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Christoph Hartmann
Antonio Pasculli (1842 - 1924)
1 Gran Concerto sopra motivi dell'opera "I vespri siciliani"
Großes Konzert über Themen aus "I vespri siciliani"
2 Concerto sul "Trovatore"
Konzert über den "Troubadour"
(Bearbeitung für Oboe und Orchester von Wolfgang Renz)
3 Fantasia sull opera "Poliuto"
Fantasie über die Oper "Poliuto"
4 Fantasia sull "Ballo in maschera"
Fantasie über den "Maskenball"
(Bearbeitung für Englischhorn und Orchester von
Wolfgang Renz)
5 Simpatici ricordi della "Traviata"
Liebenswerte Erinnerungen an "La Traviata"
(Bearbeitung für Oboe und Orchester von Wolfgang Renz)
6 Rimembranze del "Rigoletto"
Erinnerungen an "Rigoletto"
(Bearbeitung für Oboe und Orchester von Wolfgang Renz)
Christoph Hartmann, Oboe/Englischhorn
Augsburger Philharmoniker · Rudolf Piehlmayer
Aufgenommen: 31.05.2006 - 02.07.2006 in Augsburg, Kongresshalle
Eine Co-Produktion mit dem Bayerischen Rundfunk.
*** 1 CD - EMI Classics - 3 79944 2 - 2006 ***
Christoph Hartmann (Oboe/Englischhorn)
Augsburger Philharmoniker · Rudolf Piehlmayer
*** EMI Pressetext ***
Der "Paganini der Oboe"
"Wenn man die Technik beherrscht, fängt die Musik erst an", sagt der Oboist
Christoph Hartmann. "Virtuosität ist nicht Selbstzweck, sondern sie öffnet das
Ohr."
Klarer kann man es eigentlich gar nicht ausdrücken. Leider scheiden sich heute
immer noch schnell die Geister, wenn die Vokabel "Virtuosität" fällt. Viele
verstehen darunter einen Instrumentalisten, der "nur" auf technische
Vollkommenheit setzt. Wer so denkt, vergisst, dass dieses Wort vom lateinischen
"virtus" abgeleitet ist, das unter anderem "Tugend" bedeutet. Und ein Virtuose,
ein "tugendhafter" Musiker also, nutzt seine Fähigkeiten nicht, um sich selbst
zirzensisch zur Schau zu stellen, sondern um den Hörer in nie geahnte
musikalische Regionen zu entführen - und das ganzheitlich, also technisch,
geistig und emotional. Die wahrhaft großen Virtuosen der Musikgeschichte
beweisen dies bis heute.
Niccolò Paganini revolutionierte mit so neuen und aberwitzig schwierigen
Techniken das Violinspiel, dass man glaubte, er stünde mit dem Teufel im Bund.
Seinem Zeitgenossen Franz Liszt gelang Gleiches auf dem Klavier. Seltsamerweise
scheint sich im heutigen Bewusstsein das Virtuosentum dieser Zeit auch auf diese
beiden Instrumente - Violine und Klavier - zu beschränken. Ein Paganini des
Fagotts zum Beispiel ist heute niemandem geläufig, ein Liszt der Posaune ebenso
wenig. Dass das nichts heißt, beweist nun ein heutiger Virtuose der Oboe:
Christoph Hartmann, Mitglied der Berliner Philharmoniker, hat für sein
Instrument einen Meister vom Paganini-Liszt-Format entdeckt: den Sizilianer
Antonio Pasculli.
Das Nachschlagen selbst in neuesten musikwissenschaftlichen Lexika erweist sich
als sinnlos; Pasculli ist nirgends verzeichnet. Das einzige, was von seinem
Wirken geblieben ist, sind seine Kompositionen - darunter einige Etüden, deren
Bekanntheit über Oboistenkreise nicht hinausreicht - und ein knapper
biografischer Abriss, der von den beiden Töchtern des Komponisten stammt. Ihm
entnehmen wir, dass Pasculli am 13. Oktober 1842 in Palermo zur Welt kam, mit 14
Jahren als Oboenwunderkind Italien, Deutschland und Österreich bereiste und
schon mit 18 Professor am Konservatorium seiner Heimatstadt wurde. Bis 1913
sollte er hier Oboe und deren tiefere, etwas rauer klingende "große Schwester",
das Englischhorn unterrichten. Mit 42 Jahren geriet Pasculli in gesundheitliche
Schwierigkeiten, deren genaue Hintergründe unbekannt geblieben sind. Die Ärzte
warnten: Sollte er weiter als Virtuose auftreten, drohe Blindheit. So gab er
seine Solistenkarriere auf, heiratete und konnte sich an einer großen Familie
erfreuen. Von seinen fünf Kindern studierten zwei Mädchen Harfe.
Pasculli trieb seine Ambitionen als Lehrer voran und bereicherte das Musikleben
in seiner Heimat. Er leitete ein städtisches Bläser-Musikkorps und hielt die
Mitglieder an, Streichinstrumente zu lernen, sodass aus der "Banda" ein
veritables Sinfonieorchester wurde, das - sicher zum ersten Mal in Sizilien -
Musik von Wagner, Sibelius, Grieg und Debussy spielte. Die letzten Jahre
Pascullis waren von den Auswirkungen des Ersten Weltkrieges überschattet. Er
starb am 23. Februar 1924 - kurz nachdem er die Nachricht erhalten hatte, dass
sein jüngster, im Krieg vermisster Sohn gefallen war.
Was Pasculli mit der Oboe anstellte, war bis dahin schlichtweg unmöglich,
unerhört, ja: unvorstellbar. Natürlich hat es in der Geschichte immer wieder
Oboenkonzerte und andere Solowerke gegeben - von Albinoni, Vivaldi, Händel,
Telemann und Mozart bis zur klavierbegleiteten Kammermusik Robert Schumanns.
Trotzdem wurde das zart näselnde Melodieinstrument die traditionelle
Zuständigkeit für lang gezogene Bögen und lyrische Themen nie los. Die Oboe sei
ein "Instrument mehr der Kantilene als der virtuosen Figuration", heißt es
lapidar im renommierten Brockhaus-Riemann-Musiklexikon. Der Autor dieser Zeile
hat nie Pasculli gehört! In dessen Werken kann das Holzblasinstrument plötzlich
nicht nur ein, sondern alle Register ziehen: von melancholischer Träumerei bis
zu atemberaubender Schnelligkeit, von süßer Sanglichkeit bis zu sprudelnder,
überschäumender und so extremer Rasanz, dass die Oboe manchmal zweistimmig zu
spielen scheint.
Wie Franz Liszt und viele andere Solisten der Zeit entwickelte Pasculli die
virtuosen Möglichkeiten des Soloinstruments auf der Grundlage damals geläufigen
musikalischen Materials, dessen Qualität in seinen Werken in ganz neuem Licht
erscheint. Es sind die im damaligen Italien allbekannten Melodien aus den Opern
Gaetano Donizettis (Poliuto) oder Giuseppe Verdis (Il trovatore, I vespri
siciliani, Un ballo in maschera, La traviata und Rigoletto). Das dramaturgische
Prinzip dieser "Fantasien" oder "Concerti" ist wirkungsvoll: Wie in einer großen
Gesangsszene beginnen die Stücke meist mit einer repräsentativen, oft langsamen
Einleitung und steigern sich in mehreren Blöcken in Richtung eines höchst
bravourösen Finalteils. Dabei spielt die Solo-Oboe viele Rollen: Sie vermittelt
den Schmelz der großartigen Melodien, "kommentiert" sie aber auch im Dialog mit
der Begleitung, sie kopiert die Kantilenen nicht einfach, sondern sie variiert,
verändert und "übersetzt".
Wer Pasculli spielen will, muss ein zweiter Pasculli werden: Der Oboist
Christoph Hartmann, 1965 in Landsberg am Lech geboren, studierte in Augsburg bei
Georg Fischer und in München bei Günther Passin. 1991 wurde er Oboist bei den
Stuttgarter, 1992 bei den Berliner Philharmonikern, und als das Orchester vor
etwa zehn Jahren eine Konzertreise nach Sizilien unternahm, nutzte Hartmann
seine Chance, Meister Pasculli eventuell das ein oder andere Geheimnis zu
entreißen. Er forschte nach, ob die Bibliothek des Konservatoriums in Sizilien
nicht einige Raritäten barg. Und siehe da: Hartmann fand eine Reihe von
Originalhandschriften. Ihm kamen nicht nur die bis dahin lediglich mit
Klavierbegleitung bekannte Fantasie über Donizettis Poliuto und das Concerto
über I vespri siciliani inklusive Orchesterpartitur in die Hände, sondern auch
eine Reihe weiterer, bis dahin unbekannter Werke - immerhin mit Klavierstimme.
Dass wir bei allen Werken auf dieser CD die Solo-Oboe, wie von Pasculli
zweifellos gewünscht, im Glanz des großen Orchesters erleben können, ist
Wolfgang Renz zu verdanken. Er ist Mitglied der Augsburger Philharmoniker,
versierter Arrangeur und - ebenfalls Oboist. Er saß bei dieser Aufnahme, die ja
mit "seinem Orchester" unter der Leitung von Rudolf Piehlmayer entstand,
übrigens nicht zwischen seinen Kollegen, sondern er überwachte die Perfektion
seiner stilsicheren Instrumentationen im Aufnahmestudio.
Für Christoph Hartmann war das Erlebnis, an der Wiederauferstehung des
"Paganinis der Oboe" unter solchen Idealbedingungen beteiligt zu sein, wie er
selbst sagt, "ein Traum". Und dass das alles schwierig ist - keine Frage. Aber
bewundern wir Maria Callas als Norma, weil sie ihrer Gurgel so technisch
perfekte Tongirlanden entlockt? Nein - wir vergessen alle Technik und sind
ergriffen von der Kunst, wie sie die Hauptfigur verkörpert. "Und die Welt hebt
an zu singen, triffst Du nur das Zauberwort", formulierte Joseph von Eichendorff
den Grundgedanken des Zeitalters der Romantik, das ja auch die Epoche der
Virtuosen war. Wer es nicht trifft, dem hilft auch alle Technik nichts!
(c) Oliver Buslau, 2006
*** EMI / Virgin Pressetext ***
Biografie
Christoph Hartmann (Oboist)
Der Oboist Christoph Hartmann ist Mitglied der Berliner Philharmoniker. 1965 in
Landberg am Lech geboren, studierte er zunächst als Gaststudent am
Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg bei Georg Fischer, bevor er bei
Günther Passin an der Musikhochschule in München sein Studium fortsetzte und mit
dem Meisterklassendiplom in den Fächern Oboe und Kammermusik abschloss.
Christoph Hartmann errang mehrere Preise bei internationalen Wettbewerben
(Toulon, Genf und Tokio). Gleich nach seinem Studium erhielt er an der Münchner
Musikhochschule einen Lehrauftrag. 1991 wurde er Solo-Oboist bei den
Stuttgarter, ein Jahr später Oboist bei den Berliner Philharmonikern, an deren
Orchesterakademie er auch als Lehrer tätig ist. Neben seiner Arbeit als
Orchestermusiker, Solist und Pädagoge gründete er 1999 mit Orchesterkollegen das
Kammermusikfestival "Landsberger Sommermusiken", aus dem das "Ensemble Berlin"
hervorging.
Christoph Hartmann spielt eine Oboe der Firma Roland Dupin. Privat widmet sich
der Oboist neben der Musik einer weiteren Leidenschaft: dem Sport. Hartmann ist
passionierter Marathonläufer und Rennradfahrer. Zusammen mit seinen Partnern des
Berliner Fahrradladens "Bikeline" brachte er eine eigene Fahrradmarke auf den
Markt, der er den Namen eines Komponisten verlieh, der heute als "Paganini der
Oboe" gilt, und dessen Werk Hartmann zum großen Teil erstmals nach eigenen
Archiv-Forschungen zu klingendem Leben erweckte: Pasculli.
Als Debüt-CD für EMI Classics hat Christoph Hartmann unter dem Titel "Fantasia
Italiana" im Januar 2007 Ausschnitte aus Pascullis Werken veröffentlicht.
Christoph Hartmann (Oboe und Englishhorn) wird hier von den Augsburger
Philharmonikern unter der Leitung von Rudolf Piehlmayer begleitet. Aufgenommen
wurde die CD zwischen Mai und Juli 2006 in der Augsburger Kongresshalle in
Co-Produktion mit dem Bayerischen Rundfunk.
Für sein neues Projekt "Bella Napoli" fand Christoph Hartmann engagierte Partner
im Ensemble Berlin. Wieder ausgehend vom Komponisten Pasculli und dessen Werk "Ricordi
di Napoli" (Erinnerungen an Neapel) bietet Hartmann ein Kaleidoskop vergessener
Oboenmusik, in der Neapel in Kompositionen von Domenico Scarlatti über Adolf
Hasse, Domenico Cimarosa bis zu Gaetano Donizetti und Vincezo Bellini
wiederaufersteht. Außer dem Bellini-Konzert sind alle Werke
Welt-Ersteinspielungen. Ab dem 16. Mai 2008 ist die CD im Handel erhältlich.
www.christophhartmann.com
Stand: März 2008
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