Georg Friedrich Händel (1685-1759)

     

Partenope   -   HWV 27

Dramma per musica 3 Akte
Libretto-Überarbeitung: unbekannt
nach Silvio Stampiglias La Partenope, Neapel 1699, Fassung Venedig 1709, Musik: Caldara), 
entstanden Jan. - 12. Febr. 1730
UA: 24. Febr. 1730 London, King's Theatre)

Partenope, Königin von Partenope:   Polina Pasztircsák
Rosmira, Prinzessin von Zypern:        Karolina Gumos
Arsace, Prinz von Korinth:                Terry Wey
Armindo, Prinz von Rhodos:             Valer Barna-Sabadus
Emilio, Prinz von Cumäe:                  Gideon Poppe
Ormonte, Hauptmann:                      Christian Miedl
 

Musikalische Leitung: Michael Hofstetter
Inszenierung: Ulrich Peters
Bühnenbild: Christian Floeren
Kostüme: Götz Lanzelot Fischer
Dramaturgie: Annabelle Köhler
Regieassistenz: Eva Schuch

Festivalproduktion Händelfestival Karlsruhe 2011

 

Es ist sicher ein altgehegter Wunschtraum, zugleich von drei attraktiven Freiern umworben zu werden?

In Händels Partenope wird der gleichnamigen Titelheldin, die hier als die sagenumwobene Königin von Neapel dieser Traum erfüllt. Zunächst ist da der Weiberheld Arsace, der, wie sich herausstellt, bereits mit Rosmira verlobt ist. Diese aber folgt ihrem Geliebten, als Mann verkleidet, bis nach Neapel und bittet als Eurimene am Hof von Partenope um Unterkunft und Hilfe, weil er/sie vermeintlich vor der Küste Schiffbruch erlitten habe. Arsace wird verständlicherweise komisch zumute, als Eurimene auftaucht, und schon bald "stellt" ihn Rosmira, beschimpft ihn als Verräter und verpflichtet ihn gleichzeitig, unter keinen Umständen seine / ihre wahre Identität aufzudecken. (Auch wenn man das bei barocken Opern nie machen sollte, fragt man sich schon, warum sie nicht einfach ihren Mann schnappt und wieder abzieht, wenn sie sich schon gleich zu erkennen gibt, aber nein, sie will noch ein bisschen mit ihm spielen.)

Der zweite im Bunde ist der zaghafte Armindo, der sich kaum den Mund aufzumachen traut im Angesicht der scheinbaren Verliebtheit seiner Angebeteten mit Arsace.

Beide werden in der 2011er Festivalproduktion des Karlsruher Händelsfests von eigens dafür engagierten Countertenören gesungen - und das untadelhaft. Terry Wey bringt die unterschiedlichen Facetten des wahrhaft in Rosmira Verliebten genauso rüber wie die innerlichen Kämpfe, die er austrägt, wenn er bedenkt, dass er sie für ein ungewisses mit Partenope verlassen hat. Auch die Verliebtheit in Partenope ist echt, aber natürlich darf das weder nach Libretto, noch nach üblicher Auffassung von Liebe so sein und Arsace ist in Karlsruhe eher der Verführer, der es nicht ernst meint, sondern nur seinen Spaß will. Die Unterlegenheit Armindos gegenüber Arsace vermittelt das Regieteam in der Karlsruher Aufführung eher optisch, denn das man sagen könnte, das wäre stimmlich greifbar. Fast schon im Gegenteil, Valer Barna-Sabadus' Stimme kommt noch ohrfreundlicher, unbemühter und klarer daher als Terry Wey. Im Unterschied zu dem auch in diesem Jahr in Karlsruhe wieder hochgejubelten Franco Fagioli bleiben beide Counter der diesjährigen Produktion bei einer natürlichen, der Situation angepassten Mimik.

Der dritte der Verehrer ist der eigentliche Feind - der kriegerische Emilio - der aber dann der Titelheldin verfällt und sich vor ihr niederkniet und sie um ihre Liebe bittet. Dieser Part wird in Karlsruhe von Gideon Poppe gesungen, einem jungen, energischen Tenor, der auch zumindest auf der Bühne zunächst das Alphamännchen gibt, dennoch bei Partenope nun aber gar nicht zum Zuge kommt.

Soweit zu den "richtigen" Männern, die sich in Partenope vergucken und für sie interessieren. Darüber hinaus macht sich ja noch Eurimene, alias Rosmira, an die Königin ran, um ihren Geliebten auszustechen und zu demütigen. Und klar: sie sticht ihn auch aus - so wie sie im Krieg gegen Emilio und Heer auch alle anderen Männer aussticht und höchste militärische Siege einfährt. (Das hinterfragen wir jetzt nicht weiter.) Jedenfalls ist die Oper Partenope wieder mal ein Vorführstück für das Spielen barocker Stücke mit den Geschlechterrollen bzw. Travestie, enthält aber auch genug Konfliktstoff, der sich aber hier wenig dramatisch entlädt, sondern eher für reichlich Komik sorgt. Auf jeden Fall für gute Unterhaltung den ganzen Abend lang!

Wenn man zudem die Andeutung der Regie in Karlsruhe aufgreift, hat Partenope sogar noch nen vierten "echten" Verehrer, nämlich den eigenen Heerführer.

Partenope selbst soll zwar auch wirklich schön gewesen sein, in der Karlsruher Aufführung ist sie nicht nur das, sie ähnelt schon fast einer Femme fatale, die die Männer auch bewusst anmacht - und AUSkostet. Richtig so! Um solchen Genuss geht es ja wohl auch! Sie ist jedenfalls nicht so auf die hehren Werte der Treue und Abstinenz aus - und passt somit eigentlich viel besser zu Arsace, nur kriegt sie den halt nicht, weil die Hochhalterin eben dieser alten Werte ihn wieder einlullt bzw. ihm so ein schlechtes Gewissen einredet, dass er sich nicht nur befehlen, sondern im weiteren sogar verhöhnen lässt. Naja, SOOO frei war dann das 18. Jahrhundert doch noch nicht

:-)

Jedenfalls macht die Karlsruher Inszenierung Spaß. Sie hat zwar vieles mit der auch auf DVD greifbaren aus Kopenhagen gemein, ist aber noch nen Schutz spritziger und vor allem die Titelheldin noch einiges kecker und sexyer. Das Ganze darstellerisch überzeugend und gesanglich einfach nur toll. Ein heller und klarer Sopran mit genügend Kraft auch für schmetterndste Arien. Mit einer solchen beginnt die Oper quasi gleich, als Partenope ihre Stadt weiht: "Amor y el destin" (hier von Sandrine Piau intoniert) In der Karlsruher Aufführung ist das eine Feier auf Partenope selbst, und alle stoßen auf sie an. Rosmira wird in Männerklamotten hereingestoßen und Arsace sinniert in einem eher lyrischen Stück, wieso er sich bei Eurimene an seine Rosmira erinnert fühlt. Terry Wey tut das herzzerreißend.

Partenope kann aber auch richtig mitreißend ihre Liebe und ihr Glück heraussingen - z.B. in einer der bekanntesten Arien der Oper, in der sie Arsace als ihre "Freude und Hoffnung" tituliert ("Sei mia gioia , sei mio bene"). Auch für ihn zu kämpfen weiß sie, als sie Eurimene klarmacht, dass sie Arsace lieben will ("bis zum Tod") und nicht ihn. ("Voglio amare insin ch'io moro") Im zweiten Akt vergleicht sie ihren neu(gefunden)en Liebhaber Armindo mit einem Schmetterling, der ums Licht flattert ("Qual farfalletta", ein sehr beliebtes Vorsangstück).

Nicht weniger schmetterne Arien freilich hat Händel für die kriegerische Rosmira, so z.B. kurz darauf im ersten Akt, nachdem sie sich Arsace zu erkennen gegeben und er ihr neuerlich Treue geschworen hat, resümiert sie ziemlich zornig, mit Hass gar "Un'altra volta anco mi prometesti amor poi m'ingannasti" (Neuerlich hast du mir nun die Liebe versprochen, dabei davor mich verraten; hier meisterlich von Sonia Prina), wobei sie ihm (naturgemäß) das "ingannasti" wie Ohrfeigen um selbige schmettert. (Wie verträumt daraufhin Arsace dahinsinniert, wie er von neuem die Liebe zu Rosmira in sich fühlt ["Sento Amor con novi dardi"], könnte man bald meinen, der Ärmste braucht eine Frau, die ihm ordentlich die Leviten liest und zeigt, wo es langgeht. Und in der Tat springt Rosmira ja die ganze Oper lang nicht zimperlich mit ihm um.)

Ein weiteres Glanzstück Händels für Rosmira ist zweifelsohne das "Furie son dell'alma mia" im zweiten Akt. Hier fährt auch die aus Poznan stammende, seit längerem an der Komischen Oper Berlin beheimatete Altistin Karolina Gumos zur Höchstleistung auf. Freilich kann sie auch herzzerreißend klagen, als sie/er den Verrat Arsaces an Rosmira schildert. ("Arsace, o Dio")

Ein solches gibt es auch für Arsace noch - und zwar am Ende des zweiten Aktes, als er, nachdem ihn die soeben erst freigelassene Rosmira (unwissend, dass er ihre Freilassung arrangiert hat) erneut abgekanzelt hat, völlig aufgewühlt, vielleicht gar am Rande des Wahnsinns ist: "Furibondo spira il vento"

Das geilste an Partenope freilich sind die Duette ("Infido, ingrato! in Akt 2 ist einfach nur geil!) und anderen Ensembles, insbesondere auch die Tutti. Das fängt schon mit dem "Viva, viva, Partenope viva" an, das sich als Motiv durch die ganze Oper zieht. Den zweiten Akt läutet der Schlachtruf "A battaglia" ein, mit einem wunderbaren Bläserensemble und einer schlachtenmalenden Sinfonietta im Orchester.

So könnte man weitermachen und quasi die ganze Oper nacherzählen und mit Sahnestückchen vorstellen. Die Ensembleleistung in Karlsruhe war erstklassig, natürlich vor allem die beiden männlichen und weiblichen Hauptfiguren, die in der Tat überzeugend besetzt waren. Beide Countertenöre (vor allem auch der noch wenig bekannte, aber stimmlich hervorragende Valer Barna-Sabadus) waren Spitze! und sehr gut besetzt, was auch für die beiden Frauenstimmen zutrifft. Insbesondere der Alt Karolina Gumos' war hinreißend.

DIRK CARIUS


Weitere Links zu PARTENOPE

- Diskographie der Opera bei operone
- Libretto bei haendel.it

Besprechungen der 2011er Festivalproduktion

- http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm10_11/index.php?id_titel=1008&show=presse

- Pamina-Magazin
- klassik.com

- Bildergalierie
 


 

Arsace und Partenope noch innig vereint!

Und dann von beiden Frauen verstoßen. Was für ein Jammer.

A Battaglia in Karlsruhe: auf zum Billardtunier

 

 

Fotos: Jacqueline Krause-Burberg

 

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