IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO

 

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL

IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO
Oratorium

Aufführung STAATSTHEATER STUTTGART 2011

Musikalische Leitung Sébastien Rouland
Regie Calixto Bieito
Bühne Susanne Gschwender
Kostüme Anna Eiermann
Licht Reinhard Traub
Dramaturgie Xavier Zuber

BESETZUNG
Bellezza Camilla de Falleiro
Piacere Ezgi Kutlu
Disinganno Marina Prudenskaja
Tempo Charles Workman

Continuo
Laute Stephan Rath
Violoncello Francis Gouton
Cembalo und Orgelpositiv Yvon Repérant


In 2011 setzt das Staatstheater Stuttgart seine Bemühungen, das Publikum mit Barockrepertoire bekannt zu machen, mit einem weiteren Werk von Georg Friedrich Händel fort. Es setzt damit auf weithin Bewährtes, ist doch auch an anderen Häusern in Deutschland Händel mit Erfolg gelaufen. Es setzt aber auch auf (für Stuttgart) Neues, indem es diesmal keine Oper nimmt, sondern ein Oratorium - allerdings kein typisches Oratorium, das ja im Allgemeinen auf biblische Stoffe setzt. Händel hat davon, nachdem seine (italienischen) Opern nicht mehr genügend Publikum anziehen konnten und das Zeitalter der Oper in London allgemein zu Ende gegangen zu sein schien, eine ganze Reihe geschrieben und mit Erfolg aufgeführt (Jephtha, Belshazzar, Theodora, Judas Maccabeus, Semele etc) - und mit all diesen hat IL TRIONFO DEL TEMPO nicht sehr viel gemein. Zwar gibt es hier (und das ist wirklich exzeptionell dastehend!) ZWEI Quartette oder Tutti, derer es ja in Opern nicht sehr viel gibt (und wenn nur am Ende die kurzen), aber von großen und vielen Chören ist in IL TRIONFO nichts zu finden.

Viel mehr Gemeinsamkeiten finden sich darin, musikalisch wie thematisch / ideengeschichtlich, mit den Serenaten und Kantaten Händels sowie dem Schaffen der Accademia dell'Arcadia und deren Bestrebungen das Leben lebenswerter zu machen, zu idyllisieren und auch sich in moralischen Fragen Stellung zu beziehen. Dies alles konnte Händel mit diesem Oratorium.

Das Libretto dazu stammte von Händels Gönner, Kardinal Benedetto Pamphilj, der, einer einflussreichen römischen Familie entstammend, vielfach als Mäzen und Konzertveranstalter in Erscheinung trat und der auch Händel förderte und aushielt in seinem Palast (was im Übrigen, wie bei diversen seiner anderen frühen Mäzene auch, immer wieder Vermutungen nährt, dass dieses "Aushalten" nicht nur ideeller, sondern auch handfesterer Natur gewesen sein könnte, auch in Anbetracht dessen, dass Händels niemals mit einer Frau zusammen, geschweige denn mit ihr verlobt oder verheiratet war!).

Die "Handelnden" in Pamphilis Libretto sind die Schönheit, das Vergnügen, die Zeit und Disinganno, was man gemeinhin mit Enttäuschung übersetzt, wohl aber auch als ernüchternde Erkenntnis verstehen kann. Alle samt alltägliche, aber im Librettotext allegorische Erscheinungen. Und natürlich ein guter Stoff für Nachdenken, für Lebensmaximen und allgemein-weise Sprüche - und ein Stoff, der durchaus nach szenischer Umsetzung ruft. Und wäre es in Rom 1707, als Händel dort weilte, nicht verboten gewesen Opern aufzuführen, wäre IL TRIONFO vielleicht auch als Oper konzipiert oder anderweitig in Szene gesetzt worden. So ist dies eine Neuerung heutzutage.

Für ihre Inszenierung hat die Stuttgarter Oper Regisseur Calixto Bieito verpflichtet, ein Liebhaber modernistischer Umsetzungen, der sich insbesondere durch sparsame, wenig bunte, wenn nicht gar einfarbig schwarze Bühnenbilder, aber noch mehr durch exzessive Verwendung von Spiegeln einen Namen gemacht (und dafür nicht selten auch Buhrufe geerntet) hat. In Stuttgart geht es alles andere als einfarbig zu, aber Spiegel spielen auch hier, von Anfang an, eine große Rolle. Im Mittelpunkt der Bühne steht ein echtes Kettenkarussell, das man im Übrigen in Bitterfeld "ausrangiert" abgestellt gefunden hat, weil mit ihm auf Jahrmärkten keine Punkte mehr zu holen sind. Und so hat man denn gleichsam ein zwei wesentliche Punkte des Regiekonzeptes wie des Librettos regelrecht verkörperndes Objekt gefunden: das Karussell, das sich beständig dreht und somit den Fortlauf des Lebens wie das Voranschreiten der Zeit versinnbildlicht, und das Kettenkarussell als veraltetes, früher mal attraktives Etwas. Dies wird auf der Bühne noch verstärkt dadurch, dass es zwar im ersten Teil des Oratoriums noch durch Spiegel sein Innenleben verbirgt / maskiert, im zweiten Teil jedoch dieses schonungslos offenlegt (zusammen mit anderen Anzeichen des Verfalls, die eben das Altern zeigen sollen).

Um das Karussell herum agieren die vier Solisten unterstützt von zahlreichen Statisten - und zwar zunächst einigen Kindern und nur einer älteren Putzfrau, die sich bemüht, Karussell und Rummelbude in Schuss zu halten. Zum Ende hin werden daraus immer mehr ältere Leute, mit zahlreichen Gebrechen, die über die Bühne humpeln und mit Ausnahme von Miedern den Verfall, der ihre Körper heimgesucht hat, freizügig zeigen.

Worum geht es: Bellezza (Schönheit) schwört Piacere (Vergnügen) ewige Treue und wird von dieser beschenkt - mit Genuss eben (im Text) und im Stück auch materiell. Bestens und sehr sinnbildlich gezeichnet wird Piacere durch eine übermäßig herausgeputzte, auf Jugend und Party getrimmte Kostümierung und z. B. dadurch, dass sie mit Dutzenden großen Papiertäschchen der bekannten Modemarken behängt hereinstolziert und Bellezza beschenkt, die sich daraufhin mit einem edlen weißen Kleidchen und hohen Schuhen herausputzt, zahlreichen Duftwässerchen besprüht und, durch Perücke verdeutlicht, frisurmäßig verändert - unbedingt zum Schöneren, aber keineswegs in Richtung der Piacere, eher schlicht, elegant. Disinganno hingegen kommt als desillusionierte, zur Trinkerin mutierte ältliche und schon nuttig rüberkommende Ausgabe der Piacere versinnbildlicht, die über ihre zerschlissenen schwarzen Strumphosen und Strapse einen schon halb vergammelten Mantel trägt. Am markantesten aber ist der Verfall der früher sicher ebenso aufgeputzten Frisur und des Gesichts: Zentimeterdicke schwarze Ringe verdunkeln die Augen, die Haut ist schlaff, sämtlicher früherer Schmuck verwischt. Dazu kommt die zur stetigen Begleiterin gewordene Flasche. Ich finde, eine solche Kostümierung ist einfach genial, denn sie passt perfekt zu der Ernüchterung, aber auch Lebensweisheit, die aus den Worten Disingannos spricht. Von jemandem, der ganz offensichtlich früher selbst schön und vergnügungssüchtig war und somit -erfahren ist, nimmt man einen entsprechenden Rat sicher eher an als von einem Schreibtischtäter. Insofern ist das inszenatorisch sehr gut gelöst.

Die Sängerleistung war mehr als ansprechend. Gerade auch Marina Prudenskajas Alt röhrte in Tiefen rum, die man sonst von Frauen eher selten so ausgekostet hört. Richtig ins Gedächtnis hingegen prägt sich der markante Tenor Charles Workmans, zumindest dem Rezensenten ging es so. Mit der Hervorhebung dieser beiden soll keineswegs nahegelegt werden, dass die beiden Soprane nicht auch sehr gut waren. Mitnichten! Freilich: üppig barock und, wie für ihn typisch, mit Ausarbeitung und Glanz im da-capo-Teil war es leider nicht. Aber gediegene Unterhaltung und stimmlich ansprechend!

Im Orchestergraben spielte das nur mit wenigen "Zukäufen" ergänzte Staatsorchester unter "tänzerisch-verträumter" Leitung von Sébastien Rouland. Klassisch gut, aber nicht exzeptionell.

Dirk Carius

PS

Es hat natürlich auch ganz andere Stimmen zu der Aufführung gegeben. Eigentlich wie immer, wenn Bieito etwas auf die Bühne bringt. Freilich ein Kommentar wie "Fuer dieses Porno-Theater ist Haendels Musik zu schade ... Zivilisationen haben doch immer versucht, menschliche Triebhaftigkeit durch kulturelle Anstrengungen zu beherrschen und zu sublimieren." (Manfred Deffner) gehen in meinen Augen völlig am Ziel vorbei und sprechen vielleicht eher von zwanghaft unterdrückten Trieben und Desillusionierung, freilich nicht wie Disinganno in der Inszenierung. Denn um Porno ging es in dem Stück und in der Inszenierung gewiss nicht!

 

Bellezza (Mi) noch in voller Pracht und, unterstützt von Piacere, im Angriff auf die Zeit, der sie sich nicht geschlagen geben will.

 

Disinganno hat ganz offensichtlich viel mitgemacht und sieht die Dinge nun gelassener und weiser. Trotz (gerade nicht in Händen gehaltener) Flasche.

Die Zeit in ihrem Element: Karussell seiner schmucken Hülle beraubt und auch die Menschen zeigen die Spuren des Verfalls.

alle Fotos

(c) Sebastian Hoppe, Basel

 

 

Letztes Update: 20.03.2012, 23.17 Uhr

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