|
Händel, Georg Friedrich (1685-1759) |
|
Orlando dramma per musica in 3 Akten Produktion des Nordharztheaters Halberstadt-Quedlinburg 2008 Orlando: Steve Wächter a.G. Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters Inszenierung André Bücker
dramaturgisch gekürzt Sa » 29.11.08 » 19.30 Uhr » Großes Haus Halberstadt
Völlig gerechtfertigt, gar mehr als das, geriet das Premierenpublikum schon während der Vorstellung in immer wieder kund getane Verzückung, um schließlich am Ende in lange anhaltende stehende Ovationen auszubrechen, von denen das Ensemble offensichtlich völlig überrascht war und sich ohne die eigentlich nur recht und billige, aber wohl nicht abgesprochene Zugabe von den Zuschauern und Zuhören zu verabschieden. Diese Operninszenierung und vor allem die klangliche Umsetzung ist in der Tat richtiger Wahnsinn und Opernfans egal woher in Deutschland und andernlands nur wärmstens anzuempfehlen. Doppelter Wahnsinn ist sie ob des Topos: ein dem Wahnsinn verfallener Liebhaber, Orlando eben oder der rasende Roland. Damit haben wir auch schon den ersten Anknüpfungspunkt der die Bühnen Halberstadt und Quedlinburg, vereint zum Nordharztheater, bewogen hat, sich einer nicht gerade gängigen Barockoper für die Spielzeit 2008/2009 anzunehmen, steht Händels Oper doch - völlig zu Unrecht, wie diese Produktion eindrucksvoll zeigt - im Schatten seiner anderen Werke, wenn denn in kleineren Häusern überhaupt eine Barockoper auf die Bühne kommt. Nach dem Renaissanceepos „Orlando furioso“ (Der rasende Roland) von Ludovico Ariosto konzipiert, schuf Georg F. Händel eine wunderbare Oper über Liebe, Macht und Wahnsinn. Held der Story sozusagen ist der fränkische Ritter Roland, der im 8. Jahrhundert Karriere macht als Feldherr. Er wird zerrissen von zwei Seiten: zum einen vonseiten Zoroastros, eines Herrschers, der ihn als fähigen Heerführer natürlich für sich gewinnen und in seinen Diensten sehen will. Er lockt ihn entsprechend mit geilen Kämpfen, Ruhm und Lorbeer. Auf der anderen Seite hat sich Orlando schwer verliebt und will für seine Angebetete, Angelica mit Namen, seine kriegerische Karriere aufgeben. Die Sache hat nur einen Haken - oder genau genommen mehrere: Selbige Angelica hat von seiner tiefen Liebe nicht wirklich eine Ahnung, auf jeden Fall nur geringes Verständnis, zumal sie sich ihrerseits ja schon länger in einen "Kollegen" Orlandos namens Medoro verguckt hat. Als Orlando ihr drum auf die Pelle rückt, haben die beiden natürlich nichts eiliger zu tun, als - gemeinsam - die Flucht zu ergreifen. Allerdings fühlt der wirklich edel zu nennende Medoro sich noch zu einer Klarstellung und Verabschiedung verpflichtet: nämlich von Dorinda. Diese liebt ihn nämlich schon seit langem und er war, so würde man das nennen, nicht wirklich überzeugt und hielt sie sich warm. Nun aber, da er echt Feuer gefangen hat, geht er nicht einfach, sondern versucht eine - in Herz zerreißende Musik gefasste - Erklärung nach dem Motto: "ich würde ja gern, wenn ich noch ganz bei Sinnen und im Vollbesitz meiner Kräfte wäre. Leider aber hat mich Angelica im Sturm erobert und Verstand und Liebeskräfte okkupiert, so dass selbst, wenn ich dir noch Restbestände, die sich meiner Kontrolle noch nicht entzogen hätten, gäbe, du damit wohl doch nicht wirklich zufrieden sein könntest". Bei dem ganzen Zwiegespräch mischt sich selbige Angelica immer wieder ein, was letztlich eines der geilsten Terzette der Händelschen Opernliteratur ergibt und den Zuhörern wahre Begeisterungsstürme entlockt, die sie leider nicht ganz ausleben konnten, da die Halberstädter Aufführung nicht nach dem ersten Akt den Schlussstrich für eine erste Pause zog, sondern generell nur eine einbaute - und das in der Mitte des zweiten Aktes. Als Orlando von der Flucht seiner Geliebten hört, verfällt er in Wahnsinn, in dem er schließlich vermeint, Medoro getötet zu haben (was aber nicht der Fall ist). Dieses Fallen in und Verfallensein dem Wahnsinn bringt der speziell für diese Produktion angeheuerte Countertenor Steve Wächter auf sowohl darstellerisch als auch durchweg gesanglich überzeugende Weise rüber. Man nimmt es ihm ohne Probleme ab, wie er da den Irren mimt, der in seiner Wahnsinns- und einer der geilsten Arien der gesamten Oper ("Vane pupille - oh non piangete, no!") selbst nicht weiß, ob er den "vane pupille" (schönen Augen) gestatten solle, Tränen zu vergießen oder doch lieber nicht, da sie ja "selbst im Reich der Tränen ... jeden zu Mitleid rührten". Genau diese Szene gab mit einem Ensemblebild (alle Beteiligten inklusive der blondchenhaft herausgeputzten Helferinnen / Dämchen Zoroastros auf einer dunkel gehaltenen Bühne als Zeugen dieses Wahns) das Zeichen zur Pause. Die Halberstädter transponierten die frühmittelalterliche Geschichte in die heutige Zeit, aus dem Herrscher Zoroastro wird ein Wirtschaftsführer mit leichten Mafioso-Allüren, dementsprechend Orlando eine hoffnungsvolle Führungskraft. Beide lesen manager und Wirtschaftswoche und die Handlung spielt in einem Wirtschaftselitecharme versprühenden Büro mit Ledercouch und Lederchefsessel. Einzig aus der Rolle fällt ihr etwas Medoro, der als Mann mit Seeräuber-Augenklappe und rockähnlichem Kostüm nicht wirklich wie ein Mann erscheint und auch nicht wie ein "Kollege" Orlandos. Doch das tut der Sache nicht wirklich einen Abbruch. Für die kostümliche Ausstattung und das Bühnenbild zeigte übrigens die in roten Strumpfhosen und in ähnlichem Stil wie die Gehilfinnen Zoroastros beim Premierenapplaus auf der Bühne erscheinende, als Gast verpflichtete Imme Kachel verantwortlich, die zuletzt schon die Revue Eine Dame werd‘ ich nie. Revuette für drei Herren mit Liedern großer Diven in Halberstadt farbenfroh ausgestaltet hatte. Doch ist die Inszenierung wahrlich nicht das A und O einer Opernaufführung und der Rezensent muss unumwunden zugeben, dass er von der Gesangsleistung des gesamten Ensembles insgesamt geplättet ist. Star des Abends, und auch mit entsprechend frenetischem Beifall und Füßetrappeln bedacht, war neben dem schon erwähnten Countertenor Steve Wächtler ganz eindeutig Marie Friederike Schöder in der Rolle der (eigentlich eine chinesische Prinzessin am Hofe Karls des Großen darstellenden) Angelica. Dies betrifft sowohl ihre mimisc-schauspielerischen als auch ihre sopranistischen Qualitäten. Mit welcher Leichtigkeit und Koloratursicherheit die schwierigsten und in luftigste Höhen führenden Arien, die Händel seinerzeit seiner Starsopranistin Anna Maria Strada auf den Leib geschrieben hatte, interpretiert, ist faktisch unbeschreibbar und man muss es einfach erleben. Ein besonderer Schmaus für Aug und Ohr sind "ihre" Szene, die "Vorlesung" darüber, was die Liebe aus bzw mit den Menschen macht, indem sie die Liebe als einen Wind beschreibt, der neben kurzem Vergnügen lange Trauer bringt („Amor è qual vento“) oder ihre Auseinandersetzung mit Orlando, die wie eine Standpauke mimisch dargestellt wird - eine Standpauke, was er sich wohl dabei gedacht habe, ihren geliebten Medoro (vermeintlich) ins Jenseits zu befördern! Eine Schande, dass diese Stimme noch nicht von einer Plattenfirma entdeckt wurde. Sie gehört ganz sicher zu den ganz großen! Nicht minder beeindruckend sowie tadellos stimmsicher ist Kerstin Pettersson in der Rolle der Dorinda. Auch sie könnte nicht nur das Theater in Halberstadt mit Leichtigkeit in ihren Stimmbann ziehen. Als Schlusssatz sei für alle Anhänger historischer Aufführungspraxis erwähnt, dass zwar nicht in toto ein Barockorchester, aber mit Vertretern der Lautten Compagney aus Berlin und einem Original-Cembalo aus dem ortsansässigen Gleimhaus tatkräftige Unterstützung gewonnen und eine ziemlich barocke musikalische Umrahmung erreicht wurde. Im Übrigen wurde die Oper stark gekürzt und auf die Liebeshandlung und Orlandos Wahnsinn reduziert, wobei die Arien und Duette wie Terzette erhalten wurden und nur die Rezitative stark eingekürzt wurden. Der Rezensent glaubt aber, dass gerade dies auch zu der Verzauberung des Abends beigetragen hat: der Zuhörer erliegt nun mal eher den betörenden Ariengesängen denn den manchmal doch recht langweiligen Rezitativen (auch wenn man weiß, dass anders als bei vielen anderen Arien Händel bei Orlando eh schon viele Accompagnati-Rezitative und voll durchkomponierte Szenen dabei hatte! Beste Glückwünsche also an das Team des Nordharztheaters für diese gelungene Produktion. Der Rezensent hofft und wünscht dem Ensemble ein volles Haus für alle Aufführungen in den eigenen Häusern sowie bei den schon arrangierten Gastspielen in Herford und Stendal!!! Eigentlich sollten noch viel mehr Händel-Enthusiasten in den Genuss kommen - vielleicht ein Tip für die Festivals in Göttingen oder Halle - wenn nicht für 2009, dann hoffentlich 2010! Dirk Carius
http://de.wikipedia.org/wiki/Orlando_(H%C3%A4ndel)
http://www.digitale-sammlungen.de/~db/0001/bsb00016927/images/
http://www.operone.de/opern/orlando.html
http://www.volksstimme.de/vsm/magazin/kultur/?em_cnt=1232644& im übrigen sei verwiesen auf gleich 2 vertonungen des Orlando-Stoffes durch Antonio Vivaldi Orlando finto pazzo (in dieser Version fingiert Orlando seinen Wahnsinn nur!) |
Manager-Guru Zoroastro will Orlando in seinem Sinne leiten und erziehen und für seine Sache gewinnen
Doch Orlando will seine Karriere seiner Liebe zu Angelica opfern. Als diese ihn mit & für Medoro verlässt, verfällt er dem Wahnsinn ...
bringt in selbigem (vermeintlich) den Konkurrenten um, woraufhin die aufgebrachte Angelica ihm gehörig den Kopf wäscht.
Zuvor hatte Medoro (rechts) seiner bis dato Geliebten Dorinda (Mitte), ganz Gentleman, noch versichert, dass er sie wohl noch lieben würde, wenn er noch Herr seiner Liebe wäre, Angelica hätte sie ihm aber geraubt und somit könne sie, Dorinda, wohl damit nicht wirklich zufrieden sein
Die Gehilfinnen Zoroastros "behandeln" Orlando und befreien ihn aus seinem Wahn - das Happy Ending ist nicht mehr weit.
Alle Fotos (c) Jan-Pieter Fuhr; Theaterfotograf
|
|
|
Letztes Update: 01.12.2008, 01.34 Uhr |
- Alle Angaben ohne Gewähr! - |