Rameau, Jean-Philippe (1683–1764)

 
PLATÉE

Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten

Libretto von Adrien-Joseph Le Vallois d’Orville nach Jacques Antreau

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf / Duisburg)

besuchte Vorstellung: Opernhaus Düsseldorf 12.02.2011

Platée Anders J. Dahlin
La Folie Sylvia Hamvasi
Thalie Alma Sadé
Thespis/Mercure Thomas Michael Allen
Jupiter Sami Luttinen
Ein Satyr Daniel Djambazian
Junon Marta Márquez
Cithéron Evgueniy Alexiev
Momus Laimonas Pautienius
Amour Iryna Vakula
Clarine Iulia Elena Surdu
Orchester  Neue Düsseldorfer Hofmusik

Musikalische Leitung Konrad Junghänel
Inszenierung Karoline Gruber
Bühne Roy Spahn
Kostüme Mechthild Seipel

(Die Links beziehen sich auf die Künstlerbiografien und -informationen auf der Hompeage der Deutschen Oper am Rhein)


Platée, die eingebildete, aber hässliche Nymphe - in Düsseldorf ist sie wirklich eine Nymphe und nicht, wie manchmal und auch in der zwar meisterhaften und trotzdem überzeugenden und wohl deshalb regelmäßig wiederaufgenommenen Inszenierung der Opéra National de Paris unter Marc Minkowski (Dirigent) und Laurent Pelly (Inszenierung), eine hässliche Kröte, die in einem Tümpel herrscht. Und jene hässliche Nymphe will hoch hinaus und muss drum eine bittere Pille schlucken. Nämlich die, dass der weit über ihr stehende Zeus / Jupiter sie eigentlich nur benutzt, um seine chronisch (und vom Prinzip gar nicht unberechtigt) eifersüchtige Juno hinters Licht zu führen und ihr die (vermeintliche) Ungerechtfertigtheit ihrer Eifersucht vorzuführen. Vermittelt und geplant wird das Ganze durch seinen Götterboten Merkur, der wiederum angestachelt wurde durch Cithaeron, den König von Böotien, in den Platée sich eigentlich verguckt hat. Dieser rät nach der griechischen Mythologie Jupiter, er möge doch eine strohpuppe ausstaffieren als braut und vorgeben, sich in diese verguckt zu haben und Juno springt in der Tat auf diese Finte an, lacht sich aber dann tot, als sie feststellt, dass es nur eine Puppe ist.

Bei Rameau ist das ganze also ein wenig personifiziert und abgewandelt - aber geben genau um den Menschen eigene Schwächen vorzuhalten und helfen diese abzustellen. So zumindest erfahren wir es im Prolog, typisch französische Oper nach dem Vorbild des antiken Theaters, in dem auch klargestellt wird, dass es sich bei dem folgenden um ein Theaterstück handelt und nicht eine Erzählung realen Geschehens. Auch - und da sind manche gewillt, den vorrevolutionären Geist bei Rameau zu sehen (freilich kommt es zur Grande Révolution erst 44 Jahre nach der Uraufführung der Platée) - sollen in diesem Stück die Götter ihren Senf abbekommen. Freilich sind Jupiter und Juno hier am Ende glücklich vereint und haben auch so kaum Schrammen. Nur die hässliche Nymphe tut einem fast schon Leid. Aber warum muss sie auch nach den Sternen greifen und für eine ihr angetragene Heirat mit Jupiter, den sie bis dahin nicht mal sieht, den Mann, auf den sie es vordem abgesehen hatte, fallen lassen?

Soweit zur Handlung.

Das Grandiose an Rameau ist das Durchkomponiertsein seiner Opern und die Entfernung vom vordem üblichen Sprechgesang der französischen Oper, wie sie der Hofkomponist Ludwig XIV - LULLY - geprägt hatte. Und das ohne in die Repetitionen der italienischen Oper zu verfallen oder deren Trennung in Arien und Rezitativ zu verfallen. Dennoch sind Lullys Arien ebenso effektvoll - vor allem aber unterhaltsam und unterhaltend. Es herrscht Action auf der Bühne, der Zuschauer wird unterhalten und amüsiert und er kriegt was zu sehen. Auch die nach wie vor enthaltenen Ballette als Intermedien sind hier in die Handlung integriert und keineswegs steife oder einfach dazwischen geschobene Wechselnummern (wie das Nummerngirl späterer Revues). In Düsseldorf hat man hier auf zwar nicht auf das hauseigene Ballett zurückgegriffen, aber die Choreographin Beate Vollack hat für "Platée" (wie immer auch nett anzusehende und zudem ansprechend verpackte) freie Tänzerinnen und Tänzer gecastet. Sehr schön.

Und musikalisch-ausführend?

Ein echtes Highlight - und man bedauert fast sie nur relativ kurz zu sehen zu bekommen, weil eben nicht sie die Hauptgestalt ist - stellt Sylvia Hamvasi dar, und das nicht nur mit einem reinen und das Lustzentrum in Schwingung versetzenden Sopran, sondern auch darstellerisch. Der nimmt man die Narrheit / Narretei richtig ab. Wohl verdient sahnte sie einen der stärksten Applause ein.

Auch die sicher überraschende, dabei durchaus authentische Besetzung der Titelpartie mit einer hohen Männerstimme, nämlich dem schwedischen Tenor Anders J. Dahlin, ist als sehr gelungen zu bezeichnen. Schon in der Urfassung war die Titelpartie von einem Haute-Contré gesungen worden, was eben nicht, wie manchmal fälschlich angenommen, einem Coutertenor entspricht, sondern einer sehr hohen, aber mit voller Bruststimme gesungenen Tenor. Das Sujet der koketten Travestie ist ja in der gesamten Operngeschichte präsent und sehr häufig auch in der französischen Barockoper und Dahlin macht auch in den aus dem wohl den 1970ern entstiegenen, wirklich unansehnlichen, farblosen Rock eine gute Figur und überzeugt als hässliche Nymphe. Klassikinfo.de bezeichnet ihn zurecht als "für das absolut schwierige Haute-Contre Fach ein Geheimtipp. Den Dahlin deklamiert intonationssicher, textverständlich und gestaltet die Gesangslinie stilistisch perfekt und nuanciert." Noch unterhaltsamer, da auch besonders komisch in seiner Travestie als Amor am Ende der Oper kam der Darsteller des Momus rüber -  Laimonas Pautienius.

Dirk Carius

 

http://www.klassikinfo.de/Platee-in-Koeln.1175.0.html

(Die Verweisadresse stimmt, auch wenn fälschlicherweise Köln im Dateinamen vorkommt.)

Platée (Anders J. Dahlin) in Liebesgedanken.

Im Hintergrund beobachtet La Folie (Sylvia Hamvasi) hämisch den Trugschluss.

Jupiter (Sami Luttinen) hält vermeintlich um Platées Hand an - hier im "Originalkostüm", das die Hässlichkeit der Nymphe symbolisieren soll.

Schwarze glänzende Reiterhosen können auch zu einem Herzen parodiert werden. Für La Folie, die zudem musikalisch die italienische Barockoper auf den Kieker nimmt, haben sich Kostümbildner und Rameau musikalisch einiges einfallen lassen.

Bilder:

(c) Hans Jörg Michel for Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf und Duisburg

 

 

 

 

Letztes Update: 20.03.2012, 23.18 Uhr

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