Das Händelfestival in Halle 2011 - Händel und Dresden und der Schwerpunkt OTTONE - TEOFANU/E

 

Händel in Dresden und die Festivaloper und damit Schwerpunkt OTTONE

 

Man könnte sich als erstes fragen - ist das ein Schwerpunkt oder nicht zwei? Nun ja, wie es manchmal so ist, alles hat irgendwie miteinander zu tun. Und insofern könnte man schon sagen, dass es einer ist. Aber das ist letztlich zweitrangig.

Auf jeden Fall gibt es auf der einen Seite wie jedes Jahr die Festivaloper - in diesem Jahr eben Ottone - und, da Händel das Libretto dafür mitgebracht hat, als er in Dresden Nachwuchs für seine durch die Eröffnung der Opera of the Nobility gerade geschröpften Truppe suchte, ergibt sich daraus der zweite Aspekt des Schwerpunktes - wiederum vertreten mit einigen Veranstaltungen.

Eine solche Schwerpunktsetzung war das Konzept des neuen Direktors des Händelhauses in Halle und gleichzeitigen Chefs der Händelfestspiele in Halle, Clemens Birnbaum. Und der hat nicht nur eine neue Konzeption mitgebracht, und das ist eine, die wirklich interessante neue Blicke eröffnet, zumal die Schwerpunkte ja auch durch Sonderausstellungen und Shows untermauert werden, sondern er brachte zudem neue erstklassige Künstler an die Saale.

War es 2009 die große Cecilia Bartoli, die er als wahres Highlight gewinnen konnte, ist es in diesem Jahr, nach Karina Gauvin 2010, die unvergleichliche Vivica Genaux. Das war einfach nur fantastisch und wahrhaft zum Niederknien.

VIVICA GENAUX in Halle (Sa. 4.6., 19:00, Händelhalle)

Die belgisch-kanadische Sängerin ist seit vielen Jahren eine gefragte Interpetin der Alten Musik. Eine erste atemberaubende Produktion war ihr damals mit René Jacobs konzipiertes und unter ihm und mit der Akademie für Alte Musik realisiertes Album ARIAS FOR FARINELLI, auf dem sie Kastratenrollen der Großen der Barockmusik zum Teil erstmals ausgrub, auf jeden Fall zusammenfassend präsentierte. Farinelli war ja sozusagen DER Kastrat schlechthin und ist es vielleicht bis heute, weil viele andere weniger bis gar nicht bekannt sind. Er war ein Star - und spätestens jetzt ist es auch Vivica Genaux. Ihr besonderes Markenzeichen: ein Mund- und damit Stimmenvibrato, das für manchen Schauer über den Rücken sorgt, wenn man sie hört.

Das Manko in Deutschland ist, dass man sie leider viel zu selten auf deutschen Bühnen sieht, dann schon eher in München. Freilich war sie schon bei den Dresdner Musikfestspielen. Im letzten Jahr (2010) bekam sie für ihr letztes Album mit dem keineswegs über-, allenfalls untertriebenen Titel PYROTECHNICS mit Arien von Vivaldi den ECHO-Klassik und man kann nur hoffen, dass das dazu führt, dass Frau Genaux jetzt noch öfter in Deutschland zu hören ist. Ein wahres Feuerwerk jedenfalls hat sie mit der Vivaldi-CD ebenso bereitet wie heute mit einem Abend mit Händel- und Hassearien.

Womit wir beim Schwerpunkt des diesjährigen Händelfestivals wären: denn Johann Adolf Hasse war ja über 30 Jahre (nicht ganzjährig anwesend, aber doch) Hofkapellmeister am Sächsischen Hof in Dresden. Seine Frau war Faustina Bordoni - eine der gefeiertsten Sopranistinnen ihrer Zeit - und eine der beiden Diven, die sich in der Händelschen Truppe den Primadonnenstreit (oder auch "Zickenkrieg" lieferten - inklusive zumindest anekdotenhaft tradierter Handgreiflichkeiten und Keifereien der beiden auf der Bühne (die andere war Francesca Cuzzoni).

Begleitet wurde Vivica Genaux bei diesem Hasseabend mit Händelbeiträgen von einem der besten (und beständigsten in ihrer Zusammensetzung) Barockensembles in Deutschland - CONCERTO KÖLN. Freilich ist nicht nur kennzeichnend, dass man bei Concerto Köln immer wieder die gleichen bekannten und bewährten Gesichert findet - es ist vor allem ein homogenes, perfekt eingespieltes Ensemble, das meist sogar ohne Dirigenten eine Verve, Schwungkraft und Espirt hat und vermittelt, die ihresgleichen sucht. Und als ob das noch nicht genug ist: Concerto Köln begeistert UND ist begeistert. Der Zuschauer sieht, hört und spürt, dass da nicht nur auf technisch höchstem, stets perfekt sicheren Niveau musiziert wird, sondern auch mit Genuss und Begeisterung. Die Musiker gehen samt und sonders in der Musik, die sie darbieten, auf.

Insofern ist ja wohl schon klar, dass der Abend einfach Wahnsinn war und man schon fast in Trauer nach Hause gegangen wäre, hätte Vivica Genaux wirklich nach ihrer ersten Zugabe Schluss gemacht. Diese war der Trauergesang / die Arie, die Hasse nach dem Tod seiner lieben Frau geschrieben hatte. Schon während der Interpretation war es schluchzstill im Saal und mit einem solchen Ende wären wohl wirklích einige mit Tränen in den Augen und einem Gefühl eines starken Verlustes nach Hause gegangen, so nah ging einem diese eine Arie aus der Zugabe. (Mit der "Konkurrenz", wie sie selbst sagte, nämlich "Agitata da due venti", der einzigartigen Prachtarie von Vivaldi (aus GRISELDA), hat Genaux freilich das Publikum wieder aus seinem eventuellen emotionalen Tief hervorgeholt und mit einem Gefühl der Beglückung von dannen ziehen lassen.

DAS war einfach und rundum ein gelungener Abend und man kann dem Händelfestival in Halle, in persona Herrn Birnbaum, dem neuen Intendanten, nur gratulieren zu den Höhepunkten, die er seit seiner Amtszeit zu setzen vermag. Erst die fantastische Cecilia Bartoli, im vorigen Jahr Frau Karina Gauvin, die exzeptionelle Sopranistin (naja, und das Rezital mit Andreas Scholl, auch wenn es eher ein Chorabend war) und in diesem Jahr Vivica Genaux.

WOBEI: in diesem Jahr steht ja noch ein Highlight ganz besonderer Art an: das Winterspecial im November mit einem Sondergastspiel mit dem französischen Ausnahme-Counter Philippe Jaroussky - und das NUR mit Händelwerken, wovor er bislang zurückschreckte. Dazu gibt es einen Tag vorher eine Sonder-Wiederaufführung der diesjährigen Festivaloper OTTONE am Opernhaus. Und als ob das noch nicht genug Höhepunkt wäre: zur regulären Festspielzeit 2012 wird Philippe Jaroussky noch einmal nach Halle kommen.

Gigafantastisch!

 

RINALDO unter Katschner in Bad Lauchstädt

Ein Erlebnis für alle Sinne! GRRRRRRRRRRR

Wolfgang Katschner und seine LauttenCompagney sind seit Jahren eine feste Größe bei den Händelfestspielen in Halle - und ein Garant für die ETWAS andere, in jedem Falle besondere Aufführung oder zumindest Interpretation, sei es von bekannten Stücken oder aber auch bei der Ausgrabung gänzlich unbekannter Werke und Komponisten, denn auch da ist Herr Katschner aktiv. (Bedauerlicherweise werden solche Aktivitäten an Nebenorten oft gar nicht gewürdigt, sind Aufnahmen von Unbekannten häufig Ladenhüter, wenn sie überhaupt bis dahin kommen.) Auf jeden Falle waren bisher alle Händelaktivitäten der LauttenCompagney ein Erfolg vor Ort. Die Videoaufnahme des TESEO, die bei arthaus musik erhältlich ist, ist ganz sicher eine Referenzaufnahme und gehört zu den geilsten Interpretationen überhaupt - was natürlich auch der sehr authentischen Szenerie und Kostümierung zu verdanken war. Um für RINALDO eine ebensolche zu finden, ging Katschner einen neuen Weg: er besprach sich mit der italienischen Puppenspieler-Compagney Colla & Figli und gebar die Idee, das ganze als Puppenspiel auf die Bühne zu bringen. Das mag jetzt wenig interessant klingen - aber rausgekommen ist ein extrem faszinierendes Stück.

Die Puppen sind mit großer Liebe zu Detail gefertigt, sowohl die Musulmanen, als auch die Kreuzritter, besonders aber die stimmlich / von den Arien her eigentliche Heldin der Oper - ARMIDA und ihre Furien und Drachen. Wir sehen also Rinaldo und Armida und Almirena in (natürlich idealisierter und ebenso pikobello sitzender, sauberer) Kostümerie vor der Kulisse der Stadt Jerusalem, an einer idyllischen Oase inmitten der Wüste, vor dem tosenden Meer, in einer finsteren Schlucht, in der die Kreuzritter den christlichen Magier aufsuchen, um sich zu Rinaldo und Almirena führen und mit den Zauberruten versorgen zu lassen. Auch die Bühnenbilder sind sehr barock und anheimelnd. Das Faszinierendste aber ganz sicher ist, mit welcher Komplexität sich die Puppen über die Bühne bewegen. Wie man am Ende sieht, sind auch 10 Mann nötig, um das zu bewerkstelligen. Wie allerdings ein Mann die 25 Fäden einer Puppe bedienen soll, das ist schon wirklich hohe Kunst.

Auf der Bühne also sieht man das anheimelnde Schauspiel. Davor im Orchestergraben - und teilweise von der Empore - entlockt Katschner seiner LauttenCompagney ein wahres Klangfeuerwerk. Natürlich ist das nicht der Rinaldo pur, wie er in der Partitur steht, sondern wie immer lässt er sich hier eine andere Melodieführung, hier eine längere Pause und v.a. auch immer wieder besondere Einlagen einfallen, sei dies eine Gewitter- und Donnermaschine, mit der die Furien angekündigt werden (mal abgesehen von dem Dampf und Feuerspeien auf der Bühne, und selbstverständlich FLIEGT Armida von oben auf die Bühne, also wirklich Effekte wie damals!), oder sei es das Einspielen originalen Vogelzwitscherns, bevor Almirena vor einem einsamen Kaktus in der Wüste ihre Vögeleinarie "Augelletti, che cantate" trällert (das Flötenvorspiel in der eigentlichen Einleitung der Arie, das das Zwitschern nach Partitur lautmalert, ist auch ganz große Klasse). Auch gleich am Anfang sorgt Katschner für das richtige Rinaldo-Flair, indem er in der Ouvertüre zu der Höndelschen Intonierung und dessen Bläsern insbesondere noch Flöten und die Kastagnetten erklingen und Kreuzritter über die Bühne reiten lässt.

Nun könnte einer fragen: also spielt man nur die Musik und sieht ansonsten die Handlung auf der Bühne? Ist es also eine Oper ohne Ariengesang? Mitnichten. Die Sänger stehen auf der Empore - links von der Bühne gleich drei Countertenöre (Rinaldo, Goffredo und Eustazio) und Almirena, die Christen also - auf der rechten Seite Armida und Argante, der Sarazenenkönig von Jerusalem. Die beiden Damen singen natürlich auch in der Arie der Damen in der Barke zusammen, und auf der rechten Seite findet sich dann am Ende auch der christliche Magier. Ansonsten könnte man also durchaus von einer religionsbezogenen Verteilung sprechen.

Die Besetzung ist jung, aber ERSTKLASSIG. Besonders die beiden Hauptfiguren - Rinaldo und Armida - sind beeindruckende neue Talente. Den erfolgreichen Heerführer des Kreuzfahrerheeres gibt Valer Barna-Sabadus, ein junger Counter, der gerade seine Karriere beginnt - besser begonnen hat. Der Rezensent hatte leider nicht die Freude ihn schon in Frankfurt, in Vivaldis Orlando Furioso, wo er 2010 die Zweitbesetzung für Ruggiero war, zu erleben, aber dafür in Händels Partenope in Karlsruhe im Februar diesen Jahres. Hier gab er den Armindo - und es ist völlig unverständlich, warum nur aufgrund der Mehrzahl der Arien Terry Wey als Arsace genauso viel Beifall wie diese beeindruckende Stimme einheimsen konnte. In München, bei der Ausgrabung von Hasses DIDONE ABBANDONATA, wurde indes die überragende Gesangesleistung voll anerkannt. Es ist erstaunlich, in welch atemberaubende Höhen Barna-Sabadus scheinbar problemlos nicht nur vordringt, sondern auch noch zielsicher seine Koloraturen anbringt. Zudem vermag er seine Stimme vibrieren zu lassen, um seinem Gesang auch den richtigen persönlichen Stempel aufzudrücken. Mit Katschner zusammen fährt er in RINALDO zu sagenhaften Leistungen auf. Er singt eben den Rinaldo NICHT (oder zumindest nicht immer), wie er von den zahlreichen Einspielungen bekannt ist, sondern in nicht wenigen Arien sogar schon im A-Teil variiert. Großen Freiraum erhält der Sänger dann meist im A'-Teil, wo er richtig loslegen kann. Und das tut er. Mit famosen Tempi- und Lautstärkevariationen und scheinbaren, dabei gekonnt intonierten Ausrutschern. Das Brillianteste aber ist die Stimme: da klingt nichts künstlich, nichts gekünstelt, es ist als sei das eine natürliche Gesangeslage. Ich bin sicher, dass Barna-Sabadus in die Riege der Besten seines Faches aufsteigen wird und wünsche ihm dafür nur alles Gute. (Auf jeden Fall ist er um Längen besser als der in den letzten Jahren so hochgejubelte Franco Fagioli, der aus jeder Arie mit seinen Tonverzerrungen eine Klagearie macht, und schon gar nicht vergleichbar mit vollständig artifiziellen Sängern wie Andreas Scholl oder Kai Wessel.)

Mit unbeschreiblichen Furor und einer unerwarteten Wucht und in Kaskaden, die noch höher und tiefer gehen, als es Simone Kermes zuletzt in der Kölner Aufführung des Rinaldo vorgeführt (und die Leute im Saal ganz offensichtlich wirklich erschreckt und quasi gelähmt) hat, meldet sich gleich im ersten Satz Gesche Geier in der Rolle der Armida zu Wort (oder Ton). Ihr "Furie Terribili" brachte den völlig überhitzten Saal des Goetheschen Kurtheaters in Bad Lauchstädt verdient zum Brodeln und erntete einen ersten Beifallssturm. Dazu noch ihr Blick - Wahnsinn. Mindestens genauso gut wie das Spektakel aus Dampf und Feuer und Fliegenden Drachen, mit dem auf der Bühne die Armida-Puppe einfliegt.

Beachtliche Gesangesleistungen haben darüber hinaus auch die beiden tiefen Männerstimmen präsentiert, auch wenn Fabian Egli als Magio ja nicht viel Gesang abbekommen hat von Händel. Der den Sarazenerkönig Argante gebende Bass-Bariton Florian Götz jedenfalls kündigt die oben genannten FURIE TERRIBILI Armidas in seiner kurz zuvor erklingenden Arie "Sibillar gli angui d'Aletto" (in Bad Lauchstädt treffend übersetzt mit "Furienschlangen höre ich zischen, Ungeheuer kläffen") in einem beeindruckenden tiefen Stimme und treffsicheren Kaskaden an.

Das möchte bitte nicht heißen, dass Katerina Beranova als Almirena oder die beiden anderen Countertenöre nicht auch gut waren - mitnichten. Wie der Rezensent schon am Anfang schrieb: der Nachmittag des RINALDO war ein voller Erfolg und erinnerungswürdiges Ereignis. Ich glaube, dass DIESE Interpretation bei vielen, wenn nicht allen Besuchern im Gedächtnis haften bleibt - insbesondere weil auch bestimmte Stolpersteine des Librettos, die bislang dem Rezensenten gar nicht so klar waren, hier so dargestellt wurden, dass es einem wie Schuppen von Augen fällt. Beispielsweise die Verwandlung der Armida in (die äußere Hülle der) Almirena - nicht nur als sie Rinaldo zu becircen sucht, sondern auch als Armidas Lover Argante verliebt zu(r vermeintlichen) Almirena kommt und dann erschreckt zur Kenntnis nehmen muss, dass es Armida ist: im Puppentheater geht das wunderbar zu lösen, indem man eine Bank vor einen Rosenbusch stellt und die Armidapuppe draufsetzt, auf der Rückseite des Rosenbusches noch mal die gleiche Bank stehen hat, auf der dann die Almirenapuppe sitzt. Und dann einfach die Bank drehen, also auf der Bühne aus der lieblichen Almirena die Armida machen, sobald diese gesanglich loswettert, wie entsetzt sie über die Untreue Argantes ist, was er sich einbilde. Sie opfere sich für ihn und seinen dämlichen Krieg gegen die Christen auf, und das sei der Dank? (Dass sie selbst freilich auch Rinaldo verfallen ist und fremdgeht, lässt sie freilich unter den Tisch fallen).

Sänger und Sängerinnen:

Rinaldo - Valer Barna-Sabadus, Countertenor
Almirena - Katerina Beranova, Sopran
Armida - Gesche Geier, Sopran
Argante - Florian Götz, Bariton
Goffredo - Jean-Michel Fumas, Countertenor
Eustazio - Owen Willetts, Countertenor
Mago - Fabian Egli, Bariton

Gemeinsame Produktion der Händel Festspiele Halle, des Goethe-Theaters Bad Lauchstädt, des Theaters Winterthur, der Associazione Grupporiani – Milano, Comune di Milano – Cultura – Teatro Convenzionato und der Lautten Compagney Berlin. Diese Produktion wird ermöglicht durch Gastspiele in den Theatern Schaffhausen, Baden und Dornbirn. Die Händelfestspiele Halle werden gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

weitere Informationen, Bilder und Kritiken auf der Seite der LauttenCompagney


Lottis TEOFANE in Bad Lauchstädt

Das Leitthema des diesjährigen Halleschen Händelfestivals war Händel und Dresden. Händel war dort 1719 zu den Hochzeitsfeierlichkeiten für den sächsischen Kronprinzen, natürlich auch aus professionellem Interesse, um zu sehen, was die "Konkurrenz" macht, aber auch handfest, um Personal für seine durch die Neugründung der Opera of the Nobility in London geschrumpfte Truppe abzuwerben. Das gelang ihm auch, aber er konnte nicht nur Senesino, Matteo Berselli, Margherita Durastanti, Maddalena Salvai und den Bassisten Giuseppe Maria Boschi für die kommenden Spielzeiten nach London verpflichten - Nein, auch sein Repertoire sollte bald durch seinen Aufenthalt dort "inspiriert" werden. Auf dasselbe Libretto von Lottis TEOFANE schrieb Händel dann 1722 seine Oper OTTONE (Premiere im Januar 1723) - die diesjährige Festivalproduktion der Oper Halle. Copyright war ja damals noch nicht so das Thema, im Gegenteil. Naja, und wenn man schon mal das Libretto mitnimmt, kann man sich ja auch einige Motive und Stücke gleich mit übernehmen. Und so findet sich denn in Händels OTTONE einiges aus der Dresdner Hochzeitsoper wieder. Was man freilich erst dann merken kann, wenn man dieses Werk mal hört.

Dies konnte man nun zum diesjährigen Händelfest - und zwar als konzertante Aufführung im Kursaal in Bad Lauchstädt. Zu buchen war diese Veranstaltung entweder allein oder im Verbund mit einem Ticket in der Nachmittagsvorstellung des RINALDO unter Katschner im benachbarten Goethe-Theater in Bad Lauchstädt und einem Abendessen in der Pause zwischen den beiden Veranstaltungen für einen Preis, zu dem man bei anderen Festivals gerade mal eine Oper hören und anschauen kann. Das sollte auch einfach mal betont werden. Das Hallesche Festival bietet hochwertige Klassikerlebnisse zu keineswegs hochfährigen Preisen.

Der Rezensent war insbesondere auch erfreut, beim Händelfestival neben der Händelschen Musik auch Musik seiner Barockkollegen zu hören zu bekommen - und das nicht einfach so, sondern schon mit Bezug zu Händel. Voller Vorfeude ging er in die abendliche Veranstaltung. Natürlich konnte nach einem so tollen Nachmittag, wie er ihn trotz sengender Hitze im Goethe-Theater bei RINALDO erlebt hat, eine weitere Veranstaltung schon vom Prinzip her nur abfallen, aber dass sie das gleich so tun würde, war ihm nicht bewusst. Das lag besonders an der Besetzung der Solisten - man hatte den Eindruck, dieses Ensemble harmonierte überhaupt nicht miteinander, sondern beäugte sich nur kritisch, was letztlich auch dazu führte, dass die aktuell Singenden in ihrer Performance gehemmt waren und nicht wirklich engagiert sangen. Die unterschiedlichen Affekte wurden so gar nicht richtig herausgearbeitet, auch musikalisch nicht, und man hätte, wenn man sich nicht anhand des (nur in Deutsch zu kaufenden) Librettos einen Überblick verschafft hätte, wo man gerade ist, nicht mitbekommen, was da sich eigentlich gerade tun würde. Natürlich war dies keine Inszenierung, aber ein bisschen Ahnung, worum es da vorn gerade geht, kann man doch auch von einer konzertanten Aufführung erwarten. Hier nun bekam man weder musikalisch, noch von den Gesten her einen Anhaltspunkt. Freilich, dass Ewa Zeuner (Alt-Mezzo) eine leidenschaftliche Frau darstellen wollte, mochte ihr rotes Kleid eindrucksvoll zur Schau stellen, in den emotionsgeladenen Arien der überfürsorglichen und mehr noch überehrgeizigen Mutter Gismonda freilich war sie merkwürdig ausdrucksschwach. Auch Jutta Böhnert (Sopran), die in der Göttinger Aufführung des PORO von Händel und zuletzt in Stuttgart eindrucksvolle Figurenzeichnungen ablieferte, blieb als Kaisertochter und Geliebte des Ottone (und hier noch als Titelheldin) seltsam distanziert. Vielleicht hatte das aber auch mit dem wie immer scheinbar unnahbaren Kai Wessel (Altus) als Ottone zu tun. Der Bösewicht Adelberto wurde von dem in Berlin ansässigen amerikanischen Sopranisten Robert Crowe gegeben. Der Rezensent hatte sich auf ein Wiedersehen und -hören mit ihm eigentlich gefreut, denn seine Debüt-CD mit Solokantaten von Carissimi hatte ihn damals recht beeindruckt. Der Stimmumfang und deren Wucht tun es noch immer, allerdings waren sie beide für den kleinen Kursaal viel zu gewaltig und in vielen Fällen geradezu grell und schrill. Crowe freilich zeigte erheblich mehr Engagement als die bislang Genannten, aber sein Gehabe war schon fast zu ausladend und ziemlich divenhaft (z. B. dass er für sein Notenbuch wann immer es ging zwei Notenständer beanspruchte).

Eine beeindruckende Ausnahme soll aber nicht unerwähnt bleiben: der Bass-Bariton Kay Stiefermann als Emireno durchdrang mit sicheren Tiefen und genauso kräftigen Höhen jedermann im Saal. Seine röhrigen Kaskaden machten klar, dass ein Pirat wie er über die Drohungen des Meeres nur lacht (1. Akt, 6. Szene). Wie schade, dass im Lottischen Libretto die Figur des Emireno nur eine solche Nebenrolle spielt, dass ihr gerade zwei Arien zuteil wurden. Von ihm hätte wohl so mancher gern mehr gehört an diesem Abend. Begleitet wurden die Solisten von den Dresdner Kapellsolisten, einem aus Mitgliedern der Dresdner Staatskapelle gebildeten Orchester, das sich die Pflege des Dresdner Musikerbes auf die Fahnen geschrieben hat, nicht nur des Barock, sondern aller Zeiten. Auf modernen Instrumenten spielend, stellen sie gewissermaßen eine Ausnahme dar, wenn es um das Wiederausgraben von Barockopern geht. Für einen kleinen Saal wie der Kursaal in Bad Lauchstädt waren die modernen Instrumente, noch dazu auf Augenhöhe mit dem Publikum, auch etwas laut. Die solistischen Einlagen der einzelnen Instrumente (Lotti hat die unterschiedlichen Arien sehr unterschiedlich und oft nur mit einem Kerninstrument unterlegt) waren technisch einwandfrei, allein die Tempi und Laut-Leise-Dynamik fehlten, um die unterschiedlichen Affekte eindeutig zu machen. Schade.


OTTONE in Halle - die diesjährige Festivalproduktion

Eine Gemeinschaftsproduktion der Oper Halle und der Händel-Festspiele Halle | Musikalische Leitung: Marcus Creed | Inszenierung: Franziska Severin | Bühne: Helmut Brade Kostüme: Sabine von Oettingen

Ottone (Otto II.): Matthias Rexroth
Teofane: Ines Lex
Emireno: Ki-Hyun Park
Gismonda: Romelia Lichtenstein
Adalberto: Alon Harari
Matilda: Sandra Maxheimer

 

 

Der große Otto I, deutscher Kaiser, ist in dieser Oper noch der junge 17jährige Mann, der seine gerade erst 12jährige Teofanu, Prinzessin aus dem Byzantinischen Reich, zur Frau nimmt. Dieses Alter hat freilich der Kaiser in Händels Fassung gewiss nicht. Wohl aber der Widersacher desselben: Adalberto, der von seiner "Mama" gestriezte Emorkömmling. Entsprechend puppenstüblich ist das Zimmer, das der zukünftige deutsche Kaiser abbekommen hat in dem Bühnenbild der Festivalproduktion der Oper Halle zum lokalen und international weit beachteten Händelfestival beisteuert.

Überzeugend und sichtbar an ihrer Rolle Spaß habend kommt denn auch DIE Diva der Halleschen Oper - Romelia Lichtenstein -  als übergroße, strebsame, den Knaben führende und striezende Mama daher. Zumindest darstellerisch wieder ein Höhepunkt ihrer diversen Händelcharaktere. Es macht Spaß sie darin zu sehen. Freilich war die Besetzung stimmlich nicht ideal, weil die Rolle der Gismonda nicht auf IHREN Kellkopf geschrieben ist. Entsprechend wenig überzeugend ist sie diesmal, was ihre Gesangesleistung angeht: freilich durch die überzeugende Darstellung wird das schon weitgehend wettgemacht.

Darstellerisch überzeugen kann auch ihr Sohn Adalberto, allein die Stimme wirkt vielfach schwach und ich glaube nicht, dass dies geschieht, um den Knaben herauszukehren. Da gibt es deutlich überzeugendere Countertenöre inzwischen. Auch die Hauptrolle des großen deutschen Kaisers besetzt, Zum wiederholten Male gibt sich damit Matthias Rexroth die Ehre in Halle, schon fast so was wie einem Stammhaus. Schon deutlich besser als Alon Harari als Adalberto, ist er dennoch stellenweise noch sehr angestrengt und gespreizt, was die stimmliche Gestaltung angeht. Aber auch hier gilt wie bei Frau Liechtenstein: man sieht und spürt den Spaß, den Rexroth an seiner Rolle hat. Und als er dann auch noch auf einer Wolke über die Bühne fliegt, springt so was wie ein Funken über.

DAS Highlight des Abends freilich ist, auch musikalisch von Händel bestens ausgestattet und dem Titelhelden in nichts nachstehend, die Sängerin der Teofane - Ines Lex, Neuzugang im Halleschen Ensemble seit dieser Spielzeit. Fabelhaft kindisch und doch keineswegs kindlich-unmündig, verspielt und dennoch mit dem nötigen Ernst und der gebührenden Bestimmtheit, wenn nötig, und dazu ein glasklarer Sopran. Ein Genuss durchweg. Das auch musikalische Highlight des Abends ist (neben dem auf einer Wolke fliegenden Ottone!) das Duett der Teofane mit ihrer eigentlichen Widersacherin Gismonda. Wie Lichtenstein und Lex sich umtanzen, sich zweckverbünden, aber ansonsten kaum über den Weg trauen - das ist schon wieder herzig.

Um es zusammenfassen: Die Inszenierung ist durchaus unterhaltsam und spritzig mitunter, hält es vielleicht nicht durchweg spannend und witzig, aber sie hat Esprit. Die oben schon angedeuteten Szenen und Szenerien haben was. Und auch der Einfall am Ende, dass Teofane zur größen Versöhnung den einzelnen Beteiligten die Worte auf kleinen Zettelchen vorgibt und die diese entsprechend zögerlich und nicht mit vollstem Innbrunst vorbringen und damit das lieto fine, das bei dieser Oper wie bei vielen anderen Barockoper mehr als überraschend und keineswegs sich aus der Handlung so schnell ableitend, daherkommt, satirisch hinterfragen - auch das ist ein sehr schöner Einfall.

Musikalisch allerdings bleibt die Produktion hinter dem Niveau vieler Vorjahresproduktionen zurück. Gerade auch Frau Lichtenstein kann diesmal nicht glänzen. Schade. Dafür hören und sehen wir eine neue, inspirierende Sopranistin am Halleschen Opernhaus, die bestimmt noch von sich hören machen wird. Entgegen vielen Ensembleproduktionen von Barockopern an deutschen Opernhäusern ist bei dieser Produktion die freie Bearbeitung und Improvisation im B-Teil zwar zu finden, aber im Vergleich zu dem, was sonst auf Händelfestivals, auch und gerade in Halle geboten wird, definitiv noch ausbaufähig. Ich könnte mir denken, wenn Herr Forck, der vielversprechende künstlerische Leiter des Händelfestspielorchesters das örtliche Ensemble leitet, wird er diesem noch einiges entlocken. Ich freue mich jedenfalls auf die auch musikalisch um Längen geilere neue Produktion: 2012 steht die Zauberoper ALCINA auf dem Programm.

ToiToiToi dafür.

Dirk Carius
 

Vivica Genaux

Fotos by Christian Steiner

Das letzte Album von Vivica Genaux - mit Vivaldi-Arien, darunter auch das Stück aus der Zugabe

Das Album mit Hasse- und Händel-Arien. Die im Konzert präsentierten Hasse-Arien waren aber alle aus anderen Opern. Trotzdem ist dieses Album sehr zu empfehlen

Rinaldo als Puppe und als

Sänger Valer Barna-Sabadus

Argante und Armida

Armida als Puppe und

Gesche Geier - die Sängerin der Armida

Die Kreuzritter

alle und weitere Bilder zur Aufführung by

http://gallery.me.com/pierocorbella#100254

 

 

 

Letztes Update: 20.03.2012, 23.15 Uhr

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

© 1997-2012 D. Carius, GayStation