Coming-Out-Stories

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Matthias vom GayStation-Team

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Wir saßen draußen auf dem Balkon und ließen uns von den letzten lauwarmen Sonnenstrahlen streicheln. Die Zeit war an diesem Nachmittag viel zu schnell vergangen. Ich hatte Klaus seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen und wir hatten uns so viel zu erzählen. Seit unserer gemeinsamen Schulzeit waren inzwischen einige Jahre ins Land gezogen und jeder von uns beiden hatte sich in eine völlig andere Richtung weiterentwickelt.

Plötzlich kam die Frage, die ich schon den ganzen Nachmittag mit Spannung erwartet und irgendwie ein wenig gefürchtet hatte:

"Und, wie läuft's mit der Liebe?" Klaus nippte vom Weinglas und sah mich erwartungsvoll an.

"Na ja, tut sich nicht viel zur Zeit.", antwortete ich und spielte unschuldig mit der Tischdecke.

"Hör' mal, hier laufen doch massenweise hübsche Frauen 'rum, da wird sich doch eine finden!"

Jetzt war der Zeitpunkt der Wahrheit gekommen. Ich spielte in Gedanken alle Variationen meiner möglichen Entschuldigungen und Erklärungen durch. Aber warum? Kann ich nicht zu meinem Leben stehen?

"Äh, ich hab's nicht so mit Frauen..." Ich ließ die Tischdecke los und schenkte Klaus und mir noch etwas Wein nach.

"Wieso? Findest Du neben Deiner Arbeit etwa keine Zeit für Romanzen?" Klaus wirkte verständnislos.

"Das ist nicht das Problem! Ich hab's nicht so mit FRAUEN!" War das deutlich genug für Klaus? Ich hielt fast den Atem an und hoffte, er würde meinen Wink verstehen.
Klaus hielt nun seinerseits fast den Atem an und sah mich großen Augen an.

"Oh! Was dann? Männer? Tiere? Kinder? Computer?" Klaus grinste mich an.

"Das erste: Jungs!" Ich grinste zurück. Klaus hatte gut gekontert. Das hätte ich gar nicht von ihm erwartet!

"Na ja, ist ja okay!" Klaus versuchte mir zu zeigen, dass es für mich keinen Grund zur Verlegenheit gab. "Seit wann?", bohrte er jetzt nach, weil ihn das ganze wohl doch neugierig gemacht hatte.

"Eigentlich seit meiner Zeit im Internat. Da ist zwar nichts 'gelaufen' außer den üblichen pubertären Spielchen, aber zu der Zeit habe ich immer mehr gemerkt, dass mich Mädchen nicht und dafür Jungs um so mehr interessieren."

Ich war ein wenig erleichtert, weil ich mit Klaus offensichtlich ganz ungeniert über meine Gefühle reden konnte. Er hörte mir interessiert zu, ohne diesen "Hilfe! Ich rede mit einem Perversen!"-Blick.

"Und wann hast Du es dann zum ersten Mal wirklich ausprobiert?" Jetzt hatte Klaus Blut geleckt. Er wollte jetzt wirklich alles wissen.

"Ich hatte mit 18 mein erstes Erlebnis mit einem etwas älteren schwulen Pärchen in München, das ich auf einem Flohmarkt kennen gelernt habe. Die beiden haben mich zu sich eingeladen, wir haben uns schwule Porno-Videos angesehen und irgendwann haben beide angefangen, mich zu begrapschen. Als Dummchen vom Land hab ich das Spiel mitgespielt, obwohl die beiden wirklich nicht nach meinem Geschmack waren. Aber meine Neugierde war einfach stärker. Letztendlich war das ganze für mich eher ein Horrortrip, aber an meiner Neigung hat sich deswegen natürlich nichts geändert."

Ups! Bin ich ein kleines Plaudermäulchen? Ich erzähl' hier meine intimsten Erlebnisse... Aber Klaus sah mich ganz erwartungsvoll mit großen Augen an. Also nahm ich noch mal einen kräftigen Schluck Wein und erzählte weiter.

"Seit dem, das ist jetzt sechs Jahre her, hatte ich, wenn ich mich da mal mit anderen vergleiche, eigentlich recht wenige Erlebnisse, aber darauf bin ich ein wenig stolz. Ich möchte mich einfach für denjenigen 'aufheben', bei dem ich denke, er ist der Richtige."

"Wie ist das denn mit Deinen Eltern? Wissen die bescheid?" Ich merkte, wie Klaus in Gedanken alle Konsequenzen meines Geständnisses durchspielte.

"Ich war 16, als ich meinen Eltern von meinen Gefühlen erzählt habe. Meine Mutter hat das ganze gleich auf Anhieb ganz gut weggesteckt. Damals dachte sie vielleicht, diese 'Phase' würde sich wieder legen. Mein Vater meinte: 'Du hast es ja noch gar nicht anders probiert!' (Er meinte, mit einem Mädchen). Ich konterte: 'Du ja auch nicht!' und meinte 'mit einem Mann'. Er war ein bisschen beleidigt, sagte dann aber: 'Stimmt.' Damit war das Thema dann eine ganze Weile erledigt, weil sich ja bei mir auch nichts in der Richtung entwickelte. Inzwischen ist es so, dass sich meine Mutter bei jedem Telefonat, das ich mit ihr führe, nach meinem Liebesleben erkundigt und mir richtig süß Tipps gibt, wenn ich mal irgendwo nicht weiter weiß. Ich habe auch schon einmal mit einer meiner wenigen Affären eine Nacht zuhause verbracht. Meine Mutter hat uns dann am nächsten Tag Frühstück gemacht und uns ganz selbstverständlich als Paar gesehen. Ich denke, sie käme mit einem 'Schwiegersohn' ganz gut zurecht. Sie hat mir aber gesagt, dass mein Vater, obwohl er mir gegenüber höchstens mal ein mahnendes Wort bezüglich AIDS verlor, für sich selbst immer noch nicht ganz klarkommt mit meiner Homosexualität."

Klaus wirkte, als hätte ich ihm gerade erklärt, die Erde sei ein Würfel. Irgendwie versuchte er verzweifelt, den Begriff 'Homosexualität' mit meiner Person in Einklang zu bringen.

"Wer weiß es noch aus Deinem Bekanntenkreis?"

"Ich bin immer ganz offen mit diesem Thema umgegangen. Schließlich gehört es zu meinem Leben, wie bei anderen vielleicht das Fußballspielen. Es war nicht gerade so, dass ich mich mit 'Hi, ich bin Matthias. Ich bin schwul.' vorgestellt hab', aber es war schon immer eines der für mich ganz wichtigen Themen. Irgendwie bin ich stolz auf meine 'kleine Besonderheit'.
In meinem Bekanntenkreis weiß es eigentlich jeder. Auch meine Kollegen in der Firma wissen davon. Mit fällt da ganz besonders auf, dass sie immer wieder in einer ganz lieben und netten Weise Scherzchen über dieses Thema machen. Da fällt mir gerade eine kleine Anekdote dazu ein:

Ich war bei einem Kunden und hatte eine Schulung gehalten. Dementsprechend lief ich danach fein herausgeputzt mit Anzug und Krawatte durchs Büro. Mein Teamleiter meinte, als er mich so sah:
'Der Stolz jeder Schwiegermutter - bis sie merkt, dass er nicht ihre Tochter sondern ihren Sohn will!'

Ich find' das einfach lieb, weil ich merke, dass das kein Tabuthema ist und jeder locker damit umgeht."

Es machte mir Spaß, Klaus von meinem Leben zu erzählen. Es interessierte ihn ungemein und ich spürte, dass er förmlich nach Einzelheiten lechzte.

"Wie war denn die allgemeine Reaktion, wenn Du über dieses Thema und Deine Neigungen gesprochen hast?" Versuchte Klaus gerade, seine Reaktion an einer Meßlatte einzustufen?

"Ich hab' eigentlich NIE eine blöde Bemerkung zu hören bekommen. Ich hab' immer wieder die Erfahrung gemacht, je offener Du über dieses Thema sprichst, desto offener wird es aufgenommen. Ich denke, wenn man seine Neigungen ständig verleugnet und zu verstecken versucht, wird man, wenn es irgendwann doch 'rauskommt, um so mehr dafür mit zynischen und abfälligen Kommentaren bestraft. Wenn man aber mit Stolz seine eigene Lebensart verteidigt, traut sich niemand, darüber herzuziehen."

Aufgeschrieben von Matthias im August 1996

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