GayHistory - 1897-1969: WhK bis Stonewall
Am 15. Mai 1897 gründet
Magnus
Hirschfeld in seiner Berliner Wohnung mit Eduard Oberg, Max
Spohr und Franz Josef von Bülow das Wissenschaftlich-humanitäre
Komitee (WhK).
"Auf Grund sichergestellter Forschungsergebnisse und der Selbsterfahrung
vieler Tausender endlich Klarheit darüber verschaffen, dass es sich bei der
Liebe zu Personen des gleichen Geschlechts, der sogenannten Homosexualität,
um kein Laster und kein Verbrechen, sondern um eine von der Natur tief in
einer Anzahl von Menschen wurzelnden Gefühlsrichtung handelt", heißt es in
der Gründungserklärung.
§175, Teil 1: Schon im
Dezember 1897 reicht das WhK eine Petition gegen den
Anti-Homosexuellen-Paragraphen 175 beim Reichstag und beim Bundesrat ein.
Der Paragraph steht seit 1871 im RStGB (bzw. StGB), wurde 1935 nach dem
Röhm-Putsch
verschärft.
Teil 2 (1968)
Die Broschüre "Was soll das Volk vom dritten Geschlecht wissen?" wird (vom WhK) herausgegeben.
Fragebogenaktion unter
3.000 Berliner Studenten zu ihrer sexuellen Orientierung.
Magnus
Hirschfeld wird von fünf Studenten, die sich dadurch beleidigt
fühlten, angezeigt und muss 200 Mark Strafe zahlen.
Aber
Hirschfeld
gibt nicht auf. 1904 setzt er seine Befragungsaktion unter 5.721
Metallarbeitern fort. 49% der Fragebögen kommen zurück.
Ergebnis (von 1903 und 1904):
94,3% bezeichnen sich als ausschließlich heterosexuell,
2,3% als ausschließlich homosexuell, der Rest als bisexuell.
Es ist aber aufgrund des geringen Rücklaufs mit Vorsicht zu
genießen. Es war die größte derartige Studie bis zu der von
Kinsey
(1938).
1905/06 muss sich
Hirschfeld
mit Wilhelm Fleiß und Sigmund Freud über die Urheberschaft der Idee
von der Bisexualität "streiten".
Der Sexualwissenschaftler
Hirschfeld
arbeitet an der Entwicklung des Homosexuellenfilms
"Anders
als die Anderen" mit und spielt sich darin selbst.
Außerdem eröffnet er das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin.
1923-24:
Fritz
Haarmann, ein armseliger psychopathischer homosexueller Gauner, kommt
wegen Mordes an 27 mittellosen Jungen in Hannover vor Gericht. Vor
Haarmanns Hinrichtung wurde ein psychologisches Gutachten erstellt. Aus
dem schriftlich festgehaltenen Gespräch mit dem Psychologen entstand ein
ausgezeichneter Film über das Psychoprofil des Massenmörders:
Der
Totmacher.
SA-Führer
Ernst
Röhm wird von dem Berliner Stricher Hermann Siegesmund belastet.
Die Anklage wird fallengelassen, aber 1932 gelangen kompromittierende
Briefe an die Presse. Röhm wird am 30. Juni 1934 auf Befehl Hitlers
von SS-Leuten erschossen.
Die Zerstörung Hirschfelds Lebenswerks: NS-Studenten plündern am
6. Mai das Institut für Sexualwissenschaft, SA-Trupps verbrennen die
Bibliotheksbestände zusammen mit anderen Büchern "undeutschen Geistes" am
10. Mai auf dem Berliner Opernplatz. In den Flammen landet auch eine Büste
Hirschfelds.
Wohl notgedrungen: Auflösung des
WhK
am 8. Juni.
29. Feb. 1933: Marinus van der Lubbe, ein Holländer, der angeblich Feuer an den Berliner Reichstag gelegt haben soll, wird zum Homosexuellen erklärt und kann damit ganz legal exekutiert werden.
Wir haben ihm sicherlich viel zu verdanken:
Magnus
Hirschfeld stirbt im Alter von genau 67 Jahren. Filmtipp:
"Der
Einstein des Sex"
Der amer. Zoologe Alfred C. Kinsey (1894-1956) nimmt 1938 seine Forschungen zur menschlichen Sexualität auf und war bemüht, Sexualität wertfrei darzustellen. 1948 verfasste er sein erstes Buch "Das sexuelle Verhalten des Mannes".
Der Kinsey-Report kommt u.a. zu folgenden Ergebnissen:
Und nochwas: Selbstbefriedigung (Masturbation, auch
Onanie) galt lange Zeit als Grund für diverse Krankheiten, z.B.
pubertäre Unreinheit, Sehschwäche, Impotenz, Magengeschwür, Tuberkulose,
Irrsinn usw. - Nachdem Kinsey ermittelt hat, dass 90% der Bevölkerung
onanieren, hat man endlich eine plausible Erklärung für den Schwachsinn
der Menschheit. ![]()
Der erste schwule Buchladen nach dem Krieg, der "Oscar Wilde Memorial Bookstore", wird in New York eröffnet.
§175, Teil 2: In der DDR wird der Paragraph 151
liberalisiert. In der BRD wird damit erst 1969
(
Teil
3) begonnen.
Juni 1969, New York, Christopher Street, Bar "Stonewall Inn"
- mal wieder eine Polizeirazzia. Eine zuviel. Zum ersten Mal wehren sich die
Schwulen, Lesben und Transen. Es kommt zu regelrechten Straßenschlachten mit
der Polizei. Das Ende der hingenommenen Unterdrückung, ein Wendepunkt in
der amerikanischen Schwulengeschichte.
Seitdem wird dieses Ereignis in den USA jedes Jahr mit
Gay-Pride-Parades gefeiert, die das neue Selbstbewusstsein
demonstrieren und bestärken sollen. Seit
1979
wird auch in Deutschland der
Christopher Street Day (CSD)
veranstaltet, um an dieses Ereignis zu erinnern, aber auch, um sich zu
zeigen und um gleiche Rechte zu kämpfen.
Filmtipp:
Stonewall
§175, Teil 3: Der Paragraph 175, der jeglichen sexuellen
Kontakt zwischen Männern unter Strafe stellt, also Homosexuelle diskrimiert,
wird liberalisiert: Von September 1969 an gilt die Schutzaltersgrenze von
21 Jahren, d.h. nun ist "nur" noch der Sex mit Minderjährigen strafbar.
Teil
4 (1973)
Die erste schwule Sauna Deutschlands wird in Hannover eröffnet ("Vulcan").
Letztes Update: 09.01.2008, 03.41 Uhr |
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