Händel, Georg Friedrich (1685-1759)

 

FERNANDO, Re di Castiglia  HWV 30 (1732)
nie aufgeführte Originalfassung von SOSARME HWV 30

Einspielung Virgin Classics / Complesso Barocco 2005

Lawrence Zazzo .......... Fernando, Re di Castiglia
Veronica Cangemi ...... Elvida, figlia del re Dionisio
Filippo Adami .............. Dionisio, Re di Portogallo
Marianna Pizzolato ...... Isabella, sua consorte
Neal Banerjee .............. Alfonso, loro figlio
Max Emanuel Cencic ... Sancio, figlio naturale di Dionisio
Antonio Abete ............... Altomaro, consigliere favorito di Dionisio

Il Complesso Barocco
Alan Curtis


****  2 CDs  -  EMI / Virgin  -  0946 3 65483 2 6  -   Januar 2007  ****



FERNANDO? Von Händel? Hab' ich ja noch nie gehört? Ist das was neu Entdecktes? Oder gar: ist die echt?

So oder ähnlich ist möglicherweise bei einigen die erste Reaktion ausgefallen, als sie von dieser Veröffentlichung gehört bzw die CD in der Hand gehabt haben. War ja auch bisher nicht bekannt und selbst die wunderbare, bis auf ganz wenige Ausnahmen vollständige Diskographie aller je in den Handel gebrachten Aufzeichnungen von Händelopern listet einen solchen Titel nicht. Sehr wohl ist diese Aufnahme dort verzeichnet - als letzte und neueste Aufnahme der 1732 sehr erfolgreichen SOSARME.

Aber wieso denn nun FERNANDO? Was haben beide miteinander zu tun? In Sosarme spielt doch kein Fernando mit!?

Nun, es ist eigentlich ganz einfach: was Alan Curtis jetzt ausgegraben und zur Aufnahme gebracht hat, ist die Originalfassung der Sosarme oder, wie man auch sagen könnte, die Ur-Sorsarme.

Und dann wird es schon wieder ein wenig schwierig: die Sosarme entstand eigentlich auf der Basis des Librettos DIONISIO, RE DI PORTUGALLO des Arztes und Stamm-Librettisten der Medici in Florenz, Antonio Salvi, wo Händel vermutlich eine Privataufführung dieser selben Oper in der ersten Vertonung durch Perti gehört hat, als er sich 1707 in Florenz aufhielt. Und diese erste Begegnung mit Salvi - oder zumindest einem Libretto von ihm - bot für Händel genügend Anregung, so dass Salvi bald auch zu einem seiner Stammlibrettisten avancierte. Man denke an RODELINDA; die wunderbare SCIPIONE; LOTARIO; ARIODANTE; ARMINIO oder schließlich und endlich ein Kleinod wie die BERENICE, die alle aus der Feder Salvis flossen und in der Mehrzahl der Fälle auch Händel zu absoluten Höchstleistungen anspornten.

Nicht anders auch in dieser Oper FERNANDO. Die übrigens Fernando und nicht, wie in der Urfassung und im Libretto, Dionisio heißt, weil der absolute Star und Publikumsliebling Senesino eben diese Rolle und nicht die des wenig schmeichelhaften und unberechenbaren Dionisio sang - eine durchaus übliche Praxis. Ich meine, schließlich ging es darum, das Publikum anzuziehen und Geld zu verdienen. Insbesondere und um so mehr, wenn der operliche Vorgänger, wenn auch manchmal unverständlich (wie bei dem wunderbaren EZIO), ein finanzielles Fiasko bot.

So hat denn der eigentlich unpolitische Händel aus diplomatischen Gründen während des Schaffensprozesses die Personage verändert und die Handlung in ein bzw. zwei Fantasiekönigreiche verlegt, um den Bündnispartner Englands, Portugal, oder aber, was direktere Auswirkungen gehabt haben würde, den englischen König zu vergrämen.

Nunmehr, im 21. Jahrhundert, muss man derartige Rücksichten nicht mehr nehmen und so haben wir denn nunmehr die Möglichkeit, die sich an manchen Stellen besser reimenden Originalnamen in der ansonsten nur wenig veränderten Musik zu hören. Sosarme war eigentlich gegenüber der Urfassung nur um einige Rezitative ärmer und so ist denn der Fernando etwas rezitativlastiger, was aber bei einer Gesamtspielzeit von knapp 2,5 Stunden (149:24) nicht wirklich belastend ist.

Dafür gibt es ja reichlich musikalische Höhepunkte - und wie eigentlich bei allen Curtis-Einspielungen auch hier wieder in erlesener sängerischer Besetzung. Eine der Glanzrollen für Mezzosoprane ist zweifelsohne die der Isabella, der Königin Portugals (und Gattin des ursprünglichen Titelhelden; in der Sosarme entsprechend Erenice, die Gemahlin des Heliate, Königs von Lydien) und wird von Marianna Pizzolato einfach großartig interpretiert. Die zwei nahegehendsten Arien befinden sich in Akt II.12 ("Vado al campo") und III.3 (Cuor di madre e cuor di moglie") (CD2, tracks 6 und 15).

Die Besetzung der Senesino-Rolle mit Lawrence Zazzo war sicherlich auch eine glückliche Hand, auch wenn er mit Max Emanuel Cencic in der Rolle des außerehelichen Sohnes von Dionisio, Sancio (in Sosarme: Melo), einen ebenbürtigen Countertenor gefunden hat. Aber das ist ja auch der Vorteil der modernen Operaufzeichnungen (zumindest denen auf CD): dass sehr wohl die Dirigenten bzw. künstlerischen Leiter über die Besetzung entscheiden und dabei nicht mehr so wie damals darauf achten müssen, den primo uomo und die prima donna als die "besseren" Sänger zu vergrätzen, indem sie ähnlich gute Interpreten für die Nebenrollen engagieren.

Und so darf denn auch in dieser Einspielung der fabelhafte Cencic in der Arie ("Si, si, menaccia"; I.6, CD1.15) wahrhaft brillieren.

Den glänzenden Höhe- und fast Schlusspunkt der Oper bildet das Duett der sich endlich glücklich in den Armen liegenden Geliebten Elvira (Elmira) und Fernando (Sosarme) "Tu caro, caro sei" kurz vor dem Schlussrezitativ des Fernando und dem Schlusschor (III.11; CD2.25). Letzteres ist ja auch einer der vielen Höhepunkte auf dem wunderbaren, die Glanzstücke der im Barock und auch bei Händel seltenen Duette vereinenden Duettalbum "AMOR E GELOSIA", wo es von der wunderbaren Patrizia Ciofi und der genialen Joyce DiDonato interpretiert wird. (Womit ein weiteres Mal dieses Album dringend allen Barockliebhabern anempfohlen werden soll! Das ist einfach nur geniale Musik - und Höhepunkt an Höhepunkt, ohne Rezitative dazwischen).

Lawrence Zazzo und Veronica Cangemi stehen der Leistung der beiden eben Genannten aber nicht nach und runden im Gegenteil mit ihrem Duett eine wiederum glanzvolle Leistung des Interpretenensembles unter der musikalischen Begleitung des Complesso Barocco unter Alan Curtis ab.

Der einzige, bei Erstaufnahmen wie dieser doch schon störende Nachteil bei Virgin-Einspielungen ist das Konzentrieren auf lediglich zwei Librettosprachen (Italienisch und Englisch, in einer anonymen Übersetzung aus der Händelzeit), so dass der des Englischen wie Italienischen nicht wirklich Mächtige auf ein deutschsprachiges Sosarme-Libretto zurückgreifen muss.

Eine Empfehlung - noch dazu bei dem PREIS!!! D.C.


Zu dieser Oper

- Inhaltsangabe für Sosarme in Englisch (Namen bitte entsprechend ersetzt denken)

- Diskographie der SOSARME-Einspielungen

- Minisite bei der EMI

- die Uralteinspielung mit Deller aus dem Jahre 1955 gibt es jetzt ganz billig
 

 

 



 

 

2 CDs
EMI / Virgin
0946 3 65483 2 6

Januar 2007

Spielzeit:
CD 1    71:53
CD 2    77:56

Interpretation & Klang:

       hervorragend

 

Letztes Update: 27.02.2007, 01.18 Uhr

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