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"Anders" als die anderen Jungs um mich herum war ich eigentlich schon immer... Aber als Kind konnte ich dieses Anders-Sein nicht einordnen. Klar mochte ich Mädchen! Ich mochte ihre Spiele, ihre Gesprächsthemen und ihre Art, zusammenzuhocken und zu tratschen. Und ganz ähnlich wie sie bekam ich bei dem ein oder anderen Jungen weiche Knie... Das ging mir so, solange ich denken kann, noch lange bevor ich das Wort "schw..." kennenlernte. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich das mal besser für mich behalte...
Irgendwie habe ich es geschafft, mich so durch die ganze Schulzeit zu lavieren, Alibifreundin inklusive, worauf ich heute alles andere als stolz bin, denn es war dem Mädchen gegenüber nun wirklich nicht fair. Es ist zwar zwischen uns nichts gelaufen, aber Hoffnungen hat sie sich wahrscheinlich schon gemacht...
Ich wurde 18 und Vater Staat wollte mich nach dem Abitur zu den Waffen rufen. 13 Monate nur mit Männern zusammen, die sich über nichts anderes unterhalten als Titten, Autos und Sport, mit ihnen gemeinsam duschen und in einem Raum schlafen? Das konnte nicht gut gehen! Ein Kumpel von mir meinte, er hätte gehört, dass man um den Wehrdienst herumkommt, indem man sich als homosexuell bezeichnet... War das nicht die Lösung? Schließlich war ich's ja! Ich schrieb also eine Begründung, in der ich mich zum ersten Mal offiziell als schwul outete. Nur, so einfach war das nicht... Ich musste zu einem Militärpsychologen, und das ist wohl so ziemlich die peinlichste Erinnerung, die ich aus diesen Jahren habe! Er begann mich auszufragen: "In welcher Rolle sehen Sie sich denn, in der weiblichen oder in der männlichen?" Hä??? Ich hatte ja nun wirklich buchstäblich von Tuten und Blasen keine Ahnung! Dementsprechend fiel dann auch das Ergebnis dieser Untersuchung aus: Es lagen keine schwerwiegenden psychischen Belastungen aufgrund meiner Homosexualität vor, ich wurde lediglich von T2 auf T3 zurückgestuft, zum Bund musste ich also immer noch...
Ich bekam langsam aber sicher Panik! Es gab nur eine Lösung: Zivildienst. Es war aber gar nicht so einfach, meine erzkonservative Familie von diesem Vorhaben zu überzeugen. Denn alle Zivildienstleistenden sind ja schließlich Drückeberger! Nur durch meine damalige engagierte Mitarbeit in der Kirchengemeinde konnte ich meinen Gewissenskonflikt erklären, und auch meine Kriegsdienstverweigerung begründete ich mit diesen religiösen Motiven. Und sie war erfolgreich. (Inzwischen hatte ich noch die Zusage auf einen Ausbildungsplatz zum Bankkaufmann, also noch mal zwei Jahre rausgeholt...)
Im Sommer 1990 war es dann soweit: Ich trat in einem Altersheim bei uns im Ort meinen Zivildienst an. Noch immer wusste niemand von meinem Schwulsein, von der Bundeswehr mal abgesehen, was mir aber ziemlich egal war... Ich hütete mich auch davor, meinen neuen Kollegen etwas davon zu sagen, obwohl ich mich mit einigen bald anfreundete. Aber es war ein streng evangelisch geführtes Haus, und strenge Evangelen sind schlimmer als stramme Katholiken!
Oktober 1991 - mein Zivildienst näherte sich dem Ende. Ein neuer Zivi sollte an meine Stelle treten, und da ich mich entschlossen hatte, noch einige Zeit in dem Heim weiterzuarbeiten, kam mir die ehrenvolle Aufgabe zu, ihn einzuarbeiten. Dieser Zivi hieß Thorsten, ein netter, hübscher Junge, ein Sonnyboy und Everybody's Darling, der alsbald von allen gemocht wurde, auch von mir. War ich verliebt? Nein. Ich hatte mich so in mein Schneckenhaus zurückgezogen, nun schon fast seit zwanzig Jahren, dass ich gar nicht auf die Idee kam, ich könnte mich verlieben! Aber schnell gehörte er unserer Clique an und wir unternahmen auch privat einiges zusammen - eine schöne Zeit...
Eines Morgens gab es eine seltsame Situation - es war wie im Film! Thorsten und ich begegneten uns auf dem Gang und streckten gleichzeitig die Hände aus, berührten uns und sahen uns an - 10 Sekunden? Eine Minute? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich hatte auf einmal ganz weiche Knie, was war das? Der Bann wurde gebrochen, als wir jemanden in der Nähe hörten. Später ging ich in das Zimmer, in dem Thorsten zu tun hatte. Er war in der Nasszelle beschäftigt, die Bewohnerin lag im Bett und konnte uns nicht "gefährlich" werden. Wir sagten nichts, wir küssten uns nur unendlich lange...
Den ganzen Tag schwebte ich auf Wolken, nach dem Dienst ging ich nach hause und schrieb Thorsten einen Brief. Den schob ich im Heim, wo er auch wohnte, unter seiner Tür durch... Als ich wieder zu Hause war, rief er bald an und schlug einen Spaziergang vor. Natürlich stimmte ich zu. Also wanderten wir lange durch die Wälder und unterhielten uns über unser Schwulsein und unsere Erfahrungen. Nun, ich hatte keine, Thorsten hatte immerhin mal eine ziemlich verunglückte Affäre, auch wusste zumindest seine Schwester bescheid - er war also ein Riesenvorbild für mich... Und wir unterhielten uns nicht nur, wir hatten auch Sex miteinander, mein erstes Mal. Es war der 30. Juli 1992...
In den folgenden Wochen und Monaten stahlen wir uns zwei, dreimal in der Woche ein paar Stunden, die nur uns gehören sollten. Ich war noch nie so glücklich gewesen. Ich liebte ihn immer mehr. Alles lief im Geheimen, niemand durfte etwas erfahren, was gar nicht so einfach war, denn wir hatten ja schließlich einen gemeinsamen Freundeskreis. Und meine Familie? Gar nicht daran zu denken!
Ende 1992 zeichneten sich für uns gravierende Änderungen ab: Thorstens Zivildienst lief aus, damit würde er auch gezwungen sein, sich ein neues Zimmer zu suchen, und ich wollte zusammen mit meiner Mutter unser Gästehaus übernehmen, das sie bis dahin verpachtet hatte. Meine Mutter (!) machte den Vorschlag, dass wir doch zwei Zimmer in dem Nebenhaus als Wohnung ausbauen könnten, in die Thorsten dann einziehen könnte. Sie ahnte ja gar nicht, wie gern ich diesem Vorschlag zustimmte!
So kam es, dass er praktisch bei uns einzog. Wir konnten uns nun viel einfacher treffen, nur musste ich aufpassen, dass meine Mutter davon nichts mitbekam. Vielleicht war das des Glücks zuviel? Ich weiß es nicht, jedenfalls drifteten wir irgendwie auseinander, und ich bekam es nicht mit... Wenn ich ihn abends aufsuchte, lief der Fernseher, und er konzentrierte sich nur noch aufs Programm, oftmals hatten wir in mehreren Stunden keine zehn Worte gewechselt. Ich versuchte, wenigstens ein bisschen mit ihm zu kuscheln, aber er reagierte nicht... Nach solchen Abenden war ich zu Tode betrübt. Dann gab es aber auch wieder Abende, an denen er zugänglicher war, meine Streicheleinheiten erwiderte und wir miteinander ins Bett gingen - eigentlich die einzige Form von Nähe, die wir noch hatten - und ich merkte immer noch nichts...
Eines Abends Ende April gingen wir wieder mal spazieren. Ein schöner, warmer Abend war das, wir unterhielten uns, küssten uns, und Thorsten meinte, er könne es gar nicht abwarten, bis wir wieder zu hause seien... Ich muss zugeben, ich verstand dies in ziemlich eindeutiger Art und Weise. Und als wir wieder an seiner Wohnung angekommen waren, sagte er: "Tschüss, schlaf' gut!" und machte die Tür vor meiner Nase zu. Ich stand da wie Pik 7. Ich klingelte, er machte sichtlich widerwillig die Tür auf: "Was is' denn noch?" - "Was soll das denn? Ich dachte, wir..." - "Du willst immer nur mit mir ins Bett! Das kotzt mich an!" - "Aber wir lieben uns..." - "Pfff! Ich hab' Dich nie geliebt! Jetzt mach', dass Du rauskommst!"
Das war's. Neun Monate hat's bis dahin gedauert. Neun Monate Liebesbeteuerungen und dann das. Mir war buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Und ich fiel - endlos. Ich konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, stand stundenlang am Fenster, wenn ich wusste, dass Thorsten in seiner Wohnung war, alles erinnerte ich mich ständig an ihn - kurz, es war die Psycho-Hölle! Innerhalb von zwei Wochen nahm ich zehn Kilo ab, ich sah aus wie der Tod, hatte keine zwei Stunden am Stück geschlafen, und wenn, dann mit den schrecklichsten Albträumen.
Dies blieb meiner Mutter nicht verborgen. Sie machte sich ernsthaft Sorgen, denn sie fürchtete, ich sei krank. Und da war es dann soweit: Ich dachte, jetzt ist es auch egal, jetzt sage ich es ihr. Und das tat ich. Ich erzählte ihr von Thorsten, gar nicht mehr. Die zwanzig Jahre davor in Angst vor Entdeckung erwähnte ich nicht. Und wie reagierte sie? Sie war einfach überfordert. Es kamen die drei Standardfragen: "Das geht doch wieder vorbei? Vielleicht hast Du einfach noch nicht das richtige Mädchen getroffen? Oder willst Du mal zu einem Arzt gehen?" Dies war nicht böse gemeint, und ich nehme ihr diese Reaktion nicht übel. Denn sie hielt und hält immer noch zu mir, auch wenn das Thema Schwulsein ein Tabuthema zwischen uns ist - bis heute...
Die nächsten Monate waren meistens die Hölle. Es rächte sich bitter, dass ich mein Leben so vollständig auf Thorsten ausgerichtet hatte. Mein ganzer Lebensinhalt war weggebrochen. Ich liebte ihn immer noch, hatte keine Kritik an ihm, sondern ich gab mir die Schuld an allem. Und das Schlimmste war, ich konnte nicht weg. Durch das Gästehaus war ich gezwungen, immer präsent zu sein, auch wenn es, wie oft, relativ wenig zu tun gab. So hatte ich Zeit zum Grübeln, und das ist das Verkehrteste, was man in einer solchen Situation tun kann. Einige Male stand ich kurz vor einem Selbstmord, nur der Gedanke an meine Mutter hielt mich zurück. In einem lichten Moment bat ich Thorsten auszuziehen, was er dann auch tat - ich machte währenddessen einen fünfstündigen Gewaltmarsch durch den Schwarzwald, um es nicht mitansehen zu müssen... Und trotzdem versuchte ich, den Kontakt zu ihm aufrecht zu erhalten, was mir ein paar mal auch gelang. Wir schliefen sogar noch ein paar mal miteinander, wobei die Initiative dazu von ihm ausging! Danach fasste ich wieder neue Hoffnung, nur um beim nächsten Telefonat wieder eines übergebraten zu kriegen... Was tut man sich manchmal nicht selbst an!
Während dieses unendlich langen Sommers vertraute ich mich schriftlich einer Freundin an, die ich im Jahr zuvor auf einer Irland-Reise kennengelernt hatte. Bisher war unser Kontakt eher sporadisch gewesen, doch dieser Brief änderte auch unser Verhältnis. Sie machte mir klar, dass sie überhaupt kein Problem mit meiner Homosexualität hat, dass mein Schwulsein eben nur ein Teil meiner Persönlichkeit ist, und sie versuchte mir in Bezug auf Thorsten Trost zu geben, was ihr allerdings damals nicht gelungen ist... Die Saison ging vorüber, Ende Oktober machten wir unser Gästehaus über den Winter zu, und im November unternahm ich eine dreiwöchige Reise nach Neuseeland. War es die große räumliche Distanz, die mich endlich klare Gedanken fassen ließ? Vielleicht. Endlich kamen Vorwürfe an Thorsten hoch, wahrscheinlich auch ein paar ungerechtfertigte, aber sie halfen mir in Zukunft, besser über ihn hinwegzukommen, obwohl das noch ein langer Weg war. Was aber noch wichtiger war: Ich wusste auf einmal, dass ich von zu hause wegmusste, sonst würde ich vor die Hunde gehen! Als ich wieder daheim war, sagte ich dies auch meiner Mutter, und ich bin ihr ewig dankbar, dass sie mir diesen Schritt erlaubte.
Wir verkauften das Gästehaus, und ich zog nach Freiburg, in die nächste Großstadt. Endlich hatte ich ein neues Ziel - meine neue Wohnung, mein neues Leben. Meine "wilde Phase" begann - ein paar One-Night-Stands, an die es sich nicht lohnt zurück zu denken. Thorsten war in meinen Gedanken immer noch sehr präsent, selbst nach anderthalb Jahren noch. Ich liebte ihn und hasste ihn zugleich für das, was er mir angetan hatte. Und ich wollte ihm helfen, denn längst hatte ich realisiert, dass er genau wie ich in einem Käfig aus Angst steckte, denn ein richtiges Coming Out kam auch für ihn nicht in Frage. Ich las in der Zeitung von der Coming-Out-Gruppe, die die Freiburger Rosa Hilfe anbietet, und da ich immer noch Thorstens Telefonnummer hatte, machte ich ihm den Vorschlag, dort doch einmal vorbei zu schauen. Er meinte nur: "Hm, naja, vielleicht..." Er tat es nicht. Und irgendwann überlegte ich mir, dass diese Gruppe vielleicht doch auch etwas für mich selbst sein könnte! Als der Termin für die erste Sitzung der neuen Gruppe näherrückte, meldete ich mich an.
An jenem Abend war ich viel zu früh dort, ich lief dreimal um den Block, wäre fast wieder nach hause gefahren, weil ich ganz plötzlich unheimlichen Schiss vor meiner eigenen Courage bekam, doch bevor ich das tat, schloss ich die Augen, drückte die Klinke zum Büro der Rosa Hilfe runter und ging ganz schnell rein... Drinnen war es chaotisch-gemütlich, ein paar Leute waren schon da, ein Leiter drückte mir zur Begrüßung ein Glas Sekt in die Hand, und ich setzte mich erst mal auf ein Sofa. Die anderen Teilnehmer waren offensichtlich genauso aufgeregt wie ich, sie alle klammerten sich an ihr Gläschen Sekt, es wurde wenig gesprochen. Nach der Vorstellungsrunde wurde mir klar, dass ich der "fortgeschrittenste" der Teilnehmer war, kein anderer hatte bereits eine Beziehung hinter sich, die wenigsten sexuelle Erfahrungen, und ich war mit meinen 26 Jahren auch nicht der älteste...
Im Rahmen dieser Gruppe war auch ein Besuch des "Waldsees" geplant, das ist die zweimonatlich veranstaltete Disco der Rosa Hilfe hier in Freiburg in einem romantischen Ausflugslokal am gleichnamigen See. Immerhin hatte ich durch meine gelegentlichen One-Night-Stands und die Lektüre einiger Schwulenzeitschriften schon soviel Erfahrung, dass ich wusste, dass man sich für solche Anlässe chic zu machen pflegt, also enges, weißes T-Shirt, enge Jeans... Vielleicht fällt ja was für mich ab, wer weiß? Nur für eine Nacht, versteht sich, denn von Beziehungen hatte ich die Schnauze voll, das hatte ich auch schon in der Gruppe gesagt - für alle anderen war eine Beziehung die Erfüllung ihrer Träume...
Es war der 3. Dezember 1994: Wir, die Teilnehmer der CO-Gruppe, hatten uns für 22.30 h verabredet, denn eigentlich hatten wir alle ziemlichen Bammel vor diesem Event. Und? Zuerst war die Enttäuschung bei uns nicht zu übersehen - ein großer Raum, nett dekoriert, mit Sektbar, gute Musik, aber kaum Leute. So standen wir in einer Ecke und beobachteten das spärliche Treiben... Doch ab 23.00 h füllte sich der große Raum, und wie er sich füllte! 500 Lesben und Schwule auf einem Haufen... Ich war platt! Endlich überwanden wir unsere Scheu und schlichen auf die Tanzfläche. Ich tanzte und tanzte und... merkte, dass ich beobachtet wurde. Ich versuchte herauszubekommen, wer mich da observierte - und es waren offensichtlich zwei! Zwei sehr gut aussehende Typen noch obendrein! Der eine blond, der andere dunkelhaarig. Sie tanzten mir vis-à-vis, das war praktisch, so konnte ich sie beide im Auge behalten und ihnen gleichzeitig zulächeln. Ich weiß, das hört sich absolut cool und erfahren an, aber in Wirklichkeit war es einfach Unsicherheit...
Der dunkelhaarige veränderte allerdings seine Position, nun musste ich mich entscheiden, wem ich meine spärlichen Gunstbezeugungen zukommen lassen sollte. Ich entschied mich für den Latino-Lover-Typ. Und plötzlich wechselte die Musik ihren Stil, von achtziger Jahre-Pop zu "Cotton Eye Joe"! Dies gab meinem Latin Lover Anlass, mich anzusprechen. Da es sehr laut war, musste er mir dazu auch sehr nahe kommen. Ich war von der ganzen Situation so high, dass ich das Spiel mitspielte. Bald tanzten wir eng umschlungen, küssten uns - alles sehr erotisch! - und unter der Beobachtung meiner Mit-Gruppenteilnehmer, die teilweise mit offenen Mündern zu uns herüberstarrten. Dann meinte mein Tanzpartner: "Laß' uns das ganze doch woanders hin verlegen!" Und wieder gab es mein Missverständnis, denn wieder interpretierte ich das als Einladung zum Sex, während er eigentlich nur in der nebenliegenden Gaststätte mit mir quatschen wollte... Ich schnappte meine Jacke, steuerte dem Ausgang zu und stellte die obligatorische Frage: "Zu mir oder zu dir?" Er muss mich für den Super-Aufreißer gehalten haben, aber es schien ihm in dem Moment nichts auszumachen, jedenfalls fuhren wir zu ihm...
Die Nacht war wunderbar, "nachher" redeten wir noch stundenlang, erzählten uns gegenseitig aus unserem Leben, und das war viel intimer als der Sex zuvor... Am nächsten Morgen ließ Dieter, so hieß meine Eroberung vom "Waldsee", dass er sich durchaus eine Beziehung mit mir vorstellen könnte. Ich beließ es erst mal dabei, fuhr nach hause und dachte: "Scheiße!!! Genau das hast du nicht gewollt!" Aber es war wohl zu spät... Am nächsten Tag fand ich einen Brief in meinem Briefkasten, drin war ein Blatt und ein Schlüssel. Auf dem Blatt stand: Den Schlüssel zu meinem Herzen hast Du bereits, hier ist der Schlüssel zu meiner Wohnung...
Tags drauf war wieder CO-Gruppe. Die anderen aus der Gruppe waren sichtlich neugierig, wie es mir denn so am letzten Wochenende ergangen war. Ich muss zugeben, Schwein, wie ich bin, habe ich es genossen. Ich war so glücklich! Ich sagte nur: "Ja, war sehr nett!" und ähnliche Plattheiten. Und als die Gruppe zu ende war, holte mich Dieter von der Rosa Hilfe ab und überreichte mir eine rote Rose und das T-Shirt seines damaligen WG-Mitbewohners, weil er dachte, es sei meines und ich hätte es im Bad vergessen...
Tja, und nun war ausgerechnet der, der in der Gruppe die ganze Zeit herumgetönt hatte: "Beziehung? Nein, danke!" in festen Händen. Und das ist er bis heute, nun schon seit über sechs Jahren! Und immer noch genauso glücklich wie damals, nein, eigentlich glücklicher, denn jetzt ist nicht mehr die Angst da, alles könnte sich von einer Minute auf die andere in Luft auflösen...
An der Seite von Dieter, der bei der GayStation die
GayWatch-Seiten betreut, habe
ich mit seiner Hilfe mein Coming Out vollendet, und ich kann nur sagen:
Egal, wie schwierig es manchmal auch scheinen mag, es lohnt sich! Denn
nichts geht über die eigene Identität und das eigene Glück in Ehrlichkeit
und Offenheit. Amen!
Aufgeschrieben von Dirk im Januar 2001