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Es ist schon ca. 4 Jahre her, damals war ich Mitte 13, als ich merkte, dass mit mir irgendwas nicht stimmt.
Ziemlich schnell habe ich begriffen, dass ich zumindest nicht das bin, was die anderen sind. Ich habe eben nicht den Mädels, sondern den Jungs nachgeschaut. Damals war für mich der Gedanke, SCHWUL zu sein ein Ding der Unmöglichkeit. Aber irgendwie habe ich mich dann damit zurechtgefunden, dass ich ja vielleicht bi bin. Ich hatte damals ja noch keine Ahnung, was Schwul-Sein bedeutet. Auch ich kannte damals nur diverse Schimpfwörter und Klischees, zu denen ich nicht gehören wollte. Das Interessante ist, dass ich die ersten Schwulen auch "online" kennen gelernt habe, es aber damals weder von mir wusste, noch von ihnen.
Es war vor ca. 2 Jahren, als ich online 2 Jungs kennen gelernt habe und mich mit den beiden getroffen habe - ohne etwas von ihnen zu wissen. Sie haben es mir auch nicht gesagt. Ich habe es dann von jemand anderem erfahren und wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich war mir damals so sicher, ich würde es merken, wenn jemand schwul ist (das merkt man doch dann spätestens, wenn sie über einen herfallen?!). Danach folgte eine Nacht, in der ich so gut wie kein Auge zugetan habe und so verwirrt war wie noch nie. Der nächste Gedanke war dann allerdings schon: "Moment mal, die sind ja gar nicht so, wie ich gemeint habe. Wäre es schlimm, auch so zu sein?" So kam es, dass ich mich schon bald mit einem meiner beiden Bekannten unterhalten habe. Dieser war auch sichtlich überrascht, denn damit hatte er nicht gerechnet, dass ich mit diesem Gedanken spielen würde. Nun gut, es folgte eine lange Informationsphase, in der ich buchstäblich alles verschlang, was mit diesem Thema zu tun hatte, und von da an gab alles für mich viel mehr Sinn als vorher. Vielleicht war es nur das "Anderssein" als die anderen, aber was mir selber am besten getan hat, war, dass ich nun endlich zu mir selber stehen konnte.
Jetzt mag sich der Gedanke aufdrängen "Najaaaa, die beiden, von denen er gesprochen hat, haben ihn ja SCHWUL GEMACHT". Dazu kann ich nur sagen: Ich wusste es schon vorher und dieses Erlebnis hat mir damals wirklich nur geholfen, zu erkennen, dass nichts dabei ist, zu sein, wie man ist. Damals kam ich am Anfang noch nicht so gut damit zurecht.
Ich dachte, von nun an würde es mir auf die Stirn tätowiert stehen und jeder würde mich schief anschauen. Nach 2 Jahren habe ich gelernt, auf eine gewisse Art und Weise stolz darauf zu sein - nicht dass ich jetzt jeden mit "Hallo, ich heiße Michael und bin schwul" begrüße, aber viele Sachen sind für mich in meinem Umgang mit der Gesellschaft wesentlich leichter geworden. Ich hätte z.B. kein Problem damit, mit meinem Freund Hand in Hand durch die Stadt zu laufen.
In einem Satz: Ich nehme mir als Schwuler die gleichen Rechte heraus wie die Heteros. Ein langwieriges Thema an sich. Ich habe es ein gutes Jahr lang geschafft, es vor allen zu verstecken.
Im Nachhinein hat es mir nur Nachteile gebracht. Es war halt einfach schwierig, seinen Eltern zu erzählen, dass man 5 von 7 Wochentagen bei einem "Kumpel" übernachten will. Sicherlich ist mein Fall eher einer der seltenen, denn es gibt vermutlich viele Leute, die wesentlich besser schauspielern können als ich.
Kurzum, es kam der Tag, an dem mein Vater mich ziemlich unvorbereitet fragte "Würdest Du Dich als homosexuell bezeichnen?". Im ersten Moment ist man dann natürlich geschockt. Ich habe allerdings innerhalb von wenigen Sekunden die richtige Entscheidung getroffen, und es zu einem zögerlichen "Ja?" gebracht. Im Nachhinein wäre die Antwort "Nö, nicht homosexuell. Ich bin schwul!" vielleicht treffender gewesen, denn ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Wort "homosexuell" einen Hauch von der Bezeichnung einer Krankheit in sich trägt.
Die Zeit, die auf diesen Abend folgte (das war im Dezember 1996, nicht lange vor Weihnachten), war alles andere als leicht für mich. Entweder wurde die Sache totgeschwiegen oder wenn darüber geredet wurde, musste ich mir von meinem Vater ganz schlimme Sachen anhören wie "ICH würde meinen Schw*** nicht in die Sch**** stecken!" oder diverse andere Sachen. Argumente, die von mir kamen, wurden von vorneherein nicht als gültig betrachtet. Meine Mutter hielt mir immer vor, dass es mir egal sei, ob sie sich von der Gesellschaft denunzieren lassen müsste wegen mir.
Lange Worte, kurzer Sinn: Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis meine Eltern damit zurecht kamen. Noch heute kann meine Mutter nicht dafür gerade stehen. Warum weiß ich nicht. Sie hat mir neulich erzählt, als sie mit meinem Vater aus dem Urlaub zurück kam, dass sie dort von jemandem zum Thema "schwul" den Kommentar "Ja Pfui Teufel" gehört hätte, und dabei ging es nicht um mich. Sie wollte mir damit zeigen, dass die Gesellschaft damit immer noch nicht zurecht kommt. Darauf habe ich sie nur gefragt, warum sie nicht zu mir steht, und etwas dagegen gesagt hat. Gerade als Frau steht man ja nicht in der Schusslinie, selbst als schwul deklariert zu werden. Sie sieht es immer noch nicht ein.
Ich glaube, ein sehr großer Schritt war ein Ereignis vor einigen Tagen, als mein Freund unsere 5-monatige Beziehung beendete, von der meine Mutter wusste und die sie sehr gut akzeptierte. Als ich da so hilflos weinend und vor Kummer nicht mehr weiter wissend in ihren Armen lag, hat sie zumindest endlich verstanden, dass Liebe nichts mit Sexualität zu tun hat. Auch jetzt leide ich noch sehr unter dieser Trennung, und meine Mutter steht mir bei, wo sie nur kann. Meine Geschichte hat also das, was man als "Happy Open End" bezeichnen kann.
Aufgeschrieben von Michael im November 1997