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Tom of Finland XXL
Broschiert, 431 Seiten Der Größenangabe XXL im Titel des Buches wird der Kunstband in mehrfacher Hinsicht gerecht, vor allem aber ist sie Anspielung auf das Oeuvre des finnischen Künstlers Tom of Finland (eigentlich Touko Laaksonen; geb. 08.05.1920 Kaarina, Finnland; gest. 07.11.1991 in Helsinki). Insbesondere beim männerliebenden Leser, auch dem, der das Werk Tom of Finlands bisher nicht kennt, löst dieses „XXL“ wohl nicht vorrangig Assoziationen hinsichtlich der Konfektionsgröße aus, sondern lässt das Bild eines besonders groß ausgestatteten Kerls wach werden. Und damit liegt man bei Tom of Finland durchaus richtig. Ein Kennzeichen der Helden seiner Bilder ist, dass sich unterhalb eines muskulösen breitschultrigen Oberkörpers und extrem schlanker Hüften, zwischen muskulös geformten Beinen ein enormes männliches Glied emporreckt, das keine Wünsche offen lässt. Camille Paglia (Professorin für Geisteswissenschaften und Medien, University of Arts, Philadelphia) die sich in ihrem Essay auf „Die Suche nach Sex bei Tom of Finland“ begibt, analysiert auch die Bedeutung dieses „auf atemberaubende Weise übertrieben mächtig dargestellt(en)“ Penis’ in Toms Werk. Sie beschreibt ihn als ekstatischen Mittelpunkt eines rituellen Kults: „Toms dicke, sehnige, protzige und kolossale Phalli wirken wie gewundene saftstrotzende Ranken oder Äste. Es sind dionysische Maibäume, um die herum sich seine wetteifernden Charaktere sammeln und ihre Gelage feiern. Alles birst vor Vitalität…“ Wollen wir das Innovative im Werk Tom of Finlands, der schon zu Lebzeiten Kultstatus in der schwulen aber auch Anerkennung in der Kunstszene erreichte, betrachten, so reicht jedoch der Blick auf die von ihm dargestellten nackten oder in hautenge Kleidung gehüllten Körper mit ihren hochästhetischen Riesenschwänzen nicht aus. In einer Zeit, als Vorurteile, Diskriminierung und Verfolgung von Männern, die Männer lieben auch in Europa und Amerika noch an der Tagesordnung waren, Schwule als Weicheier, Tunten, drittes Geschlecht, Perverse und geistig Kranke galten, schuf Tom mit seinen erotischen Zeichnungen Vorbilder. Homosexuelle Männer, die nach Selbstverwirklichung suchten, fanden in Toms Zeichnungen Identifikationsfiguren, Männer, die freimütig und lustvoll ihre sexuellen Vorlieben ausleben, für die schwule Lebensweise und Sexualität Selbstverständnis und selbstverständlich ist. Touko Laaksonen wurde als Kind eines Lehrerehepaares in einem finnischen Dorf geboren. Erste sexuelle Erregungen erinnert er als 5-Jähriger bei der heimlichen Beobachtung eines kräftig gebauten Bauernjungen gehabt zu haben. Mit 19 Jahren beginnt er ein Kunststudium in Helsinki. Er ist Soldat im russisch-finnischen Krieg. Während der deutschen Besatzung Finnlands faszinieren ihn die deutschen Militäruniformen, die er später in Abwandlungen auch in seinen Zeichnungen verarbeitet. 1956 schickte er erstmals Zeichnungen an das amerikanische Schwulenmagazin Physique Pictorial. Die Kampagnen des Senators McCarthy, dessen Ära zu dieser Zeit gerade zu Ende ging, hatten sich nicht nur gegen Kommunisten sondern auch gegen Homosexuelle gerichtet und waren in der amerikanischen Gesellschaft in dieser Frühphase des Kalten Krieges auf fruchtbaren Boden gefallen. Was als Verweichlichung galt, wurde als potentielle Bedrohung betrachtet. Entsprechend gut kamen Toms Zeichnungen, die eine gegensätzliche Auffassung vom Homosexuellen transportierten, bei den amerikanischen Schwulen an. Die kulturhistorischen Hintergründe der Wechselwirkung zwischen Toms Werk, das sich mit der Befreiung schwuler Männer in den Vereinigten Staaten weiterentwickelte, und der amerikanischen Schwulenkultur, deren Entwicklung er wiederum aus der Ferne förderte – erst 1977 besuchte er erstmals die USA – beleuchtet Edward Lucie-Smith (Kunstkritiker und Kunsthistoriker) in seinem Essay. Der vorliegende Kunstband scheut auch nicht die Auseinandersetzung mit dem gerade für uns Deutsche schwer verstehbaren Fakt, dass sich auf Toms Zeichnungen auch Männer in Nazi-Uniformen finden. Durk Dehner (Partner, Freund und Vertrauter von Tom of Finland; Präsident der Tom of Finland Foundation) betrachtet diesen Umstand vor Toms Biographie. Die Deutschen unterstützten die Finnen gegen russische Angriffe, sie wurden als Waffenbrüder angesehen. Als Leutnant einer Flugabwehrdivision lernte Tom in einem Park in Helsinki, der nach Einbruch der Dunkelheit zum Männertreff wurde, einen Offizier der deutschen Luftwaffe kennen, mit dem er zwei Nächte verbrachte, auf den er danach jedoch vergeblich wartete, da er abgeschossen worden war. Dehner betont, dass Tom immer deutlich seine Abscheu gegen die deutsche Kriegsmaschinerie und ihre Rolle im 2. Weltkrieg geäußert hatte. Neben den bereits erwähnten Essays enthält der Band noch weitere Artikel zu Toms Leben, Werk und Wirkung, u.a. erfahren wir vom Schriftsteller Amistead Maupin wie sehr ihn die Titten von Toms Männern faszinieren. Viele interessante Kommentare zu einzelnen Werken vervollständigen den verbalen Teil des Buches (einzelne Fehler inclusive – viel Spaß beim finden). Das Werk des Finnen wird im kunsthistorischen Kontext verortet. Vor allem lebt der Kunstband jedoch von der Kunst Tom of Finlands selbst, die in zahlreichen Abbildungen repräsentiert ist. Es ist eine Freude und erotische Erfahrung Toms Bilder zu betrachten, seinen Humor zu erfahren und zu beobachten, wie er mit Vergnügen Stereotype von Dominanz und Unterwerfung aufbricht und der passive Partner seine eindrucksvolle Größe bewahrt. Es wundert nicht, dass Tom, wie Dehner mitteilt, „stets betonte…, dass seine eigene sexuelle Lust der Antrieb war, sich an die Arbeit zu machen – Kopf und Hand in Bewegung zu setzen, seine prachtvollen männlichen Geschöpfe zu zeichnen“. Ich komme nicht umhin in diesem Zusammenhang nochmals aus dem profunden und zugleich vergnüglich zu lesenden Essay von Camille Paglia zu zitieren: „Toms spitzbübische Raubtiere und ihre zeitweiligen Sexspielzeuge gebärden sich fröhlich und ausgelassen und tollen auf einem ganz besonderen Gelände herum, zu dem auf wunderbare Weise kein zensierendes und elterliches oder göttliches Über-Ich Zugang findet und auf dem sogar Polizisten ihren Dienst vergessen und sich munter ins Vergnügen stürzen.“ Wem das bisher Gesagte noch nicht ausreicht, den XXL-Charakter dieses Buches zu untermauern, für den sei hinzugefügt, dass der 29 x 40,5 cm große und 666 Seiten starke Band "Tom of Finland XXL" über 1000 Arbeiten des Künstlers aus sechs Jahrzehnten vorstellt und zwar als exzellente Reproduktionen auf dickem Papier. Edgar Kitter Tom of Finland XXL Hanson, Dian (Ed.) Paglia, Camille / Waters, John Hardcover, 29 x 40.5 cm, 666 Seiten € 150.00 Ebenfalls im Taschen-Verlag erschienen: Tom of Finland - The Complete Kake Comics Hanson, Dian (Ed.) Flexicover, 13.5 x 19.5 cm, 704 Seiten € 19.99 (Alle 26 Folgen von Kakes Abenteuern in einer Ausgabe versammelt)
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