Ratgeber: Poppers

GayLove

Geheimnisvolle Tropfen

Was würde mann wohl denken, wenn ein Typ während einer heißen Sexnummer plötzlich meint, dass er nur mit einem Geburtshilfe-Mittel so richtig geil werden kann? Manch einen wird das sicherlich irritieren, andere werden sofort wissen, was gemeint ist. Es geht dann um "Poppers", das einem oft genug begegnet, wenn man genauer hinsieht. Tanzende Kerle ziehen es sich in der Disco auf der Tanzfläche 'rein, oder sie halten es sich in den Klappen unter die Nase. Was ist das für eine Flüssigkeit in diesen kleinen Fläschchen, die dermaßen stimulierend wirken soll, dass so mancher "Schlappschwanz" enormes "Stehvermögen" beweist?

Poppers, das ist chemisch gesehen Amylnitrit. Es hat seinen ursprünglichen Sinn als Geburtshilfe-Mittel, da es ein blutdrucksenkendes Medikament ist, welches die Herzmuskulatur und die unwillkürlich innervierte Muskulatur entspannt. Seit circa zwei Jahren wird beim Gebären auf dieses Medikament verzichtet. Es wurde durch andere Mittel ersetzt. Weiterhin eingesetzt wird es allerdings bei der Behandlung von Angina Pectoris. Nach Auskunft des Landeskriminalamtes München ist dieses Medikament, das unter verschiedenen Namen gehandelt wird (Pulmunal, Brocacel, Interpharm, UPG, etc.), rezeptpflichtig. Damit ist zwar der Besitz erlaubt, der Handel damit außerhalb der Apotheken und ohne Rezept allerdings ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. In den USA soll Amylnitrit seit einigen Jahren verboten sein, weil man vermutete, dass ein regelmäßiger Konsum sich auf die Anzahl der körpereigenen Helferzellen negativ auswirkt. Zumindest in Tierversuchen mit weißen Mäusen ergab sich tatsächlich eine Reduzierung der Helferzellen. Da man aber die Organismen von Mäusen und Menschen nicht beliebig vergleichen kann, ist eine abwehrsenkende Wirkung auf das menschliche Immunsystem vorläufig nicht hundertprozentig bewiesen. Welche Konsequenzen man aus diesen Infos zieht, sollte sich jeder gut überlegen, denn was nicht bewiesen ist, ist auch nicht widerlegt.

Natürlich hat man sich überlegt, wie man das Verbot von Amylnitrit in den USA umgehen kann. So kam es zu chemisch leicht verwandelten Formen wie z.B. Amylnitrat oder Isoamylnitrit mit verschiedenen Parfümierungen, was zu der Vielzahl verschiedener Poppersmarken geführt hat, die dann nicht mehr unter das Verbot fallen, weil eben eine chemische Gruppe angehängt wurde. Doch auch wenn es immer wieder leicht anders duftet, oder besser gesagt stinkt, bleibt Poppers besonders bei den Kerlen beliebt, die es passiv bevorzugen. Der innere Schließmuskel gehört zu den innervierten Muskelgruppen des Menschen, die man, wie z.B. den Herzmuskel, nicht mit dem Willen lenken kann. Um ihn zu entspannen, bietet sich Poppers also an. Wer sich vom Poppers dagegen verspricht, dass er einen "Super-Ständer" davon bekommt, der sei gewarnt! Bei Poppers besteht eine ganz normale Dosis-Wirkung-Beziehung! Wer zuviel davon nimmt, bei dem geht in Sachen Erektion gar nichts mehr, denn "entspannt" ist man dann wirklich in jeder Beziehung.

Um auch einen medizinischen Experten zu dem Thema zu hören, habe ich ein Interview mit dem HNO-Arzt Dr. Thürmer geführt.

HH: Poppers wird ja geschnieft. Kennen Sie Fälle, in denen der falsche Umgang damit zu Gesundheitsschädigungen geführt hat?

Dr.T.: In meiner Praxis kommen sehr selten Fälle mit Poppers vor, denn die meisten Leute wissen auch, wie sie damit umgehen müssen. Wichtig ist es, sich zu merken, dass Amylnitrit eine stark lokalätzende Wirkung hat. Das bedeutet, die Flüssigkeit hat nichts auf den Schleimhäuten zu suchen!

HH: Was wäre wohl das Schlimmste, was passieren kann?

Dr.T.: Der schlimmste, wenn sicherlich auch untypischste Fall, von dem ich weiß, ist vor gut zehn Jahren in Nürnberg passiert. Ein junger Mann hat eine große Flasche genommen, 50 oder 100 Milliliter. Die Flasche ist ihm beim Onanieren umgefallen, und da sie keinen Tropfverschluss hatte, ist ihm die Flüssigkeit in die Nase hineingelaufen. Daraufhin ist er sofort bewusstlos geworden, hat also eine Überdosis bekommen. Er hat dadurch im Prinzip einen Schlaganfall aufgrund eines extremen Blutdruckabfalls, also einer akuten Blutdruckstörung des Hirns, erlitten. Damit wurden Teile seines Hirns nicht mehr durchblutet. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Es ist eine Horrorgeschichte, die ungewöhnlich ist, die mich aber sehr betroffen gemacht hat.

HH: Wie schätzen Sie eine eventuelle Suchtgefahr bei Poppers ein?

Dr.T.: Ich denke, eine Suchtgefahr ist gegeben, aber wohl weniger eine körperliche als vielmehr eine psychosomatische. Nachdem viele durch den Konsum von Poppers eine Intensivierung ihres Sexuallebens und eine enthemmtere Sinnlichkeit erleben, entsteht dadurch natürlich der Wunsch nach Wiederholung. Von Untersuchungen zur direkten körperlichen Abhängigkeit weiß ich nichts.

Nach dem Interview war eines klar: Poppers ist zwar keine Droge, aber es ist auch nicht einfach nur ein Spielzeug oder ein harmloses Aphrodisiakum. Verantwortungsvoller und bewusster Umgang damit ist von Nöten. Wer "es" nur noch mit Poppers kann, der sollte sich überlegen, ob er auf dem richtigen Weg ist. Es gibt wirklich schon zu viele, denen man in den Kneipen begegnen kann und die diesen Satz bringen: "Tut mir leid! Ohne Poppers kann ich nicht!"

Und noch zwei Tipps zum Schluss:

  1. Wer Poppers benutzt, der sollte es möglichst im Tiefkühlfach aufbewahren, da die Substanz bei Zimmertemperatur zerfällt und im Gestank zu-, aber in der Wirkung abnimmt.
  2. Vorsicht vor gepanschtem Poppers! Nicht alles, was ein Fremder einem unter die Nase hält, ist das Gelbe vom Ei. Wenn einen schon mal was "umhaut", dann sollte es der Sex mit einem geilen Typen sein und nicht irgendeine miese Mixtur, oder?

(HH)

Siehe auch unser Sexikon: Poppers

Quelle: "Our Munich", Ausgabe März '97
Herausgeber: Our Munich Druck- u. Verlags GmbH, München

Letztes Update: 14.06.2003

- Alle Angaben ohne Gewähr! -

© 1999-2012 GayStation