Anton Schweitzer (1735-1787)

 

ALCESTE

Simone Schneider (Alceste)
Cyndia Sieden (Parthenia)
Christoph Genz (Admet)
Josef Wagner (Herkules)

Concerto Köln
Michael Hofstetter

Aufführung und Aufnahme anlässlich der Wiedereröffnung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek im Festsaal des Weimarer Residenzschlosses vom Oktober 2007

*** 2 CDs im Schmuckset - Berlin Classics - 0016222BC - Januar 2008 ***
*** 1 DVD - Berlin Classics - 0016228BC - März 2008 ***


Zur Wiedereröffnung der Anna Amalia Bibliothek erlebte Weimar ein zweites Mal die Aufführung von ALCESTE - nein, nicht der Gluckschen Version und auch keiner italienischen Oper, sondern sozusagen die erste deutschsprachige Oper überhaupt. Geschrieben wurde das Libretto von keinem geringerem als Christoph Martin Wieland, eines der Gestirne der Weimarer Klassik, der auch das theoretische Fundament des Deutschen Singspiels dazu lieferte. (Er war derjenige, der sich für die Eigenständigkeit einer deutschen Version der Oper im Unterschied zur italienischen oder französischen stark machte!) In Noten gesetzt hat sie der damalige Hofcompositeur am Hofe Herzogin Anna Amalias - Anton Schweitzer.

Erstmals wieder ans Licht geholt 1999, als Weimar Kulturhauptstadt Europas war (und kommentiert durch eine Naxos-Aufzeichnung), kam das Singspiel in 5 Akten im Jahre 2007 erneut auf die Bühne, diesmal mit tatkräftiger Unterstützung von Deutschlandfunk mitgezeichnet und in einer beeindruckenden, das Auspacken der CDs (DVD = normales Jewelcase) zu einem Erlebnis machenden Aufmachung bei Berlin Classics dokumentiert.

Natürlich ist ein Singspiel keine Barockoper, wie man sie bislang in der dominierenden italienischen Form kennt und liebt. Das sagt ja auch der Name schon. Man kann es ein bisschen mit Reinhard Keiser und seinem Hamburger Opernschaffen vergleichen. Anders als die italienische Barockoper, die darauf abzielt, den Hauptsängern und -sängerinnen genügend Gelegenheit zu bieten, ihre Stärken zu präsentieren (und, leider, nur selten im direkten Dialog), ist bei Keisers Opern wie auch bei Alceste die Geschichte das Wichtigste und es geht zügig von einem Gesangspart zum nächsten, keine wirklichen Bravourarien a la italiana. Das kann man bedauern oder gut finden - auf jeden Fall ist hier dem deutschen Hörer eines ganz klar: nämlich die Geschichte!

Klanglich meisterhaft, mit klaren, erstklassigen Sängern und vorbildlich abgemischt - da bleibt kein Wunsch offen.


Dirk Carius

*** Hintergründe - von wikipedia.de  ***

 

Die Oper Alceste war nicht das erste Ergebnis einer Zusammenarbeit von Dichter und Komponist, ihr gingen das Ballett Idris und Zenide und Aurora voraus. Schon während der Arbeit an der Aurora wird Wieland oft mit dem grossen italienischen Dichter Metastasio verglichen. Seine Alceste begleitet der Dichter mit vielen Kommentaren die er dazu niederschrieb. Gleich zu Beginn seiner Schrift, Versuch über das Deutsche Singspiel, erklärt Wieland seine Absicht: Charles Bruney, dessen musikalische Reisen durch Frankreich, Italien und Deutschland einige Zeit so viel Aufsehens gemacht, wundert sich mit Recht, dass er in allen Deutschen Landen, die er durchwandert, nirgends ein Deutsches lyrisches Theater angetroffen.

Wieland vertrat die These, dass der italienischen und der französischen Oper gleichwertiges entgegenzusetzen sei. Laut seinen eigenen Aussagen sei das Ziel eine "interessante Art von Schauspielen" mit dem Hauptakzent auf der Rührung. Genau dieses Ziel verfolgte Wieland gemeinsam mit Anton Schweitzer auch in ihrer Oper Alceste. Zur Zeit Schweitzer's gab es die Gattung "Deutsches Singspiel" noch nicht. Der Fürstin Anna Amalie von Weimar wollte aber genau das etablieren: eine Nationalbühne (Sprechtheater und Oper), die Vorbildcharakter besaß. Es gab natürlich viele Vorläufer, doch hatten sie bislang keinen Erfolg gehabt. Nicht so bei den erfolgreichen Singspielen des Typs wie Hillers "Die Jagd" oder "die Dorfgala" von Schweitzer, die allerdings einen volkstümlichen, keinen beispielgebenden Charakter aufwiesen. Wieland und Schweitzer machten sich gemeinsam an die Aufgabe ein echtes deutsches Singspiel zu schreiben, dass sich auch im internationalen Vergleich behaupten konnte - was ihnen durchaus gelang.

Die Alceste gilt als Meilenstein auf dem Weg zu einer deutschen Oper. Diese auf deutschsprachigen Bühnen einstmals meistgespielteste Oper ist in der heutigen Zeit gänzlich von den Spielplänen der Opernhäuser verschwunden.

Im Jahre 1999, anlässlich der Europäischen Kulturhaupstadt Weimar, brachten Stephan E. Wehr, die ACC Galerie Weimar e.V. und der bildende Künstler Cornel Wachter das Stück 226 Jahre nach seiner Uraufführung am Ort seiner Entstehung, in Weimar im Richard-Wagner-Saal des Hotel Elephant Weimar wieder auf die Bühne. Der Deutschlandfunk übertrug diesen einzigartigen Moment der Wiederauferstehung dieses deutschen Kulturgutes ersten Ranges über seine Radiowellen. 2001 wurde zudem die Welt-Erst-Einspielung durch Stephan E. Wehr, die ACC Galerie Weimar e.V., Cornel Wachter und das Plattenlabel NAXOS veranlasst. Weltweit wurde die Oper dann auf dem Naxos-Label MARCO POLO angeboten und der interessierten Öffentlichkeit und Wissenschaft zugänglich gemacht. Es spielt das Philharmonische Orchester Erfurt unter der Leitung von Stephan E. Wehr sowie der Opernchor des Theaters Erfurt.

Im Januar 2008 ist beim Label Berlin classics eine weitere Einspielung erschienen, in der das Orchester Concerto Köln unter der Leitung von Michael Hofstetter auf historischen Instrumenten spielt. Die Rollen sind mit Simone Schneider (Alceste), Cyndia Sieden (Parthenia), Christoph Genz (Admet) und Josef Wagner (Herkules) äußerst namhaft besetzt. Die Oper wurde anlässlich der Wiedereröffnung der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek im Festsaal des Weimarer Residenzschlosses von Hendrik Müller inszeniert und für DVD aufgezeichnet.

...

Handlung

Die musikalische Tragödie Alceste von Anton Schweitzer und Christoph Martin Wieland in 5 Akten liegt sehr nahe bei der griechischen Mythologie.

Erster Akt
Die Oper beginnt damit, dass König Admet von Pherae in Thessalien im Sterben liegt. Alceste macht sich gewaltige Sorgen um ihren geliebten Ehemann und sendet einen Boten zum Orakel von Delphi um zu erfragen, ob es noch Rettung für ihren Mann gäbe. Der Bote kehrt zurück. Alceste jedoch will ihn nicht anhören und lässt sich dann von ihrer Schwester Parthenia erzählen, dass Admet sterben müsse, es sei denn man fände einen Ersatz. Da Admet ein sehr guter Freund des Gottes Apoll ist, hatte dieser bei den Parzen erreicht, dass diese Admet's Lebensfaden nicht durchschneiden würden, wenn in seiner Todesstunde ein anderer in seiner Nähe weilte. Parthenia hat verzweifelt gesucht, doch nicht einmal Admet's Vater, der ein Greis und bekanntlich schon mehr tot als lebendig ist, konnte sich dazu durchringen, an seines Sohnes statt zu sterben. So entschließt sich Alceste selbst für Admet zu sterben.

Zweiter Akt
Admet erwacht und freut sich an seinem neu gewonnenen Lebensgeist. Er eilt zu Parthenia um nach Alceste zu fragen. Diese führt ihn zur sterbenden Königin. Trotz des Flehens von Parthenia und Admet es nicht zu tun, stirbt Alceste für ihren geliebten Ehemann.

Dritter Akt
Herkules kommt an den Hof des Admet um seinen alten Freund zu besuchen. Als er ankommt, liegt der gesamte Hof in Trauer und Herkules hat Angst, dass Admet gestorben sein könnte. Als er aber Parthenia antrifft erklärt diese ihm die gesamte Situation. Für ihn ist klar, dass die Aufopferung Alceste's eine heroische Tat ist und nicht unbelohnt bleiben darf. Er entschließt sich, Alceste aus dem Hades zurückzuholen.

Vierter Akt
Nach Herkules' Abreise versucht Parthenia alles um Admet wieder ins Leben zurückzuführen. Sie sagt ihm immer wieder, dass Alceste nicht umsonst gestorben sein darf und erinnert ihn auch an das Versprechen das der Halbgott ihnen gab. Admet solle also nicht die Hoffnung aufgeben.

Fünfter Akt
Der letzte Akt beginnt mit einem Totenopfer für Alceste, das jedoch vom zurückkehrenden Herkules unterbrochen wird, der behauptet, er habe sein Versprechen eingehalten. Parthenia weiss sofort, dass er die Wahrheit spricht, doch Admet fühlt sich in seinem Schmerz verspottet und zweifelt an der Treue seines Freundes. Er kündigt ihm die Freundschaft ob dieses sehr rauen Scherzes, da er der Überzeugung ist, Herkules habe ihm einen einfachen Ersatz für Alceste mitgebracht. Parthenia macht dem Halbgott große Vorwürfe, erkennt dann aber, dass der Freund tatsächlich sein Wort gehalten hat und holt den trauernden Admet zurück. Er entschuldigt sich bei seinem Freund und erblickt dann seine Frau. Doch auch diese muss ihm noch die letzten Zweifel austreiben, bis sie sich dann glücklich in die Arme schließen.

Die Musik
Die Musik von Anton Schweitzer mutet sehr stark noch dem barocken Stil an. Das Orchester besteht aus Streichern (Violinen, Violas, Celli, Kontrabass), 2 Oboen, 2 Fagotte und einem Harpsichord. Nebst den vier Hauptakteuren verlangt diese Oper auch einen gemischten Chor. Der Aufbau ist sehr stark den italienischen und französischen Opern nachempfunden: Ouvertüre/Sinfonia Arie Rezitativ Wobei die Rezitative eher einem Accompagnato-Rezitativ gleichen. In der Ouvertüre, die gänzlich in Moll gehalten ist, schwingt schon der Unheilverkündende Unterton mit, der dem gesamten Stück zu Grunde liegt und nie gänzlich verschwindet.

 

-----

Anton Schweitzer (getauft 6. Juni 1735 in Coburg; † 23. November 1787 in Gotha), deutscher Komponist. Er war ab etwa 1745 Sängerknabe in Hildburghausen, wo er musikalisch ausgebildet wurde und später als Bratschist und Cellist in der Hofkapelle wirkte. 1758 schickte ihn sein Herzog zum weiteren Studium an den Bayreuther Hof zu Jakob Friedrich Kleinknecht. Nach Auflösung des Orchesters in Hildburghausen war er ab 1769 Kapellmeister der Theatertruppe von Abel Seyler mit der er schließlich in Weimar engagiert wurde. Nach einem Theaterbrand in Weimar und folgender Aufhebung des Theaters 1774 siedelte er 1775 nach Gotha über, wo er Nachfolger von Georg Anton Benda als Hofkapellmeister wurde. Er wurde vor allem als Opernkomponist bekannt. Die nach einem Libretto von Christoph Martin Wieland komponierte Alceste (Neu-Edition und Wiederaufführung durch die Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl im Gothaer Ekhof-Theater 1999) wurde zu einem der Erfolgswerke im deutschsprachigen Musiktheater des späten 18. Jahrhunderts und regte eine Reihe weiterer ernster deutschsprachiger Opern an, darunter Günther von Schwarzburg (1776) von Ignaz Holzbauer auf ein Libretto von Anton Klein.


 

 

2 CDs im Schmuckset
Berlin Classics
0016222BC
Januar 2008 ***

1 DVD
Berlin Classics
0016228BC 
März 2008

 

Interpretation:
Klang:

    sehr gut
    sehr gut  

 

 

Letztes Update: 27.03.2008, 01.24 Uhr

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

© 1997-2008 D. Carius, GayStation