Händel, Georg Friedrich (1685 - 1759)

 

Rinaldo

Goffredo ............ David Walker
Almirena ............ Deborah York
Rinaldo .............. David Daniels
Eustazia ............ Axel Köhler
Argante ............. Eglis Silins
Armida .............. Noemi Nadelmann

The Bavarian State Orchestra
Dirigent: Harry Bicket

*** 2 DVD im Pack - Arthaus Musik - 100388 - 2003 ***

Rinaldo ist DIE Zauberoper, mit der sich Georg Friedrich Händel in London ebenso fulminant vorstellte, wie zuvor in Italien, wo er mehrere Jahre verbracht und sich mit Sonaten und auch schon ersten Opern bestens den venezianischen wie römischen Patronen anempfohlen hatte und woher er "abgeworben" oder zumindest nach London eingeladen wurde.

1711 war das. Und dazu im zu jener Zeit noch Queen's Theatre be-, später, mit Regierungsantritt seines eigentlichen Noch-Brotherren in Braunschweig-Lüneburg als König von England, in King's Theatre umbenannten Auditorium am Haymarket in London, das für viele Jahre sein Domizil sein / bleiben sollte. Gerade hier sollte Händel den Versuch starten, ein erstes kommerzielles Opernunternehmen außerhalb Italiens aufrechtzuerhalten und zugleich die italienische Oper in England zu etablieren.

Mit RINALDO legte er da in England auch einen viel versprechenden Start hin. Die Zuschauer tat schon damals, was die Süddeutsche Zeitung bei der hier als DVD vorliegenden Aufführung in München bescheinigte: "brüllen, johlen und tollen". Tollen? Na, letzteres ist vielleicht etwas übertrieben, was auch die DVD nahe legt, aber Begeisterungsrufe und stehende Beifallsovationen erlebt man allerorten.

Für seinen Erstling in London verließ sich Händel natürlich - wie in seiner Zeit generell nicht ungewöhnlich - auf bereits Bewährtes und in Italien Getestetes, greift vor allem auf seinen dortigen Publikumserfolg AGRIPPINA sowie auf mehrere seiner eben dort verfassten (und nunmehr in Gesamtaufnahme eingespielten) Sonaten, aber auch das Oratorium Il trionfo del Tempo zurück, was aber dem künstlerischen Anspruch dieser Oper und ihrer Gelungenheit keinen Abbruch tut.

Aufgrund seiner spektakulären Einzelnummern - wie des Allzeit-Top5-Händel-Klassikers, der Klagearie "Lascia, qu'io pianga", oder der rührenden Lamentoarie "Cara sposa" - und des schon seinerzeit garantierten Erfolges wird Rinaldo bis heute mit am häufigsten gespielt, was dazu führt, dass auch mehrere überzeugende Audio-Einspielungen bereits vorliegen.

Schon seinerzeit lobte der Rezensent die nicht nur stimmlich, sondern vor allem auch optisch überzeugende Besetzung der Titelgestalt durch David Daniels (in der Decca-CD-Einspielung von 2000 mit Cecilia Bartoli), von der sich der geneigte Hörer hier, mit der bislang einzigen DVD-Einspielung, auch ein Bild machen kann. Natürlich ist sein Anzug, welcher Modefirma auch immer, nicht wirklich die überzeugendste Kleidung für einen Heerführer, der Jerusalem erobern sollte. Es sei denn, der Regisseur will uns eine feindliche Übernahme durch Wirtschaftsbosse suggerieren. (Überhaupt ist leider die Inszenierung der eigentliche Knackpunkt dieser Aufführung! Leider!)

Doch ist der kerlige Daniels nicht der einziger Counter, der auf den Spuren seiner damaligen Kollegen, der Kastraten, wandelt. Insgesamt sind vier Rollen mit Countertenören besetzt. Besonders erwähnen möchte der Rezensent hier ein weiteres Mal die gesangliche Meisterschaft Axel Köhlers, der es immer wieder vermag , dem Hörer Schauer über den Rücken laufen zu lassen (auch wenn er vielleicht optisch nicht alle gleichermaßen begeistert). Aber auch David Walker als Rinaldos Vorgesetzer, Heerführer-Kollege und als Vater der ihm versprochenen Almirena Schwiegervater in spe sowie Charles Maxwell als Mago Cristiano (ungewohnt, dass diese Rolle nicht von einem Bass gesungen wird)

Einen stimmlichen Glanzpunkt der Einspielung bildet Deborah York in der Rolle der Verlobten und angehenden Ehefrau Rinaldos - Almirena. Die Neue Züricher Zeitung schätze seinerzeit ihre "perfekte Balance von erotischer Koketterie und giftiger Aggressivität, von Vamp und Megäre", was die stimmliche wie auch schauspielerische Leistung perfekt beschreibt.

Überhaupt ist die Aufführung schauspielerisch überzeugend und hat auch einige inszenatorische Einfälle. Durch eine Transposition in die Neuzeit, was das Beiheft eher lobend einen "ironischen Stilmix aus Zwanziger-Jahre-Optik, poppiger Club-Kulisse und Sakro-Kitsch nennt, verliert sie jedoch gegenüber einer historisierenden, üppig ausgestatteten in den Augen des Rezensenten an Überzeugungskraft. Dass heute noch mehr als damals finanzielle Zwänge zudem der überreichen Einbringung von special affects entgegen stehen, ist ein Manko jeder Inszenierung einer barocktypischen Zauberoper, die justament für diese special affects eine ganze Maschinerie schuf und spezielle Brigaden engagierte und dafür berühmt war.

Trotzdem: Die Oper wie die Aufführung bieten eine Abendgestaltung auf hohem Niveau und das klangliche Erlebnisse steht hinter dem optischen Unterhaltungsprogramm in keinem Falle zurück.

Als Bonus ist der DVD eine Reportage beigegeben HÄNDEL ALS ENTERTAINER, das die Unterhaltungsaspekte und special affects der Barockoper genauer untersucht und zudem ein Lebensbild des in Halle gebürtigen "great English composer" bietet. Vom und für den BR produziert stellt sich allerdings die Frage, warum auf der DVD nur die internationale englische Synchronfassung, aber nicht die sicher auch erhältliche deutsche Original-Vertonung mit zu hören ist.

Dirk Carius

 

Weitere Informationen / Pressetext Arthaus Musik

Die Uraufführung des „Rinaldo“ (24. Februar 1711 im Queen's Theatre, dem späteren King's Theatre am Haymarket) war für den jungen Händel ein gewaltiges Risiko. Ein Misserfolg hätte seinen Londoner Aufenthalt – abgesehen von dem damit verbundenen finanziellen Fiasko - zur Episode gemacht. Überirdisch schöne musikalische Einfälle, eine märchenhafte Handlung, betörende Bühnenbilder und spektakuläre technische Effekte – „Rinaldo“ zog als barockes Multimedia-Ereignis alle Register.

 

"David Alden's new production of Rinaldo was a riot from beginning to end, brilliantly designed by Paul Steinberg and Buki Shiff. The singing was fabulous: David Daniels on top form as Rinaldo; Noëmi Nadelmann as a whizzbang Armida; Egils Silins, the only 'broken' male voice, as Argante. The other American counter-tenor, David Walker (Goffredo), made sure Daniels had plenty of competition ... A great and representative show." The Times

"Als echte Entdeckung darf aber vor allen der junge Dirigent Harry Bicket gelten, der das Orchester der Bayerischen Staatsoper fast drei Stunden lang unter maximaler Hochspannung hält. Seine Energie und Präzision verdienen das Prädikat atemberaubend in jeder Hinsicht!" SWO, 03/2003

  

2 DVDs Video
Label: Arthaus Musik
Katalog-Nr.: 100388

Spielzeit: ca. 163' + 45' Händel the Entertainer

Interpretation, 
Klang & Bild:


sehr gut

 

Letztes Update: 17.08.2008, 17.50 Uhr

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

© 1997-2009 A. Lotze, GayStation