Harrison Birtwistle (1934 -)

 
THE MINOTAUR
Royal Opera House, London
(Welturaufführung 15.04.2008)


***
2 DVD - OPUS ARTE / Vertrieb: Naxos Deutschland -  OA 1000D - November 2008 ***

Music:   Harrison Birtwistle
Libretto: David Harsent


The Minotaur ...........John Tomlinson
Theseus ................... Johan Reuter
Ariadne ................... Christine Rice
Snake Priestess ....... Andrew Watts
Hireus ..................... Philip Langridge 
Ker...........................Amanda Echalaz

 u.a.

The Royal Opera Chorus
The Orchestra of the Roal Opera House

Dirigent: Antonio Pappano

Was für eine Musik! Was für ein Drama! Was für eine Inszenierung! HARISON BIRTWITLES  Oper  „THE MINOTAUR“ ist ohne Zweifel eine Sensation.
Perfekte Besetzung und Darstellung, gute bis sehr gute  Choreografie,  Bühnenbild, schöne Kostüme, verzaubernde Musik, poetisch-dramatischer Text: kurz, ein GESAMTKUNSTWERK!

Ariadne, Tocher des Minos (König von Kreta) und der Pasiphae, Mutter von Asterios (Minotaurus),  wartet am Strand von Kreta auf die Ankunft des Schiffes aus Athen.
Das Schiff bringt als Tribut Athens 14  „Unschuldige“ (7 Jünglinge und 7 Jungfrauen), die dem Minotaurus geopfert werden sollen. Unter ihnen Theseus, Sohn des Aigeus (König von Athen), der den Minotaurus töten und Athen vom Tribut befreien will. Ariadne wählt einen der Unschuldigen, der als erster ins Labyrinth des Minotaurus hinabsteigen soll. Theseus will an seiner statt gehen, aber Ariadne verhindert das mit einer List.
Im Labyrinth, um einen Bullring (Andeutung auf die christlichen Märtyrer im alten Rom) steht eine Menge Schreiender und fordert Asterios auf zu sprechen. Doch der Tiermensch vermag es nicht, mehr als verzweifelte,  unartikulierte Laute von sich zu geben. Das erste Opfer erscheint und Asterios - von der schreienden und höhnende Menge in Rage gebracht - vergewaltig und tötet das Opfer.
Keres, eine Art Totengeister, Kinder der Nacht (Nyx), die den Tod und das Schicksal verkörpern, erscheinen und halten ein blutiges Mal mit dem Opfer.
Asterios sinkt erschöpft nieder und schläft ein. Er träumt. Im Traum kann er sprechen. Er ist verzweifelt über seine Tat. Er stellt (sich) Fragen zu seiner Identität und Zukunft. Eine Stimme aus dem Off sagt ihm, dass er das (sein) Labyrinth nicht verlassen kann.  Nachdem alle „Unschuldigen“ geopfert worden sind, entschließt sich Theseus, selbst in das Labyrinth zu steigen und den Minotaurus zu töten.
Ariadne versucht, Theseus daran zu hindern, und bittet ihn, sie mit nach Athen zu nehmen. Theseus lehnt ab. Sie verspricht nun Theseus zu helfen, wenn er sie dafür mit nach Athen nimmt. Er willigt ein. Ariadne befragt das Orakel, wie Theseus aus dem Labyrinth heraus finden kann, nachdem er den Minotaurus getötet hat. Das Orakel, das durch einen Priester spricht, will zunächst den Beweggrund für Ariadnes Handeln und Frage wissen. Ariadne belügt das Orakel, worauf ihr die Frage an das Orakel verwehrt wird. Sie bekommt jedoch eine zweite Chance, bei der sie Angst als ihren Beweggrund angibt, und als Antwort durch den Priester den berühmten Ariadnefaden überreicht. Mit Wollknäuel und Dolch gewappnet steigt Theseus schließlich in das Labyrinth und tötet nach kurzem, unspektakulärem Kampf den Minotaurus. Asterios stirbt nun der Sprache mächtig und erlöst. Eine Ker erscheint zum letzten blutigen Mal.

Auch wenn das Geschehen der Fabel des Mythos weitgehend folgt, ist das Libretto des Lyriker David Harsent eine geniale Neuinterpretation dieses Stoffes: Der Mythos des Mischwesens, halb Stier halb Mensch, der den Übergang vom Menschenopfer zum Tieropfer und damit eine Stufe der Entwicklung der Menschheit markiert.  Eine Entwicklung weg von dem der Natur machtlos Ausgesetztsein hin zur Kultur. Eine Emanzipationsbewegung, die aber gleichzeitig auch das Problem von Identität aufwirft. So wird bei David Harsent dieser Mythos zum Mythos um den Widerspruch der Befreiung des Individuums vom Zwang zur Identität einerseits und der Suche nach Identität andererseits. Das Opfer wird dabei vom Individuum internalisiert und zur Selbstaufopferung stilisiert. Erlösung findet Asterios nur im Tod und Aridane kann sich nur durch Verrat befreien. Wobei diese Befreiung alles andere als ein Happyend ist. Die Brisanz und Aktualität dieser Problematik macht diesen antiken Mythos für unsere Zeit zugänglich. Selten habe ich das Geschehen einer Oper mit solcher Spannung verfolgen können.
In der starken Spiegelbildsymbolik in den Träumen Asterios wird deutlich wie eng die drei Hauptprotagonisten identitär miteinander verflochten sind. Zudem sind alle drei über Asterios noch miteinander verwandt. Ariadne mütterlicherseits und Theseus durch seinen mythischen Vater Poseidon.
Auch sei das geniale Kostüm des Minotaurus hier erwähnt.
Durch die Transparenz der Stiermaske, die Stellung der Stieraugen und durch die Beleuchtung im Inneren der Maske hat der Kostümbilder (Alison Chitty) eine Arte Vexierbild geschaffen, in  dem sich Mensch und Tier unaufhörlich überlagern („...between man and beast, next to nothing.“), ohne dass sich ein Teil davon lange fixieren lassen würde. Man ist als Zuschauer geradezu versucht,  ein Spiel daraus zu machen.

Harrison Birtwistles Musik zu dieser Oper ist genial.
Er komponiert dramatisch. Die Musik ist notwendiger Bestandteil dieses Gesamtkunstwerks aber an keiner Stelle dominant. In welche Welt versetzt einen nicht diese Musik! Wenn es nicht so negativ klingen würde, könnte man sagen: in welche Welt zieht diese Musik einen hinab! Denn, obwohl diese Musik den Eindruck einer ausweglosen, labyrinthische Welt ohne Licht schafft, ist sie doch wunderschön, verschreibt sich dabei aber keineswegs einer Weltuntergangsästhetik.
Wer sich einen Eindruck von Harrison Birtwistles Kunstfertigkeit verschaffen möchte beachte das Duett des Minotaurus mit seinem tödlich verletzten Vergewaltigungsopfer im 1. Akt.  „ Er brüllt wie ein Wildschwein, sie trillert wie eine verwundete Nachtigall“ (Zitat aus dem beigefügten Booklet)


Zu Guter Letzt noch ein Wort zu den Sängern.
Alle geben in dieser Aufführung ihr Bestes.
Besonders hervorheben möchte ich jedoch Christine Rice, die Darstellerin der Ariadne. Ariadne ist die starke Figur in dieser Oper, Eine wirklich außergewöhnlich starke Frauenrolle. Und Christine Rice füllt diese Rolle aus mit einer beeindruckenden Körperlichkeit, Bühnenpräsenz und einer wundervollen, ausdrucksstarken Stimme!
DA CAPO, MISS RICE!     (Max Schäfer 12/2008)

2 DVD
OPUS ARTE / Vertrieb: Naxos Deutschland

OA 1000D - November 2008

 

Letztes Update:01.12.2008, 01.28 Uhr

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

©1997-2009 D. Carius, GayStation