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Coming-Out-Stories |
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Wenn man die Überschrift als Zeitpunkt des Eingeständnisses über die eigene Sexualität bezeichnen will, so kann man dies bei mir auf das 21. Lebensjahr datieren. Allerdings wusste ich schon viel früher, dass ich etwas "anders" bin, als die anderen Jungs in meiner Umgebung.
Das war so Mitte der 80er Jahre, ich war auf einem Gymnasium in Hamburg.
Wenn ich mich an diese Schule zurückerinnere, denke ich an die Jungs, die alle immer nur Fußball gespielt haben (in jeder freien Minute) und an eine Klassenreise.
Zum Fußball kann ich nur sagen, dass ich kein Fußball mag (ich kenne viele Gays die Fußballer mögen, aber Fußball als Sport? Und auch noch selbst? Nee!), ich immer neben dem Tor stand und den anderen lieber zugeschaut habe.
Zu der Klassenreise: Na ja, das war wohl so die 5. oder 6. Klasse, wir waren alle so um die 13 Jahre alt, und ich war in einem Acht-Bett-Zimmer untergebracht, alles Doppelstockbetten, die nebeneinander gestellt waren. Allerdings waren nur sieben Betten belegt und ich hatte niemanden neben mir. Dafür durfte ich dann, wenn die anderen Nachts irgendwelchen Kram gemacht haben immer als Wachposten an der Tür herhalten. Und wie das bei Jungs in diesem Alter meistens ist, werden zu dieser Zeit die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht. So auch auf dieser Klassenreise. Und was ich eben als Kram bezeichnet habe - oh, wie gern hätte ich da mitgemacht. Aber ich musste ja aufpassen, dass sie "dabei" nicht erwischt werden. Grrrr!
Bis zu unserem Umzug in einen Vorort von Hamburg habe ich mit meinem Banknachbarn in der Klasse noch mehrere Anläufe versucht, es ist aber leider nie zu irgendwelchen sexuellen Handlungen gekommen. Es hat uns immer irgendwer erwischt.
Der Wunsch, mehr als nur eine "Kumpelschaft" mit einem Jungen zu haben, war damals schon sehr groß. Meine Zurückhaltung war aber leider um so größer. Denn dass ich schwul bin? NEIN!
Der Schwule in meinem Kopf war ein Mann in Frauenkleidern, tierisch tuntig und immer ein Auge auf kleine Jungs. Oh nein, so bin ich nicht und so will ich nicht werden. Ich dachte, dass dies wie bei den anderen Jungs nur so eine Phase ist. Pubertät halt. Aber der Wunsch in meinem Kopf blieb bestehen.
Nun waren wir in einen Vorort von Hamburg gezogen und ich kam auf eine neue Schule.
Auch hier blieb der Wunsch bestehen, aber hier lernte ich meine erste Freundin kennen. Nun dachte ich, dass diese "Phase" wohl vorbei sei. Das komische war, dass ich mit ihr keinen Sex wollte und sie eigentlich nur sehr nett fand. Überhaupt fanden mich die Mädchen auffallend interessant. Wohl deshalb, weil ich nicht wie die anderen Jungs ständig an ihnen dranhing und sie anmachte.
Nach nur einem Jahr trennte sich meine Mutter von ihrem Freund und wir zwei zogen nun nach Hamburg zurück. Selbstverständlich kam ich wieder auf eine neue Schule.
Das war allerdings eine besondere Schule, eine Art Privatschule. Meine Mutter war wohl damals der Meinung, dass es dort besseren Unterricht geben würde.
Der Unterricht war dort für mich genauso interessant, wie auf den anderen Schulen. Dafür war das, was unter den Tischen abging sehr viel interessanter.
Und ich "durfte" mitmachen. Das fand ich alles sehr spannend und ich konnte davon nicht genug bekommen. Ich lernte auf dieser Schule auch ein sehr nettes Mädchen kennen, wir freundeten uns an und für die ganze Klasse galt ich auch als "nicht schwul". Nur als einer, der den Spaß unter den Bänken halt gerne mitmacht.
Mit diesem Mädchen hatte ich meinen ersten "sexuellen Kontakt". Dieser beschränkte sich allerdings darauf, dass ich bei ihr rumgespielt habe und sie mir einen runtergeholt hat. Sie wollte mehr, nur ich nicht. Dafür fand ich ihre Freunde sehr viel interessanter.
Ich wechselte nach einem Jahr wieder einmal die Schule, weil dass Schulgeld auf der Privatschule für meine Mutter nicht mehr tragbar war.
Nun war ich auf der letzten Schule (jetzt Realschule), wo ich auch meinen Abschluss gemacht habe. Diese Zeit war für mich sehr unspektakulär. Ich hatte zwar weiterhin ein Auge auf die Mitschüler, aber weder eine Freundin, noch einen "Freund". Leider alles nur normale Kumpels.
Nach fast einem Jahr Rumjobberei, kam die Ausbildung. Ich war mittlerweile fast 19 Jahre alt.
In der Berufsschule war neben anderen interessanten Jungs ein Junge aus meiner Klasse. Wir mochten uns und freundeten uns an. Er war allerdings auch aufgrund seiner "Niedlichkeit" auch bei Mädchen sehr beliebt, was er auch oft erwiderte. Allerdings hatte er in diesen Jahren nie eine feste Freundin. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass er mehr auf Jungs stand und er auch von mir mehr wollte. Leider gestanden wir uns das beide nie ein. Er fragte zwar mal im Auto vor einigen anderen Klassenkameraden nach, ob ich schwul sei, aber ich antwortete nur mit einem Lachen. Damit war die Sache dann auch gegessen.
In einem Freizeittreff hatte ich zu dieser Zeit einen Jungen kennen gelernt, der mir sehr sympathisch war. Mit ihm hatte ich die ersten sexuellen Kontakte und ich hoffte, er würde bei mir bleiben. Erfüllte er mir doch einen Teil meiner Träume, vielleicht dann auch noch den Rest? Leider entschied er sich für Mädchen und er wollte dann auch nichts mehr mit mir zu tun haben. Zu dieser Zeit, brachte ich meiner Mutter bei, dass ich Jungs nicht nur hinterher schaue, um zu sehen, "was für Klamotten sie tragen", (mein Argument, wenn meine Mutter etwas bemerkte), sondern dass da mehr ist. Sie meinte, dass dies nur eine Phase sein, die derzeit akut ist, weil ich ja keine Freundin hatte. Das war das kurze Coming Out gegenüber meiner Mutter.
Ich brach nach 2 Jahren die Ausbildung ab und nahm eine Chance an, in meinem Traumberuf als Techniker zu arbeiten. Dies war ein gutbezahlter Job in den neuen Bundesländern. Aufgrund des anstehenden Wehrdienstes dachte ich gar nicht erst daran eine Partnerschaft einzugehen, obwohl - schon aufgrund der Anonymität - eine mit einem Jungen vielleicht möglich gewesen wäre. Hatte ich bisher viel zu viel Angst, als Schwuler geoutet zu werden. Das Interesse an Jungs wurde aber immer stärker.
Irgendwann kam der angekündigte Einberufungsbescheid zum Zivildienst und ich ging wieder nach Hamburg zurück.
Nun war auch für mich klar, dass jetzt die Zeit für einen Freund gekommen ist und ich nicht länger alleine bleiben will. Ich wollte endlich das haben, wovon ich lange geträumt hatte.
Nur, wie sollte ich das anstellen? Gerade wieder einige Wochen in Hamburg, kam ein Beitrag im örtlichen Offenen Kanal über eine schwule Mailbox. Tags darauf kaufte ich mir das dazu benötige Modem.
Jetzt ging alles sehr schnell – zu schnell. Ich ging zu einem Treffen der Mailboxuser, weil ich mich "mit einem echten Schwulen" verabredet hatte, der in der Box immer sehr nett war.
Leider verpassten wir uns um 10 Minuten. Ich blieb aber da und klönte mit den anderen aus der Box. Ich musste wohl damals sehr unschuldig ausgesehen haben. Zumindest setzte sich nach einiger Zeit ein Junge neben mich, der nicht viel älter als ich ausgesehen hat. Vielmehr wurde er zu mir gesetzt, "damit sich mal jemand richtig um mich kümmert...".
Wir kamen schnell ins Gespräch und seine Hand landete auf meinem Schoß. So hatte ich mir das ganze aber nicht vorgestellt und erwiderte ihm, dass ich nicht schwul sei. Schwupps, war seine Hand wieder weg und damit auch das Interesse an mir.
Zwei Tage darauf gab er mir seine Telefonnummer in der Mailbox und von da an war mir endlich der direkte Kontakt zu einem "echten Schwulen" möglich gewesen. Alle anderen hielten sich mit ihren Telefonnummern sehr bedeckt.
Es dauerte aber nochmals zwei Tage, bis ich ihn anrief. Zwei Tage, wo er mir nicht aus dem Kopf ging. Hatte ich mich etwa in einen Jungen verliebt? Schlecht sah er ja auch nicht aus. Doch mein Traumtyp war er nun wirklich nicht.
Am Telefon verabredeten wir uns für den gleichen Tag. Als ich dann bei ihm war, sind wir uns leider viel zu schnell nähergekommen. Anschließend kam ich mir wie ein Strichjunge vor, er wollte nach dem Sex nichts mehr von mir wissen...
Wir blieben aber in Kontakt und ich merkte schnell, dass er Zuneigung sehr schwer zeigen konnte. Bei den weiteren Treffen, haben wir viel unternommen und ich habe ihn als Freund gewonnen. Leider wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht alles über ihn. Er war ein Mensch, der nicht treu sein konnte. Das war und ist für mich ein Trennungsgrund. Zwar konnte ich das erste mal (er rief mich gleich danach an und bat um Verzeihung) noch wegstecken, allerdings blieb es nicht dabei. Die Trennung von meinem ersten Freund war nicht mehr weit.
Ich hatte mir eine Partnerschaft mit einem Jungen auch etwas anders vorgestellt - nicht so sexuell betont. Leider brauchte er mehr davon, als ich ihm gegeben hatte.
Ich stellte mir die Frage: Ist das "Schwulsein" doch nicht mein Ding?
Na ja, zu seiner größten Verwunderung (er hasst mich noch heute dafür) habe ich mich dann in einen der Jungs verknallt, mit denen er mich betrogen hatte.
Jetzt begann eine Zeit, wo ich vieles hatte, was bisher nur in meinen Träumen vorgekommen war. Leider waren auch ein paar Alpträume dabei und auch dieser Mensch konnte nach einem Jahr "Beziehung" nicht treu bleiben.
Nun wusste ich aber, dass Jungs meine Träume erfüllen. Sie geben mir das, was ich mir früher immer nur erträumt hatte. In den Armen meines Freundes finde ich die Geborgenheit, die ich bei Mädchen nie empfunden habe.
Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis ich meinen jetzigen Freund kennen lernte.
Wir sind jetzt seit über drei Jahren zusammen und ich glaube, dass uns nichts auseinanderbringen kann. Wir haben Höhen und Tiefen wie in jeder Partnerschaft, jeder ist dem anderen treu und Beziehungsprobleme werden gemeinsam gelöst.
In der Firma wissen alle von meinem Freund. Nach und nach hat es jeder erfahren. Glücklicherweise arbeite ich in einem Beruf, in dem es häufiger vorkommt, dass Schwule unter den Mitarbeitern sind. So viel es mir auch nicht schwer, den Kollegen dies zu erzählen.
Auch meine Heterofreunde haben kein Problem damit und akzeptieren meine "Lebenseinstellung" voll und ganz.
Dies ist meine "Geschichte"!
Aufgeschrieben von Patrick im August 1998