Coming-Out-Stories

GayStories/GayOut

Dirk aus Sachsen

Foto von Dirk

Über sieben Ecken...

Aller Anfang ist schwer, noch dazu wo es eine ganze Zeit zurückliegt... Aber ich muss so weit ausholen...

Aber erstmal etwas über mich. Ich heiße Dirk, bin 29, und lebe in Sachsen, genauer im schönen Vogtland. Ich habe seit kurzem einen gaaaanz lieben Freund. Aber dazu später mehr.

Eigentlich hätte ich schon mit 14 merken müssen, dass ich von Jungs irgendwie mehr halte. Ich hatte damals einen guten Freund im Chor – ja ich singe... und zwar seit mittlerweile mehr als 20 Jahren – und wir waren im Sommer, wie jedes Jahr, im Chorlager. Und wir wohnten natürlich wie immer zusammen in einem Zimmer. Eines Nachts haben wir aus irgendeiner Laune heraus angefangen, uns überall anzufassen. Ich fand das irgendwie total genial. Aber ich konnte es nicht mal ansatzweise einordnen. Und das es etwas mit dem Wort "schwul" zu tun haben könnte, kam mir auch nicht in den Sinn. Letztlich kannte ich keinen einzigen Schwulen und der Begriff als solcher, mit allem was dranhängt, war mir auch nicht klar.
Dieses Erlebnis blieb aber immer meinem Hinterkopf. Auch viel später noch, als ich längst wusste, was schwul heißen kann, dachte ich oft an dieses Erlebnis.

Und dann kam die Zeit, als es sich für einen Jungen meines Alters (war so um die 16) gehörte, seine erste Freundin zu präsentieren. Und ich konnte dem allgemeinen nicht widerstehen und fand auch ein ganz nettes Mädchen. Wir waren oft zusammen, schmusten viel, aber mehr war von meiner Seite einfach nicht drin. Von Sex ganz zu schweigen. Aus einem für mich nicht ersichtlichen Grund hatte ich nicht das allerkleinste Bedürfnis danach. Hätte mir zu denken geben müssen... hat es aber nicht.

So richtig genial fand ich dieser Zeit die Bravo. Die brachte mir meine Oma immer aus dem Westen mit, im Osten hatten wir ja keine Chance an sie ranzukommen. Und die Boygroups hatten es mir am meisten angetan. An den tollen Postern hielt ich mich stundenlang fest. Fand das unheimlich toll. Und erst die Fotos, wenn die Jungs mit nacktem Oberkörper abgelichtet wurden. Mir hätte auch da wieder aufgehen müssen, dass ich anders war. Aber nein, keinen Schimmer hatte ich.

Und so lief es immer weiter. Jahrelang. Schaute den Kerlen hinterher und hatte immer eine Freundin, mit der absolut nichts lief. Bis ich dann 1993 meine letzte Freundin kennen lernte. Ich habe sie über alles geliebt. Und ich habe sie auch heute noch unheimlich lieb. Wir waren insgesamt 9 Jahre zusammen. Mit allem drum und dran. Und wir haben geheiratet. Vor reichlich drei Jahren. Und sind es noch. Allerdings nicht mehr lange...

Vor fünf Jahren hatte ich dann meines erstes richtiges Erlebnis. Ich wurde vom Zivildienst aus zu einem Lehrgang geschickt. Und dort saßen alle Zivis am ersten Abend in der Kneipe an diversen Tischen. Ich zusammen mit noch drei Jungs an einem kleineren Tisch. Und einer der Zivis, er hieß Wolfgang, sagte doch gleich am Anfang des Abends folgendes: "Also Jungs, nur dass ihr Bescheid wisst, ich bin schwul". Bums. Ich konnte es nicht glauben. Doch meine Empfindungen sollten noch mehr durcheinander geraten. Denn plötzlich kam es aus allen Ecken: Ich auch, ich auch, ich auch. Der Oberhammer. Lauter tolle Jungs und ne Menge davon war schwul. Und die drei an meinem Tisch, wie konnte es anders sein, waren natürlich alle schwul. Es hört sich ziemlich lachhaft an. Aber genauso ist es abgelaufen. Witzigerweise fühlte ich mich bei den dreien unheimlich wohl. Und zu Wolfgang hatte ich sofort einen super Draht. Er schien zu merken, dass ich anders war, als die anderen Jungs. Obwohl ich mich an dem besagten Abend nicht als schwul bezeichnet hatte. Wir verbrachten drei tolle Tage als gute Freunde zusammen, gingen fort und hatten unseren Spaß. Am dritten Abend dann passierte es. Wir waren in seinem Zimmer und er hat mir vieles gezeigt, was ich so nicht kannte, aber als wunderschön empfand. Die restliche anderthalb Woche des Lehrgangs waren wir dann unzertrennlich. Nur am Ende mussten wir uns trennen, denn er wohnte ziemlich weit weg von meiner Heimatstadt. Aber der Kontakt ist nie ganz abgerissen.

Ich kam also wieder nach Hause zu meiner Freundin und lebte weiter mit ihr zusammen. Nach diesem Lehrgang habe ich mir allerdings das erste Mal Gedanken darüber gemacht, was mit mir los ist. Und ich merkte, dass mir beide Seiten durchaus Spaß bereiteten. Sowohl Männer als auch mein Freundin empfand ich als durchaus sehr erotisch. Ich war also bisexuell.

Ich hatte oft die Gelegenheit, meine Neigungen auszuleben. Und viele meiner Freunde wussten davon. Keiner hatte ein Problem damit. Einzig meine Freundin und spätere Frau wusste nichts. Denn ich konnte und wollte es ihr nicht sagen. Erstens wollte ich sie nicht verlieren und zweitens niemals weh tun.

So ging das nun bis zum Mai diesen Jahres. Und ich merkte nicht mal, wie ich mich damit kaputt machte. Mich und unbewusst auch meine Frau. Es kam dann nämlich der Zeitpunkt, wo meine Frau eigentlich Kinder wollte. Und ich hatte nur noch vor Augen, dass dann mein Leben plötzlich ganz anders sein sollte. Fühlte mich mit meinen 29 noch viiiiel zu jung für Kinder. Und auch nicht der Verantwortung gewachsen.

Mir ging es ziemlich mies. Ich war nur noch auf der Flucht. Vor meiner Frau, unserer Wohnung, vor allem, was normal erschien. Ich war nur unterwegs, mit Freunden, Bekannten. Hauptsache weg. Ich fand einige Möglichkeiten, mein Verlangen nach Männern zu stillen. Mehr als je zuvor. Und das konnte so nicht ewig gehen.

An einem Sonntag im Mai wachte ich morgens auf und hatte das seltsame Gefühl, die Welt plötzlich aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen. Ich lief herum, als wäre ich in einem Käfig gefangen und nur auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit.

Ich fuhr zu meiner Mam. Ihr hatte ich schon vor zwei Jahren mal so im Vorbeigehen erzählt, dass ich auch auf Männer stehe. Aber trotzdem mit meiner Frau zusammenbleiben wolle, denn ich liebte sie schließlich. An diesem besagten Sonntag nun kam ich fix und fertig bei ihr an. Ich stammelte ihr vor, was mich bedrückte. Dass mich mein jetziges Leben erdrückt, dass ich so nicht mehr weiterleben kann, dass ich mich von meiner Frau trennen will, dass ich allein leben möchte – und dass ich nur noch mit Männern leben möchte.

Ich hätte mir ja eigentlich denken können, dass es meine Mam wie ein Schock traf, aber ich dachte in dem Moment nur an mich und meine Probleme. Nach einer kurzen Weile hatte sie sich wieder gefasst. Sie hätte sich so etwas schon gedacht, meinte sie. Und sie sagte, ich soll mit meinem Vater reden. Davor wiederum hatte ich eine Heidenangst. Irgendwie kam ich schon immer besser mit meiner Mam zurecht als mit Dad. Im Gegensatz zu meinem 6 Jahre jüngeren Bruder. Der war eher Dad zugetan. Und wenn meinen Bruder und mich früher immer mal der Teufel ritt, und wir zwei zuhause zum Spaß rumschwuchtelten, dann explodierte mein Vater in schöner Regelmäßigkeit. Und so konnte ich mir seine Reaktion auf mein Outing und alles was damit zusammenhing in den buntesten Farben ausmalen. Ich hatte eine unheimliche Angst davor, mit ihm zu reden. Allerdings war meine Mam mit dem Thema allein dann doch überfordert. Ich fuhr an diesem Sonntag wieder zu meiner Frau nach Hause. Und versuchte irgendwie klar zu kommen. Es ging nicht. Am folgenden Mittwoch rief meine Mam an, ich solle endlich mit Dad reden. Ich versuchte es hinauszuzögern. Aber Mam sprach ein Machtwort. Ich versprach am Donnerstag nach der Arbeit bei ihnen vorbeizukommen.

Apropos Arbeit. Ich frage mich bis heute, wie ich damals überhaupt die Arbeit überstanden habe. Meine Gedanken drehten sich doch nur noch um das eine Thema. Aber auch meine Arbeitskollegen wussten längst, dass ich nur auf Männer stehe. Woher auch immer, denn offiziell geoutet hatte ich mich natürlich noch nicht.

Ich fuhr also am Donnerstag zu meine Eltern, um Dad alles zu sagen. Ich war fix und fertig. Ich müsste an dieser Stelle wohl noch einfügen, dass Dad seine Schwiegertochter vergötterte. Und so viel es mir noch schwerer, Ihm die einzige "Tochter" zu nehmen, die er hatte. Aber als ich dann vor meinem Dad saß, brach einfach alles aus mir heraus. Unter Tränen erzählte ich alles. Und dann kam die wohl größte Überraschung im Zuge meines endgültigen Outings. Mein Dad nahm mich in den Arm und sagte einfach: "Es ist mir egal, was du bist oder wie du bist. Du bist einfach mein Sohn". Ich konnte vor lauter Erleichterung nicht aufhören zu heulen. Ich war so glücklich.

Jetzt gab es also nur noch ein Problem. Wie sag ich's meiner Frau. Ohne dass sie auf dumme Gedanken kommt, sich selbst Vorwürfe macht, sich wohlmöglich die Schuld dafür gibt, dass ich schwul bin. Ja genau, während ich darüber nachdachte, wie ich es ihr sagen könnte, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, ich bin schwul.

An diesem Donnerstag fuhr ich völlig fertig heim und fand meine Frau im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzend vor. Ich konnte ihr einfach keinen Kuss geben. Ihre Nähe machte mich schier verrückt. Und sie merkte ganz schnell, dass etwas nicht stimmte und stellte mich zur Rede. Ich druckste nur rum und schließlich fasste ich mir ein Herz. Ich sagte ihr, dass ich die Trennung will. Ich käme mit dem jetzigen Leben nicht mehr klar, meine Liebe zu ihr wäre nicht mehr da. Ich hätte sie noch unheimlich lieb, aber das reiche nicht für eine Beziehung. Und so weiter.

Ihr merkt schon, kein einziges Wort über mein Schwulsein. Nichts. Ich traute mich nicht. Sie war so schon total fertig, unheimlich verletzt und ich brachte es nicht fertig, ihr noch eins reinzuwürgen. Ich holte also meine Nachbarin mit der Bitte, sich um Sie zu kümmern, packte ein paar Sachen und fuhr wieder zu meinen Eltern. Ich konnte meiner Frau erstmal nicht mehr unter die Augen treten. Musste mit meinen Gedanken fertig werden. Hatte das Gefühl, die ganze Welt stürzt um mich herum zusammen. Alles was mir bis dato als gegeben erschien, war plötzlich alles anders.

Die folgenden Tage war ich nicht zu gebrauchen. Ich wohnte bei meinen Eltern. Ich hatte einfach nur Angst vor dem, wie es weitergehen würde. Und knapp eine Woche nach meinem ersten Gespräch mit meiner Frau fasste ich mir ein Herz und führ in meine alte Wohnung zu ihr. Und ich konnte ihr sagen, dass ich schwul bin. Wir hatten uns in den letzten Tagen des Öfteren unterhalten und ich wusste, wie schlecht es ihr ging. Aber ich konnte nicht mehr länger lügen. Es musste raus. Und es war gut so. Denn plötzlich ging es meiner Frau wieder besser. Weil sie sich sicher sein konnte, nicht schuld am Scheitern unserer Ehe zu sein. Dass, wenn überhaupt, dann nur ich Schuld habe, weil ich mir und Ihr gegenüber nicht ehrlich wahr. Und wir haben uns sehr lange unterhalten. Sie steht mittlerweile hundertprozentig hinter mir. Hat mich in den nächsten Tagen und Wochen, mehr als ich erwarten konnte, unterstützt.

Bin dann sogar wieder zu meiner Frau zurückgezogen. Zwar ins Kinderzimmer, aber wir waren doch wieder viel zusammen. Und wir wurden überraschend schnell so etwas wie beste Freundinnen. Klingt komisch, ist aber so.

Meinem Freundeskreis blieb das ganze natürlich nicht verborgen. Zu meinem großen Glück befand sich darunter aber kaum jemand, der mit meinem Outing ein Problem hatte. Ich bin so froh darüber, dass ich erkannt habe, wie und was ich bin. Und ich bin sehr stolz darauf, dass ich jetzt dazu stehen kann.

Und bei dieser Gelegenheit kommt mein Freund in Spiel. Ich habe ihn vor mittlerweile dreieinhalb Monaten kennen- und - eigentlich sofort - liebengelernt. Beim Stammtisch hier im Ort. Zu dem ging ich schon seit Jahren in loser Regelmäßigkeit.

Und an diesem besagten Mittwoch hatte ich eigentlich überhaupt keine Lust, zum Stammtisch zu gehen. Ich war in der Stadt, besser gesagt auf dem Weg zurück nach Haus. Da sah ich zwei Bekannte, die in Richtung Stammtisch gingen. Und da die zwei sehr nett waren, hoffte ich auf ein kleines Schwätzchen unter Freunden mit einem lecker Rotwein dazu. Gedacht, getan. Ich ging also hinterher und der Abend begann ganz angenehm. Es war dann so gegen halb 10 als draußen ein Auto vorfuhr. Ich bemerkte das aus den Augenwinkeln heraus und drehte mich gespannt um, um zu sehen, wer da kommt. Denn das Auto kannte ich noch nicht. Er war es. Er öffnete die Tür, sah zufällig in meine Richtung unsere Blicke kreuzten sich und ließen nicht mehr los. Wie an einer unsichtbaren Markierung steuerte er direkt auf mich zu, ohne dass sich unsere Blicke trennten. Er setzte sich neben mich und wir fingen sofort an uns zu unterhalten. Als würden wir uns schon Jahre kennen. Er ist ein total lieber, humorvoller und intelligenter Mann. Und so hatten wir kaum genug Zeit, über alle Themen zu reden, die uns unter den Nägeln brannten. Dann berührten sich unsere Ellbogen. Nur kurz. Aber lang genug um in mir ein heilloses Durcheinander von Gefühlen auszulösen. Ich hatte mich in einen ganz tollen Typ verliebt. Kaum dass ich mein Outing so einigermaßen hinter mich gebracht hatte.

Nun sind wir schon über drei Monate zusammen. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wollen wir zusammenziehen. Ich freu mich wahnsinnig darauf.

Er steht total hinter mir. Er hat mir in manchen schlimmen Stunden immer beigestanden. Ich liebe ihn über alles. Durch ihn durfte ich erfahren, wie schön es ist, frei zu sein. So zu leben, wie man ist. Und ich bin ihm jeden Tag mehr dankbar dafür, was er alles schon für mich getan hat.

Ich kann nur allen raten, traut euch so zu sein, wie ihr es empfindet. Steht dazu.

Viele Grüße,
Dirk

P.S.: Würde mich freuen, wenn ihr mir schreibt, was ihr so von meiner Story haltet.

Aufgeschrieben von Dirk im Oktober 2002

© 2012 GayStation