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Tom of Finland XXL
gebunden, 666 Seiten
150,00 Euro
ISBN: 978-3822826072
Der Größenangabe XXL im Titel des Buches wird der Kunstband in mehrfacher
Hinsicht gerecht, vor allem aber ist sie Anspielung auf das Oeuvre des
finnischen Künstlers Tom of Finland (eigentlich Touko Laaksonen; geb. 08.05.1920
Kaarina, Finnland; gest. 07.11.1991 in Helsinki). Insbesondere beim
männerliebenden Leser, auch dem, der das Werk Tom of Finlands bisher nicht
kennt, löst dieses „XXL“ wohl nicht vorrangig Assoziationen hinsichtlich der
Konfektionsgröße aus, sondern lässt das Bild eines besonders groß ausgestatteten
Kerls wach werden. Und damit liegt man bei Tom of Finland durchaus richtig. Ein
Kennzeichen der Helden seiner Bilder ist, dass sich unterhalb eines muskulösen
breitschultrigen Oberkörpers und extrem schlanker Hüften, zwischen muskulös
geformten Beinen ein enormes männliches Glied emporreckt, das keine Wünsche
offen lässt. Camille Paglia (Professorin für Geisteswissenschaften und Medien,
University of Arts, Philadelphia) die sich in ihrem Essay auf „Die Suche nach
Sex bei Tom of Finland“ begibt, analysiert auch die Bedeutung dieses „auf
atemberaubende Weise übertrieben mächtig dargestellt(en)“ Penis’ in Toms Werk.
Sie beschreibt ihn als ekstatischen Mittelpunkt eines rituellen Kults: „Toms
dicke, sehnige, protzige und kolossale Phalli wirken wie gewundene
saftstrotzende Ranken oder Äste. Es sind dionysische Maibäume, um die herum sich
seine wetteifernden Charaktere sammeln und ihre Gelage feiern. Alles birst vor
Vitalität…“
Wollen wir das Innovative im Werk Tom of Finlands, der schon zu Lebzeiten
Kultstatus in der schwulen aber auch Anerkennung in der Kunstszene erreichte,
betrachten, so reicht jedoch der Blick auf die von ihm dargestellten nackten
oder in hautenge Kleidung gehüllten Körper mit ihren hochästhetischen
Riesenschwänzen nicht aus.
In einer Zeit, als Vorurteile, Diskriminierung und Verfolgung von Männern, die
Männer lieben auch in Europa und Amerika noch an der Tagesordnung waren, Schwule
als Weicheier, Tunten, drittes Geschlecht, Perverse und geistig Kranke galten,
schuf Tom mit seinen erotischen Zeichnungen Vorbilder. Homosexuelle Männer, die
nach Selbstverwirklichung suchten, fanden in Toms Zeichnungen
Identifikationsfiguren, Männer, die freimütig und lustvoll ihre sexuellen
Vorlieben ausleben, für die schwule Lebensweise und Sexualität Selbstverständnis
und selbstverständlich ist.
Touko Laaksonen wurde als Kind eines Lehrerehepaares in einem finnischen Dorf
geboren. Erste sexuelle Erregungen erinnert er als 5-Jähriger bei der heimlichen
Beobachtung eines kräftig gebauten Bauernjungen gehabt zu haben. Mit 19 Jahren
beginnt er ein Kunststudium in Helsinki. Er ist Soldat im russisch-finnischen
Krieg. Während der deutschen Besatzung Finnlands faszinieren ihn die deutschen
Militäruniformen, die er später in Abwandlungen auch in seinen Zeichnungen
verarbeitet. 1956 schickte er erstmals Zeichnungen an das amerikanische
Schwulenmagazin Physique Pictorial. Die Kampagnen des Senators McCarthy, dessen
Ära zu dieser Zeit gerade zu Ende ging, hatten sich nicht nur gegen Kommunisten
sondern auch gegen Homosexuelle gerichtet und waren in der amerikanischen
Gesellschaft in dieser Frühphase des Kalten Krieges auf fruchtbaren Boden
gefallen. Was als Verweichlichung galt, wurde als potentielle Bedrohung
betrachtet. Entsprechend gut kamen Toms Zeichnungen, die eine gegensätzliche
Auffassung vom Homosexuellen transportierten, bei den amerikanischen Schwulen
an. Die kulturhistorischen Hintergründe der Wechselwirkung zwischen Toms Werk,
das sich mit der Befreiung schwuler Männer in den Vereinigten Staaten
weiterentwickelte, und der amerikanischen Schwulenkultur, deren Entwicklung er
wiederum aus der Ferne förderte – erst 1977 besuchte er erstmals die USA –
beleuchtet Edward Lucie-Smith (Kunstkritiker und Kunsthistoriker) in seinem
Essay.
Der vorliegende Kunstband scheut auch nicht die Auseinandersetzung mit dem
gerade für uns Deutsche schwer verstehbaren Fakt, dass sich auf Toms Zeichnungen
auch Männer in Nazi-Uniformen finden. Durk Dehner (Partner, Freund und
Vertrauter von Tom of Finland; Präsident der Tom of Finland Foundation)
betrachtet diesen Umstand vor Toms Biographie. Die Deutschen unterstützten die
Finnen gegen russische Angriffe, sie wurden als Waffenbrüder angesehen. Als
Leutnant einer Flugabwehrdivision lernte Tom in einem Park in Helsinki, der nach
Einbruch der Dunkelheit zum Männertreff wurde, einen Offizier der deutschen
Luftwaffe kennen, mit dem er zwei Nächte verbrachte, auf den er danach jedoch
vergeblich wartete, da er abgeschossen worden war. Dehner betont, dass Tom immer
deutlich seine Abscheu gegen die deutsche Kriegsmaschinerie und ihre Rolle im 2.
Weltkrieg geäußert hatte.
Neben den bereits erwähnten Essays enthält der Band noch weitere Artikel zu Toms
Leben, Werk und Wirkung, u.a. erfahren wir vom Schriftsteller Amistead Maupin
wie sehr ihn die Titten von Toms Männern faszinieren. Viele interessante
Kommentare zu einzelnen Werken vervollständigen den verbalen Teil des Buches
(einzelne Fehler inclusive – viel Spaß beim finden). Das Werk des Finnen wird im
kunsthistorischen Kontext verortet.
Vor allem lebt der Kunstband jedoch von der Kunst Tom of Finlands selbst, die in
zahlreichen Abbildungen repräsentiert ist. Es ist eine Freude und erotische
Erfahrung Toms Bilder zu betrachten, seinen Humor zu erfahren und zu beobachten,
wie er mit Vergnügen Stereotype von Dominanz und Unterwerfung aufbricht und der
passive Partner seine eindrucksvolle Größe bewahrt. Es wundert nicht, dass Tom,
wie Dehner mitteilt, „stets betonte…, dass seine eigene sexuelle Lust der
Antrieb war, sich an die Arbeit zu machen – Kopf und Hand in Bewegung zu setzen,
seine prachtvollen männlichen Geschöpfe zu zeichnen“. Ich komme nicht umhin in
diesem Zusammenhang nochmals aus dem profunden und zugleich vergnüglich zu
lesenden Essay von Camille Paglia zu zitieren: „Toms spitzbübische Raubtiere und
ihre zeitweiligen Sexspielzeuge gebärden sich fröhlich und ausgelassen und
tollen auf einem ganz besonderen Gelände herum, zu dem auf wunderbare Weise kein
zensierendes und elterliches oder göttliches Über-Ich Zugang findet und auf dem
sogar Polizisten ihren Dienst vergessen und sich munter ins Vergnügen stürzen.“
Wem das bisher Gesagte noch nicht ausreicht, den XXL-Charakter dieses Buches zu
untermauern, für den sei hinzugefügt, dass der 29 x 40,5 cm große und 666 Seiten
starke Band "Tom of Finland XXL" über 1000 Arbeiten des Künstlers aus sechs
Jahrzehnten vorstellt und zwar als exzellente Reproduktionen auf dickem Papier.
Edgar Kitter
Tom of Finland XXL Hanson, Dian (Ed.) Paglia, Camille / Waters, John
Hardcover, 29 x 40.5 cm, 666 Seiten € 150.00
Ebenfalls im Taschen-Verlag erschienen: Tom of Finland - The Complete Kake
Comics Hanson, Dian (Ed.) Flexicover, 13.5 x 19.5 cm, 704 Seiten € 19.99 (Alle
26 Folgen von Kakes Abenteuern in einer Ausgabe versammelt)
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