meines Englisch LKs war gerade von ihrem Freund verlassen worden und heulte die ganzen Stunden lang. Bis ich mir ein Harz fasste, sie tröstete und mich mit ihr zum Eis verabredete.

Dort intensivierte ich das Gespräch und nutzte dabei ihre Trauer voll aus. Sie gab mir den Abschiedsbrief von Ihrem Freund und ich begann zu heulen... Sie mochte das wohl irgendwie und begann mich, nachdem ich sie erfolgreich getröstet hatte, nach meinen Beziehungen zu fragen... Ich erzählte, dass ich mit "jemandem" Schluss gemacht hätte, weil "diese Person" mich betrogen hätte... bla sülz... - "Und wie hieß sie?" "Du kennst ihn nicht." Stille. Sie senkte den Löffel, den sie sich gerade in den Mund stecken wollte wieder ab und tat das gleiche mir ihrer Kinnlade. - "Er? Aber Du sagtest doch 'sie'!" "Habe ich das? Ich habe immer nur von 'jemandem' gesprochen." - "Ich könnte mich das irgendwie gar nicht vorstellen mit einer Frau zu schlafen. Du denn?" "Ja, habe ich auch schon. Hat mir auch gefallen." Das war zwar hinten und vorne gelogen, aber zu einem vollständigen Coming-Out konnte ich mich dann doch nicht durchringen. Alles in allem fand sie es jedoch gut, dass ich dazu stünde und wir waren von nun an gut befreundet, auch wenn wir wenig zusammen unternahmen. Ich war in meiner neuen Haltung bestärkt. Ein weiterer, dem ich hier sehr danken möchte, sprach mich einmal an, führte mich in meinen jetzigen Freundeskreis und baute eine Brücke zu den anderen. Eines Abends im Jazzkeller hier in diesem beschaulichen "Dorf" fragte er mich, warum ich mich so abgekapselt hätte. Als ich darauf nichts antworten konnte, fragte er, ob es etwas mit dem Gerücht zu tun hätte, dass ich schwul sei. Am Nachbartisch kehrte auf einmal Ruhe ein, und die Ohren der Stufe über uns, der 13, waren auf meine Worte gerichtet: "Ja!" Ich weiß nicht mehr, wie das Gespräch weiter ging, aber er nahm es gelassen, wenn auch überrascht auf. Er wusste nicht wirklich, wie er sich verhalten sollte, tat dies aber dennoch mit Bravour. Der Nachbartisch hingegen entbrannte in eine lebhafte Diskussion, ob es sich von ihnen jemand vorstellen könnte, mit einem Jungen zu schlafen. ;-) Ich war zufrieden. Und so ging es dann weiter...

Einmal fragte mich jemand, weshalb ich mich so mit Homosexualität auseinandersetze, wo ich doch den Frauen so nachstellte. Meine Antwort: "Frauen? Wer hat denn diesen Blödsinn verzapft?!" >>;-)==) Der Frager bekam riesige Augen und rannte erst mal für 5 Minuten aus dem Zimmer. Mein innerer Schweinehund lachte schallend! Ein anderes Mal kam von mir zum Thema Jungfräulichkeit die Bemerkung aus: "Ich weiß gar nicht mehr, wann ich meinen ersten Freund hatte..." Na ja, und seit dem ging es wie ein Lauffeuer durch alle Stufen unserer Schule, so dass ich seit der 12 fast vollkommen geoutet bin. Ich habe dadurch nie Konsequenzen erlebt, was mich auf diesem konservativsten und ältesten Gymnasium in Krefeld doch eher verwundert hat. Ich war erfolgreicher denn je und ging auch von da an in die Szene, sofern sie hier existiert. Als ich es jedoch wenig gefühlvoll meiner Mutter beibrachte, (ich legte einen Text "Wie sage ich es meinen Eltern" gut sichtbar ins Altpapier ;-) war es für sie ein Schock und sie konnte mir tagelang nicht ins Gesicht schauen, da sie sonst anfing zu weinen. Sie verbot mir, es meinem Vater oder anderen zu erzählen, da sie Angst vor Diskriminierung hat. Ich toleriere das. Sie selbst hat es nun akzeptiert und erwähnt es nicht weiter. Heute, wo ich gerade mein Abi hinter mir habe, weiß jeder unter 40, dass ich schwul bin und ich habe gelernt, daraus Kapital zu schlagen. Bemerkungen wie "Mir ist eigentlich immer recht warm." auf Nörgeleien wie "Ba, was ist es heute wieder kalt!" sind bei mir nichts besonderes mehr und tragen zur allgemeinen Erheiterung bei, besonders, wenn "Uneingeweihte" anwesend sind. Ich muss mich eigentlich gar nicht mehr outen, da ich dafür meine Leute habe. >>;-)==) (Man lässt halt tratschen... ;)

Ich bin heute ein lebenslustiger Gay, der seine Homosexualität verbal-aggressiv einsetzt und auch keinen Hehl daraus macht, auch wenn er sich kein Schild um den Hals hängt. Heute sage ich gutaussehenden Männern, sofern es keine absoluten Fremden sind, frei ins Gesicht, dass ich sie attraktiv finde. Zeigt jedoch jemand panische Angst, dass ich ihn angraben könnte, kommt höchstens noch ein: "Nun hör' mal mit dieser Selbstüberschätzung auf!" (Ja, ja, ich weiß. Aber ein bisschen bissig muss Mann doch sein dürfen ;-) Und wenn jemand fragt: "Sind hier irgendwelche Schwulen, die es auf meine pinkfarbenen Spielsteine abgesehen haben?", dann melde ich mich gerne. Bei meinem ersten Freund jedoch dauert die pubertäre "Phase" mit fast 21 Jahren immer noch an. Schade. Aber vielleicht schafft er es ja auch demnächst.

Ich möchte allen nur raten: Lebt offen! Ihr fühlt euch freier! Auch wenn ich mittlerweile schauspielern kann, ist es doch immer angenehmer, es nicht tun zu müssen. Aber nicht nur ich melde mich gern zu Wort. Auch Du sollst es ruhig, wenn Du irgend etwas von mir (wissen) willst.

Aufgeschrieben von Ralf im September 1998

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