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Coming-Out-Stories |
GayStories/GayOut |
Da ich mein Coming Out bestenfalls als "Coming Out der kleinen Schritte" bezeichnen kann, hab' ich mich entschlossen, meine Geschichte in vier Kapitel zu packen. Ein "Rumms-Bumms" Coming Out hat bei mir also nicht stattgefunden - statt dessen gab's eher ein behutsames "Coming Out Light". Wie ich jetzt im Rückblick über meine Vorgehensweise denke, dazu werd' ich mich im letzten Kapitel äußern. Angefangen hat es aber so...
Wenn sich bei einem braven Beamtensohn aus dem oberbayerischen Voralpenland so zwischen dem zwölften und vierzehnten Lebensjahr die Natur mit einem Update meldet und ihm die Scham behaart, die Stimme senkt und seine Säfte fließen lässt, dann gibt sie diesem Knaben in der Regel auch unkeusche Gedanken mit auf den Weg und sein Blick beginnt den ebenfalls aufgerüsteten Beamten- oder sonstigen Töchtern zu folgen. Nun, so war's bei mir größtenteils auch - wenn auch mit einem entscheidenden Unterschied. Während die Mädels es irgendwie nicht schafften, den Fortpflanzungstrieb in mir zu wecken, waren die Jungs um so erfolgreicher, den Sexualtrieb in mir zu schüren. Natürlich fand mein Triebleben erst mal nur in meiner Phantasie oder im stillen Kämmerlein statt und ich hab' mir damals eigentlich gar keine größeren Gedanken über meine Neigungen gemacht. Das Wort "schwul" kannte ich eigentlich nur in Verbindung mit dem Wort "Sau", so wie es die meisten meiner Mitschüler halt gebrauchten und Annäherungsversuche des weiblichen Geschlechts habe ich meist durch Vortäuschen von Unreife abgewehrt. Unser Biobuch sprach noch dazu von einer eventuell auftretenden homosexuellen Phase im Heranwachsen des verwirrten Jünglings und beschrieb sogar verruchte Dinge wie mutuale Masturbation. Aber von so etwas träumte ich ja schließlich immer nur, getraut hätte ich mich das damals ja nie. Also wird's schon irgendwann vorbeigehen, dachte ich mir, während ich fleißig die nackten Kerls aus der "Neuen Revue" ausschnitt. Nun dauerte die "Phase" mit Sechzehn immer noch an und langsam wurde mir klar, dass ich mich mit dieser "Phase" wohl besser anfreunden muss. Trotzdem kam 's bei mir aber nie zu Schrecken und Verzweiflung, denn dafür empfand ich meine sexuellen Gefühle als viel zu schön und der Gedanke an Hetero-Sex war mir einfach zu absurd. Für den Rest meiner Schulzeit übte ich mich schließlich in der Rolle des "stillen Genießers". Wie jeder gute Schwule war ich natürlich in einige meiner Klassenkameraden verschossen und die absolute Erfüllung stellte es für mich in meiner Geilheit schon dar, mal einen meiner Angebeteten nach dem Sport nackt zu sehen. Alle Jungs, in die ich mich damals verknallte, hatten aber feste Freundinnen und ich hab' mich aus lauter Nervosität nie getraut, die Nähe oder Freundschaft eines meiner Traumprinzen zu suchen. Kurz und gut, während meiner Schulzeit wurde mir zwar klar dass ich schwul bin, aber irgendwie traute ich mich noch nicht, diese Tatsache auch rauszurücken. Es war einfach zu bequem, nicht anzustoßen und mit dem Strom zu schwimmen.
Nun konnte ich mich ja nicht ewig blöd stellen und jedes Mal, wenn über Mädchen geredet wurde, krampfhaft das Thema wechseln und über Autos reden. Meine (Hetero-) Freunde rochen den Braten wahrscheinlich schon länger, wollten mich aber nicht mit meiner scheinbar fehlenden Sexualität konfrontieren. Als aber kurz nach dem Abi beim traditionellen samstäglichen Weggehen das Gespräch wieder auf die Weiblichkeit kam, sagte ich, wahrscheinlich durch den Genuss einer Halben Bier gestärkt, dass mich das Thema halt nicht interessiert. Geplant war diese Äußerung zwar nicht, aber gerade deshalb fiel sie mir wahrscheinlich so leicht. Mein "Outing" wurde eigentlich nur mit Sprüchen wie "Des hamma aa scho g'spannt" und "Hosd nacha wenigstens an Freind?" kommentiert. Tiefsinnige Gespräche über Homosexualität und Gesellschaft folgten an diesem Abend nicht, das kam dann erst später in beschaulicherer Atmosphäre. Es wurde ganz einfach ein stinknormaler Samstagabend daraus - mit allem, was die Provinz so zu bieten hat. Für meine besten Freunde war mein undramatisches Coming Out also nur die Bestätigung ihrer Vermutungen, während sich bei mir ein tagelang anhaltendes Glücksgefühl einstellte. Ich genoss es ungemein, mich jetzt im Beisein meiner Freunde ganz unverblümt nach den Burschen umdrehen zu können und das hab' ich dann auch fleißig praktiziert. Als das Einfachste erschien es mir auch, jedem meiner Freunde mein Outing ausdrücklich zu erlauben und im Verlauf der letzten Jahre musste ich mich deshalb nur wenigen gegenüber selbst outen. Von den meisten meiner Bekannten kamen früher oder später Bemerkungen wie "Du, ich hab' gehört Du bist schwul", was Negatives war aber nie dabei und keiner meiner Freunde hat mich auf einmal schief angeschaut. Das schwule Liebesglück blieb mir in der Rosenheimer "Szene" jedoch versagt (außer ein paar Techtelmechteln am örtlichen schwulen Badestrand vielleicht - ja, so was gibt's da wirklich!).
In meiner Familie wusste nun aber immer noch keiner über meine Sehnsüchte Bescheid und obwohl ich von denen eigentlich die wenigsten Probleme mit meinem Schwulsein erwartete, kam es einfach zu keiner Aussprache. Zuhause war somit auch der einzige Ort, an dem ich noch Theater spielte. Scheinbar hatten sie's halt irgendwie noch nicht aus anderer Quelle erfahren und nachdem mein drei Jahre älterer Bruder - obwohl erwiesenermaßen hetero - damals auch noch keine feste Freundin hatte, war es für mich scheinbar legitim, nicht ständig für jedermann ersichtlich den Frauen hinterherzulaufen. Nach ein paar abgebrochenen Studiengängen und zwar ziemlich offenem, aber unerfülltem schwulem Leben bekam ich schließlich Anfang '94 ein Volontariat bei einer kleinen Zeitung in der Nähe von San Francisco angeboten. Wild entschlossen, mich jetzt ins richtig schwule Leben zu stürzen, ging ich also erst mal nach Kalifornien. Als so verrucht, wie ich dachte, erwies ich mich dann zwar doch nicht, hatte aber innerhalb kurzer Zeit einen fast ausschließlich schwulen Freundeskreis, arbeitete mit schwulen Kollegen, genoss das Leben im Castro und fühlte mich bald als die Norm und nicht mehr als Angehöriger einer Minderheit. Es dauerte auch nicht lange und ich war in meiner ersten richtigen Beziehung. Nachdem die ganze Welt für mich nun schwul zu sein schien, meldeten sich schließlich meine Eltern zu Besuch an und irgendwie musste ich sie nun auf meine bessere Hälfte vorbereiten. Erst eine Woche vor ihrem Abflug aus Deutschland rang ich mich schließlich dazu durch, ihnen einen Brief mit allen Details zu schreiben. Die Tage vor der Ankunft meiner Eltern ging es mir jetzt zum ersten Mal so, wie es wahrscheinlich den meisten Schwulen beim Schritt zum Coming Out geht. Ich war mir plötzlich vollkommen unsicher, wie sie mich als ihren nun "auf einmal" schwulen Sohn behandeln würden. Die Freude auf ihre Ankunft - schließlich hatte ich sie mehr als ein Jahr nicht gesehen- überlagerte das Ganze und erzeugte einen unglaublich mulmigen Gefühlscocktail in mir. Mein Freund Loren war einfach nur gespannt darauf, meine Eltern zu treffen und sah der Sache deshalb wesentlich cooler entgegen. Schließlich verlief alles besser als ich es mir je geträumt hätte. Meine Eltern hatten meinen Brief gelesen und waren viel gespannter darauf, ihren "Schwiegersohn" kennen zu lernen und mich wiederzusehen, als sich um irgendwelche sexuellen Orientierungen zu kümmern. Loren und meine Eltern verstanden sich auf Anhieb und von einer Hemmschwelle konnte gar keine Rede sein. Also fast so etwas wie schwules Familienglück. In Kalifornien kam es nun endlich zu jenen langen Gesprächen über mein Schwulsein, die schon so viel früher gut getan hätten; durch die so verständnisvolle Reaktion meiner Eltern fühlte ich mich nun eher schuldig, dass ich sie so lange hingehalten hatte. Zurück in Deutschland bin ich jetzt fast so was wie stolz auf mein Schwulsein und ich bin wesentlich eher bereit meinen Mund aufzumachen und zu kämpfen wenn's um meine Ehre geht. Nur von wenigen weiß ich, dass sie von meinem Schwulsein keinen Schimmer haben. Insbesondere respektiere ich die Entscheidung meiner Eltern, einige der betagteren Familienmitglieder "vor dem Herzinfarkt zu bewahren".
Ich werde mich auf immer und ewig darüber ärgern, dass ich die Zeit meines "sexuellen Erwachens" mit Träumereien verplempert habe. Ich hätte damals schon handeln sollen und frag' mich heute oft, wie viele meiner Mitschüler wohl auch schwul waren und genauso gefühlt haben wie ich (und ein paar waren mit Sicherheit dabei!). Auch wenn mein Coming Out nicht unbedingt zum frühesten Zeitpunkt stattgefunden hat, so war ich selbst wenigstens immer glücklich mit meinem Schwulsein und hab' nie die Ablehnung anderer erfahren müssen. Dass dies nicht immer die Regel ist, weiß ich leider aus meinem eigenen Freundeskreis. Trotzdem war für alle der Schritt zum Coming Out und nicht die Lebenslüge der richtige Weg. Dass ich mich nicht schon viel früher meinen Eltern und meinem Bruder gegenüber geoutet habe, das lässt sich wohl nur mit meiner Unreife erklären. Sie hätten 's jedenfalls verdient gehabt, die Wahrheit schon viel früher zu erfahren und da tut mir mein Verhalten auch leid. Nun, nach San Francisco muss keiner ziehen um mit sich ins Reine zu kommen. Besser ist's, wenn man sich mit den Realitäten seiner Heimat zurechtfindet und mithilft, dort vielleicht so was wie ein "kleines San Francisco" zu schaffen.
Und die Moral von der Geschicht'?
Wie auch sonst so oft bin ich also auch bei meinem Coming Out den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Funktioniert hat's aber ganz gut. Also raus mit der Wahrheit und schwul glücklich sein, sobald man's schnallt! Das tut halt einfach sooo viel besser als die schlimmsten Konsequenzen weh tun könnten.
Viel Glück und vor allem Spaß beim Schwulsein!
Aufgeschrieben von Jan Riedel im Dezember 1996