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Händel in Dresden und die Festivaloper und damit Schwerpunkt
OTTONE
Man könnte sich als erstes fragen - ist das ein Schwerpunkt oder nicht zwei?
Nun ja, wie es manchmal so ist, alles hat irgendwie miteinander zu tun. Und
insofern könnte man schon sagen, dass es einer ist. Aber das ist letztlich
zweitrangig.
Auf jeden Fall gibt es auf der einen Seite wie jedes Jahr die Festivaloper -
in diesem Jahr eben Ottone - und, da Händel das Libretto dafür mitgebracht hat,
als er in Dresden Nachwuchs für seine durch die Eröffnung der Opera of the
Nobility gerade geschröpften Truppe suchte, ergibt sich daraus der zweite Aspekt
des Schwerpunktes - wiederum vertreten mit einigen Veranstaltungen.
Eine solche Schwerpunktsetzung war das Konzept des neuen Direktors des
Händelhauses in Halle und gleichzeitigen Chefs der Händelfestspiele in Halle,
Clemens Birnbaum. Und der hat nicht nur eine neue Konzeption mitgebracht, und
das ist eine, die wirklich interessante neue Blicke eröffnet, zumal die
Schwerpunkte ja auch durch Sonderausstellungen und Shows untermauert werden,
sondern er brachte zudem neue erstklassige Künstler an die Saale.
War es 2009 die große Cecilia Bartoli, die er als wahres Highlight gewinnen
konnte, ist es in diesem Jahr, nach Karina Gauvin 2010, die unvergleichliche
Vivica Genaux. Das war einfach nur fantastisch und wahrhaft zum Niederknien.
VIVICA GENAUX in Halle (Sa. 4.6., 19:00, Händelhalle)
Die belgisch-kanadische Sängerin ist seit vielen Jahren eine gefragte
Interpetin der Alten Musik. Eine erste atemberaubende Produktion war ihr damals
mit René Jacobs konzipiertes und unter ihm und mit der Akademie für Alte Musik
realisiertes Album ARIAS FOR FARINELLI, auf dem sie Kastratenrollen der Großen
der Barockmusik zum Teil erstmals ausgrub, auf jeden Fall zusammenfassend
präsentierte. Farinelli war ja sozusagen DER Kastrat schlechthin und ist es
vielleicht bis heute, weil viele andere weniger bis gar nicht bekannt sind. Er
war ein Star - und spätestens jetzt ist es auch Vivica Genaux. Ihr besonderes
Markenzeichen: ein Mund- und damit Stimmenvibrato, das für manchen Schauer über
den Rücken sorgt, wenn man sie hört.
Das Manko in Deutschland ist, dass man sie leider viel zu selten auf
deutschen Bühnen sieht, dann schon eher in München. Freilich war sie schon bei
den Dresdner Musikfestspielen. Im letzten Jahr (2010) bekam sie für ihr letztes
Album mit dem keineswegs über-, allenfalls untertriebenen Titel PYROTECHNICS mit
Arien von Vivaldi den ECHO-Klassik und man kann nur hoffen, dass das dazu führt,
dass Frau Genaux jetzt noch öfter in Deutschland zu hören ist. Ein wahres
Feuerwerk jedenfalls hat sie mit der Vivaldi-CD ebenso bereitet wie heute mit
einem Abend mit Händel- und Hassearien.
Womit wir beim Schwerpunkt des diesjährigen Händelfestivals wären: denn
Johann Adolf Hasse war ja über 30 Jahre (nicht ganzjährig anwesend, aber doch)
Hofkapellmeister am Sächsischen Hof in Dresden. Seine Frau war Faustina Bordoni
- eine der gefeiertsten Sopranistinnen ihrer Zeit - und eine der beiden Diven,
die sich in der Händelschen Truppe den Primadonnenstreit (oder auch
"Zickenkrieg" lieferten - inklusive zumindest anekdotenhaft tradierter
Handgreiflichkeiten und Keifereien der beiden auf der Bühne (die andere war
Francesca Cuzzoni).
Begleitet wurde Vivica Genaux bei diesem Hasseabend mit Händelbeiträgen von
einem der besten (und beständigsten in ihrer Zusammensetzung) Barockensembles in
Deutschland - CONCERTO KÖLN. Freilich ist nicht nur kennzeichnend, dass man bei
Concerto Köln immer wieder die gleichen bekannten und bewährten Gesichert findet
- es ist vor allem ein homogenes, perfekt eingespieltes Ensemble, das meist
sogar ohne Dirigenten eine Verve, Schwungkraft und Espirt hat und vermittelt,
die ihresgleichen sucht. Und als ob das noch nicht genug ist: Concerto Köln
begeistert UND ist begeistert. Der Zuschauer sieht, hört und spürt, dass da
nicht nur auf technisch höchstem, stets perfekt sicheren Niveau musiziert wird,
sondern auch mit Genuss und Begeisterung. Die Musiker gehen samt und sonders in
der Musik, die sie darbieten, auf.
Insofern ist ja wohl schon klar, dass der Abend einfach Wahnsinn war und man
schon fast in Trauer nach Hause gegangen wäre, hätte Vivica Genaux wirklich nach
ihrer ersten Zugabe Schluss gemacht. Diese war der Trauergesang / die Arie, die
Hasse nach dem Tod seiner lieben Frau geschrieben hatte. Schon während der
Interpretation war es schluchzstill im Saal und mit einem solchen Ende wären wohl wirklích
einige mit Tränen in den Augen und einem Gefühl eines starken Verlustes nach
Hause gegangen, so nah ging einem diese eine Arie aus der Zugabe. (Mit der
"Konkurrenz", wie sie selbst sagte, nämlich "Agitata da due venti", der
einzigartigen Prachtarie von Vivaldi (aus GRISELDA), hat Genaux freilich das
Publikum wieder aus seinem eventuellen emotionalen Tief hervorgeholt und mit
einem Gefühl der Beglückung von dannen ziehen lassen.
DAS war einfach und rundum ein gelungener Abend und man kann dem
Händelfestival in Halle, in persona Herrn Birnbaum, dem neuen Intendanten, nur
gratulieren zu den Höhepunkten, die er seit seiner Amtszeit zu setzen vermag.
Erst die fantastische Cecilia Bartoli, im vorigen Jahr Frau Karina Gauvin, die
exzeptionelle Sopranistin (naja, und das Rezital mit Andreas Scholl, auch wenn
es eher ein Chorabend war) und in diesem Jahr Vivica Genaux.
WOBEI: in diesem Jahr steht ja noch ein Highlight ganz besonderer Art an: das
Winterspecial im November mit einem Sondergastspiel mit dem französischen
Ausnahme-Counter Philippe Jaroussky - und das NUR mit Händelwerken, wovor er
bislang zurückschreckte. Dazu gibt es einen Tag vorher eine
Sonder-Wiederaufführung der diesjährigen Festivaloper OTTONE am Opernhaus. Und
als ob das noch nicht genug Höhepunkt wäre: zur regulären Festspielzeit 2012
wird Philippe Jaroussky noch einmal nach Halle kommen.
Gigafantastisch!
RINALDO unter Katschner in Bad Lauchstädt
Ein Erlebnis für alle Sinne! GRRRRRRRRRRR
Wolfgang Katschner und seine LauttenCompagney sind seit Jahren eine feste
Größe bei den Händelfestspielen in Halle - und ein Garant für die ETWAS andere,
in jedem Falle besondere Aufführung oder zumindest Interpretation, sei es von
bekannten Stücken oder aber auch bei der Ausgrabung gänzlich unbekannter Werke
und Komponisten, denn auch da ist Herr Katschner aktiv. (Bedauerlicherweise
werden solche Aktivitäten an Nebenorten oft gar nicht gewürdigt, sind Aufnahmen
von Unbekannten häufig Ladenhüter, wenn sie überhaupt bis dahin kommen.) Auf
jeden Falle waren bisher alle Händelaktivitäten der LauttenCompagney ein Erfolg
vor Ort. Die Videoaufnahme des TESEO, die bei arthaus musik erhältlich ist, ist
ganz sicher eine Referenzaufnahme und gehört zu den geilsten Interpretationen
überhaupt - was natürlich auch der sehr authentischen Szenerie und Kostümierung
zu verdanken war. Um für RINALDO eine ebensolche zu finden, ging Katschner einen
neuen Weg: er besprach sich mit der italienischen Puppenspieler-Compagney Colla
& Figli und gebar die Idee, das ganze als Puppenspiel auf die Bühne zu bringen.
Das mag jetzt wenig interessant klingen - aber rausgekommen ist ein extrem
faszinierendes Stück.
Die Puppen sind mit großer Liebe zu Detail gefertigt,
sowohl die Musulmanen, als auch die Kreuzritter, besonders aber die stimmlich /
von den Arien her eigentliche Heldin der Oper - ARMIDA und ihre Furien und
Drachen. Wir sehen also Rinaldo und Armida und Almirena in (natürlich
idealisierter und ebenso pikobello sitzender, sauberer) Kostümerie vor der
Kulisse der Stadt Jerusalem, an einer idyllischen Oase inmitten der Wüste, vor
dem tosenden Meer, in einer finsteren Schlucht, in der die Kreuzritter den
christlichen Magier aufsuchen, um sich zu Rinaldo und Almirena führen und mit
den Zauberruten versorgen zu lassen. Auch die Bühnenbilder sind sehr barock und
anheimelnd. Das Faszinierendste aber ganz sicher ist, mit welcher Komplexität
sich die Puppen über die Bühne bewegen. Wie man am Ende sieht, sind auch 10 Mann
nötig, um das zu bewerkstelligen. Wie allerdings ein Mann die 25 Fäden einer
Puppe bedienen soll, das ist schon wirklich hohe Kunst.
Auf der Bühne also sieht man das anheimelnde Schauspiel. Davor im
Orchestergraben - und teilweise von der Empore - entlockt Katschner seiner
LauttenCompagney ein wahres Klangfeuerwerk. Natürlich ist das nicht der Rinaldo
pur, wie er in der Partitur steht, sondern wie immer lässt er sich hier eine
andere Melodieführung, hier eine längere Pause und v.a. auch immer wieder
besondere Einlagen einfallen, sei dies eine Gewitter- und Donnermaschine, mit
der die Furien angekündigt werden (mal abgesehen von dem Dampf und Feuerspeien
auf der Bühne, und selbstverständlich FLIEGT Armida von oben auf die Bühne, also
wirklich Effekte wie damals!), oder sei es das Einspielen originalen
Vogelzwitscherns, bevor Almirena vor einem einsamen Kaktus in der Wüste ihre
Vögeleinarie "Augelletti, che cantate" trällert (das Flötenvorspiel in der
eigentlichen Einleitung der Arie, das das Zwitschern nach Partitur lautmalert,
ist auch ganz große Klasse). Auch gleich am Anfang sorgt Katschner für das
richtige Rinaldo-Flair, indem er in der Ouvertüre zu der Höndelschen Intonierung
und dessen Bläsern insbesondere noch Flöten und die Kastagnetten erklingen und
Kreuzritter über die Bühne reiten lässt.
Nun könnte einer fragen: also spielt man nur die Musik und sieht ansonsten
die Handlung auf der Bühne? Ist es also eine Oper ohne Ariengesang? Mitnichten.
Die Sänger stehen auf der Empore - links von der Bühne gleich drei Countertenöre
(Rinaldo, Goffredo und Eustazio) und Almirena, die Christen also - auf der
rechten Seite Armida und Argante, der Sarazenenkönig von Jerusalem. Die beiden
Damen singen natürlich auch in der Arie der Damen in der Barke zusammen, und auf
der rechten Seite findet sich dann am Ende auch der christliche Magier.
Ansonsten könnte man also durchaus von einer religionsbezogenen Verteilung
sprechen.
Die Besetzung ist jung, aber ERSTKLASSIG. Besonders die beiden Hauptfiguren -
Rinaldo und Armida - sind beeindruckende neue Talente. Den erfolgreichen
Heerführer des Kreuzfahrerheeres gibt
Valer Barna-Sabadus, ein junger Counter,
der gerade seine Karriere beginnt - besser begonnen hat. Der Rezensent hatte
leider nicht die Freude ihn schon in Frankfurt, in Vivaldis Orlando Furioso, wo
er 2010 die Zweitbesetzung für Ruggiero war, zu erleben, aber dafür in Händels
Partenope in Karlsruhe im Februar diesen Jahres. Hier gab er den Armindo - und
es ist völlig unverständlich, warum nur aufgrund der Mehrzahl der Arien Terry
Wey als Arsace genauso viel Beifall wie diese beeindruckende Stimme einheimsen
konnte. In München, bei der Ausgrabung von Hasses DIDONE ABBANDONATA, wurde
indes die überragende Gesangesleistung voll anerkannt. Es ist erstaunlich, in
welch atemberaubende Höhen Barna-Sabadus scheinbar problemlos nicht nur
vordringt, sondern auch noch zielsicher seine Koloraturen anbringt. Zudem vermag
er seine Stimme vibrieren zu lassen, um seinem Gesang auch den richtigen
persönlichen Stempel aufzudrücken. Mit Katschner zusammen fährt er in RINALDO zu
sagenhaften Leistungen auf. Er singt eben den Rinaldo NICHT (oder zumindest
nicht immer), wie er von den zahlreichen Einspielungen bekannt ist, sondern in
nicht wenigen Arien sogar schon im A-Teil variiert. Großen Freiraum erhält der
Sänger dann meist im A'-Teil, wo er richtig loslegen kann. Und das tut er. Mit
famosen Tempi- und Lautstärkevariationen und scheinbaren, dabei gekonnt
intonierten Ausrutschern. Das Brillianteste aber ist die Stimme: da klingt
nichts künstlich, nichts gekünstelt, es ist als sei das eine natürliche
Gesangeslage. Ich bin sicher, dass Barna-Sabadus in die Riege der Besten seines
Faches aufsteigen wird und wünsche ihm dafür nur alles Gute. (Auf jeden Fall ist
er um Längen besser als der in den letzten Jahren so hochgejubelte Franco
Fagioli, der aus jeder Arie mit seinen Tonverzerrungen eine Klagearie macht, und
schon gar nicht vergleichbar mit vollständig artifiziellen Sängern wie Andreas
Scholl oder Kai Wessel.)
Mit unbeschreiblichen Furor und einer unerwarteten Wucht und in Kaskaden, die
noch höher und tiefer gehen, als es Simone Kermes zuletzt in der Kölner
Aufführung des Rinaldo vorgeführt (und die Leute im Saal ganz offensichtlich
wirklich erschreckt und quasi gelähmt) hat, meldet sich gleich im ersten Satz
Gesche Geier
in der Rolle der Armida zu Wort (oder Ton). Ihr "Furie Terribili"
brachte den völlig überhitzten Saal des Goetheschen Kurtheaters in Bad
Lauchstädt verdient zum Brodeln und erntete einen ersten Beifallssturm. Dazu
noch ihr Blick - Wahnsinn. Mindestens genauso gut wie das Spektakel aus Dampf
und Feuer und Fliegenden Drachen, mit dem auf der Bühne die Armida-Puppe
einfliegt.
Beachtliche Gesangesleistungen haben darüber hinaus auch die beiden tiefen
Männerstimmen präsentiert, auch wenn Fabian Egli als Magio ja nicht viel Gesang
abbekommen hat von Händel. Der den Sarazenerkönig Argante gebende Bass-Bariton
Florian Götz jedenfalls kündigt die oben genannten FURIE TERRIBILI Armidas in
seiner kurz zuvor erklingenden Arie "Sibillar gli angui d'Aletto" (in Bad
Lauchstädt treffend übersetzt mit "Furienschlangen höre ich zischen, Ungeheuer
kläffen") in einem beeindruckenden tiefen Stimme und treffsicheren Kaskaden an.
Das möchte bitte nicht heißen, dass Katerina Beranova
als Almirena oder die beiden anderen Countertenöre nicht auch gut waren -
mitnichten. Wie der Rezensent schon am Anfang schrieb: der Nachmittag des
RINALDO war ein voller Erfolg und erinnerungswürdiges Ereignis. Ich glaube, dass
DIESE Interpretation bei vielen, wenn nicht allen Besuchern im Gedächtnis haften
bleibt - insbesondere weil auch bestimmte Stolpersteine des Librettos, die
bislang dem Rezensenten gar nicht so klar waren, hier so dargestellt wurden,
dass es einem wie Schuppen von Augen fällt. Beispielsweise die Verwandlung der
Armida in (die äußere Hülle der) Almirena - nicht nur als sie Rinaldo zu
becircen sucht, sondern auch als Armidas Lover Argante verliebt zu(r
vermeintlichen) Almirena kommt und dann erschreckt zur Kenntnis nehmen muss,
dass es Armida ist: im Puppentheater geht das wunderbar zu lösen, indem man eine
Bank vor einen Rosenbusch stellt und die Armidapuppe draufsetzt, auf der
Rückseite des Rosenbusches noch mal die gleiche Bank stehen hat, auf der dann
die Almirenapuppe sitzt. Und dann einfach die Bank drehen, also auf der Bühne
aus der lieblichen Almirena die Armida machen, sobald diese gesanglich
loswettert, wie entsetzt sie über die Untreue Argantes ist, was er sich
einbilde. Sie opfere sich für ihn und seinen dämlichen Krieg gegen die Christen
auf, und das sei der Dank? (Dass sie selbst freilich auch Rinaldo verfallen ist
und fremdgeht, lässt sie freilich unter den Tisch fallen).
Sänger und Sängerinnen:
Rinaldo - Valer Barna-Sabadus, Countertenor
Almirena -
Katerina Beranova, Sopran
Armida -
Gesche Geier, Sopran
Argante -
Florian Götz, Bariton
Goffredo - Jean-Michel Fumas, Countertenor
Eustazio - Owen Willetts, Countertenor
Mago -
Fabian Egli, Bariton
Gemeinsame Produktion der Händel Festspiele Halle, des
Goethe-Theaters Bad Lauchstädt, des Theaters Winterthur, der Associazione
Grupporiani – Milano, Comune di Milano – Cultura – Teatro Convenzionato und der
Lautten Compagney Berlin. Diese Produktion wird ermöglicht durch Gastspiele in
den Theatern Schaffhausen, Baden und Dornbirn. Die Händelfestspiele Halle werden
gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien
aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
weitere Informationen, Bilder und Kritiken auf der Seite der LauttenCompagney
Lottis TEOFANE in Bad Lauchstädt
Das Leitthema des diesjährigen Halleschen Händelfestivals war Händel und
Dresden. Händel war dort 1719 zu den Hochzeitsfeierlichkeiten für den
sächsischen Kronprinzen, natürlich auch aus professionellem Interesse, um zu
sehen, was die "Konkurrenz" macht, aber auch handfest, um Personal für seine
durch die Neugründung der Opera of the Nobility in London geschrumpfte Truppe
abzuwerben. Das gelang ihm auch, aber er konnte nicht nur Senesino, Matteo
Berselli, Margherita Durastanti, Maddalena Salvai und den Bassisten Giuseppe
Maria Boschi für die kommenden Spielzeiten nach London verpflichten - Nein, auch
sein Repertoire sollte bald durch seinen Aufenthalt dort "inspiriert" werden.
Auf dasselbe Libretto von Lottis TEOFANE schrieb Händel dann 1722 seine Oper
OTTONE (Premiere im Januar 1723) - die diesjährige Festivalproduktion der Oper
Halle. Copyright war ja damals noch nicht so das Thema, im Gegenteil. Naja, und
wenn man schon mal das Libretto mitnimmt, kann man sich ja auch einige Motive
und Stücke gleich mit übernehmen. Und so findet sich denn in Händels OTTONE
einiges aus der Dresdner Hochzeitsoper wieder. Was man freilich erst dann merken
kann, wenn man dieses Werk mal hört.
Dies konnte man nun zum diesjährigen Händelfest - und zwar als konzertante
Aufführung im Kursaal in Bad Lauchstädt. Zu buchen war diese Veranstaltung
entweder allein oder im Verbund mit einem Ticket in der Nachmittagsvorstellung
des RINALDO unter Katschner im benachbarten Goethe-Theater in Bad Lauchstädt und
einem Abendessen in der Pause zwischen den beiden Veranstaltungen für einen
Preis, zu dem man bei anderen Festivals gerade mal eine Oper hören und anschauen
kann. Das sollte auch einfach mal betont werden. Das Hallesche Festival bietet
hochwertige Klassikerlebnisse zu keineswegs hochfährigen Preisen.
Der Rezensent war insbesondere auch erfreut, beim Händelfestival neben der
Händelschen Musik auch Musik seiner Barockkollegen zu hören zu bekommen - und
das nicht einfach so, sondern schon mit Bezug zu Händel. Voller Vorfeude ging er
in die abendliche Veranstaltung. Natürlich konnte nach einem so tollen
Nachmittag, wie er ihn trotz sengender Hitze im Goethe-Theater bei RINALDO
erlebt hat, eine weitere Veranstaltung schon vom Prinzip her nur abfallen, aber
dass sie das gleich so tun würde, war ihm nicht bewusst. Das lag besonders an
der Besetzung der Solisten - man hatte den Eindruck, dieses Ensemble harmonierte
überhaupt nicht miteinander, sondern beäugte sich nur kritisch, was letztlich
auch dazu führte, dass die aktuell Singenden in ihrer Performance gehemmt waren
und nicht wirklich engagiert sangen. Die unterschiedlichen Affekte wurden so gar
nicht richtig herausgearbeitet, auch musikalisch nicht, und man hätte, wenn man
sich nicht anhand des (nur in Deutsch zu kaufenden) Librettos einen Überblick
verschafft hätte, wo man gerade ist, nicht mitbekommen, was da sich eigentlich
gerade tun würde. Natürlich war dies keine Inszenierung, aber ein bisschen
Ahnung, worum es da vorn gerade geht, kann man doch auch von einer konzertanten
Aufführung erwarten. Hier nun bekam man weder musikalisch, noch von den Gesten
her einen Anhaltspunkt. Freilich, dass Ewa Zeuner (Alt-Mezzo) eine
leidenschaftliche Frau darstellen wollte, mochte ihr rotes Kleid eindrucksvoll
zur Schau stellen, in den emotionsgeladenen Arien der überfürsorglichen und mehr
noch überehrgeizigen Mutter Gismonda freilich war sie merkwürdig
ausdrucksschwach. Auch Jutta Böhnert (Sopran), die in der Göttinger Aufführung
des PORO von Händel und zuletzt in Stuttgart eindrucksvolle Figurenzeichnungen
ablieferte, blieb als Kaisertochter und Geliebte des Ottone (und hier noch als
Titelheldin) seltsam distanziert. Vielleicht hatte das aber auch mit dem wie
immer scheinbar unnahbaren Kai Wessel (Altus) als Ottone zu tun. Der Bösewicht
Adelberto wurde von dem in Berlin ansässigen amerikanischen Sopranisten Robert
Crowe gegeben. Der Rezensent hatte sich auf ein Wiedersehen und -hören mit ihm
eigentlich gefreut, denn seine Debüt-CD mit Solokantaten von Carissimi hatte ihn
damals recht beeindruckt. Der Stimmumfang und deren Wucht tun es noch immer,
allerdings waren sie beide für den kleinen Kursaal viel zu gewaltig und in
vielen Fällen geradezu grell und schrill. Crowe freilich zeigte erheblich mehr
Engagement als die bislang Genannten, aber sein Gehabe war schon fast zu
ausladend und ziemlich divenhaft (z. B. dass er für sein Notenbuch wann immer es
ging zwei Notenständer beanspruchte).
Eine beeindruckende Ausnahme soll aber nicht unerwähnt bleiben: der
Bass-Bariton Kay Stiefermann als Emireno durchdrang mit sicheren Tiefen und
genauso kräftigen Höhen jedermann im Saal. Seine röhrigen Kaskaden machten klar,
dass ein Pirat wie er über die Drohungen des Meeres nur lacht (1. Akt, 6.
Szene). Wie schade, dass im Lottischen Libretto die Figur des Emireno nur eine
solche Nebenrolle spielt, dass ihr gerade zwei Arien zuteil wurden. Von ihm
hätte wohl so mancher gern mehr gehört an diesem Abend. Begleitet wurden die
Solisten von den Dresdner Kapellsolisten, einem aus Mitgliedern der Dresdner
Staatskapelle gebildeten Orchester, das sich die Pflege des Dresdner Musikerbes
auf die Fahnen geschrieben hat, nicht nur des Barock, sondern aller Zeiten. Auf
modernen Instrumenten spielend, stellen sie gewissermaßen eine Ausnahme dar,
wenn es um das Wiederausgraben von Barockopern geht. Für einen kleinen Saal wie
der Kursaal in Bad Lauchstädt waren die modernen Instrumente, noch dazu auf
Augenhöhe mit dem Publikum, auch etwas laut. Die solistischen Einlagen der
einzelnen Instrumente (Lotti hat die unterschiedlichen Arien sehr
unterschiedlich und oft nur mit einem Kerninstrument unterlegt) waren technisch
einwandfrei, allein die Tempi und Laut-Leise-Dynamik fehlten, um die
unterschiedlichen Affekte eindeutig zu machen. Schade.
OTTONE in Halle - die diesjährige
Festivalproduktion
Der große Otto I, deutscher Kaiser, ist in dieser Oper noch der junge
17jährige Mann, der seine gerade erst 12jährige Teofanu, Prinzessin aus dem
Byzantinischen Reich, zur Frau nimmt. Dieses Alter hat freilich der Kaiser in
Händels Fassung gewiss nicht. Wohl aber der Widersacher desselben: Adalberto,
der von seiner "Mama" gestriezte Emorkömmling. Entsprechend puppenstüblich ist
das Zimmer, das der zukünftige deutsche Kaiser abbekommen hat in dem Bühnenbild
der Festivalproduktion der Oper Halle zum lokalen und international weit
beachteten Händelfestival beisteuert.
Überzeugend und sichtbar an ihrer Rolle Spaß habend kommt denn auch DIE Diva
der Halleschen Oper - Romelia Lichtenstein - als übergroße, strebsame, den
Knaben führende und striezende Mama daher. Zumindest darstellerisch wieder ein
Höhepunkt ihrer diversen Händelcharaktere. Es macht Spaß sie darin zu sehen.
Freilich war die Besetzung stimmlich nicht ideal, weil die Rolle der Gismonda
nicht auf IHREN Kellkopf geschrieben ist. Entsprechend wenig überzeugend ist sie
diesmal, was ihre Gesangesleistung angeht: freilich durch die überzeugende
Darstellung wird das schon weitgehend wettgemacht.
Darstellerisch überzeugen kann auch ihr Sohn Adalberto, allein die Stimme
wirkt vielfach schwach und ich glaube nicht, dass dies geschieht, um den Knaben
herauszukehren. Da gibt es deutlich überzeugendere Countertenöre inzwischen.
Auch die Hauptrolle des großen deutschen Kaisers besetzt, Zum wiederholten Male
gibt sich damit
Matthias Rexroth die Ehre in Halle, schon fast so was wie einem Stammhaus.
Schon deutlich besser als
Alon Harari als Adalberto, ist er dennoch stellenweise noch sehr angestrengt
und gespreizt, was die stimmliche Gestaltung angeht. Aber auch hier gilt wie bei
Frau Liechtenstein: man sieht und spürt den Spaß, den Rexroth an seiner Rolle
hat. Und als er dann auch noch auf einer Wolke über die Bühne fliegt, springt so
was wie ein Funken über.
DAS Highlight des Abends freilich ist, auch musikalisch von Händel bestens
ausgestattet und dem Titelhelden in nichts nachstehend, die Sängerin der Teofane
-
Ines Lex, Neuzugang im Halleschen Ensemble seit dieser Spielzeit. Fabelhaft
kindisch und doch keineswegs kindlich-unmündig, verspielt und dennoch mit dem
nötigen Ernst und der gebührenden Bestimmtheit, wenn nötig, und dazu ein
glasklarer Sopran. Ein Genuss durchweg. Das auch musikalische Highlight des
Abends ist (neben dem auf einer Wolke fliegenden Ottone!) das Duett der Teofane
mit ihrer eigentlichen Widersacherin Gismonda. Wie Lichtenstein und Lex sich
umtanzen, sich zweckverbünden, aber ansonsten kaum über den Weg trauen - das ist
schon wieder herzig.
Um es zusammenfassen: Die Inszenierung ist durchaus unterhaltsam und spritzig
mitunter, hält es vielleicht nicht durchweg spannend und witzig, aber sie hat
Esprit. Die oben schon angedeuteten Szenen und Szenerien haben was. Und auch der
Einfall am Ende, dass Teofane zur größen Versöhnung den einzelnen Beteiligten
die Worte auf kleinen Zettelchen vorgibt und die diese entsprechend zögerlich
und nicht mit vollstem Innbrunst vorbringen und damit das lieto fine, das bei
dieser Oper wie bei vielen anderen Barockoper mehr als überraschend und
keineswegs sich aus der Handlung so schnell ableitend, daherkommt, satirisch
hinterfragen - auch das ist ein sehr schöner Einfall.
Musikalisch allerdings bleibt die Produktion hinter dem Niveau vieler
Vorjahresproduktionen zurück. Gerade auch Frau Lichtenstein kann diesmal nicht
glänzen. Schade. Dafür hören und sehen wir eine neue, inspirierende Sopranistin
am Halleschen Opernhaus, die bestimmt noch von sich hören machen wird. Entgegen
vielen Ensembleproduktionen von Barockopern an deutschen Opernhäusern ist bei
dieser Produktion die freie Bearbeitung und Improvisation im B-Teil zwar zu
finden, aber im Vergleich zu dem, was sonst auf Händelfestivals, auch und gerade
in Halle geboten wird, definitiv noch ausbaufähig. Ich könnte mir denken, wenn
Herr Forck, der vielversprechende künstlerische Leiter des
Händelfestspielorchesters das örtliche Ensemble leitet, wird er diesem noch
einiges entlocken. Ich freue mich jedenfalls auf die auch musikalisch um Längen
geilere neue Produktion: 2012 steht die Zauberoper ALCINA auf dem Programm.
ToiToiToi dafür.
Dirk Carius
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Vivica Genaux
Fotos by Christian Steiner

Das letzte Album von
Vivica Genaux - mit Vivaldi-Arien, darunter auch das Stück aus der
Zugabe

Das Album mit Hasse- und
Händel-Arien. Die im Konzert präsentierten Hasse-Arien waren aber
alle aus anderen Opern. Trotzdem ist dieses Album sehr zu empfehlen

Rinaldo als Puppe und als

Sänger
Valer Barna-Sabadus

Argante und Armida

Armida als Puppe und

Gesche Geier - die Sängerin der Armida

Die Kreuzritter
alle und weitere Bilder zur Aufführung by
http://gallery.me.com/pierocorbella#100254
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