Monteverdi, Claudio (1567 - 1643)

 

IL RITORNO D'ULISSE A PATRIA (1641)


Musikalische Leitung
Konrad Junghänel
Inszenierung
Bernd Mottl
Bühne & Kostüme
Friedrich Eggert
Licht
Andreas Grüter
Dramaturgie
Georg Kehren & Silke Leopold

L'INCORONAZIONE DI POPPEA (1643)

Ottone David DQ Lee
Ottavia Katrin Wundsam
Drusilla Claudia Rohrbach
Nutrice Andrea Andonian
Arnalta / 1. Schüler Senecas Daniel Lager
Littore / Tribuno / 3. Schüler Senecas Sévag Tachdjian
Fortuna / 2. Amorino Ji-Hyun An
Virtù / Damigella / 3. Amorino Adriana Bastidas Gamboa
Amore / Valletto / 1. Amorino Maike Raschke
Liberto / 2. Soldato / Console John Heuzenroeder
Lucano/ 1. Soldato/ 2. Schüler Senecas Gustavo Quaresma
4. Amorino Martina Sigl

Oper Köln 2012

Barockoper steht in dieser Spielzeit an der Oper Köln groß geschrieben. Vor der großen Zauber(innen)oper Alcina im Juni standen im März und April 2 Opern von Monteverdi auf dem Plan. Man geht damit an die Anfänge der Oper zurück. Anfänge, zu denen es noch keine Riesenbühnen gab, sondern kleine Gruppen aus der Not eine Tugend machten.

Zwar ist die Bühne bevölkert von einem Figurenensemble wie man es danach nicht mehr kennt, aber sie war klein und nicht selten behelfsmäßig zunächst, als es noch keine professionellen Theater gab. So könnte man denn fast auf den Gedanken kommen, dass die Idee, gleich ZWEI Monteverdi-Opern in einer Spielzeit auf die Bühne zu bringen, sozusagen aus der Not (da das Stammhaus aufgrund der großangelegten Renovierung nicht zur Verfügung steht und man im Ausweichquartier Palladium spielen muss) eine Tugend machen will und mit ganz neuen Ideen spielt.

Das ist im ersten Falle, der RITORNO D'ULISSE A PATRIA, auch sehr gut gelungen. Das Ganze fing an mit einem Quasi-Marktspektakel auf einer zweiten Bühne HINTER den Zuschauerreihen. Da musste man auch stehen und zuschauen, wie die Akteure auf einer kleinen, quasi einer Puppenbühne in Harlekin- und anderen frohlaunigen Kostümen den Zuschauer auf die Handlung und auf die Welt des Theaters einstimmen. Allein DIESE Idee schon war großartig - und genau so war auch die gesangliche Leistung. Allen voran Wolf Matthias Friedrich, der grandiose Bassist, in der Rolle der Tempo, der in Tiefen vordringt und auskostet, die kaum jemand so souverän erreicht. Toll! Noch besser, weil auch kostümlich noch "geiler" war er dann kurz darauf als Nettuno (Neptun). In seinem goldenen Plastik-Muskelharness und mit lustigem Dreispitz führte er die ganze Figur ad absurdum. Und wie er sich mit Göttervater Jupiter  anlegte und "bekriegte" (die lustigen Bewegungen durch die Zuschauer allein), war sehr lustig mitzuerleben. Und auf Absurditäten und Klamauk mit hoher Kunst war ja das ganze Spiel auch angelegt. Und ich finde, das ist sehr gut gelungen. Immer wieder agierte man nicht nur auf der Bühne (tolle Idee: das kleine Bauernhüttchen als Palast der treuen, auf die Rückkehr ihres durch die Welt irrenden Odysseus wartenden Penelope), sondern auch mitten unter dem Publikum.

Gerade das machte die Oper zu einem Erlebnis, zu bester Unterhaltung. An keiner Stelle kam Langeweile auf, im Gegenteil, eher Spannung, was denn als nächstes passiert oder aus welcher Ecke oder von wo oben als nächstes gesungen wird oder ein Akteur herabgelassen etc pp. So hob sich denn die Kölner Aufführung von zahlreichen anderen ab, die es eher erhaben und göttlich machten, da wir es mit Helden der griechischen Mythologie zu tun haben. Auf jeden Fall verstand man es so, das Publikum bei bester Laune zu halten, immer wieder zum Lachen zu bringen und damit bestens über die Längen zu bringen, die Monteverdis Opern, alldieweil die musikalischen Höhepunkte, wie sie in Form der Koloraturarien für spätere Barockopern typisch werden, bei denen die Sänger richtig zeigen können - UND MÜSSEN - was in ihnen steckt, nun einmal auszeichnet. Möglicherweise ist das auch das Verdienst von Silke Leopold, ihres Zeichens Professorin für Musikgeschichte und ausgewiesene Spezialistin für die Barockoper des 17. und 18. Jahrhunderts, die man für RITORNO mit ins Boot holte.

Von der zweiten Monteverdioper um die Verwicklungen am Hof Nerones, der seine Frau kaltstellen will, um seine Geliebte zur Kaiserin von Rom zu machen, kann man das nicht unbedingt sagen. Hier wurde die Handlung in die Moderne transponiert, die Damen trugen schulterfreie Kleider und die Herren zumeist (wenig sagende) Uniformen, mit Ausnahme des kaiserlichen Beraters Seneca, wiederum grandios gesungen von Wolf Matthias Friedrich, und seiner Schüler, die alle Leinenanzüge tragen. Neben dem herausragenden Bass hat man diverse Countertenöre gestellt, was an sich bemerkenswert ist, denn dass man derer gleich drei in einer Produktion hat, ist ja noch immer eine Seltenheit. Freilich ist es auch nach wie vor schwer so viele gute Vertreter dieser Sorte zu finden, insbesondere da ein paar sich nicht so gern bis gar nicht oder nur zusammen mit anderen Künstlern engagieren lassen. In Köln hatte man da leider auch nicht so das Glück, weder Daniel Lager, noch David DQ Lee gehören in die Spitzenklasse, auch wenn Letzterer weithin zu hören ist. Der aus Argentinien stammende Franco Fagioli indes hat schon eine durchdringende, nicht angestrengte Stimme, wenn er nur nicht immer in einen halben Klagegesang ausbrechen wollte. Für entsprechende Klagearien ist das "Gezerre" ja sehr passend und ansprechend, aber es zum alle Gesänge durchdringenden Alleinstellungsmerkmal zu machen ist in den Augen des Rezensenten nicht der Weisheit letzter Schluss.

Deren gesamte Aktionen finden auf einer zu einer Ellypse (also möglicherweise Bootform) geformten Bühne statt, die wie eine mondäne Bar mit einem großen Tisch und lediglich 2 Stühlen dekoriert war. Wäre das vielleicht noch eine interessante Perspektive, hat man sich aber überlegt, das ganze als separate Welt abzuschotten und da Glas sich wohl kaum gut macht, wenn man dadurch singen wollte, ist man auf schwarze Gaze gekommen, die die Bühne von allen Seiten wie Fenster umgibt. Als ob man als Zuschauer von außen in den Guckkasten guckt. Nette Idee vielleicht, aber doch bitte nicht die ganze Zeit. Nach 20 Minuten schwirren einem die schwarzen Punkte durch den Kopf und nach einer Stunde ist man einfach nur genervt. Ich hänge mir ja auch keine Gaze vor den Fernseher oder bestaune dauerhaft die Welt durch ein Fliegenfenster.

Dirk Carius


WEBLINKS zu dieser Oper

+ Eine Vorschau der Oper (offizieller OpusArte-Teaser) kann auf der Homepage von Opus Arte angesehen werden

+ Die Inszenierung der Schwetzinger Festspiele 1993 (Michael Hampe; mit Patricia Schumann) in der Gaystation

+ Zusammenfassung der Handlung (Deutsch)
+ Original-Libretto
+ Libretto in Deutsch

+ kommentierte vergleichende Diskografie dieser - wie auch weiterer - Opern Monteverdis (in Französisch)


Zum Komponisten

+ Biografie und Schaffen Monteverdi (Wikipedia)
+ Portraits und Autographen Monteverdis (karadar)
+ Übersicht über Monteverdis Opern sowie seine Madrigal-Bücher
+ kommentierte vergleichende Diskografie dieser - wie auch weiterer - Opern Monteverdis (in Französisch)
+ Diskographie (leider unsortiert)


Kauf-Links

+ DVD-Einspielung der Incoronazione mit Mireille Delunsch, Anne Sofie von Otter (Festival Aix-en-Provence 2000)
+ DVD-Einspielung der Incoronazione mit Patricia Schumann, Richard Croft, Kathleen Kuhlmann (Schwetzinger Festspiele 1993)
+ Brilliant-Gesamtaufnahme der Oper (3 CDs) - mit Bicciré, Rugiero, Bucci

weiterhin auf DVD
+ L'Orfeo (Monserrat Figueras, Furio Zanasi) aus dem Gran Teatre del Liceu Barcelona (OpusArte)
+ L'Orfeo (John Mark Ainsley, Juanita Lascarro, Brigitte Balleys) aus dem Het Musiektheater Amsterdam (OpusArte)
+ Il Ritorno d'Ulisse in Patria (Brian Asawa, Jaco Huijpen, Monica Becelli) aus dem Het Muziektheater Amsterdam 1998 (Opus Arte)
+ Il Ritorno d'Ulisse in Patria (Benjamin Luxon, Janet Baker, Anne Howles) vom Glyndebourne Festival 1973 (Arthaus)

Ritorno: Jahrmarkt-Klamauk zur Einstimmung. Superb!

Ritorno: Tja, ein bisschen mehr sollte man schon aufs Trapez bringen, wenn man Odysseus' Bogen spannen will.

Ritorno: So sieht man aus als Held, wenn man Jahre auf dem Ozean und sonst wo langirrt.

Ritorno: Giove

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Incoronazione: eine grandiose Geliebte und eine starke Frau. Da kann Nero nicht mithalten.

Incoronazione: Die gesamte Ausdrucksstärke sieht man dank der Gaze als Zuschauer dann leider nicht mehr.

Poppea und Nero - ein Liebespaar. Oder nutzt Poppea den Kaiser nur aus, um selbst den Thron zu besteigen?

 

(c) alle Bilder:

Paul Leclaire / Leclairefoto

paul@leclairefoto.de


http://www.operkoeln.com/programm/54799/galerie/
Ritorno

http://www.operkoeln.com/programm/60262/galerie/
Incoronazione

siehe dort auch kurze Videos zu den beiden Produktionen

 

 

Letztes Update: 07.05.2012, 13.25 Uhr

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