Coming-Out-Stories

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Bjoern

Mit 11 Jahren macht man sich noch keine übergroßen Gedanken über richtig oder falsch, sein oder nicht sein, gleich oder anders. Man lebt eigentlich wie man wirklich ist, was man selber verkörpert... im Prozess des Älterwerdens verliert man leider diese Gabe, sortiert sich in ein Schema ein, die meisten versuchen einfach nur mit zu schwimmen und nicht aus der Reihe zu tanzen. Diesem System zu entfliehen, gelingt nur Menschen, die einen starken Willen und Freunde haben!

Jeder Schwule muss früher oder später auch durch diese Situation, spätestens beim Coming out entscheidet sich, wer genug Willen und die richtigen Freunde hat! Die Menschen, denen vielleicht eines dieser Dinge fehlt, haben riesengroße Schwierigkeiten, mit der Gesellschaft klarzukommen, fühlen sich alleine.

Ich denke, es muss nicht so sein. Das Leben ist zum Lernen da, jeden Tag lernt man unzählige Dinge, welche dann als Erfahrungen ins "Archiv" gelegt werden. Es gibt keine schlechten Erfahrungen. Auch schlechte Erfahrungen sind dafür da, gemacht zu werden. Und im Nachhinein ist es gut auch diese gemacht zu haben!

Wenn ich an mein Coming out zurückdenke, bekomme ich an manchen Stellen Gänsehaut. Die "schlechten" Erfahrungen waren auch da, doch bin ich froh auch solche gesehen zu haben. Man verliert sonst ganz schnell den Respekt und die Bedeutung der Situation. Schon in der Grundschule hatte ich näheren Kontakt zu einem Mitschüler. Wie bereits erwähnt, ist man als Kind man selbst und schert sich nicht irgendwelche anderen. Klar war dieser Kontakt sehr beschränkt. Wir spielten oft zusammen, zogen uns aus und hüpften nackt durch mein riesiges Kinderzimmer. Lagen aufeinander und genossen den bis dahin unbekannten Körperkontakt.

Mit 15 hatte ich dann meine erste Freundin. Es war die große Liebe... Nicht wie das normalerweise in diesem Alter war, die Gefühle waren stärker. Sie lebte vierhundert Kilometer von mir entfernt, ich bin jedes zweite Wochenende zu ihr gefahren. Ich war zwei Jahre mit ihr zusammen... bei einem Fahrradunfall ist sie dann ums Leben gekommen.

Während dieser Zeit hatte ich immer noch Kontakt zu einem Jungen. Sehr begrenzt, jedoch vorhanden. Nie habe ich daran gedacht vielleicht fremdzugehen. Ich habe auch nicht mit ihm geschlafen, nur angefasst und gestreichelt. Ich hatte nie das Gefühl meine Freundin zu betrügen, etwas falsches zu machen. Nie kam ich auf die Idee, das ich schwul, bi oder sonst etwas wäre, es war für mich nie ein Thema, kein Gedanke wurde hieran verschwendet! Ich habe meine Freundin über alles geliebt und hätte sicherlich alles für sie getan.

Während der Zeit auf dem Gymnasium hatte ich dann mit mehreren Jungs sexuellen Kontakt. Doch belief es sich immer nur auf anfassen und streicheln. Besonders mit einer Person, mit der ich immer zusammenhing, war der Kontakt besonders eng und auch schön. Ich lernte meine zweite Freundin kennen, und auch während dieser Zeit hatte ich anderweitig den sexuellen Kontakt. Auch hier dachte ich nie daran, etwas falsches gemacht zu haben. Ich liebte sie, und das hätte nie ein anderer geändert. Sie hat dann ein Stipendium für Amerika bekommen... und wir lebten uns auseinander.

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich nie daran, evtl. schwul zu sein, dachte nie über meine Neigungen nach, sprach mit niemanden darüber. Auch nicht mit den Jungs, zu denen ich Kontakt hatte, wir taten es einfach, gesprochen wurde nicht darüber! Ich fühlte mich nicht schlecht, hatte kein Mitteilungsbedürfnis, tat einfach, was mir gefiel.

Ich habe dann die Schule abgebrochen, meinen Zivildienst und ein Praktikum gemacht. Und wurde dann für ein Jahr im Walt Disney World Ressort in Florida genommen. Ich war froh aus dieser "alten" Welt zu entkommen, zu viele Erinnerungen quälten mich, und vielleicht war dies der Anfang eines doch neuen Lebens...

Noch auf dem Flughafen lernte ich einen meiner deutschen Arbeitskollegen kennen. Es war ein total netter Typ (ich will das Aussehen mal extra nicht erwähnen... das spielt so wieso nicht die größte Rolle bei mir), wir verstanden uns sofort und verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Ich merkte immer, dass da etwas bei ihm war, da fing er an leise zu werden, kam ins stocken, wusste nicht mehr weiter. Nach ziemlich vielen Bemühungen und Gesprächen von meiner Seite, bekam ich dann heraus, dass er schwul ist. Nun, zum ersten Mal, saß mir jemand gegenüber, der eigentlich die gleichen Neigungen hatte und sogar darüber sprach. Also musste auch ich mit meiner Geschichte heraus, und so kam eines nach dem anderen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich zärtlich mit einem Mann, beide im vollen Bewusstsein, dass dies nicht nur aus Spaß an der Freude geschieht, sondern wohl, weil man so ist, weil dies Teil des Lebens eines jeden von uns beiden ist. Es war wunderschön, endlich jemanden zu haben, mit dem man all die Dinge teilen konnte, die zuvor ganz versteckt und still gemeistert wurden. Ich konnte endlich auch öffentlich, ganz bewusst einem gut aussehenden Typen hinterher schauen, konnte Blicke von anderen Schwulen genießen. Er hatte ein großes Problem damit (wegen seiner Familie), und so versuchte ich mehr oder weniger sacht ihm dabei zu helfen, endlich so zu leben wie er ist, sich nicht mehr zu verkriechen. Während all dieser Gespräche, der schlauen Ratschläge und Sprüche von mir merkte ich, dass ich eigentlich auch einmal damit anfangen könnte. Dass ich endlich zu mir selber stehen sollte und den Schritt nach außen wagen. Ja, ich hatte Sex mit weiblichen Wesen, er war auch wunderschön, doch die Erfüllung gab es immer nur mit einem Jungen. Fazit: Bjoern, du bist schwul!

Nun saß ich da in Amerika, 9000 Kilometer von zu Hause und war schwul...

Wie sollte ich das erklären?! Dass es keine Phase war, war wohl sonnenklar, zurück nach Deutschland und wieder verstecken?! NEIN!!! Den ersten Brief schrieb ich an meine Nachbarin, zu der ich immer einen total dicken, freundschaftlichen Kontakt hatte. Einen Tag nachdem der Brief bei ihr angekommen war, klingelte das Telefon, sie war dran und sagte, dass dies ja wohl überhaupt kein Problem sei. So war ich bestätigt, verlor einen Teil meiner Angst und schrieb Briefe an meinen Vater, meine Mutter, Freunde... Mein Vater schrieb nur, dass alles okay sei und fragte im nächsten Satz nach dem Wetter, meine Mutter beschäftigte sich ein bisschen mehr damit und schrieb, dass ich immer noch ihr Sohn sei (typische Antworten auf ein Coming out), und sie glaube, dass die wohl so ´ne Phase sei (...). Bei meinen Freunden war dies alles überhaupt kein Problem. Da hatte ich nun Ewigkeiten gesessen, wie das Schaf, welches auf den Wolf wartet, der jedoch nie kommt, und nichts war passiert.

Die Zeit im deutschen Pavillon war nicht sehr einfach. Meinem Freund konnte man anmerken, dass er schwul ist, immer wieder wurde ich von Fragen bombardiert. Da ich einfach nicht der Mensch bin, der seine Klappe hält und ihn immer wieder verteidigte, war ich natürlich ein gefundenes Fressen für diese. Ich musste Worte wie "schwule Tunte" usw. mit anhören. Es kam soweit, dass ich weinend vor meiner Chefinn saß und eigentlich nur nach Hause wollte. Gott sei Dank endete der Vertrag mit den meisten dieser Idioten nach kurzer Zeit, und so überstand ich auch diesen Teil. Hier merkte ich zum ersten Mal, wie naiv, kindisch und verbohrt Menschen doch sein können. Und wenn es einen "Leithammel" gibt, rennt alles hinterher...

Als der Punkt meiner Rückreise kam, bekam ich panische Angst nach Deutschland zurückzukehren, glaubte, dass es unmöglich sei, als Schwuler offen in diesem Land zu leben (geprägt von den Erinnerungen aus dem deutschen Pavillon). Die letzte Woche in Amerika wurde dadurch zur Qual... Ich kam zurück und lernte durch meinen damaligen besten Freund noch am nächsten Tag einen total lieben Schwulen kennen (am Telefon). Da ich es nicht Zuhause aushielt, fuhr ich meine Verwandtschaft in ganz Deutschland besuchen. Doch jeden Abend stand ich zu einer verabredeten Zeit am Telefon und sprach mit dem

Menschen, den ich zwar noch nie gesehen, doch schon stundenlang telefoniert hatte. Auf einmal merkte ich, wie schön es ist, Schwul zu sein, wurde richtig stolz, so leben zu können. Zurück wieder in meiner Heimatstadt, passierte dann wohl das Unausweichliche... Die Geschichte war total romantisch, wie in einem Bilderbuch! Das ist nun über fünf Monate her und ich bin immer noch überglücklich verliebt. Eine schwule Beziehung ist im Grunde nicht anders als eine heterosexuelle, doch habe ich gemerkt, wie intensiv und nah ich lieben kann. Ein Leben ohne ihn... nicht mehr vorstellbar.

Alle Freunde, viele meiner Verwandten und seine Eltern wissen es. Und von überall gibt es eigentlich nur Unterstützung. Natürlich war es nicht immer und nicht für jeden einfach, doch mit ein bisschen Hilfe von uns und einer Menge Wille klappte es.

Heute bin 21 Jahre alt, schwul und überglücklich.

PS.: Wer Lust hat, mir mal zu schreiben, kann dies gerne tun.

Aufgeschrieben von Bjoern Behr im Oktober 1999

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