Händel, Georg Friedrich (1685-1759)

 

RICCARDO PRIMO

Riccardo Primo, Rè d'Inghilterra
(Richard I, König von England)

Rolli nach Francesco Brianis Isacio tiranno, Venedig 1710

Melodramma 3 Akte HWV 23
UA: 11. Nov. 1727 London, King's Theatre

Richard I, König von England - Lawrence Zazzo
Costanza von Navarra, seine Verlobte - Nuria Rial
Isaac Coomenus, Gouverneur von Zypern - David Wilson-Johnson
Pulcheeria, seine Tochter - Geraldine McGreevy
Orontes, syrischer Prinz - Tim Mead

Hofstaat, Krieger, Wachen, Diener, Volk 

Kammerorchester Basel
Paul Goodwin

Aufnahme aus der Martinskirche Basel Mai-Juni 2007
Eine Koproduktion mit den Händelfestspielen Halle

*** 3 CD in einer Box - DHM bei Sony/BMG - 18. Januar 2008  - 88697174212 ***

Trackliste

Es ist manchmal schon unbegreiflich, nach welchen Gesichtspunkten Opern beibehalten und tradiert und andere, die es unter Umständen viel mehr verdient hätten, eher der Vergessenheit anheim fallen. RICCARDO PRIMO ist so eine unverdient eher selten zu hörende und wenig auf CD konservierte Oper. Noch viel mehr trifft es auf Händels PORO zu, der - völlig unbegreiflich - bislang erst einmal auf Studio-CD erschienen ist. Die fantastische Göttinger Aufführung von 2006 gab es zwar im Radio zu hören, aber sie ist weder auf CD noch DVD bislang erschienen!

Aber ich wandle vom Thema ab. "Riccardo primo" liegt nunmehr erneut auf CD vor - und das in einer fulminanten Einspielung featuring ein neues Traumpaar der Opernwelt: die barcelonesische Sopranistin Nuria Rial und der Countertenor Lawrence Zazzo. Ein Genuss sondersgleichen, wie er dem englischen Kreuzfahrer Richard Löwenherz energische Entschlossenheit genauso einhauchen kann wie empfindsame Sentimentalität. Nuria Rials Stimme indes entführt in himmlische Höhen, wenn sie in Liebeswonnen schwelgt und ergreift die Tiefen der eigenen Seele, wenn sie in mollverhangener Todessehnsucht schwelgt. Dabei wird die gesamte Oper von intensiver, ausdrucksstarker Instrumentierung untermalt, insbesondere die teils lieblichen, teils Trauer bestärkenden Blockflöten-Weisen, orkanartige See- und Steppenstürme sowie aufbrausendes Schlachtengetümmer.

Mehr als 3 Stunden Musikgenuss vom Feinsten - nur zu empfehlen! Ein uneingeschränktes Hörvergnügen, stilsicher und rhythmisch pointiert musiziert das Kammerorchester Basel unter Paul Goodwin.

Dirk Carius
 

*** Pressetexte - courtesy www.sonyclassical.de ***

Händel: Riccardo Primo

*** 3 CD in einer Box - DHM bei Sony/BMG - 18. Januar 2008  - 88697174212 ***

"Riccardo Primo" ist eine der lange Zeit ungerechtfertig vernachlässigten Opern Händels. Hinsichtlich der Orchestrierung, der Charakterisierung der Rollen, ihrer musikalischen Bandbreite und Schönheit gehört diese Oper zu den besten Händels. Der Dirigent Paul Goodwin und das auf historischen Instrumenten musizierende Kammerorchester Basel haben zusammen mit den herausragenden Solisten Lawrence Zazzo, Nuria Rial, Geraldine McGreevy, David-Wilson Johnson, Tim Mead und Curtis Streetman eine neue Referenzaufnahme des Werkes eingespielt, die erstmals auf der neuen kritischen Edition der Hallischen Händel-Ausgabe basiert. Die der Studio-Aufnahme in Basel vorangehenden Live-Aufführungen u. a. bei den Händel-Festspielen Halle wurden von der Presse bereits mit höchstem Lob bedacht. "Händel - Glück vom Feinsten: die Solisten demonstrieren beispielhaft, wie Koloratursouveränität mit Gestaltungskraft einher gehen kann - Referenzqualität!" (Frankfurter Rundschau). Die Aufnahme erscheint jetzt beim Label Deutsche Harmonia Mundi als 3-CD Set in perfekter Klangqualität.

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Dirk Carius

*** Entstehung und Musik ***

Die Vorlage des Librettos stammt von dem venezianischen Dichter Antonio Maria Lucchini, der es für eine Vertonung durch Antonio Lotti in Dresden 1717 verfasste. Händel wird Lottis Oper auf seinem Besuch in Dresden 1719 gehört haben, dort sang der berühmte Senesino selbst die Rolle des Jupiter. Vermutlich nahm Händel ein Exemplar des Librettos mit nach England und erinnerte sich 1739 an das Melodrama pastorale, als er nach einem geeigneten Stück für eine kurze Pasticcio-Oper mit drei weiblichen Rollen suchte. Händel hat in London mehrfach solche Pasticci auf die Bühne gebracht. Während er in den meisten Fällen erfolgreiche Werke italienischer Komponisten für die Londoner Verhältnisse adaptierte, gibt es auch drei Pasticci, in denen er fast ausschließlich eigene Musik aus älteren Stücken wiederverwertete. Neben dem bekannten Oreste, der schon mehrfach in heutiger Zeit erfolgreich aufgeführt wurde, und dem immer noch zu entdeckenden Alessandro Severo zählt dazu auch Giove in Argo. Anders als die anderen Pasticci enthält dieses jedoch auch eigens verfasste Neukompositionen Händels. Außerdem sind zwei Arien der Isis einer Oper des italienischen Komponisten Francesco Araja entnommen.

 *** Personen ***

ARETES, ein Hirte, der sich hinterher als Jupiter entpuppt.
ISIS, (im Gewand einer Schäferin) Tochter des Inachus, Verlobte des Königs von Ägypten, Osiris.
ERASTUS, ein Hirte, wird als Osiris, König von Ägypten, entdeckt.
DIANA.
CALISTO, Tochter des Lycaon.
LYCAON, als Hirte verkleidet, Tyrann von Arkadien.
CHOR der Jäger. CHOR der Hirten. CHOR der Nymphen.

 

*** Handlung ***


Aus den vielen Erzählungen über Jupiter haben wir jene ausgewählt von Isis, Tochter des Inachus, König der Argiver, und von Calisto, Tochter des Lycaon, Tyrann von Arkadien, um die größte Vielfalt von Leidenschaften darzustellen, die das Drama benötigt; wie Hass, Liebe, Eifersucht und Täuschung. Dazu wird dargestellt, dass – nachdem Inachus von Lycaon ermordet wurde, um den Thron zu rauben – Jupiter in der Absicht die Liebe der Isis zu gewinnen, die dem Osiris, König von Ägypten zur Heirat versprochen ist, Hoffnung auf Rache macht; und dass Calisto auf der Flucht vor dem Aufruhr gegen ihren Vater von Diana in ihr Gefolge aufgenommen wurde; aber dass Jupiter, der sich in sie verliebt, auch ihr Versprechungen macht, dass er ihren Vater retten werde, der einsam in der Verkleidung eines Hirten durch jene Wälder streift. (nach dem Originallibretto).

*** Aufführungsgeschichte ***

Die Oper wurde in London 1739 nach nur zwei Aufführungen vom Spielplan genommen. Einer der Gründe mag gewesen sein, dass die von ausschweifenden Liebesbeziehungen erzählende Handlung dem sittenstrengen Londoner Opernpublikum missfiel. Seither war die Oper nicht wieder aufgeführt worden. Eine Notenausgabe ist bisher nicht erschienen, ist aber für die nahe Zukunft angekündigt (HHA). Die erste vollständige Rekonstruktion der Oper durch die Musikwissenschaftler Steffen Voss (Hamburg) und Thomas Synofzik (Köln/Zwickau) samt den Arien von Francesco Araja und mit neu komponierten Rezitativen (nach Antonio Lotti) war weltweit erstmals am 15. und 16. September 2006 im historischen Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth im Rahmen des Festivals Bayreuther Barock zu sehen und zu hören, mit Harry van der Kamp (Licaone), Theresa Nelles (Diana), Tanya Aspelmeier (Iside), Benoît Haller (Arete/Jupiter), Lisa Tjalve (Calisto), Markus Auerbach (Erasto/Osiris), den Ensembles «Concert Royal», Köln und Collegium Cantorum Köln unter szenischer Umsetzung durch Igor Folwill und unter musikalischer Leitung von Thomas Gebhardt. Die Welturaufführung einer weiteren neuen Fassung des Pasticcios, die für die Hallische Händel-Ausgabe rekonstruiert wurde, erfolgte am 28.5.2007 bei den Internationalen Händel-Festspielen in Göttingen mit Alan Curtis und seinem Ensemble Il Complesso Barocco (weitere Aufführungen anschließend in Herrenhausen und Halle).

 

*** Pressetext Musicaphon ***

Ein Pasticcio (italienisch: Pastete) ist eine Oper, in der Arien aus älteren Stücken zu einem neuen Ganzen zusammengestellt werden. Diese uns heute befremdlich anmutende Praxis war im 18. Jahrhundert gang und gäbe. Man nahm einfach den Text einer älteren Oper und fügte an die Stelle der originalen Arien solche Stücke ein, die für die aktuelle Sängerbesetzung am besten passten und durch die der größtmögliche Publikumserfolg erzielt werden konnte.

Das Pasticcio Giove in Argo nimmt eine ganz besondere Stellung ein, das es von allen anderen musikdramatischen Werken Händels unterscheidet: Es ist seine einzige italienische Oper, in der nur tiefe Männerstimmen mitwirken, also keine Kastraten- oder Hosenrollen vorkommen, und es ist die Oper mit den meisten und umfangreichsten Chorsätzen. Es ist nicht nur ein bewusst kurzes Stück; mit den zum Teil ausgedehnten und virtuosen Chören, teils mit prächtigen Partien für die beiden Hörner, wollte Händel vermutlich auch an den Erfolg seiner ersten englischen Oratorien anknüpfen.

Das Libretto stammt von dem venezianischen Dichter Antonio Maria Lucchini, der es für eine Vertonung durch Antonio Lotti in Dresden 1717 verfasste. Händel wird Lottis Oper auf seinem Besuch in Dresden 1719 gehört haben. Was Giove in Argo weiterhin von den übrigen Händel-Pasticci unterscheidet, ist die Tatsache, dass er neben der Unterlegung von älteren Stücken aus Opern einige Texte auch neu komponierte.

Ein weiterer musikalischer Reiz liegt in den beiden großen Arien der Isis im zweiten und dritten Akt: diese stammen nämlich nicht von Händel, sondern sind der oben beschriebenen Pasticcio-Praxis entsprechend einer Oper des späteren russischen Hofkapellmeister Francesco Araja entnommen.

Die Musik des Giove in Argo kann mit Hilfe des erhaltenen Librettos aus den bekannten Opern Händels ergänzt werden, aus denen die einzelnen übernommenen Arien stammen.


 

 

3 CD in einer Box

DHM bei Sony/BMG

18. Januar 2008 
88697174212

Interpretation:
Klang:

    ausgezeichnet
    ausgezeichnet  

42:31, 74:29, 59:30 = 176:30

 

Letztes Update: 10.03.2008, 01.49 Uhr

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