Händel, Georg Friedrich (1685-1759)

 

AMOR ORIENTAL - Händel alla Turca

Ein Interkulturelles Opern-Pasticcio

mit

Florin Cezar Ouatu (Alt) als Rinaldo,
Juanita Lascarro (Sopran) als Armida und
Ahmet Özhan als Derwisch

begleitet von

l'arte del mondo (Alte-Musik-Orchester)  und
Pera-Ensemble (türkischen Ensemble traditioneller Musik(instrumente)

Leitung Werner Erhardt und Mehmet C Yesilcay 

**** 1 CD - DMH (Deutsche Harmonia Mundi) - April 2011 *****

Pasticcio war zu Zeiten der Barockoper gängige Praxis. Man mixte alte Erfolgsnummern von sich neu, gab vielleicht noch die eine oder andere Nummer der Konkurrenz dazu und schrieb noch ein Dutzend neuer Arien - und schon hatte man in kürzester Zeit einen neuen Opernabend zusammen. Die vorliegende CD-Einspielung einer schon auf Tour gewesener neuen und neuzeitlichen Mischung eröffnet die Gattung "Interkulturelles Pasticcio" - das heißt sie mischt nicht nur Arien eines Komponisten neu, sondern zwei Musikstile: europäisch-westliche Barockoper des 18. Jahrhunderts und türkisch-muslimische (Volks)Musik dieser Zeit. Konkret nimmt die Produktion Arien eines Komponisten (Händel) und mischt diese mit Stücken türkischer Musik - zunächst rein kontrastiv, dann real, indem sich zwei Musikstile mischen und quasi zu einem werden.

Gewöhnungsbedürftig mag sich das anhören und es ist für viele zweifelhaft, was rauskommen soll, wenn sich zwei Gegensätze verbinden sollen, hier völlig fremde Musikstile mischen. Aber hier ist eine gute Mischung rausgekommen und das ohne die eigentlich jeweils dargebotene Musik in ihrem Ausdruck zu ändern.

Was wollte also der Ideengeber und Arrangeur Mehmet C Yesilcay uns damit sagen? Die Geschichte hier ist ganz einfach - und doch völlig anders. Historisch natürlich unmöglich, aber das soll keinen stören: Rinaldo der Kreuzritter ist auf Kriegszug, aber eigentlich mehr auf Frauenjagd, was ihm die Verachtung seitens Armidas einbringt, natürlich auch wegen des religiösen Gegensatzes und der Kriegsführung gegen ihr Volk. Dann wird er plötzlich krank und ihr weiser, mildtätiger Vater hat nichts Besseres zu tun als den Bösen in sein Haus aufzunehmen und zu pflegen. Um die Geschichte zu erzählen, wurden Arien und auch Duette aus Händels Opern aus Orlandostoffen (Alcina, Rinaldo, jedoch nicht aus Orlando, dafür aber aus dem Giulio Cesare) einerseits und auf der anderen Seite Musik aus dem "osmanisch-türkischen" Kulturkreis, die sozusagen als Versöhnungsversuche zwischen den beiden (und somit zwischen den beiden Kulturen als Sinnbild) zusammen gemischt.

Der Clou bei dem Ganzen: am Anfang bleibt jeder Stil authentisch, will heißen: die Händelarien werden von dem Barockensemble begleitet und - wie aber weiterhin immer - von den entsprechend ausgebildeten Gesangssolisten dargeboten, die Weisheiten und Gesänge des Derwischs vom türkischen Bardensänger gesungen, begleitet von dem 4-Mann-Ensemble, das diverse historische Instrumente aus der Türkei spielt und vorstellt. Im Verlauf des Pasticcios und eben durch die Unterstützung und (boshaft könnte man sie so nennen) Kuppelversuche des Derwischs kommen sich Armida und Rindaldo näher und damit nähern sich auch die Musikstile an, d.h. die türkischen Instrumente fallen zunächst vereinzelt, dann konzentrierter, in die Begleitung der Händelarien ein, so wie sich das europäische Orchester in die Begleitung der Derwischgesänge vortastet.

Gekrönt wird das ganze in einem Doppel-Tutti am Ende, das von allen Instrumenten getragen zunächst das Duett "No, no ch'io non" aus der Oper Agrippina (mit Armida und Rinaldo) und dann ein Terzett aller drei Stimmen, bei dem die Händel-Sänger, teilweise mit Texthilfe, in den Derwischgesang einfallen.

Das Ganze wurde au einem hohen musikalischen Niveau musiziert und interpretiert, wirkte überhaupt nicht aufgesetzt und passte musikalisch gut zusammen. Eine Entdeckung ist ganz sicher der aus Rumänien stammende Altist, bei dem ich leider gar nicht wüsste, wie ich ihn aussprechen müsste. Die Stimme hat ein gewaltiges Potenzial. Noch muss er an einzelnen Enden noch ein wenig arbeiten, aber es ist voll verdient, dass er  2010 auch in der Graun-Oper Montezuma, die in Potsdam wiederaufgeführt wurde, eine zentrale Rolle spielte, ebenfalls 2010 auf der grandiosen Einspielung der Vivaldioper "Ottone in Villa" bei Brilliant Classics mitwirkte und in 2011 mit Europa Galante die Agrippina einspielt.

Dirk Carius


 

 

 

 

 

Letztes Update: 20.03.2012, 23.18 Uhr

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