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Coming-Out-Stories |
GayStories/GayOut |
So, jetzt sitz' ich hier und will meine Coming-Out-Geschichte mal zu Papier bringen. Das Problem: Wo soll ich anfangen? Na, am besten von ganz vorne...
Dass ich schwul bin, weiß ich eigentlich schon, seit ich denken kann. Ich interessierte mich seit meiner Pubertät nur für Jungs. Die vergangenen Jahre verbrachte ich damit, mein "anders sein" mehr oder weniger zu unterdrücken. Ich durchlief in diesen Jahren die unterschiedlichsten Phasen.
Da war natürlich die "Oh Gott, ich bin schwul" -Phase. Ich wusste, ich sei schwul, konnte daran nichts ändern, und es nervte mich, dass ich anders war als die anderen.
In einer anderen Phase dachte ich mir oft, dass ich mich zwar nur für Männer interessiere, aber das würde schon vorübergehen, wenn ich mal die erste vernünftige heterosexuelle Beziehung einginge. Der Fall sollte allerdings nicht eintreten und wird es auch wohl nicht mehr!
Dann die dritte, die "notgeile" Phase, in der ich auf die seltsamsten Wege versuchte, irgendwie einen Freund zu bekommen, beispielsweise durch Kontaktanzeigen. Doch diese Versuche verliefen leider nicht sonderlich erfolgreich.
Die vierte und letzte Phase war die "Ignorier" Phase, in der ich einfach nicht über meine sexuelle Neigung nachdachte.
Das große Problem in dieser Zeit war, dass ich zu niemanden soviel Vertrauen hatte, dass ich mich ihm gegenüber geoutet hätte. Gerade deswegen habe ich auch nie recht darüber nachgedacht, mich zu outen. Ehrlich gesagt hatte ich es auch überhaupt nicht vor.
So richtig spannend wurde es dann im Sommer '95. Meine drei besten Freunde und ich saßen zusammen und wir waren "sehr gut drauf" (warum auch immer, aber das ist jetzt egal). In der Fernsehserie "Roseanne" hatten wir ein Spiel gesehen, das hieß "Wahrheit oder Risiko". Man musste zwischen "Wahrheit" oder "Risiko" auswählen. Wählte man "Wahrheit", dann wurde einem eine meist pikante Frage gestellt, und die musste man dann auch beantworten. Wählte man "Risiko", musste man eine peinliche oder völlig unsinnige Aktion ausführen.
Tja, und irgendwie stellten wir uns dann gegenseitig die Frage, ob wir uns Beziehungen mit dem gleichen Geschlecht vorstellen könnten. Ich sagte einfach "ja", vielleicht deswegen, weil schon zwei andere "ja" sagten.
Als nächstes kam dann natürlich, wer denn tatsächlich schon ein gleichgeschlechtliches Erlebnis hatte. Auch da stimmte ich dann einfach zu, weil mir zu dem Zeitpunkt alles egal war (Hmm, warum wohl?!) und hab auch gleich hinzugefügt, dass ich bisexuell bin, was allerdings beides nicht stimmte.
Dummerweise waren wir alle so "verpeilt", dass sich später niemand mehr an mein Outing erinnern konnte. Doch das merkte ich erst bei meinem zweiten und richtigen Outing. Ich hab mich schon gewundert, warum nach meinem ersten "Outing Versuch" niemand mehr das Thema anschnitt, was auch nicht verwunderlich war, wenn sie es alle wieder vergessen hatten.
Nun zum Zweiten Versuch, der eigentlich nicht beabsichtigt war und mehr zufällig passierte. Ich muss jedoch ein wenig weiter ausholen.
Ich habe einen Bekannten, Matthias, der seit längerer Zeit schon offen schwul lebt. Matthias zog vor einem Jahr nach München. Irgendwann besuchte er mit einem Freund, Berti, seine alte Heimat. Ein sehr guter Freund von mir, Markus, sagte mir ca. 4 Wochen nach diesem Besuch, dass er von Matthias wüsste, dass Berti ein Auge auf mich geworfen hätte. Ich habe ihm dann gesagt er solle Berti einen "ganz lieben" Gruß von mir ausrichten.
Im März fuhren meine drei Freunde/in und ich nach München, um Matthias zu besuchen. Damals ging ich das erste mal schwul fort (und es hat mir echt gut gefallen!). Wir trafen auch Berti.
Ich habe damals keinen Hehl daraus gemacht, dass auch ich auf Berti "scharf" war. Und irgendwie, ohne es ausdrücklich gesagt zu haben, war ich plötzlich geoutet. Wir haben über Berti und mich geredet als wüssten sie es schon immer und als wäre es ganz normal (ist es ja auch, oder?!).
Das war alles irgendwie ganz komisch, denn ich stellte mir das Coming Out immer ganz anders vor. Mehr so: Ich stelle mich hin und sage "Du, ich bin schwul", worauf meinem Zuhörer die Kinnlade runterhängt. Aber so war es bei mir nicht! Manchmal kommt es mir so vor, als ob das ganze irgendwie telepathisch über die Bühne ging: Keiner hat darüber ein Wort verloren, doch alle wussten es und keiner hatte damit ein Problem. Das war auch gut so.
In den folgenden Tagen führte ich stundenlange Gespräche mit Matthias, der inzwischen zu meinen besten Freunden zählt. Und ich muss sagen, diese Gespräche über die schwule Thematik haben mir echt viel gebracht (Matthias, wenn du das liest: NOCHMALS VIELEN, VIELEN DANK FÜR ALLES!). Doch auch das Verhältnis zu meinem Freund Markus hat sich irgendwie ein wenig geändert. Seit dem Zeitpunkt unterhalten wir uns nämlich auch über "alles", was vorher eigentlich nicht der Fall war, dass wir uns über intimere Sachen unterhalten.
Aus der Sache mit Berti wurde nichts, aber das hat mich eigentlich nicht sonderlich gestört, weil ich seit dem einem Tag in München ein dauerhaftes Glücksgefühl empfinde. Ich glaube nicht, dass sich ein Hetero darüber freut, dass er so ist wie er ist. Ich jedenfalls bin echt ziemlich froh, dass ich schwul bin und nicht hetero. Je mehr ich drüber nachdenke, desto besser geht es mir.
Und wie ging's weiter? Ich habe seit zwei Monaten einen festen Freund und werde im November nach München ziehen, weil es sich da als Schwuler besser lebt.
Tja, jetzt fehlt mir noch irgendeine schlaue Schlussbemerkung....
Ach ja, meine Eltern. Meinen Eltern werde ich es in nächster Zeit nicht sagen,
schließlich sehe ich sie sowieso ziemlich selten und ich weiß irgendwie, dass
es für sie besser ist, wenn sie es nicht wissen. Trauen würde ich mich wohl schon
(ha, glaub ich wenigstens).
Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, dass ich in München ein viel freieres Leben führen werde, als ich es bis jetzt hatte.
Für alle, die sich noch nicht geoutet haben: Einfach tun, ihr werdet es nicht bereuen und ich hoffe, dass ihr genauso glücklich werdet wie ich.
Aufgeschrieben von Markus im Juli 1996