Christoph Willibald GLUCK (1714-1787)

 

Ezio

Dramma per musica in drei Akten

Wiener Fassung von 1763
(im Unterschied zur
ersten Fassung von Prag 1750)
UA: 26. Dez. 1763 Wien, Burgtheater

Ruth Sandhoff .... Kaiser Valentiniano III
Sophie Marin-Degor ... Onoria, Schwester des Kaisers

Franco Fagioli ... Ezio, siegreicher Heerführer, treuer Diener des Imperators und Geliebter Fulvias
Netta Or .... Varo, Ezios Freund

Stefano Ferrari .... Massimo, römischer Patrizier, seine Frau wurde von Valentiniano vergewaltigt
Kirsten Blaise ..... Fulvia, dessen Tochter, liebt Ezio, aber Valentiniano hat ein Auge auf sie geworfen und will sie heiraten

Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele
Leitung: Michael Hofstetter


*** 2 CDs - Oehms Classics / Vertrieb Harmonia Mundi - OC 918 - Juni 2008 ***


Ein spätbarockes Kleinod möchte man beim ersten Reinhören meinen und glaubt seinen Ohren nicht recht, handelt es sich doch um eine Oper von Gluck, den großen Reformer der Oper. Oder doch nicht Reformer?

Eh ich dieses scheinbare Missverständnis etwas erkläre, vielleicht gar auflöse, soll eines vorangestellt werden:

Diese Oper ist ganz fantastisch - genau wie die Einspielung. Es ist völlig unbegreiflich, wieso dieses Meisterwerk so lange vergessen in irgendwelchen Archiven rumlag und nicht die Bühnen bevölkerte. Ein tadellos singendes, engagiertes Ensemble mit, wie stets, feurig-sprudelnder Begleitung durch das Orchester der Ludwigsburger Festspiele unter Michael Hofstetter machen diese CD-Edition zu einer MUSS-MAN(N)-HABEN-Empfehlung!

Nun denn, schauen wir uns das Ganze doch mal genauer an. Ist EZIO eine Barock- oder eine Reformoper?

Wahr ist, EZIO beruht auf der Vorlage aus der Feder DES Opera-Seria-Großmeisters und Librettisten-Gurus Metastasio und genau so wahr ist, dass sich mit dieser Oper Gluck in die Gefilde der barocken Opera seria begibt und sich eindeutig ihrer (Musik)Sprache bedient. Das fängt mit der feurigen Sinfonia an, geht über die Einteilung in 3 Akte, die klassische Handlungsgestaltung bis hin zur Zweiteilung der Oper in Rezitative und Arien so weiter.

Doch der Teufel liegt im Detail. Und insofern ist der Ezio sozusagen als Übergangsoper ein ausgezeichnetes Beispiel um zu zeigen, was das Reformatorische an Gluck war - eben dass er keinen radikalen Bruch mit den tradierten Formen suchte, sondern langsam und behutsam einen Übergang zu einer neuen Form suchte.

Sind die Übergänge zwischen Rezitativ und Arie zwar weiterhin deutlich, so sind die Arien keineswegs mehr nur Gelegenheiten für die Sänger ihre Gesangeskünste unter Beweis zu stellen und bringen die Handlung eigentlich nicht wirklich weiter. Nein, in Glucks 1763er Ezio sind die Arien schon in die Handlung eingebunden bzw. geht der normale Handlungsstrang in den Arien sehr wohl weiter. Die Sprache ist auch etwas einfacher, als man es von Barockopern gewohnt ist, und - ganz wichtig - die Da-capo-Form ist ziemlich gekappt, was sich auch auf die Länge der Arien und somit der Oper insgesamt auswirkt. Es geht also relativ zügig weiter, aber, wie auch in der exemplarischen Opera Seria werden die jeweiligen Gefühle maravillös in Musiksprache umgesetzt.

Für die Wiener Aufführung des EZIO von 1763 griff Gluck auf sein gleichnamiges, seit 2007 auch auf CD vorliegendes, jedoch schwächeres Vorgängerstück von 1750 in Prag zurück, aus dem er knapp die Hälfte der 25 Arien übernommen hat - allerdings nicht ohne sie zu adaptieren an das Wiener Publikum, seine neuen "Vorlieben" sowie natürlich die hochkarätige Sängerriege, die ihm in Wien zur Verfügung stand. Weitere 7 Arien übernahm er aus der Oper IL TRIONFO DI CLECLIA, die er für das Frühjahr 1763 zur Wiedereröffnung des Theaters von Bolognas geschrieben hatte; auch hier also ist Gluck durchaus ein Kind seiner Zeit.

Was man auch versteht: warum sollen gut gelaufene Sachen nicht wieder verwendet werden, zumal damals die Weiterverbreitung noch nicht so rasant schnell war wie heutzutage.

In der hier vorliegenden, von Oehms hervorragend klangbearbeiteten Fassung wird die Rolle des Titelhelden, des siegreich aus der Schlacht heimkehrenden Feldherren Ezio von dem in Argentinien geborenen, aufgewachsenen und klanggebildeten Countertenor Franco Fagioli gesungen, einer wahren Neuentdeckung, von der man hoffentlich noch öfter was hört. Insofern folgte Hofstetter hier sehr genau dem historischen Vorbild, wurde diese Rolle bei der Uraufführung von dem Altkastraten Gaetano Guadagni interpretiert, der bereits vorher als Orfeo ebenfalls unter und mit Gluck für Furore sorgte. Fagiolis kräftige Stimme und treffsichere Interpretation lässt wirklich keine Wünsche offen.

Sein zunächst zufriedener Herr, dann geblendeter Widersacher und Liebesrivale, der römische Imperator Valentiniano III (in der UA von Soprankastrat Giovanni Toschi gegeben) wird hier von der ebenso treffsicheren, klangstarken (offiziell Mezzosopranistin, man möchte fast sagen Sopranistin) Ruth Sandhoff interpretiert.

Die Amerikanerin Kirsten Blaise als Ezio liebende, durch Blutbande jedoch zur Loyalität gegenüber ihrem Vater verpflichtete Verschwörer-Tochter Fulvia nicht nur optisch (!), sondern wie auch Netta Or mit einem strahlenden, klaren Sopran und einer überzeugenden Interpretation der hin und her gerissenen Geliebten des Titelhelden.

Eine ÄUßERST gelungene CD-Edition und eine uneingeschränkte Empfehlung!

DIrk Carius

 

Eine sehr viel ausführlichere Darstellung sowie
Hintergrundinformationen zu den Interpreten samt Bildern sowie
einer Inhaltsangabe (in Deutsch) findet sich im CD-Beiheft

dessen deutsche Fassung findet ihr HIER, auf der Seite von www.oehmsclassics.de


*** aus dem Harmonia Mundi Monatsheft 5 / 2008 ***


Gluck galt lange als einer der großen Erneuerer der Operngeschichte, der mit Orfeo ed Euridice der italienischen Oper eine neue musikalische Richtung gewiesen habe, so wie er mit Iphigénie en Aulide dem französischen Musiktheater neue Wege gebahnt habe. Heutzutage wird diese Rolle zurück haltender beurteilt. Hatte die ältere Musikgeschichtsschreibung Glucks Wirken in den Fokus der Opern re formen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gerückt, ist heute klar, daß hier eine ganze Gruppe von Komponisten am Werke war und Niccolò Jommelli oder Tommaso Traetta sicherlich eine ebenso bedeutende Rolle bei dieser Entwicklung zukommt.

Im übrigen warf Gluck die alte Opera seria keineswegs auf den Abfallhaufen: Schon ein Jahr nach Orfeo ed Euridice brachte er in Wien Ezio auf die Bühne, die Neuversion einer Oper auf ein Libretto von Metastasio, die er 1750 für Prag komponiert hatte. Da die meisten Opern damals selten länger als eine Saison aufgeführt wurden, konnte Ezio in Prag mit einer Wiederaufnahme in der folgenden Saison durchaus schon als Erfolg gelten.

Im übrigen war die Wiederverwertung bereits geschriebener Werk gang und gäbe. Auch bei Gluck spielte diese Praxis eine wichtige Rolle, wie besonders aus den Bearbeitungen seiner italienischen Werke für die französische Opernszene bekannt ist. So wurde beispielsweise mit korrigierenden Eingriffen wie dem Ersatz des in Frankreich weniger beliebten Kastraten durch einen Tenor aus Orfeo ed Euridice für Paris Orphée et Eury - dice. Bei der Wiederaufnahme eines alten Opernstoffes mußte Gluck in - dessen vorsichtig mit dem Altmate rial umgehen, da er möglicherweise inzwischen Teile bereits für andere Zwecke verwendet hatte: So fiel beim Wiener Ezio eine Arie des Prager Vorbilds dem Umstand zum Opfer, dass sie bereits mit einem anderen Text im Jahr zuvor eine Erfolgsnummer in Orfeo ed Euridice gewesen war.


*** Die HANDLUNG (von www.oehmsclassics.de) ***

Die Handlung

Akt 1

Rom im 5. Jahrhundert n. Chr. – Siegreich ist der Feldherr Ezio aus der Schlacht gegen die Hunnen nach Rom zurückgekehrt. Attila, Anführer der feindlichen Truppen, wurde in die Flucht geschlagen, das Weströmische Reich vor den Eindringlingen bewahrt. Valentiniano III., Kaiser von Rom, erwartet den Helden. Er sieht sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Hochzeit mit Fulvia, der Tochter des römischen Patriziers Massimo, soll sein Glück vollkommen machen. Der Kaiser weiß nicht, dass Fulvia Ezio liebt und sich mit diesem bereits verlobt hat. Massimo jedoch plant eine Verschwörung gegen den ihm verhassten Kaiser, der einst seine Frau vergewaltigte. Er hofft, Ezio für seine Mordpläne einspannen zu können und enthüllt diesem Valentinianos Hochzeitspläne. Ezio ist überzeugt, dass der Kaiser auf Fulvia verzichtet, wenn er nur von ihrer Liebe erfährt. Er versichert seiner Verlobten, dass sich alles zum Guten wenden werde. Massimo versucht, seine Tochter in die Intrige gegen den Kaiser hineinzuziehen – sie soll Valentiniano heiraten, um ihn dann zu töten. Entsetzt flieht Fulvia vor den Plänen ihres Vaters. Massimo nimmt die Vorbereitungen für den Mord schließlich selbst in die Hand. Der Diener Emilio soll die Tat ausführen. Den Verdacht will Massimo auf Ezio lenken. Onoria, die Schwester des Kaisers, ist in Ezio verliebt. Um Ezio sich und dem Hof stärker zu verpflichten, unterstützt Valentiniano diese Verbindung. Er beschließt, den Feldherrn mit seiner Schwester zu vermählen. Ezio verweigert sich diesem Vorhaben und bekennt sich offen zu Fulvia. Doch der Kaiser bleibt hart: Durch Onoria lässt er Fulvia und Ezio mitteilen, dass er bereits am kommenden Tag Fulvia heiraten werde. Ezio beruhigt die verstörte Fulvia. Er baut auf seinen Einfluss und seine Macht als siegreicher Krieger. Ezio könnte das Volk gegen Valentiniano aufwiegeln. Ezio und Fulvia versichern sich gegenseitig ihrer Liebe.

Akt 2

Der Mordanschlag auf den Kaiser ist fehlgeschlagen. Valentiniano hat den Attentäter Emilio verwundet und in die Flucht geschlagen. Geschickt wendet Massimo den Verdacht auf Ezio. Der Kaiser vermutet nun seinen Feldherrn hinter dem Komplott. Fulvia muss hilflos mitansehen, wie ihr Vater den Geliebten anklagt. Fulvia macht Massimo schwere Vorwürfe. Dieser erinnert sie an ihre Pflichten als Tochter und stürzt sie in einen schweren Gewissenskonflikt: Um dem Geliebten zu helfen, müsste sie den Vater verraten. Ezio hat von dem Anschlag auf den Kaiser erfahren. Er eilt herbei, um Valentiniano zu helfen. Fulvia will ihn zur Flucht überreden und enthüllt ihm, dass man ihn, Ezio, als Verschwörer verdächtigt. Ezio kann das nicht glauben. Doch der Präfekt Varo kommt hinzu, entwaffnet Ezio und nimmt ihn fest. Varo erklärt Fulvia, dass sie Ezio nur retten kann, wenn sie – und sei es nur zum Schein – in eine Heirat mit Valentiniano einwilligt. Valentiniano eröffnet seiner Schwester Onoria, dass der Hunnenkönig Attila zur Bekräftigung des Friedens um ihre Hand angehalten hat. Onoria ist jedoch erst zur Ehe bereit, wenn die Verschwörung gegen ihren Bruder vollständig aufgeklärt ist. Fulvia zeigt sich dem Kaiser gegenüber besorgt. Dieser deutet ihre Fürsorge als Liebe. Um Ezio zu demütigen, verlangt er, dass Fulvia an seiner Seite bleibt, wenn der Gefangene vorgeführt wird. Fulvia bleibt keine andere Möglichkeit, als diesem Befehl Folge zu leisten. Ezio glaubt sich von Fulvia verraten. Er beschuldigt den Kaiser, dass dieser ihn nur des Verrats bezichtige, um sich seiner zu entledigen. Fulvia verstellt sich zunächst und verleugnet ihre Liebe zu Ezio. Schließlich kann und will sie die Maskerade nicht länger aufrechterhalten und bekennt sich zu ihrem Verlobten. Außer sich vor Wut lässt Valentiniano den Feldherrn in den Kerker werfen. Ezio kann diese Strafe nichts anhaben: Er weiß, dass Fulvia ihn liebt. Zornentbrannt machen Valentiniano und Massimo Fulvia schwere Vorwürfe. Valentiniano besteht auf einer sofortigen Hochzeit. Doch Fulvia hat keine Angst mehr vor seinen Drohungen. Sie hat schon so viel Leid erfahren.

Akt 3

Valentiniano will Ezio zur Einsicht bewegen und geht zu ihm in den Kerker. Er befiehlt Varo, Ezio zu töten, wenn dieser sich nicht zum Kaiser bekenne. Varo warnt davor, dass Ezios Tod einen Tumult beim Volk auslösen könne. Valentiniano lässt scheinbare Milde walten: Er lässt Ezio frei, ja, er gibt ihm sogar Fulvia zurück. Im Gegenzug soll Ezio ihm die Hintergründe des Mordanschlags enthüllen. Ezio verweigert dies – schließlich ist er unschuldig. Zu seinem großen Erstaunen schenkt ihm Valentiniano dennoch die Freiheit. Ezio ahnt nicht, dass der Kaiser ihn hinterrücks ermorden lassen will. Varo meldet, dass der Befehl, Ezio zu töten ausgeführt worden ist. Fulvia ist tief erschüttert, und Massimo ist hoch erfreut über diese Nachricht. Onoria bringt indessen den Beweis für Ezios Unschuld. Emilio hat kurz vor seinem Tod den Mordversuch gestanden, ohne jedoch den Namen seines Auftraggebers preisgegeben zu haben. Der Verdacht fällt auf Massimo, und Fulvia sieht sich gezwungen, selbst die Tat zu gestehen, um den Vater zu retten. Valentiniano sieht sich von allen verlassen und verraten. Massimo will sich bei Fulvia für ihre Loyalität bedanken, doch sie stößt ihn von sich. Allein im Tod, so scheint ihr, findet sie noch Trost. Massimo wiegelt das Volk gegen den Kaiser auf und marschiert mit den Aufrührern zum Kapitol. Valentiniano muss sich allein gegen die Aufständischen verteidigen. Er hofft in Massimo einen Verbündeten zu finden, doch dieser gibt nun sein wahres Gesicht zu erkennen. Er will den Kaiser selbst töten. In diesem Moment tritt Ezio dazwischen. Varo hat den Mord an Ezio nur vorgetäuscht, in Wahrheit aber den Freund verborgen. Ezio rettet den Kaiser. Massimo wird festgenommen. Voller Dankbarkeit, dass Ezio ihm das Leben gerettet hat, gibt ihm Valentiniano Fulvia zur Frau. Auf Bitten Ezios schenkt der Kaiser schließlich auch Massimo das Leben.

Mehr zu Franco Fagioli: http://www.delage.at/artists/franco_fagioli/


 

Franco Fagioli (Portraitfoto)
www.oehmsclassics.de

 

Franco Fagioli als Ezio bei der Inszenierung der
Ludwigsburger Schlossfestspiele unter Hofstetter 2007
© Reiner Pfisterer
http://www.delage.at/artists/franco_fagioli/pictures
 

2 CDs

Oehms Classics
Vertrieb Harmonia Mundi

OC 918

Juni 2008

Interpretation:
Klang

    ausgezeichnet
    ausgezeichnet

 

Letztes Update: 22.06.2008, 16.22 Uhr

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

© 1997-2009 A. Lotze, GayStation