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Coming-Out-Stories |
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Ich dachte lange Zeit, dass ich nicht schwul sein könnte. Ich hatte es nie anders gehört oder gelernt. Egal an was ich zurückdenke, meine Eltern, die Schule und damalige "Freunde". Immer hieß es Schwulsein ist nicht normal, es sei gar eine Krankheit. Lange Zeit versteifte ich mich auf den Gedanken mit einer Frau zusammenzusein. Doch das war nicht unbedingt ein schöner Gedanke. Ich stellte mir das immer wieder vor, ich und eine Frau. Dann hatte ich auch die Gedanken an Männer. Aber ich konnte mir nie vorstellen mit einem Mann alt zu werden. Und dann war da noch der Gedanke im Hinterkopf, dass es ja falsch sei. So hoffte ich immer wieder auf Beziehungen mit Frauen. Leider war ich damals, als diese Gedanken aufkamen noch sehr schüchtern und hielt mich für total hässlich. Auch durch meine Gedanken beeinflusst zog ich mich total zurück und wurde nur noch schüchterner!
Dann war meine Ausbildungszeit vorbei und der Zivildienst kam. Während dieser Zeit blühte ich langsam auf. Ich merkte, dass man mich braucht! Ich änderte meinen Kleidungsstil und dann auch mein Aussehen. Die Gedanken an Männer oder Frauen waren erst mal vergessen. Als ich mich in eine Frau verliebte, war der Gedanke ans Schwulsein völlig dahin. Doch leider merkte ich nach wenigen Wochen, dass das nicht das ist was ich wollte. Ich verwechselte Liebe mit Freundschaft. Das konnte ich ihr aber nicht sagen, ich hatte Angst. Angst auch vor meinen eigenen Gefühlen! Ich hatte ja keine Ahnung was mich wieder gefühlsmäßig so runterzog. Dass es die Homosexualität ist konnte ich nicht direkt erahnen.
Erst 3 Monate nach dieser Beziehung hatte ich mit 20 Jahren meinen ersten Freund. Er war Zivi im gleichen Altersheim, wie ich. Ich hätte mich nie getraut ihn anzusprechen. Wie gesagt ich erahnte nicht, dass ich scheinbar wirklich schwul bin. Ich mochte ihn zwar sehr gern und war immer sehr froh in seiner Nähe zu sein. Doch dass ich je mit ihm zusammensein würde, das erahnte ich nicht. Erst an unserem ersten gemeinsamen Abend verliebte ich mich wirklich in ihn. Er war in der gleichen Situation wie ich, er hatte noch nicht sein Outing! So hatten wir dies beide noch vor uns. Ja, dieses Coming Out, vor dem ich eigentlich die meiste Angst hatte. Ich wusste nicht wie jeder reagieren würde! Wie sollte ich es meinen Eltern sagen? Das war die wohl schwierigste Hürde. Und ich überlegte mir immer wieder wie und wann ich es ihnen sagen konnte. Es war zu disem Zeitpunkt ein schwerer Satz: "Hey, hör zu ich bin schwul!"
Zu aller erst nahm ich mir den Mut bei meinem Bruder zusammen. Ihn kannte ich am längsten und zu ihm hab ich das größte Vertrauen aufgebaut. Wir haben zwar eine sehr lockere Beziehung, reden selten über Liebe, wir verarschen uns eher gegenseitig. Aber das mag ich ganz besonders an ihm. Also saß er eines Tages im Auto neben mir. Ich war ganz nervös und überlegte mir, was ich sagen könnte. Irgendwann drehte ich dann doch das Radio leise und sagte: "Du, Andy, ich muss dir was sagen, ich bin schwul!" So und raus wars! Er reagierte nur mit "Na und?". Mehr kam nicht von ihm zu diesem Thema, eigentlich bis heute nicht. Er findet es nicht schlimm. Er hat mich auch immer damit geärgert, und immer wieder gesagt "Ach, du bist doch voll schwul!" Doch er ahnte es nicht, das waren nur Worte. Nie dachte er, dass es wahr ist!
Auch damals im Zug zur Klassenfahrt waren es nur Worte. Einige Mitschüler machten Schwulenwitze und deuteten auf mich. Ich war schockiert, es war damals das Schlimmste, was je jemand zu mir gesagt hat! Ich meine in Schüleraugen ist es ekelig und es sind Außenseiter. So fühlte ich mich in dem Moment. So rannte ich heulend aus der Kabine. Nach einiger Zeit haben sich alle entschuldigt und der Lehrer tröstete mich. So dachte ich nicht mehr darüber nach. Um kurz auf die Schulzeit zurückzzukommen. Damals mit 15 oder 16 Jahren hab ich mich schon in Jungs auf der Schule verliebt und nie Mädchen nachgeschaut. Aber ich hätte mich sicher niemals getraut, so einen Jungen anzusprechen. So verkroch ich mich langsam eben immer mehr in mein Schneckenhaus und wusste nicht was mit mir passierte! Auch im Schwimmbad oder so schaute ich immer Männern oder Jungs nach. Wohl wirklich erste Anzeichen dafür, dass ich schwul bin. Aber das habe ich erst viel später wirklich ernsthaft wahrgenommen.
Zurück zum Outing. Bei meinen Freunden war es eigentlich absolut kein Problem. Sie nahmen es meist super positiv auf und stellten es als selbstverständlich hin. Viele berichteten dann auch von ihren Erlebnissen mit Homosexualität. Zwischendurch konnte ich es auch meinen Kollegen sagen. Es war irgendwie richtig spannend geworden, wie jeder reagieren würde. Es machte mir immer mehr Mut. Jeder gab mir das Gefühl, dass ich nichts schlimmes mache. Und das war das, wovor ich soviel Angst hatte?
Oh ja, da fehlt ja noch jemand: meine Eltern. Ja irgendwann musste ich es sagen. Ich wollte nicht mit einem Geheimnis leben. So dachte ich, ich sage es erst meiner Mutter. Zu ihr hatte ich eben mehr Vertrauen und mit ihr redete ich auch in Vergangenheit immer über meine Probleme. Sie war grade vor dem Fernseher. Es war ein Nachmittag, an dem sie pflegte Talkshows zu schaun und dabei Kaffee zu trinken. Ich kniete mich neben sie, neben das Sofa und schaute sie ernst an. "Mami, ich muss dir was sagen. Ich bin mit einem Mann zusammen!" Gespannt auf ihre Reaktion starrte ich sie an. Sie blieb ganz ruhig und sagte erst nicht viel. Irgendwann an diesem Tag sprachen wir intensiv darüber und lange. Es gab fast jeden Tag ein Gespräch darüber. Sie konnte es nicht verstehen! Dabei wünschte sie sich noch Enkel und sie hatte Angst vor der Verwandtschaft und deren Reaktion. Außerdem warnte sie mich: "Sag es bitte noch nicht deinem Vater!" Er hatte halt erst mal genug andere Probleme, das verstand ich. Ich redete immer wieder mit meiner Mutter über das Thema und versuchte zu argumentieren. Irgendwann hat sie es halbwegs akzeptiert. Noch nicht richtig aber das kam später.
Irgendwann dachte ich, jetzt musst du es auch deinem Vater sagen. Ich hatte Angst. Mit ihm redete ich an sich nie über Gefühle und Probleme. Aber am Abend von Karfreitag nahm ich mir allen Mut zusammen und ging zu ihm in die Küche. Er machte sich grad Brot. Ich stellte mich neben ihn und sagte etwa folgende Sätze: "Du, ich muss es dir jetzt doch endlich auch mal sagen. Du kennst doch Michael, nun er ist nicht nur ein guter Freund, er ist mein fester Freund... ich liebe ihn. Okay?" Es kam keine Reaktion darauf. Auf die Frage ob er drüber reden möchte, schüttelte er den Kopf. Ich verließ die Küche und ging zu meiner Mutter und war erleichtert und erzählte ihr von meinem Gespräch und seiner Reaktion. Doch sie sagte nur, dass das kein gutes Zeichen sei. Und tatsächlich: Er redete kein Wort mehr mit mir, die ganzen Ostern. Erst Ostersonntag, am Abend, kam der Ausbruch und seine Gefühle explodierten. Harte Worte fiele, ich denke mit Schmerz an diesen Abend zurück. "Du hattest noch keine richtige Frau, ich werde nicht akzeptieren, dass du mit einem Mann zusammen bist. Beende das oder zieh aus!" Ich war schockiert, entäuscht und traurig. Ich fing an zu heulen und konnte nicht mehr aufhören. Ich konnte vor Tränen nichts entgegnen. Irgendwann verlies ich heulend die Wohnung und fuhr zu meinem Freund. Dieser tröstete mich erstmal und ich dachte ernsthaft daran auszuziehen. Ich überlegte mir, was ich machen könnte. Spät in der Nacht dann ein Anruf. Meine Mutter! Sie sagte, ich solle doch morgen mal vorbeikommen. Ich fragte mich was nun wieder ein könnte. So ging ich voller Gedanken am anderen Morgen zu meinen Eltern. Meine Mutter kam mir entgegen und fing mich schon ab und sagte den wohl chönsten Satz den ich bis heute in Erinnerung habe: "Michael, es ist uns egal ob du schwul bist, wir stehen hinter dir, auch dein Vater!" Ich musste wieder weinen. Ich war so froh. Wir umarmten uns. Sie muss wohl über Nacht nochmal mit meinem Vater geredet haben. Er selbst sagte ebenso einen ähnlichen Satz und ich war froh, dass das ein solch gutes Ende genommen hat und diese Hürde "Coming Out" beendet war!
Heute hab ich nun kein Problem mehr zu sagen, dass ich schwul bin. Wenn es zu einer solchen Unterhaltung kam und kommt würde ich nie abstreiten, dass ich homosexuell bin. Dass ich nun jemandem direkt auf die Nase binde, dass ich schwul bin muss nicht unbedingt sein. Ich meine das machen Heteros auch nicht: "Du ich lieb ne Frau, stell dir vor!" Nein. Irgendwann klebte ich mir dann die Regenbogenflagge aufs Auto als Zeichen dafür, dass ich schwul bin und damit kein Problem mehr habe.
Dann folgte die Homepage. Hiermit will ich anderen helfen, die zum Beispiel vor dem Coming Out stehen, ihnen Mut machen wenn es sein muss. Ich mache das gern und freue mich zu helfen. Das habe ich - und das werde ich auch in Zukunft tun.
Aufgeschrieben von Michael Fecher