Coming-Out-Stories

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Olly

Ich bin heute 18 Jahre alt und befinde mich eigentlich noch mitten in meinem Coming Out.

Womit soll ich beginnen? Wohl am besten am Anfang! Am Anfang stand da die Erkenntnis, dass mich Jungs sexuell anziehen. Im nachhinein kann ich sagen, dass dies so ist, seit ich denken kann. Richtig Gedanken darüber gemacht habe ich mir aber erst mit der Pubertät, und damit setzten auch automatisch die Überlegungen ein, ob ich nicht vielleicht schwul sei. Erst wollte ich mich nicht damit abfinden: Ich habe immer wieder getestet, ob mich nicht vielleicht auch das ein oder andere Mädchen anmacht, aber das ist bis heute nicht geschehen. Außerdem hatte ich auch ein etwas verzerrtes Bild von Schwulen: Der ganze Tunten und Lederkram halt. Ich habe dann allerdings irgendwann keinen Zweifel mehr gehabt, dass ich schwul bin. Ich schätze das ist jetzt so 3-4 Jahre her. Wenn einen aber auch absolut kein Wesen des anderen Geschlechts auch nur irgendwie anmacht, gibt es kein Versehen mehr. Ich bin schwul! Für mich war damit automatisch klar, dass das Bild, das ich von Schwulen hatte, falsch war. Schwulsein gehört zu einem, aber es definiert einen nicht. Diesen Punkt habe ich schnell erkannt, und er ist mir sehr wichtig. Ob Du auf Jungs oder auf Mädchen stehst sagt nichts über deinen Charakter aus!

Nun hatte ich also meine Homosexualität akzeptiert, aber niemand wusste davon. Das war mir sehr lange egal. Ich habe sowieso in dieser ganzen Zeit diese Sache nicht als ein schrecklich dringendes Problem angesehen. Das hing vielleicht auch damit zusammen, dass ich einige Jungs schon ziemlich geil fand, ich mich aber in keinen verliebt habe. Aber dazu später mehr. Ich habe es jedenfalls langsam angehen lassen und im nachhinein bin ich auch froh darüber. Vor etwa einem Jahr begann dann aber doch die Zeit, in der ich es jemandem erzählen wollte. Dieser Drang sich zu outen wurde immer größer. Schließlich habe ich mir dann vorgenommen es meinem besten Freund (hetero) zu sagen. Viele Gelegenheiten habe ich verstreichen lassen, weil ich mich nicht überwinden konnte. Eines Tages habe ich ihm dann aber doch gesagt, dass ich was mit ihm besprechen müsse, und dann war es halt so weit. Ich hatte mir vorher alle möglichen Reaktionen vorgestellt. Ich hatte nicht mit Ablehnung gerechnet, dafür kannte ich meinen Freund zu gut, aber ich hatte mir auf 1000 mögliche Fragen schon mal die Antworten überlegt. Die tatsächliche Reaktion war dann schon etwas überraschend: völlige Gleichgültigkeit. Er lachte nur kurz, fragte "Wirklich?" und sagte, das wäre kein Problem für ihn. Nach kurzem Schweigen entschieden wir uns für eine Partie Backgammon.

Ich wollte mich nun auch noch anderen gegenüber outen. Zu dieser Zeit ging einiges in mir vor. Vor allem hatte ich erkannt, dass ich zu sehr mich selbst verstecke, irgendeine Rolle spiele, und dabei ging es nicht nur um meine Homosexualität. Wir haben in dieser Zeit im Deutschunterricht "Stiller" gelesen. In diesem Buch geht es um einen Menschen, der sein ganzes Leben lang sein wahres Ich nicht zeigen kann. Das gleiche Gefühl hatte ich, und ich wollte, dass Schluss mit dem Verstellen ist. Das Coming-Out sollte ein wichtiger Schritt dazu sein. Ich habe 3 gute Freunde (leider alle hetero). Den beiden anderen wollte ich es auch sagen, allerdings setzten neue Zweifel ein. Ich war vor allem darüber nicht sicher, ob es die beiden für sich behalten könnten. Ich wollte und will auch immer noch nicht, dass es alle wissen: schon gar nicht in der Schule. Erst mal würde es mir bestimmt keinen Spaß machen von irgendwelchen Blödmännern verarscht zu werden aber damit würde ich noch klarkommen. Vor allem meinem Bruder (12), der auf dieselbe Schule geht, möchte ich Hänseleien ersparen. Für mich ist die Verschwiegenheit (bis jetzt noch) sehr wichtig. Lange Rede kurzer Sinn, ich dachte mir, dass meine Freunde doch meine Freunde sind, also warum zögern??? Tatsächlich nahmen sie es genauso auf, wie der 1. : Kein Problem für sie! Das hat mich sehr erleichtert und glücklich gemacht.

Nun folgte schnell der Gedanke, dass es allmählich meine Eltern wissen sollten. Meine Eltern sind eigentlich beide voll okay, trotzdem war es so, dass ich mit ihnen über viele Probleme nicht gesprochen habe. Dieses Outing war wohl das schwerste. Dieses komische Gefühl etwas zu wollen, es sich aber nicht richtig zu trauen, hat mich fertiggemacht. Ich habe in der Nacht davor stundenlang nicht schlafen können. Letztlich hat der Drang überwogen, es endlich hinter sich zu bringen. Ich habe mir das Outing wieder in so fern etwas leichter gemacht, indem ich meiner Mutter am Morgen erst mal (nur) sagte, ich müsste etwas wichtiges besprechen. Ich bin kein guter Lügner, und dann gab es am Nachmittag, als dann meine Eltern wissen wollten, was los ist, kein zurück mehr. Ich habe den Klos im Hals runtergeschluckt und raus damit. Im Prinzip lief es ganz gut. Mein Vater hat nur gesagt, dass er das akzeptiert. Meine Mutter hat es auch ganz gut aufgenommen, obwohl sie die altbekannten Fragen durchaus beschäftig(t)en: "Enkelkinder", "Warum ich denn so sicher bin?", "Das ich früher doch auch mal eine Freundin hatte. (das war in der Grundschule) ", "Das ich es als Schwuler im Leben schwerer haben würde.". ...... . Alles so etwas. Ich habe ihr gesagt, dass ich schon immer schwul war und immer sein werde. Sie sollte das genauso akzeptieren, wie ich das schon längst habe. Mir ist es auf jeden Fall lieber, wenn sie mich fragt, wenn sie mit irgendetwas nicht zurechtkommt, als dass sie irgendwelche Literatur durchliest. In solchen Büchern wird oft viel mehr daraus gemacht als es ist. Ursachenforschung bringt einen letztendlich auch nicht weiter, im Gegenteil. Oft werden alle Schwulen in einen Topf (mit gewissen Kindheitserlebnissen, Wünschen und Vorlieben) geschmissen, obwohl man sich selber überhaupt nicht darin wiederfindet. Und was sollte man im Umgang mit Schwulen ändern? Das ist es ja gerade, eben nichts. Viele Bücher geben hier Ratschläge. Darin liegt das Problem: viele meinen sie bräuchten eine Verhaltensbibel oder ähnliches für den Umgang mit uns. Im schlimmsten Fall vergessen sie dann den Menschen und stecken ihn in die Schublade "schwul".

Nach 3 Wochen, in denen meine Eltern es wissen, kann ich sagen, dass sich in unserer Beziehung nichts zum Schlechten geändert hat. Die Beziehung zu meinen Freunden ist sogar besser geworden, jedenfalls fühle ich mich jetzt wohler, wenn ich mit ihnen zusammen bin. Ich weiß jetzt, dass ich ich selber sein kann, und das befreit. Ich merke, dass hört sich jetzt so an als wäre mein ganzes Leben vor meinem Outing nur Theater gewesen. Das war es natürlich nicht. Aber das Coming-Out war die Befreiung von diesem miesen Selbstwertgefühl, das einen begleitet, solange man aus Angst vor negativen Reaktionen es niemandem anvertraut.

Mein Outing geht weiter. Ich habe einige schon im Visier, andere werden es vielleicht nie erfahren (z.B. die ältere Verwandtschaft). Jetzt bin ich aber in der schönen Situation, dass ich mich auf das nächste Outing freue. Es muss nicht morgen sein, aber ich weiß, wer (wahrscheinlich) das nächste "Opfer" sein wird und lange wird bestimmt nicht mehr vergehen.

Jetzt noch zu einem anderen Punkt. Die Liebe! Viele Schwule erzählen, dass sie sich im Laufe ihrer Pubertät einmal hoffnungslos in einen Hetero verliebt haben. Bei mir war das nicht der Fall. Es war / ist durchaus so, dass einige meiner Mitschüler wirklich geil aussehen, daran hat es sicherlich nicht gelegen. Ich nehme an, es lag daran, dass ich mit besagten Jungs in der Freizeit nicht viel zu tun hatte. Der Wunsch nach Liebe wird mit der Zeit aber größer, wie alles, was unerfüllt bleibt. Und ich meine mit Liebe nicht nur Sex (das natürlich auch), sondern auch das Gefühl geliebt zu werden und selber zu lieben. Ich will gar nicht erst den Versuch starten, Heteros anzumachen. Also heißt es andere Schwule treffen. Hier muss ich wohl hinzufügen, dass ich andere Schwule selbstverständlich nicht nur wegen des Sex treffen will sondern um mit Leuten, die einen vielleicht besser verstehen können, in Kontakt zu kommen, sprich einfach um neue Freunde zu finden. Ich probiere nette Schwule übers Netz kennen zu lernen (mailt mir), plane einmal eine schwule Jugendgruppe zu besuchen und werde mich dann irgendwann auch in die Schwulenszene Kölns wagen. Wenn ich dann jemanden treffe, der mir gefällt, kann ich mir zumindest darüber sicher sein, dass ICH vom richtigen Ufer komme. Zweierlei Dinge sind mir bei diesen Schritten wichtig. Erstens muss nicht alles im hau-ruck Verfahren gehen. Ich sage mir lieber spät Sex, wenn ich mir dafür dann auch sicher sein kann, dass mein Partner und ich nur machen, was uns gefällt. Ich habe nicht Lust auf alles, was man sich da so vorstellen kann. Zweitens möchte ich über meinen Eintritt in die Schwulenszene meine anderen Freunde nicht vergessen. Dafür sind die einfach zu nett und mir viel zu wichtig. Meinen zukünftigen Partner werde ich auf jeden Fall meinen Hetero-Freunden vorstellen. Unsere heutige Gesellschaft, vor allem die Jugend, ist meines Erachtens bereit für eine offenere Schwulenszene, und jetzt spreche ich eben nicht alle Tunten an, die geben sich ja sowieso total frei und offen, sondern die unzähligen Schwulen und Lesben, die ihr Leben lang ein Geheimnis daraus machen.

Ich werde ab und zu neue Informationen über die aktuelle Situation geben. Mal sehen, was da kommt. Wenn Ihr irgendwelche Fragen habt oder sonst etwas schreiben wollt: nur zu! Übrigens, auch wenn da wohl nie was draus wird, aber wenn das hier auch eine Lesbe lesen sollte, mail mir auch! Gleiches gilt für Heteros, die sich auf diese Seite verirren.

1. Nachtrag: Gestern ist mir etwas passiert, was mal wieder deutlich macht, dass der Graben zwischen Wunsch und Realität erst einmal überwunden werden muss. Ich war auf einem Konzert und schräg hinter mir steht doch glatt ein wirklich supersüßer Typ. Vorsätze hin oder her, das einzige, was ich die ganze Zeit gemacht habe, war, mich selber zu bedauern. Ich konnte mich schlichtweg nicht dazu durchringen, ihn auch nur anzusprechen. Wenn ich jetzt religiös wäre, würde ich wahrscheinlich Gott bitten, mir mehr Mut zu geben, aber dieser Mut muss schon aus mir selber kommen. Nächstes Mal!

2. Nachtrag: Mir ist aufgefallen, dass ich etwas Wichtiges vergessen habe: das Internet. Ich habe jetzt ca. seit eineinhalb Jahren meinen Internetanschluss. Vielleicht habe ich die Wirkung unterschätzt, die es auf mich hatte. Zum erstenmal konnte ich im Mantel der Anonymität meine Homosexualität gestehen. Ich habe den ein oder anderen schwulen Mailpal kennen gelernt. Schließlich habe ich (sogar) einen anderen Mailpal gefragt, ob er (zufällig) schwul sei, was er verneinte. Ich habe ihm dann aber gestanden, dass ich es bin. Das war dann sozusagen mein 0. Coming-Out.

Aufgeschrieben von Olly im Oktober 1999

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