Coming-Out-Stories

GayStories/GayOut

Alexander

Ich stehe noch kurz vor dem Coming Out meinen Eltern gegenüber. Ich bin zwar schon 26, habe es aber noch immer nicht geschafft oder getraut es meinen Eltern zu sagen.

Als ich mich mit 16 Jahren (mit 15 wurde mir erst mein Schwulsein klar) über die Thematik in der Schulbücherei informierte und mir Bücher auslieh, wurden diese von meinem Vater gefunden. Riesenheulerei, Riesenkrach und ich wurde zur Rede gestellt. Auch ich wurde direkt gefragt: "Bist du so ´n Warmer Bruder, der auf Toiletten kleinen Kindern hinterher jagt?" Und mein (Stief-)Vater sagte: "Alex - ich habe nichts gegen Schwule. Ist mir egal was die machen. Aber wenn du so bist, musst du jetzt sofort das Haus verlassen - für immer. Also - bist du so?" Was sollte ich damals sagen? Ja? Nein? Ich weiß nicht? Ich entschied mich für nein und begründete die ausgeliehenen Bücher mit einem Schulreferat. Natürlich wurde ich in der folgenden Zeit argwöhnisch beobachtet. Aber durch mein schauspielerisches Talent konnte ich alle Zweifel beseitigen.

Inzwischen sind elf Jahre vergangen. In der Lehre als Bankkaufmann verzichtete ich auf das CO. Aussage der Personalabteilung: "Homosexuelle sind erpressbar. Erpressbare Menschen können nicht in einer Bank arbeiten. Das ist ein Kündigungsgrund." Ich ließ es mir aber nicht nehmen mich meinen besten Freunden zu offenbaren und es war eine Wohltat und Bestätigung. Sie nahmen es alle interessiert aber tolerant auf.

Zwischendurch hatte ich eine sechs Monate dauernde Beziehung mit meiner Abteilungsleiterin. Ein letzter Versuch mich aufzubäumen - mit meinem "Problem" klarzukommen. Vergeblich. Kurz vor der gemeinsamen Wohnung trennten wir uns. Es folgten noch zwei kurze Abenteuer mit Männern, danach kam wieder die Verdrängung. Danach kam gleich die Bundeswehr. CO beim Bund? Besser nicht, dachte ich mir und verschob es. Trotzdem verpflichtete ich mich zu 12 Jahren und schlug die Offizierlaufbahn ein. Erstens macht mir die Arbeit viel Spaß und zweitens konnte ich mich so von meinem Elternhaus unabhängig machen und kann nach 10 Jahren Dienst eine fast fünfjährige kostenlose Ausbildung machen bei fast vollem Gehalt. Was ich nicht wusste - schwule Vorgesetzte darf es nicht geben... Jetzt, nach fast sechsjähriger Dienstzeit allerdings kann ich nicht mehr. Zu oft habe ich mein Privatleben zurückgestellt. Zu oft habe ich gelogen, verdrängt, geschauspielert und Ausreden erfunden. Zu oft habe ich weggesehen wenn mir ein interessanter Mann begegnet ist. Ich kann nicht mehr. Und deswegen werde ich mein CO weiter betreiben. Vor ca. vier Wochen habe ich einen Mann kennen gelernt, der mir hilft und mich bestärkt. Durch seine unbekümmerte aber beharrliche Art hat er mir sehr geholfen. Nicht mein Schwul-Sein ist das Problem, auch nicht das was andere darüber denken, sondern das es mich überhaupt kümmert was andere darüber denken... Meine Freunde wissen es eh schon seit Jahren und meine Eltern, wenn sie nicht etwas vernünftiger geworden sind, werde ich wohl noch vor Weihnachten für immer verlieren. Die Verwandtschaft muss es nicht unbedingt wissen und bekommt es eh irgendwann über meine Eltern mit. Nur die Bundeswehr muss es nicht unbedingt wissen. Und wenn - das werde ich dann auch noch schaffen...

Als ich eine Woche vor Weihnachten nach Hause fuhr, war mir klar, dass dies das letzte Weihnachten zuhause mit der Familie war - so oder so.

Allerdings hatte ich in der Zwischenzeit einen netten Mann kennen gelernt und wollte mit ihm zusammen Weihnachten verbringen. Also musste ich meinen Eltern noch vor Weihnachten reinen Wein einschenken.

Zuerst sprach ich aber mit meiner neunzehnjährigen Schwester: "Übrigens, du wirst wohl nie Tante werden können..." Ihre Reaktion verunsicherte mich etwas. Sie lächelte mich wissend an und meinte: "Siehste, ich hab doch recht gehabt. Als ich mit Mutter vor zwei Wochen darüber sprach, dass du wohl schwul wärst, hat sie mir nicht geglaubt!" "Und? Was denkst du darüber?" entgegnete ich. "Was soll ich darüber denken? Du bist wie du bist. Ist doch deine Sache. Und dass ich keine Tante werde - hm - damit kann ich leben. Hast du schon einen Freund?" Ich erzählte ihr von meinem Freund aus Stuttgart und dass ich Weihnachten dort verbringen wollte. Sie meinte dann aber, ich solle das nicht machen, die Eltern hätten sich schon so lange auf mein Kommen gefreut. "Du solltest ihnen auch nichts von deinem Schwulsein erzählen. Mutti sagte noch letzte Woche, wenn du wirklich schwul wärst, könnte sie sich gleich aufhängen. Dann hätte sie in der Erziehung versagt."...

Na ja, meine Schwester hat mir da nicht gerade Mut gemacht. Aber einen Tag drauf hab ich es ihnen gesagt, ohne ein Wort zu benutzen, dass in ihren Augen irgendwie negativ belegt ist. "Übrigens, ich fahre morgen nach Stuttgart und werde erst nach Weihnachten wieder zurück sein. Ihr werdet also Weihnachten ohne mich verbringen müssen".

Daraufhin mein Vater: "Hast du dort eine Freundin?" Ich meinte daraufhin "Nein, keine Freundin". Stille.

"Einen Freund?" fragte meine Mutter entsetzt. Beide waren doch sehr getroffen. Meine Mutter weinte unentwegt und mein Vater suchte nach Worten. "Wenn du mir jetzt gesagt hättest, du hättest zwei uneheliche Kinder, okay, aber das - das ist doch ein schwerer Schlag..."

Ich erzählte ihnen in einem kurzen Abriss meine Schwulen-Geschichte und wie ich meinen Freund kennen lernte. Ich erklärte ihnen auch, dass es kein Fehler der Erziehung, der Genetik oder eine Krankheit ist. Ich erklärte ihnen einfach alles was ich wusste, bot ihnen meine Hilfe an, gab ihnen Tipps für Bücher und Elterngruppen, und, und, und ...

Meine Mutter weinte einfach und mein Vater hatte sich dann wieder gefasst. Als ich dann nach Stuttgart fuhr, meinte er nur noch: "Sohn, egal wo du jetzt hinfährst - komme möglichst bald wieder nach Hause." Meine Mutter meinte, sie könne es noch gar nicht fassen, aber ihr Kind würde sie niemals verstoßen.

Ja, meinen Eltern haben es weitaus besser aufgenommen als ich dachte.

Ich freue mich darüber und fühle mich pudelwohl. Kein Verstecken, keine Lügen, einfach so sein wie ich bin - schwul. Klar wird das mit meinen Eltern noch eine gewisse Zeit dauern. Sie müssen es erst mal verarbeiten. Aber ich fühle mich schon jetzt freier und besser denn je. Ich denke, ich hätte es schon ein paar Jahre früher wagen sollen. Aber besser spät als nie...

Aufgeschrieben von Alexander im Dezember 1996

Jetzt hab ich dir die ganze Geschichte erzählt, obwohl ich dir nur schreiben wollte, dass du mir mit deiner Geschichte Mut gemacht hast. Ich hoffe mein Mut reicht, um es meinen Eltern noch vor Weihnachten zu sagen.
Du kannst meine Geschichte ruhig benutzen und veröffentlichen - als Negativbeispiel für 12 sinnlos verschenkte Lebensjahre....

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