Gli amori
d’Apollo e di Dafne, 1640 im Teatro S. Cassiano in Venedig
uraufgeführt, war Francesco Cavallis zweite Oper und der Beginn der
Zusammenarbeit mit Giovanni Francesco Busenello, dem ersten großen
Librettisten der Operngeschichte (auf dessen Textvorlage Monteverdi sein
Meisterwerk L’incoronazione di Poppea komponierte). Busenello lieferte
Cavalli auch die Libretti zu Didone (1641) und Statira
(1656) sowie zu La prosperità infelice di Giulio Cesare dittatore,
deren Musik verschollen ist.Cavallis Oper über den
Apollo-und-Daphne-Mythos ist dem frühen Operntypus verpflichtet, dessen
Stoffe überwiegend der klassischen Mythologie entstammten und dessen
musikalischer Charakter einer genauen Definition entbehrte. Noch durfte
sich die teilweise unglaubliche schöpferische Kreativität der
Komponisten frei entfalten, noch waren ihr durch dramatische und
musikalische Klischeevorstellungen, durch die die Opernwelt schon bald
in Konventionen erstarren sollte, keinerlei Grenzen gesetzt. Bereits
zwanzig Jahre später sollten Opern keine der noblen deklamatorischen und
für Gli amori d’Apollo e di Dafne so zentralen Partien wie Giove
(Zeus) und Peneo (Peneus) mehr enthalten, ebenso wenig wie die
herrlichen, in Apollos längere Reden eingestreuten Ariosi oder die sich
einer Klassifizierung entziehenden, von Originalität und schöpferischer
Freiheit zeugenden dramatischen Episoden wie Procris’ Klage am Ende des
I. Akts, einer der bewegendsten Szenen der Operngeschichte. Aurora,
Daphne, Amore (Cupido) und Cefalo (Cephalus) überraschen mit langen
asymmetrischen Phrasen, in denen die Worte in magischen Klangnuancen
zwischen Licht und Schatten changieren; diese Art der musikalischen
Schreibweise sollte bald kürzeren, einheitlich konstruierten Arietten
weichen.
Die von Göttern und Halbgöttern bewohnte mythologische Welt galt
allgemein als idealer Schauplatz für dramatische Werke, deren Personen
sich des Gesangs anstelle der Sprache bedienten. In dem hier
besprochenen Meisterwerk scheint die übernatürliche, nachgerade magische
Natur der Charaktere zum Kennzeichen der Oper selbst geworden zu sein,
mit seiner wundersamen Verschmelzung von Wort und Musik, Menschlichem
und Göttlichem, der geträumten Welt des Prologs und der physisch-realen,
sinnlichen Welt von Apollos Klage nach Daphnes Verwandlung in einen
Lorbeerbaum (“Ohimé, che miro” - Akt III, Szene 3). Den komischen Aspekt
vertritt indes die Gestalt der alten Cirilla, eine sog.
Travestie-Partie, die dem Brauch der Zeit entsprechend von einem Sänger
im hohen Falsett gesungen wurde.
Der Inhalt der Oper setzt sich aus verschiedenen kontrastierenden
Handlungssträngen zusammen. Den Mittelpunkt bildet die Geschichte der
Daphne, die - auf der Flucht vor der Liebeslust Apollos - von ihrem
Vater, dem Flussgott Peneus, in einen Lorbeerbaum verwandelt wird;
parallel dazu verläuft die Geschichte der Aurora, die dem Zauber des
sterblichen Cephalus verfällt und ihren alternden Gatten Titone (Tithonus)
betrügt; zu diesen Protagonisten gesellen sich verschiedene
Nebenpersonen, deren menschliche Züge das Gegengewicht zur göttlichen
bzw. halbgöttlichen Natur der Hauptdarsteller bilden. Eine solche Szene
ist die o.e. Klage der Procris, Cephalus’ verlassener Gattin; in anderen
Szenen treten Personen auf, die nichts mit den beiden zentralen
Handlungssträngen zu tun haben: z.B. der gelehrte Alphesibeus und die
alte Cirilla, deren moralisierende Ausführungen den Zuschauer zum
Nachdenken über die Schwäche des Menschen und die Unvorhersehbarkeit
seines Schicksals auffordern.
Die einzige erhaltene musikalische Quelle von Gli amori d’Apollo e
di Dafne ist eine in der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig
aufbewahrte Manuskriptabschrift. Es fehlen dort vier Szenen - die zwei
jeweils letzten Szenen der Akte I und II. Ob sie verschollen sind oder
nie vertont wurden, lässt sich nicht mehr feststellen. Wie bei allen
Opernmanuskripten der Zeit sind auch hier nur die Vokalpartien und die
(teilweise bezifferte) Generalbass notiert. Weitere Instrumentalstimmen
(manchmal zwei, im Sopranschlüssel - manchmal vier, zwei im Sopran-,
eine im Alt- und eine im Tenorschlüssel), von denen keine einem
bestimmten Instrument zugeordnet ist, sind in den Einleitungssätzen,
Tänzen und Ritornellen notiert. Entsprechend den ästhetischen und
technischen Anforderungen moderner Aufführungspraxis und nach
eingehendem Manuskriptstudium habe ich für meine auch in dieser
Einspielung verwendete Edition von Gli amori d’Apollo e di Dafne
einige zusätzliche Instrumentalstimmen hinzukomponiert. Sie bewegen sich
im Dialog mit der Vokalstimme und erscheinen vorwiegend in den Arien,
aber auch in einigen Ariosi und ausdrucksstarken Rezitativen. Komponiert
sind sie im Stil der Zeit, wobei ich sagen zu können glaube, dass sie
auch von Cavalli selbst oder - etwas bescheidener - von einem
Mitarbeiter seines Vertrauens stammen könnten. Jede dieser zusätzlichen
Stimmen sowie die Stimmen des Manuskripts habe ich einem bestimmten
Instrument zugeordnet, wodurch ein Kammerensemble entsteht, das sich aus
Streichern, Holz- und Blechbläsern zusammensetzt. Bei der Wahl der
Instrumente handelt es sich jedoch nur um Empfehlungen, und das
Orchestermaterial ist so geschrieben, dass es dem Dirigenten gestattet,
Instrumentalkombinationen nach eigenem Geschmack bzw. verfügbaren
Spielern zusammenzustellen. Jede Melodiestimme wurde unter genauer
Berücksichtigung der technischen Grenzen historischer Instrumente
komponiert, damit die Partitur entsprechend der Praxis des siebzehnten
Jahrhunderts ‚con ogni sorta d’istromenti’, authentischen oder modernen,
einschließlich des Originalensembles (das nur aus je zwei Violinen und
Bratschen bestanden haben könnte), aufgeführt werden kann. Wie man in
unserer Einspielung hören kann, schöpft Alberto Zedda dank seiner
musikalischen Einfühlungskraft und stilistischen Erfahrung die durch
unsere Edition ermöglichte Flexibilität voll aus.
Eine Schlussbemerkung zu den wenigen für diese Aufnahme
eingerichteten Strichen: Sie erschienen uns angezeigt in einigen der
längeren Rezitativ-Abschnitte sowie bei Arien, für die im Libretto
Wiederholungen von unterschiedlichen Versen zu identischer Musik
vorgesehen waren.
Federico Agostinelli
Deutsche Fassung: Bernd Delfs
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Die Musik des Barock: Über puren Historismus hinaus
Die während der letzten Jahrzehnte beobachteten Bemühungen, das
Repertoire des Frühbarock durch Neubelebung historischer
Aufführungspraktiken erneut in den Vordergrund des Interesses zu rücken,
führten zur Rekonstruktion eines musikalischen Kontexts, für den direkte
Traditionslinien nicht mehr existierten. Schien es zu Beginn dieses
Prozesses noch gerechtfertigt, wo immer möglich historische Kriteria
anzuwenden, um den am wenigsten willkürlich erscheinenden Ansatzpunkt zu
finden, so ist es heute von essentieller Bedeutung, sich von den Fesseln
eines gelehrten Historismus zu befreien und eine freiere Interpretation
barocker Musik zu ermögliche, und zwar im Einklang mit der
Erwartungshaltung eines modernen Publikums, wie dies auch bei Musik aus
anderen Epochen als selbstverständlich gilt.
Vom Standpunkt eines bedingungslosen Purismus betrachtet, müsste man
etwa folgern, dass klassische Sinfonien, die heute von den Berliner oder
Wiener Philharmonikern aufgeführt werden, oder Sonaten, die man auf
modernen Steinway-Flügeln spielt, aufgrund ihres im Vergleich zur
Entstehungszeit grundverschiedenen Klangs ein Zerrbild von Mozart und
Beethoven vermitteln. Wahr ist vielmehr, dass die Kraft eines Steinway
eher geeignet ist, die geballte Energie und das Verlangen nach dem
Unendlichen in Beethovens ‚Hammerklaviersonate’ op. 106 zu
vermitteln, die für ein Instrument geschrieben wurde, dessen
anschließende Klangtransformation vom prophetischen Genius dieses
Komponisten erst inspiriert wurde.
Eine getreue Rekonstruktion der Opernwelt des siebzehnten
Jahrhunderts ist so illusorisch wie sinnlos: selbst wenn dies möglich
erschiene, gäbe es keinen Grund zu glauben, dass ein modernes Publikum,
das ja über wesentlich tiefere Schichten an musikalischem Wissen und
Interpretionsverständnis verfügt, ein solches Verfahren goutieren würde.
Selbiges gilt für den visuellen Aspekt der Oper. Es ist ebenso
unwahrscheinlich, dass die seinerzeit revolutionäre Theatermaschinerie
des großen Bühnenbildners Giacomo Torelli (1608-1678) mit ihren als
magisch empfundenen Verwandlungen des bemalten Horizonts und dem von
flackerndem Kerzenlicht ausgeleuchteten Bühnenraum auch nur entfernt mit
der modernen Beleuchtungs- und Videotechnik konkurrieren könnte, wenn es
darum geht, einem modernen Publikum die perfekte Illusion von
himmlischen Geschöpfen, verwunschenen Wäldern oder phantastischen
mythologischen Kreaturen zu vermitteln.
Was von Opern des frühen siebzehnten Jahrhunderts erhalten geblieben
ist, sind Manuskripte von unvollständigen Partituren, die oftmals nur
die Vokalstimmen und das Continuo enthalten. Drei-, vieroder
fünfstimmige Instrumentalsätze finden sich nur in Ritornellen oder
Einleitungssätzen, und selbst hier ohne ausdrückliche
Instrumentenzuweisung; derartige Details galten als zweitrangig und
gehörten nicht zum Aufgabengebiet des Komponisten. Es wäre ein Fehler,
beim Studium dieser Manuskripte dieselben kritischen Maßstäbe wie bei
modernen Orchesterpartituren anzulegen; was dabei entstünde, wären
Aufführungen mit einem akademischem Übergewicht im Vergleich zu
Interpretationen, die etwa dem Denkmodell des Komponisten und Musikers
Agostino Agazzari verpflichtet sind, dem Verfasser einer wegweisenden
Abhandlung mit dem Titel Del Sonare sopra ‘l Basso con tutti li
stromenti e dell’uso loro nel Conserto (Vom Musizieren über dem
Generalbass mit allen Instrumenten nebst deren Verwendung im Ensemble),
Domenico Falcini, Siena, 1607).
Bei den Manuskripten handelt es sich demnach um ‚offene Texte’,
ähnlich den Partituren zahlreicher aleatorischer Kompositionen des
zwanzigsten Jahrhunderts (mit denen die revolutionären und innovativen
Werke des Frühbarock überraschenderweise verwandt sind), welche vom
Interpreten eigenständige Entscheidungen hinsichtlich der Dechiffrierung
und Integration von Symbolen mit unbestimmt notiertem Charakter
verlangen. Vorbedingung dafür ist eine flexible musikwissenschaftliche
Herangehensweise, was den Beitrag der Fantasie und Kreativität
anbetrifft, die der Komponist bei seinen Interpreten voraussetzt. Dabei
darf keine Anstrengung gescheut werden, die Wünsche des Komponisten zu
verstehen, Wünsche, die Emilio de’ Cavalieri folgendermaßen formuliert:
“…und Signor Emilio schägt vor, die Instrumente den jeweiligen Affekten
der Rezitative anzupassen” (Vorwort zu seinem Opern-Oratorium
Rappresentazione di anima e di corpo, 1600), und die in Monteverdis
Orfeo (1609), seinem VIII. Madrigalbuch (Madrigali guerreri e
amorosi), in den Selva morale e spirituale (1641) sowie in seinen
Briefen an Alessandro Striggio und Ferdinando Gonzaga beispielhaft
realisiert bzw. beschrieben sind. Besonders aufschlussreich in diesem
Kontext ist Monteverdis Beschreibung einer idealen Instrumentierung zur
Darstellung von Meer, Wind, Himmel und Erde in seinem für den Hof von
Mantua geplanten, aber nie vollendeten Intermedio.
Die Begleitung der Vokalstimmen pflegte unter Intonationsproblemen zu
leiden, mit denen Ensembles zu kämpfen hatten, deren Instrumente in
Ermangelung eines allgemeinen Tonhöhenstandards gebaut wurden. Das
Übergewicht an Streichern und Flöten ist teilweise damit zu erklären,
dass diese Instrumente am ehesten in der Lage waren, sich sowohl der
Intonation der Vokalstimmen als auch des Continuos anzupassen.
Es macht wenig Sinn, über die Vor- und Nachteile von originalen oder
modernen Instrumenten, Spezialensembles oder sog. Mainstream-Orchestern
zu argumentieren. Originalinstrumente garantieren nicht a priori auch
eine ‚authentische’ Aufführung - die Essenz der Authentizität ist
vielmehr anderswo zu suchen. Moderne Rekonstruktionen, die das
Musizieren in gleichschwebender Stimmung und mit größerem Tonumfang
gestatten, haben die originale barocke Instrumentaltechnik grundlegend
verändert. Der Spieler eines modernen Instruments, der mit der
Tonproduktion des barocken Equivalents befasst und die Grundprinzipien
zeitgenössischer Aufführungspraxis beherrscht, kann ebenso wertvolle
Resultate erzielen wie ein guter Spieler eines rekonstruierten
Barockinstruments.
In der Vokalmusik des Barock dreht sich alles um die menschliche
Stimme: die Instrumente spielen nur eine zweitrangige Rolle und dürfen
keine Textnuance übertönen. So ungenau der Komponist bei der Wahl der
Instrumente vorgeht, so peinlich genau verfährt er bei den Anweisungen
für die Sänger. Sie müssen imstande sein, mit vokalen Mitteln Licht und
Schatten zu unterscheiden und den Worten Leben einzuhauchen; sie müssen
die Prosodie der Sprache beherrschen, an bestimmten Stellen dem Text die
nötige dramatische Wucht verleihen und den Symbolcharakter der Worte
herausarbeiten. Entscheidungen hinsichtlich der Instrumentalbegleitung
oder, generell, der Methodik einer textlichen Rekonstruktion,
unterliegen auftretenden Vokalproblemen und den entsprechend gewählten
Lösungen.
Ausgangspunkt eines jeden Bearbeiters beim Hinzufügen von
Instrumentalstimmen zu einer Partitur, die nur aus Vokalparts und
Continuo besteht, sollten nicht klangliche Erwägungen, sondern die
strukturellen Charakteristiken der zahlreichen durch die Jahrhunderte
überlieferten Beispiele sein. In den meisten Fällen handelt es sich
dabei um Fragmente im kontrapunktisch-imitativen Stil, die sich also
horizontal anstatt vertikal (harmonisch) bewegen. Die Musiker könnten
über diese Fragmente im Dialog mit den Sängern entweder improvisiert
oder von Stimmen gespielt haben, die sie während der Proben notiert
hatten.
Heutzutage beschränken nur noch einige wenige rückständige Fanatiker
die Verwendung von Melodieinstrumenten auf die raren Momente, in denen
sie tatsächlich im Manuskript notiert sind. In der heutigen
Aufführungspraxis geht es im Großen und Ganzen mehr um die Anzahl, die
Art und den Umfang solcher musikalischen Eingriffe als über ihre
Ratsamkeit an sich. Die Forschung hat den Akzent auf andere Themen
verlagert: Wahl der Ausführenden; strukturelle und dramatische Probleme,
die sich aus dem Text ergeben (Striche, Kürzungen, Parodien,
Entlehnungen aus anderen Werken etc.); Hinzufügung oder Wiederholung von
Ritornellen und Einleitungssätzen; Transpositionen; oder die
Entscheidung für eine besonders ‚authentische’ Fassung, wenn mehrere
existieren, wobei es sich entweder um spätere Korrekturen oder um
Änderungen für Wiederaufnahmen unter neuen Bedingungen handeln kann.
Im Minenfeld des Geschmacks und im Widerstreit der Meinungen gilt es,
philologische und historiographische Belange mit dem gesunden
Fachverstand von Musikwissenschaftlern und Musikern in Einklang zu
bringen. Anstatt Existierendes zu verbessern, sollten Herausgeber
versuchen, diese Werke für ein Publikum zu ‚übersetzen’, das sie in
einer anderen Zeit und in einer veränderten Welt wiederentdeckt.
Manchmal sind gerade die Antworten, die am weitesten vom Buchstaben des
Manuskripts entfernt scheinen, diejenigen, die dem Geist eines Werks,
den ursprünglichen Intentionen des Komponisten und dem Wunder der
Schöpfung am ehesten gerecht werden.
Alberto Zedda
Deutsche Fassung: Bernd Delfs
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Die Handlung
[CD 1 / Track 1] Prolog. Sonno (Schlaf), gestärkt durch die
den Morgen ankündigende Brise, sieht, dass die Augenlider des Menschen
dem sanften Gott des Schlafs nicht zu widerstehen vermögen. Zu dieser
frühen Stunde erfreut er sich noch am tiefen Schlaf der Natur. In der
Ferne gewahrt man bereits die Göttin, die die Erde mit Tautropfen
benetzt, und schon zeigen sich die ersten Strahlen des Morgenlichts.
Sonno ruft seine Diener Panto, Itaton und Morfeo (Morpheus) auf, den
Menschen in verschiedenster Gestalt in Traumbildern zu erscheinen.
Morfeo erhört den Ruf seines Herrn, des Gottes der Ruhe und des
Friedens. Auch Itaton wird in verschiedenen Verwandlungen, in Vogelund
Tiergestalten erscheinen, während Panto sich in abstakteren Formen unter
die Schläfer zu mischen gedenkt. Gemeinsam werden sie die schlummernde
Welt mit glücklichen Träumen erfreuen. Der Prolog endet mit einem Tanz
der phantastischen Erscheinungen.
Akt I
Szene 1
[1/2] Titone (Tithonus), Geliebter der Aurora (Morgenröte), klagt der
Göttin sein Leid, durch den Besitz ewigen Lebens, aber ohne das Geschenk
ewiger Jugend alt und weißhaarig geworden zu sein. Aurora erwidert, dass
ein junges Mädchen, deren Sinne auf Liebe gerichtet seien, ihre
Aufmerksamkeit von einem alten Mann abwenden würde, der seine Küsse nur
hauchen und seine Liebeserklärungen nur stammeln könne; die zitternde
Hand glaube, sie könne versiegte Kraft zurückgewinnen, müsse aber bald
die Aussichtslosigkeit des Wettstreits mit der Jugend erkennen. Mit
Gesang lasse sich Zeit gewinnen, der Kampf verlange jedoch Waffen. Sie
versichert ihn dennoch ihrer Liebe, doch schon wird sie vom Sonnengott
gerufen, mit ihm in seinem goldenen Wagen durch die Lüfte zu eilen.
Titone gemahnt sie an das Schicksal Phaetons, doch Aurora beschwichtigt
seine Sorge.
Szene 2
[1/3] Cirilla, eine alte Frau, berichtet, dass ehrliche Armut nicht
kränkt. Sie schlafe gehüllt in unschuldige Schwalbenund Taubenfedern und
auf einem Lager aus Stroh ihren süßesten Schlaf, zur Schande derjenigen,
die in großen, prunkvollen Betten schlummern. Der nahe Fluss sei ihr
Trink- und Waschstätte zugleich; sie empfinde keinerlei Neid oder
Ehrgeiz und kenne weder Habsucht noch Betrug. Aus einem Traum erwacht,
in dem sie ein schönes Mädchen zu sehen glaubte, das in einen dürren
Baum verwandelt wurde, sieht sie Alfesibeo (Alphesibeus) nahen, der die
tiefen und verborgenen Gründe der Natur kennt; er soll ihr den Traum
deuten. Alfesibeo beschreibt ihr den Sonnenaufgang, die Wiedergeburt der
Welt aus dem Busen der Nacht und ein glücklicheres Erwachen der
Geschöpfe, befreit vom Schatten des nächtlichen Dunkels. Auf seine
Frage, warum sie nicht schlafe, entgegnet sie, dass sie die Deutung
ihres Traums zu erfahren hoffe, in dem eine anmutige Nymphe in einen
Baum verwandelt worden sei. Auch Alfesibeo hat diesen Traum geträumt.
Von ihm die Deutung zu erfahren, will sie ihm eilends folgen.
Szene 3
[1/4] Giove (Jupiter) erscheint mit Venere (Venus) und Amore
(Cupido). Von Venere, deren Schönheit den Himmel und die Gestirne
erstrahlen lässt, will er den Grund ihrer Tränen erfahren und gelobt ihr
Hilfe. Er erfährt, dass der verwegene Apollo, der sie vor ihrem lahmen
Gatten Hephaistos gekränkt hat, ihr Sorge bereitet. Sie bittet ihren
Vater um Gerechtigkeit. Giove versucht sie mit der Versicherung zu
besänftigen, dass Apollos Verhalten nur ein Scherz gewesen sei, doch
Venere besteht auf Bestrafung für seine Frechheit. Giove entgegnet, dass
ihr Sohn Amore die Mittel besitze, ihre Schmach zu rächen, und dieser
fragt Venere, was sie von ihm als Antwort auf die Untaten des
Sonnengottes verlange. Tapferkeit, so lautet ihre Antwort. Giove
befiehlt Amore, seine Waffen gegen den kühnen Apollo einzusetzen. Amore
verspricht Gehorsam und bricht nach Thessalien auf, um Apollo dort
zwischen Wäldern und Felsen zu finden.
Szene 4
[1/5] Nach dem Szenenwechsel erblickt man Dafne (Daphne) in
Begleitung von Nymphen und Hirten. Dafne erblickt ihr höchstes Gut in
der Freiheit ihres Herzens von jeglicher Liebe; nur Herzen, die sich
nicht der Liebe beugen, besitzen für sie Glück. Unbedrängt von
Liebeszwängen kann sie sich ganz der Schönheit der Natur hingeben.
Begleitet von den Klängen ihrer Lyra besingt sie das Lob der Freiheit,
den Balsam des Lebens, der dem Herzen Schutz vor den Keimen der Liebe
bietet. Sie fordert die Nymphen und Hirten zu Tanz und Gesang auf, um
die Wälder mit himmlischer Atmosphäre zu füllen und die Götter zu
erfreuen.
Szene 5
[1/6] Filena warnt Dafne vor der Vergänglichkeit der Schönheit, die
erst verbleichen werde, um dann gänzlich zu entschwinden. Dafne weist
sie zurück: sie werde gehen, wenn man ihr nichts anderes zu berichten
wisse. Filena stimmt ein Loblied auf die Liebe an: wer diese Gefühle
nicht kenne, trage Missmut im Herzen. Sie bedauert Dafnes
Widerspenstigkeit; da man nur einmal lebe, gelte es, sich zu vergnügen
in der Zeit, die einem vergönnt sei. Dafne lässt Filena mit ihren
Liebeshymnen zurück.
Szene 6
[1/7] Filena sinnt über den Stolz und den Starrsinn der Jugend nach;
gleich dem rosigen Apfel auf hohem Zweige, der die Berührung durch
Menschenhand verschmäht, um, zu Boden gefallen, von Würmern zerfressen
zu werden, könne ein törichtes Mädchen ein ähnliches Schicksal erleiden.
Was in der Natur sein Blättergewand im Oktober verliere, blühe erneut im
April, dem Menschen sei auf seiner kurzen Erdenreise aber nur ein
einziger Mai vergönnt.
Szene 7
[1/8] Cefalo (Cephalus), Gatte der eifersüchtigen Procris, liebt
Aurora. Er vergeht vor Hoffnung und Liebesverlangen und sehnt sich nach
dem Ende seiner Qualen. Er ruft sie an, aus ihrem reinen Himmel in die
Arme ihres treuen Liebhabers herabzusteigen, wissend, dass die Liebe zu
einer Göttin weit über menschliche Schwäche erhaben ist. Aurora
erscheint; sie würde Titone erblindet finden, wenn er glaubte, sie könne
den goldenen Wagen des großen Planeten nicht beherrschen. Sie ist
entschlossen, der Welt zu beweisen, dass sie den Platz der
Sonnenstrahlen im Himmel einnehmen kann. Den Abstieg Apollos hinab in
irdische Gefilde dient ihr als Vorwand, dort ist es aber ihr einziges
Verlangen, ihren Geliebten Cefalo zu treffen. Er begrüßt sie, nun von
Sorgen befreit, und bewundert ihr Antlitz und ihr Lächeln. Sie gesteht
ihm, dass sie Titone vorgetäuscht hat, sie würde den Platz der Sonne
einnehmen, und wie er ihr glaubte. Cefalo will den Namen Titone nicht
hören, doch Aurora bedeutet ihm, er müsse auf einen alten Mann nicht
eifersüchtig sein; ein junger Liebhaber brauche einen harmlosen Greis
nicht zu fürchten. Alte Männer seien lächerlich, wenn sie glaubten, sie
könnten es mit einem jungen Adonis aufnehmen; Cefalo brauche also Titone
nicht zu fürchten. Cefalo verlangt, ihm ihre Liebe zu schwören.
Szene 8
[1/9] Procri (Procris) ersehnt die Rückkehr ihres treulosen Gatten zu
der Procri, die er einst liebte, die sie aber nicht mehr ist, seit er
sie betrog. Warum, so fragt sie sich, sollten Götter auf Erden Liebe
suchen; fehle es im Olymp so sehr an Liebe? Sie bittet, dass Cefalo zu
ihr zurückkehren möge, da die Eifersucht sie nur Wut und Flüchen treibe.
[2/1] Sinfonia
Akt II
Szene 1
[2/2] Apollo steigt in die Region hinab, für die er sich entscheiden
würde, sollte er des Himmels überdrüssig sein. Thessalien könne selbst
einen Gott dazu bringen, es für das Paradies zu halten. Der Bach
murmele, der Windhauch flüstere, die Aue sei lieblich, die Vögel
zwitscherten, und die Menschen seien blind, wenn sie die Schönheit der
Natur nicht wahrnähmen. Vom Helikon her, dem Sitz seiner geliebten
Musen, erklingt ihm ein Lied, das von einer Wolke erzählt, die am Ufer
der Hippokrene vorbei zieht. Die Musen bitten ihn zu verweilen, da sie
ohne ihn nicht sein könnten; ihren heiligen Berg und die sprudelnde
Quelle möge er mit seinem Licht umglänzen.
Szene 2
[2/3] Alfesibeo hat seine Kunst bemüht und den Traum von der in einen
Baum verwandelten Nymphe gedeutet - eine Vision, die nichts Gutes
verheißt: Der Himmel spricht zu den Menschen in unterschiedlichsten
Erscheinungen, durch Blitz und Kometen, Erdbeben und Träume und mit
Wundern der Natur. Die in ein Gewächs verwandelte Nymphe steht für
menschliche Störrigkeit, die am Ende vom Himmel bestraft wird. Solch ein
Unglück der Verwandlung eines menschlichen Wesens in einen Baum oder
Stein sieht er an diesem Tag für Thessalien voraus und macht sich auf
den Weg zu Cirilla, um ihr seine Deutung offenbaren.
Szene 3
[2/4] Amore (Cupido) will das seiner Mutter zugefügte Unrecht rächen.
Mit einem Pfeil will er Apollo die Kraft der Liebe ins Herz schießen.
Apollo, der, so weiß Amore, diese Wälder gern aufsucht, will er mit
einem scharfen Pfeil zum Narren halten, um ihn zur Umkehr seines
Verhaltens zu bewegen. Doch Apollo verspottet Amore mitsamt seiner
Pfeile, die er gleich einem nackten Krieger in alle Winde schleudere,
ein kindischer Mars, ein sich als Säugling gebärdender Ritter mit dem
Verstand eines Pygmäen. Apollo hingegen schildert seine eigene
Göttlichkeit in den hellsten Farben. Amore warnt ihn vor weiteren
Beleidigungen. Als Apollo ihn auffordert, zu seiner Mutter
zurückzukehren, trifft ihn Amores Pfeil.
Szene 4
[2/5] Apollo scheint es, als werde er von einem Strahl der Schönheit
geblendet. Vor ihm steht Dafne, der schönste ihm je begegnete Anblick,
die lieblichste, zarteste aller Nymphen, der Stern der Wälder, eine neue
Gottheit. Plötzlich spürt er im Herzen die Wunde des Liebespfeils. Er
bittet Dafne, ihm ihr Auge zuzuwenden und ihm durch ihren Anblick ein
neues Paradies zu erschließen. Sie aber verachtet seine Liebesschwüre
und will gehen. Apollo hält sie mit der Frage zurück, wer sie dazu
bewege, vor ihm, einem göttlichen Wesen, zu fliehen. Er sei Apollo, der
Gott der Schönheit, der güldene Strahl des Tages, Vater der
Jahreszeiten, König der Planeten, Meister der Harmonien, Geist des
Gesangs und bereit, für den Kuss der Liebe seine Unsterblichkeit zu
opfern. Dafne rät ihm, alle Hoffnungen auf ihr Herz zu begraben und sich
wieder gen Himmel zu wenden. Sie sei entschlossen, als Jungfrau zu
sterben; wenn er das Licht des Tages, der Stern der Natur sei, so könne
er nicht wollen, sie in finsterer Nacht begraben zu sehen. Als
Schutzgeist der jungfräulichen Musen dürfe er sie nicht so grausam
behandeln.
Szene 5
[2/6] Dafne wendet sich fort. Apollo beschließt, ihr zu folgen.
Szene 6
[2/7] Aurora will Cefalo verlassen, doch er bittet sie zu bleiben.
Sie entgegnet ihm, er müsse den Abschied ertragen; obwohl sie
unsterblich sei, erscheine ihr die Reise zum Himmel wie ein Abstieg in
den Hades. Cefalo müsse jammernd zurückbleiben, während sie zu ihrem
geliebten Gatten zurückkehre. Aurora werde die Erinnerung an Cefalo in
ihrem Herzen bewahren; sie werde Apollo erwarten und mit ihm zum Himmel
aufsteigen; nur ihre Zunge, nicht ihr Herz sage ihm Lebewohl. Cefalo
wiederholt sein Flehen, bei ihm zu bleiben und ihn nicht in Verzweiflung
zurückzulassen.
Akt III
Szene 1
[2/8] Filena hält Dafne erneut ihre Torheit vor, die Liebe eines
Gottes zu verschmähen, der sie selbst zur Göttin mache. Dafne aber
bleibt standhaft in ihrem Entschluss, sich nicht von den Wonnen der
Liebe täuschen zu lassen. Ob Apollos Schönheit ihr gänzlich gleichgültig
sei, will Filena von ihr wissen, die selbst alles für die Liebe des
Gottes zu geben bereit wäre. Dafne betet zu ihrem Vater, sich aus den
Fluten erheben und sie vor dem schändlichen Ansinnen Apollos zu retten.
Szene 2
[2/9] Dafne erfährt von ihrem Vater, dem Flussgott Peneo (Peneus),
dass er sie nicht vor Apollo schützen kann. Während der Sonnengott sein
Wasser verdunsten lassen könne, habe er selbst nicht die Macht, dem
Feind das Licht auszulöschen. Nur ein Mittel sei ihm gegeben, sie nicht
zur Liebesbeute Apollos werden zu lassen: sie in einen Baum zu
verwandeln, dessen Blätter nicht welken - nicht mehr Dafne, sondern
Lorbeer. Dafne willigt ein, um ihre Tugendhaftigkeit, den einzigen
Schatz großer Seelen, zu retten. Peneo beginnt den Prozess der
Metamorphose; Dafnes Blätter sollen zu Zeichen des Triumphs, zur Krone
der Dichter werden; ihre Zweige sollen die Blitze Jupiters nicht
fürchten. Beim Nahen Apollos wird Peneo in den Fluten verschwinden, und
im Wasser wird die Tochter das Spiegelbild ihrer Verwandlung erschauen.
Der Fluss soll zum Strom der Klage werden.
Szene 3
[2/10] Apollo wird zum Zeugen der Verwandlung seiner Angebeteten.
Bittere Tränen entfließen seinen Augen und vermischen sich mit dem
Quell, der die Wurzeln des Lorbeerbaums nährt. Nicht länger will er
Sonne heißen, sondern seinen Wagen in heißen Tränen ertränken. Er ruft
den allmächtigen Amore an, sein Leid zu heilen, einen Zweig des
Lorbeerbaums in seinem Herzen wohnen zu lassen und Apollos Göttlichkeit
und Dafnes Tugend miteinander zu vereinen. Nachdem sein Pfeil gesiegt
und er sich gerächt hat, verlangt Amore von Apollo zu hören, was er
jetzt zu den Anschuldigungen von dereinst zu sagen habe.
Szene 4
[2/11] Pan fragt Apollo nach dem Grund der Tränen, die den Himmel
erschüttern. Apollo ist vom Schmerz überwältigt und kann erst nach
weiterem Andringen erklären, dass der Grund die Liebe sei. Er zeigt Pan
den Lorbeerbaum, in den Dafne verwandelt wurde und spricht davon, wie
sie seine Küsse abwehrte und in die Metamorphose flüchtete. Nun sei er
eifersüchtig auf die Bäume des Waldes, deren Wurzeln sich mit denen
ihres Baumes verschlingen, eifersüchtig auf den Windhauch, der ihre
immergrünen Blätter umspielt, und auf seine eigenen Sonnenstrahlen, die
er, in den Himmel zurückgekehrt, zu ihr hinabschicken werde. Er fordert
Pan auf, mit ihm zu weinen, und bittet Blumen, Schatten, Höhlen, Brisen,
Vögel und Blätter, in seine Klagen einzustimmen. Pan rät ihm, sein Haar
mit einer Girlande aus Blättern des Lorbeerbaums zu schmücken und sich
mit dem Gedanken zu trösten, dass die Erinnerung an Dafne ewig im
unvergänglichen Lorbeer fortleben wird. Nun erhebt Dafne ihre Stimme und
fragt Apollo, warum er seine grausame Hand nach einer unschuldigen
Nymphe auszustreckten wagte; er sei der Feind ihrer Ehre gewesen, als
sie ein menschliches Wesen war, und ein Zerstörer ihrer Zweige in ihrer
Baumgestalt. Sie fleht um Rücksicht für die an dieser Stelle zu Grabe
getragene Menschlichkeit. Apollo wird von Verzweiflung ob des von ihm
verwundeten Baumstamms ergriffen. Dafne erklärt ihm, dass, obwohl ihr
Geäst kein Mitleid verdiene, die Welt erfahren solle, dass sie ihm
keinen Anlass zu seiner Tat geboten habe. Apollo bittet sie um Vergebung
und lässt sie den Schmerz seiner Liebe spüren. Nun ist Dafne besänftigt
und bereut ihre eigene Grausamkeit; ihre Äste, Zweige und Blättern
verneigen sich vor ihm, und sie und bedeutet ihm in der Sprache von
Mensch und Lorbeer, dass sie ihn als Liebhaber und Sonne anbete. Pan
hält diese Worte für wert, in den Sternen geschrieben zu stehen. Dafne
aber nimmt Abschied von Apollo, wortlos der Sonne bedeutend, sie nicht
zu vergessen. Apollo wird sein Haupt mit den Blättern ihrer Zweige
schmücken, einer Krone schöner als alle anderen. Alle irdischen und
himmlischen Arten, so bestimmt es Pan, werden sich vor ihr verneigen;
ihre göttliche Schönheit wird in den Wäldern besungen werden und
Aufnahme in den Kreis der Sternbilder finden. Apollo und Pan besingen
gemeinsam das ewige Licht der Liebe. Der Sonnenwagen erscheint und trägt
Apollo gen Himmel.
Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs