Homosexualität in der Geschichte

GayOut/GayLove

von Patrik Ulrich Schedler

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Notwendig taucht mit der Suche nach dem Selbstverständnis als lesbische Frau oder als schwuler Mann die Frage nach einer Geschichte auf. Gab es Schwule und Lesben schon immer? Oder sind wir etwas, was diese unsere Gesellschaft erst hervorgebracht hat?

Die Suche nach einer Geschichte hat immer auch mit Bestätigung zu tun. Heterosexuelle Menschen fragen sich ja gemeinhin nie, warum sie eigentlich das andere Geschlecht lieben und nicht das eigene, obwohl aus der Sicht der Psychoanalyse diese Frage durchaus berechtigt und noch nicht einmal abschließend beantwortet ist.

Natürlich neigen wir dazu, die Selbstverständlichkeit unserer Gefühle auf andere und selbst über die Zeit und den Raum hin zu übertragen. Wenn wir zum Beispiel das "Gastmahl" von Plato lesen, wo sich einige vornehme Athener über die Liebe unterhalten, dann ist es für uns ganz klar, dass es da ausschließlich um homosexuelle Liebe geht. Wenn wir auf einer griechischen Trinkschale einen Mann mit erigiertem Penis sehen, der einem Jüngling ans Geschlecht fasst, sehen wir darin die Darstellung eines homosexuellen Aktes. Insofern lässt sich eine Geschichte der Homosexualität behaupten.

Was wir homosexuell nennen, das gab es, soweit wir sehen, seit Menschen sich in Kulturen organisieren. Neuerdings darf sogar behauptet werden, dass auch verschiedene Tierarten unter normalen Bedingungen Formen von "Homosexualität" entwickeln (1). Wenn wir aber nach einer lesbischen bzw. schwulen Geschichte fragen, dann müssen wir bemerken, dass es das Wort "Homosexualität" erst seit etwa 150 Jahren gibt. Das Wort "Heterosexualität" ist sogar noch jünger. Darum muss man danach fragen, ob denn die Griechen, wenn sie sich über die Liebe zu einem Knaben unterhielten, von "Homosexualität" redeten. Das aber lässt sich nun eben nicht behaupten. Wohl gab es immer erotische und/oder sexuelle Beziehungen zum eigenen Geschlecht, aber erst seit kurzer Zeit werden Menschen als "Homosexuelle", als "Lesbierinnen" oder "Schwule" bezeichnet. Und noch kürzer ist die Zeit, seit sich gleichgeschlechtlich empfindende Menschen selbst so nennen, sich als solche organisieren, für ihre Rechte einsetzen und sich gar durch die Erforschung ihrer Geschichte eine Identität zu schaffen suchen.

Wenn der junge, wunderschöne Grieche Alkibiades nachts zu Sokrates unter die Decke kroch, so tat er damit nichts, wofür er sich zu rechtfertigen brauchte. Im Gegenteil: Er tat, was ein junger, vornehmer Grieche zu jener Zeit zu tun hatte, wenn er gesellschaftlich vorankommen wollte. Er ließ sich auf eine Liebesbeziehung zu einem älteren Mann ein und war ihm zu Willen. Er handelte damit ehrenhaft und tat, was sich gehörte. Es gehörte sich aber nicht, wenn er zum Beispiel zu einem Gleichaltrigen eine Beziehung gehabt hätte, die wir heute partnerschaftlich nennen. Wenn er also einen Geliebten gehabt hätte, den er das eine Mal nimmt und sich das andere Mal von ihm nehmen lässt, dann wäre das nach griechischer Sitte verwerflich gewesen. Erlaubt, ja sogar gefordert waren klare Rollen. Der Ältere nimmt den Jüngeren. Der Jüngere muss passiv sein, der Ältere aktiv, usw.

Natürlich können wir annehmen, und es gibt auch Hinweise dafür, dass diese Moral nicht immer so eingehalten wurde. Und bestimmt konnten zwei "Schwule" relativ einfach eine Liebesbeziehung leben, wenn sie gegen außen die Einhaltung solcher Moral vorspielten.
Man kann vielleicht folgendes sagen: bei den Griechen gab es unter Männern eine bestimmte Form gleichgeschlechtlicher erotischer Beziehungen, die gesellschaftlich anerkannt und gefördert wurde, die jedoch einem sehr strengen Sittenkodex unterworfen war (2).

Die "griechische Liebe" dauerte in sich stetig abschwächender Form bis ins 2. Jahrhundert nach Christus. Mit der Durchsetzung des Christentums im römischen Weltreich wurden gleichgeschlechtliche Handlungen verpönt und mit der Zeit verfolgt und bestraft. Das ist aber nicht allein die Schuld der Christen. Es gibt Vermutungen, dass die Urchristen es noch sehr ernst meinten mit dem "Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst"

Die späteren Christen übernahmen lediglich das römische Recht und römische Strafnormen, wie auch Sitten und Moralvorstellungen. Bei den Römern war im Grunde die sexuelle Beziehung unter freien Männern verboten. Es sind sogar einige Todesurteile für homosexuelle Vergewaltigungen bekannt. Sexualität mit Sklaven war im Gegensatz zu den Griechen kein Problem. Sklaven hatten bei den Römern Warencharakter. Weil für die Christen alle Menschen gleich und frei waren, nach römischem Recht aber homosexuelle Handlungen unter Freien verboten waren, gab es keinen Raum mehr für diese Form des Begehrens.

Vom Mittelalter wissen wir nicht sehr viel. Die wenigen Quellen, mit denen so etwas wie Homosexualität nachgewiesen werden kann, sind Gerichtsakten und Urteilssprüche.

Homosexualität wurde dort oft in einem Zug mit Hexerei, Sodomie, schwarzer Magie, Teufelsbeschwörungen und Ketzereien abgehandelt. Aus dieser Quellenlage entsteht leicht der Schluss, dass Homosexualität im Mittelalter brutal verfolgt wurde. Es gibt neuere Forschungen, die zeigen, dass es vielleicht doch nicht so drastisch war. Man darf spekulieren, dass auch im Mittelalter ein Mann mit einem Mann Sex haben konnte, ohne deswegen gleich verbrannt zu werden. Vielleicht gab es sogar eine Art "schwule Subkultur", aber eben - historisch belegt ist da fast gar nichts.

Die Homosexualität als solche ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts (3). Man fing damals an, sich für dieses Begehren "wissenschaftlich" zu interessieren. Sexualität überhaupt wurde zu einem Gegenstand, der befragt und ausgehorcht wurde. Nach einer langen Geschichte der Bestrafung fing damit die Geschichte der Krankheit an. Homosexualität wurde auf eine Deformation der Psyche zurückgeführt. Erst als man "Perversionen" medizinisch und psychiatrisch einzuteilen begann, wurde auch die "Normalität der Heterosexualität" erfunden.

Sigmund Freud hat am Anfang unseres Jahrhunderts mit der Entdeckung der "polymorph perversen Sexualität" des Kindes wissenschaftlich das Fundament gelegt, von dem aus der Homosexualität auch eine "Normalität" nachgesagt werden kann. Zeitgleich zu Freud hat der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld sein Institut für Sexualwissenschaften betrieben, wo viel über Homosexualität geforscht wurde. Er versuchte, sie mit dem Konzept eines "dritten Geschlechts" zu rechtfertigen. Man kann sagen, dass es mit Hirschfeld und Freud eine homosexuelle Bewegung gibt. Das heißt, seit knapp hundert Jahren gibt es Menschen, die ein Bewusstsein von ihrem spezifischen sexuellen Begehren entwickeln und dieses auch gesellschaftlich rechtfertigen und als gleichwertig durchzusetzen versuchen.

Im Berlin der Zwanziger Jahre hab es eine blühende schwule Subkultur, mit ihren positiven, aber auch negativen Seiten. Das geistige Klima und die chaotischen Verhältnisse der Weimarer Republik begünstigten Entwicklungen, wie das erwähnte Institut für Sexualwissenschaft. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte diesen Entwicklungen ein brutales Ende. Hirschfelds Institut und mit ihm eine reiche Bibliothek und unersetzliches Archivmaterial wurden von rechtsradikalen Studenten am 6. Mai 1933 vollständig vernichtet. Diese Kultureinrichtung war eine der ersten, die dem rechtsradikalen Terror zum Opfer fiel. Auch Freud wurde als Jude und Sexualforscher von den Nazis verfolgt und musste Österreich verlassen. Im Gegensatz zu Hirschfeld gerieten dessen Arbeiten jedoch nicht in Vergessenheit.

Schwule wurden im Dritten Reich verfolgt und wo man ihrer habhaft wurde, steckte man sie in Konzentrationslager. Dort wurden sie analog zum Judenstern mit dem rosa Winkel gekennzeichnet (die moderne Schwulenbewegung hat dieses Symbol aufgegriffen und positiv umgewertet). Sehr viele kamen in den KZs ums Leben. Nicht nur, dass sie im Rahmen des Genozids in die Gaskammern wanderten - sie wurden auch bevorzugte Opfer für Abreaktionen anderer Häftlinge. Während die Juden und die politisch Verfolgten nach dem Krieg rehabilitiert wurden, verweigerte die BRD den betroffenen Schwulen bis heute ein Recht auf Anerkennung als Opfer des NS-Regimes. Hier muss allerdings auch erwähnt werden, dass homosexuelle Männer und Frauen nicht nur Opfer dieses Regimes waren. Die spezifische Struktur des Faschismus vermochte in vielen Menschen ihre latenten, verdrängten oder versteckten homosexuellen Empfindungen in Schwingungen zu bringen und sie auf diese Weise in die Parteiorganisationen der Nationalsozialisten einzubinden.

Weit zurückgeworfen hinter das in den Zwanziger Jahren erreichte, erwachten die Schwulen erst wieder im Lärm der 68er Bewegung. Der Stichtag der modernen Schwulenbewegung ist der 27. Juni 1969. An diesem Tag führte eine von der New Yorker Polizei durchgeführte Razzia in der Stonewall Bar an der Christopher Street zu einem Aufstand der Tunten. Die Straßenschlacht dauerte zwei Tage, und es gab auf beiden Seiten Verletzte. Im Anschluss an dieses Ereignis bildeten sich in allen größeren Städten der USA schwule und lesbische Bürgerrechtsorganisationen. Heute gibt es neben der Christopher Street eine kleine Straße mit dem offiziellen Namen "Gay Street".

Bald tauchten im Schatten der Studentenbewegungen ähnliche Initiativen auch in den meisten westeuropäischen Ländern auf. Was allen diesen Gruppen gemeinsam war, war einerseits der Kampf gegen die rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung und andererseits die Suche nach einem positiven Selbstwertgefühl als Schwuler bzw. als Lesbe.

Ende der Siebziger Jahre gab es in den meisten Großstädten der westlichen Welt eine leicht zugängliche, kommerzielle Subkultur. Daneben existierten die politischen Initiativen weiter. Viele wandelten sich in Selbsterfahrungsgruppen. Dann kam AIDS. Die Schwulen taten sich am Anfang schwer, die Bedrohung in ihrem gesamten Ausmaß ernst zu nehmen. Man war der Meinung, dass irgendwelche spießigen Ärzte und Politiker den Schwulen ihre neue sexuelle Freiheit nehmen wollten. Wenn es denn diese sexuelle Freiheit überhaupt einmal für ein paar Jahre gab, dann wurde sie jedoch nicht von böswilligen Mitmenschen wieder eingeschränkt, sondern von einem Virus. Seit Anfang der Achtziger Jahre ist AIDS eines der zentralen Themen innerhalb der Schwulenbewegung.

Die gesellschaftlichen Folgen von AIDS sind ironischerweise nicht nur negativ. Viele politische Verantwortungsträger und auch ein großer Teil der Bevölkerung in den westlichen Nationen lernten, über Sexualität und sexuelle Praktiken zu sprechen und erkannten die Notwendigkeit einer nicht moralisierenden sexuellen Aufklärung der Jugend. Innerhalb der Schwulenbewegung bildete sich ein neues Solidaritätsgefühl, ein anderes Nachdenken über das Schwul- bzw. Lesbisch-Sein und vielleicht gerade jenes Selbstverständnis, nach welchem die Lesben und Schwulen der 70er Jahre gesucht haben. AIDS ist aber auch ein Symbol geworden für die immer noch vorhandene und weit verbreitete Bedrohung schwuler und lesbischer Lebensart durch religiöse und politische Fundamentalisten, durch geistig verwahrloste Jugendliche, oder ganz einfach durch die Ignoranz und Intoleranz der sogenannten schweigenden Mehrheiten.
Die Geschichte der Schwulen und Lesben in der Schweiz verläuft weitgehend parallel zu den Linien in Deutschland, anderen westeuropäischen Ländern und den USA. Bemerkenswert ist vielleicht, dass einer der ersten "modernen" Verfechter der Rechte der "Urninge" ein Schweizer war, der um 1871 verstorbene Glarner Textilhändler Heinrich Hössli.
Währen des zweiten Weltkrieges herrschte auch in Basel, das sonst im Vergleich zur übrigen Schweiz weit liberaler war, eine repressive Stimmung gegen Homosexuelle. Die jüngere Geschichte der Schwulen in Basel wurde anlässlich einer Ausstellung 1988 in einem reichen Bildband ausführlich dokumentiert (4).

Geschichte weist immer auch in die Zukunft. Sollen einmal von künftigen Generationen andere Akzente in der Geschichte homosexueller Menschen gefunden werden, als jene der Vernichtung, Verfolgung und Verfemung, von Krankheit und Tod, bedarf es der Fortsetzung eines eingeschlagenen Weges. Dazu braucht es sowohl selbstbewusste Menschen, die sich privat und in der Öffentlichkeit in ihrer Eigenart zu erkennen geben, als auch starke Organisationen, die die Interessen der Schwulen und Lesben vertreten und deren Rechte und Freiheit vor fremdbestimmten Einschränkungen zu schützen vermögen.

Die Koordinationsstelle Homosexualität und Wissenschaft

Die Koordinationsstelle bemüht sich im besonderen auch um die Geschichte der Schwulen und Lesben in der Schweiz. Zu diesem Zweck erfasst sie archivarisch Nachlässe von Schwulen und Lesben, wie sie auch sehr interessiert ist an schwer zugänglichem Material (Briefe, alte Bücher, Zeitschriften, Fotografien, etc.), das für die schwullesbische Geschichtsschreibung von Bedeutung ist. 

Siehe auch: GayHistory

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(1) siehe: Volker Sommer: Wider Natur? Homosexualität und Evolution. C. H. Beck. München, 1990

(2) siehe: Kenneth J. Dover: Homosexualität in der griechischen Antike. C. H. Beck. München, 1983

(3) siehe: Klaus Müller: Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut. Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathosgraphien im 19. Jahrhundert. Verlag Rosa Winkel. Berlin, 1991

(4) Männergeschichten. Schwule in Basel seit 1930. Hrsg. von Kuno Trüeb und Stephan Miescher. Basel, 1988

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Quellennachweis:
Aus der Schweizer Coming Out Broschüre "Eigentlich... logisch: Schwul!"
Herausgeber: ISJS - Initiative Schwule Jugend Schweiz

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