THE MINOTAUR
Royal Opera House, London
(Welturaufführung
15.04.2008)
***
2 DVD
- OPUS ARTE / Vertrieb: Naxos Deutschland - OA 1000D - November
2008 ***
Music: Harrison Birtwistle
Libretto: David Harsent
The Minotaur ...........John Tomlinson
Theseus ................... Johan Reuter
Ariadne ................... Christine Rice
Snake Priestess ....... Andrew Watts
Hireus ..................... Philip Langridge
Ker...........................Amanda Echalaz
u.a.
The Royal Opera Chorus
The Orchestra of the Roal Opera House
Dirigent: Antonio Pappano
Was für eine Musik! Was
für ein Drama! Was für eine Inszenierung! HARISON
BIRTWITLES Oper „THE MINOTAUR“ ist ohne Zweifel
eine Sensation.
Perfekte Besetzung und
Darstellung, gute bis sehr gute Choreografie,
Bühnenbild, schöne Kostüme, verzaubernde Musik,
poetisch-dramatischer Text: kurz, ein GESAMTKUNSTWERK!
Ariadne, Tocher des Minos (König von Kreta) und der Pasiphae,
Mutter von Asterios (Minotaurus), wartet am Strand von Kreta auf
die Ankunft des Schiffes aus Athen.
Das Schiff bringt als Tribut Athens 14 „Unschuldige“
(7 Jünglinge und 7 Jungfrauen), die dem Minotaurus geopfert werden
sollen. Unter ihnen Theseus, Sohn des Aigeus (König von Athen),
der den Minotaurus töten und Athen vom Tribut befreien will.
Ariadne wählt einen der Unschuldigen, der als erster ins Labyrinth
des Minotaurus hinabsteigen soll. Theseus will an seiner statt gehen,
aber Ariadne verhindert das mit einer List.
Im Labyrinth, um einen Bullring (Andeutung auf die christlichen
Märtyrer im alten Rom) steht eine Menge Schreiender und fordert
Asterios auf zu sprechen. Doch der Tiermensch vermag es nicht, mehr als
verzweifelte, unartikulierte Laute von sich zu geben. Das erste
Opfer erscheint und Asterios - von der schreienden und höhnende
Menge in Rage gebracht - vergewaltig und tötet das Opfer.
Keres, eine Art Totengeister, Kinder der Nacht (Nyx), die den Tod und
das Schicksal verkörpern, erscheinen und halten ein blutiges Mal
mit dem Opfer.
Asterios sinkt erschöpft nieder und schläft ein. Er
träumt. Im Traum kann er sprechen. Er ist verzweifelt über
seine Tat. Er stellt (sich) Fragen zu seiner Identität und
Zukunft. Eine Stimme aus dem Off sagt ihm, dass er das (sein) Labyrinth
nicht verlassen kann. Nachdem alle „Unschuldigen“
geopfert worden sind, entschließt sich Theseus, selbst in das
Labyrinth zu steigen und den Minotaurus zu töten.
Ariadne versucht, Theseus daran zu hindern, und bittet ihn, sie mit
nach Athen zu nehmen. Theseus lehnt ab. Sie verspricht nun Theseus zu
helfen, wenn er sie dafür mit nach Athen nimmt. Er willigt ein.
Ariadne befragt das Orakel, wie Theseus aus dem Labyrinth heraus finden
kann, nachdem er den Minotaurus getötet hat. Das Orakel, das durch
einen Priester spricht, will zunächst den Beweggrund für
Ariadnes Handeln und Frage wissen. Ariadne belügt das Orakel,
worauf ihr die Frage an das Orakel verwehrt wird. Sie bekommt jedoch
eine zweite Chance, bei der sie Angst als ihren Beweggrund angibt, und
als Antwort durch den Priester den berühmten
Ariadnefaden überreicht. Mit Wollknäuel und Dolch
gewappnet steigt Theseus schließlich in das Labyrinth und
tötet nach kurzem, unspektakulärem Kampf den Minotaurus.
Asterios stirbt nun der Sprache mächtig und erlöst.
Eine Ker erscheint zum letzten blutigen Mal.
Auch wenn das Geschehen der Fabel des Mythos weitgehend folgt, ist das
Libretto des Lyriker David Harsent
eine geniale Neuinterpretation dieses Stoffes: Der Mythos des
Mischwesens, halb Stier halb Mensch, der den Übergang vom
Menschenopfer zum Tieropfer und damit eine Stufe der Entwicklung der
Menschheit markiert. Eine Entwicklung weg von dem der Natur
machtlos Ausgesetztsein hin zur Kultur. Eine Emanzipationsbewegung, die
aber gleichzeitig auch das Problem von Identität aufwirft. So
wird bei David Harsent dieser
Mythos zum Mythos um den Widerspruch der Befreiung des Individuums vom
Zwang zur Identität einerseits und der Suche nach Identität
andererseits. Das Opfer wird dabei vom Individuum internalisiert und
zur Selbstaufopferung stilisiert. Erlösung findet Asterios nur im
Tod und Aridane kann sich nur durch Verrat befreien. Wobei diese
Befreiung alles andere als ein Happyend ist. Die Brisanz und
Aktualität dieser Problematik macht diesen antiken Mythos für
unsere Zeit zugänglich. Selten habe ich das Geschehen einer Oper
mit solcher Spannung verfolgen können.
In der starken Spiegelbildsymbolik in den Träumen Asterios wird
deutlich wie eng die drei Hauptprotagonisten identitär miteinander
verflochten sind. Zudem sind alle drei über Asterios noch
miteinander verwandt. Ariadne mütterlicherseits und Theseus durch
seinen mythischen Vater Poseidon.
Auch sei das geniale Kostüm des Minotaurus hier erwähnt.
Durch die Transparenz der Stiermaske, die Stellung der Stieraugen und
durch die Beleuchtung im Inneren der Maske hat der Kostümbilder (Alison Chitty) eine Arte Vexierbild
geschaffen, in dem sich Mensch und Tier unaufhörlich
überlagern („...between man and beast, next to
nothing.“), ohne dass sich ein Teil davon lange fixieren lassen
würde. Man ist als Zuschauer geradezu versucht, ein Spiel
daraus zu machen.
Harrison Birtwistles
Musik zu dieser Oper ist genial.
Er komponiert dramatisch. Die Musik ist notwendiger Bestandteil dieses
Gesamtkunstwerks aber an keiner Stelle dominant. In welche Welt
versetzt einen nicht diese Musik! Wenn es nicht so negativ klingen
würde, könnte man sagen: in welche Welt zieht diese Musik
einen hinab! Denn, obwohl diese Musik den Eindruck einer ausweglosen,
labyrinthische Welt ohne Licht schafft, ist sie doch wunderschön,
verschreibt sich dabei aber keineswegs einer
Weltuntergangsästhetik.
Wer sich einen Eindruck von Harrison
Birtwistles Kunstfertigkeit verschaffen möchte beachte das
Duett des Minotaurus mit seinem tödlich verletzten
Vergewaltigungsopfer im 1. Akt. „
Er brüllt wie ein Wildschwein, sie trillert wie eine verwundete
Nachtigall“ (Zitat aus dem beigefügten Booklet)
Zu Guter Letzt noch ein Wort zu den Sängern.
Alle geben in dieser Aufführung ihr Bestes.
Besonders hervorheben möchte ich jedoch Christine Rice, die Darstellerin der
Ariadne. Ariadne ist die starke Figur in dieser Oper, Eine wirklich
außergewöhnlich starke Frauenrolle. Und Christine Rice füllt diese
Rolle aus mit einer beeindruckenden Körperlichkeit,
Bühnenpräsenz und einer wundervollen, ausdrucksstarken Stimme!
DA CAPO, MISS RICE!
(Max Schäfer 12/2008)
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