|
|
Jan Stressenreuter: Mit seinen Augen
Broschiert, 333 Seiten Felix heißt er, der "Glückliche" also, was ja nach landläufiger Meinung nomen est omen ein gutes Vorzeichen sein soll. Doch glücklich ist bzw fühlt sich der Mitte-40-jährige Held des neuen Romans von Stressenreuter nun gar nicht. In seiner 10-jährigen Beziehung mit seinem Freund Manfred scheint irgendwie die Luft rauszusein; auf jeden Fall fragt er sich, warum sie eigentlich noch zusammen sind. Dann kommt der Zusammenbruch der Mutter, die schon lange vom Krebs gezeichnet und deren Ende auch zu erwarten war, und bringt schmerzhafte Erinnerungen nicht nur an die eigene Kindheit, sondern vor allem den Rausschmiss und der rabiate Trennungsstrich, den die Mutter vollzog, als er ihr im Alter von 18 sagte, dass er schwul sei. Richtig militant also, die Frau Mama, und zumindest er weiß nicht warum! Auch jetzt, kurz vor ihrem Tod, kommt keine Freude auf, sondern wird Felix im Gegenteil in wüstem Ton des Hauses verwiesen, als er bei seiner Mutter am Krankenbett auftaucht. Ein weiteres, immer noch unerledigtes Kapitel ist sein Vater, von dem Felix außer der Tatsache, dass er bei einem Motorradunfall ums Leben kam, gar nichts weiß. Wann immer das Thema aufkam, wiegelte die Mutter dies schon in Kinderjahren ab und auch ihr Vater, sein Opa also, ließ sich nicht zu mehr erweichen als zum Rausrücken einer Fotografie, auf der die Ähnlichkeit zu ihm selbst frappant zutage tritt. Nun ist die Mutter tot und an ihm bleibt hängen, den Hausrat aufzulösen, da entdeckt er auf dem Dachboden eine geschmackvolle Jugendstiltruhe, seine persönliche Schatztruhe, die ihm, nach mehr als 40 Jahren den bislang Unbekannten, seinen Vater, näher bringen kann. In Tagebüchern, alten Fotografien und offenbar niemals abgeschickten Briefen erstehen für ihn die ausgehenden 1950er Jahre in Köln neu auf, die Zeit, kurz bevor er 1960 gezeugt wurde, und bringt ihm ein Deutschland und eine Zeit nahe, die er selbst natürlich nicht kennt und zu der aus den Dokumenten schnell klar wird, dass es keineswegs so verklärt war, wie es vielleicht heute aus den Geschichtsbüchern rüberkommt - und schon gar nicht war es das, wenn man anders war. Denn das wird Felix sehr schnell klar: sein Vater war schwul wie er selbst! Nur dass er, obwohl er einen aufopferungs- und verständnisvollen Freund hatte, nie den Weg und die Kraft fand dazu zu stehen, noch es ihm irgendwie von seiten der Gesellschaft einfach gemacht worden wäre, das überhaupt zu leben! Vor Felix und des Lesers Augen ersteht schwules Leben zu Zeiten des §175 in einem vom Krieg gezeichneten Deutschland wieder auf, zu der an freies Ausleben der Neigungen nicht zu denken war. Alles musste heimlich geschehen, in Trümmern, öffentlichen Pissoirs oder Parkanlagen, stets auf der Hut vor Passanten, Missgönnern oder der allgegenwärtigen Polizei, die nur darauf erpicht waren, die Leute anzuschwärzen, auf Rosa Listen oder im schlimmsten Falle ins Gefängnis zu bringen. Auch die andere Seite, gewalttätige Exzesse gegen schwulenfreundliche Lokale, in denen aber nichts!!! passieren, sondern man sich lediglich kennen lernen durfte, wird lebendig, wie auch die in kleinem VW Polo mit drei Mann anrückende Polizei, der lediglich daran gelegen ist, nach Abzug der Randalierer die Schwulen fertig zu machen. Trotzdem kann auch
zu dieser Zeit das zarte Pflänzchen der Liebe blühen, hat Felix' Vater sogar ein
solches gefunden, findet aber nicht den Mut, zu ihm zu stehen. Er unterliegt dem
Druck der Gesellschaft, macht sich selbst vor, nicht dazu zu gehören und macht
auf diese Weise nicht nur sich, sondern auch seinen Freund Anton und seine Frau
unglücklich. Ein lebendiges Sittengemälde und ein Buch, das zeigt, dass es nicht immer rein schwule Themen sein müssen, die schwule Leser begeistern können - zumal wenn sie so eindrucksvoll in Sprache gesetzt ist, dass man das Buch nicht aus der Hand legt, bevor man nicht ALLES erfahren hat. Wie auch bei den Vorgänger- Romanen eine dicke Empfehlung! Dirk Carius Jan Stressenreuter, selbst Jahrgang 1961, wurde in Kassel geboren, ist in in der Nähe von Düsseldorf aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren mit seinem Freund, "ohne den alles nichts wäre", in Köln.
Verlagsseite zum Buch inklusive Probekapitel - sehr empfehlenswert
Romane von Jan Stressenreuter im Querverlag:
Love to Love You, Baby, Roman (2002) Ihn halten, wenn er fällt, Roman (2004) Und dann der Himmel Roman (2006) Weitere
Geschichten von Jan Stressenreuter im Querverlag:
|
![]()
Der Autor |
|||
|
Quer Verlag |
Shops: |
|
||
|