Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern

Tipp

Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern

Vorbild und Neuerfindung

Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern. Vorbild und Neuerfindung. Hrsg. Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Hatje Cantz Verlag, 2009, 272 Seiten, 156 Abb., davon 147 farbig, 39,90 €, ISBN 978-7757-2513-2

Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern, Ausstellung in der Alten Pinakothek München

Rubens' jugendlicher Amor, der einen Bogen schnitzt, wendet sich dem Betrachter zu und schaut ihn - ein mögliches nächstes Opfer - an, wobei der Blick keineswegs so aggressiv und heimtückisch wirkt, wie im Original Parmigianinos (1503-1540). Noch weitere erhebliche Veränderungen nahm Rubens (1577 - 1640) in seiner Kopie vor.  So verlieh er der femininen Erscheinung des Liebesgottes einen muskulöseren Körper und befreite das Haar von dem weiblichen, die Ringellocken zusammenhaltenden Haarband. Lediglich der Hüftbereich des Heranwachsenden hinterlässt einen androgynen Eindruck. Die für Rubens typischen blauen und rosafarbenen Schattierungen des Inkarnats akzentuieren den muskulösen Körper des Jungen. Die beiden Eroten im Hintergrund erscheinen nun in ganzer Figur, und der fast gewaltsame Griff des einen wurde zu einer zärtlichen Geste umgeformt.

In seiner schöpferischen Auseinandersetzung mit geschätzten Vorbildern widmete Rubens sich zum einen – vorwiegend in den 1620er Jahren – den Werken der eigenen Maltradition. Dafür stehen etwa die in der Münchner Alten Pinakothek ausgestellten Gemälde nach niederländischen Vorlagen von Quentin Massys, Willem Key oder Jan Cornelisz. Vermeyen, berühmten Vertretern der Antwerpener Malschule des 16. Jahrhunderts. Mindestens so bedeutungsvoll war für Rubens jedoch zeitlebens der schöpferische Wettbewerb mit den bewunderten Meistern italienischer Malerei. Vor allem ab den 1630er Jahren rückte dabei für den reifen Rubens immer mehr eine bestimmte Künstlerpersönlichkeit in den Vordergrund, mit der er auf dem Höhepunkt seines Schaffens in seinem letzten Lebensjahrzehnt den malerischen Wettstreit voll Respekt und Begeisterung aufnahm: Tizian (1488/90 - 1576).

Rubens lernte bereits in jungen Jahren Gemälde Tizians  kennen, doch wesentlich bedeutungsvoller gestaltete sich dessen intensive Begegnung mit dem Werk des Venezianers während seines zweiten
Aufenthalts am spanischen Hof 1628/29. In den königlichen Sammlungen konnte er nicht nur zahlreiche Porträts studieren, die Tizian von seinen Zeitgenossen geschaffen hatte, sondern vor allem auch einige biblische Szenen sowie die mythologischen Darstellungen aus den 1560er Jahren. Der Anblick der offenen, direkt auf dem Malgrund entwickelten und die Farbe unmittelbar modellierenden Malweise des älteren Meisters erwies sich für Rubens als künstlerisches Schlüsselerlebnis. Dies fand nicht nur Ausdruck darin, dass er, zusätzlich zu zahlreichen Auftragswerken Philipps IV. und neben seinen diplomatischen Aufgaben, die ihn nach Madrid geführt hatten, circa 15 großformatige Kopien nach Gemälden Tizians schuf. Die Begegnung mit dem Werk des Venezianers beeinflusste darüber hinaus nachhaltig die Malerei seines letzten Lebensjahrzehnts. Beeindruckend offenbaren zahlreiche Werke der 1630er Jahre in der Alten Pinakothek mit ihrer lockeren Pinselschrift die Inspiration, die Rubens aus der Begegnung mit Tizian zog. Dabei belebte er sein Gemälde zusätzlich durch eine neue, hell leuchtende Farbigkeit, deren Heiterkeit sich charakteristisch von der düsteren, oft grausamen Bildwelt von Tizians Spätwerk abhebt. Baumstark beschreibt in seinem hervorragenden Essay Tizian im Spätwerk von Rubens für den Ausstellungskatalog den Einfluss Tizians auf die Malweise des barocken Malers kurzweilig und gleichzeitig äußerst differenziert und auf hohem Niveau sowie mit zahlreichen Bildbeispielen. Dass sich Rubens trotz seiner Belastung durch das diplomatische Geschäft und seiner Konzentration auf die neu zu schaffenden eigenen Gemälde für diese Kopien Zeit nahm, erklärt Baumstark so: "Vielmehr scheint es, als habe Rubens in Tizians Werk den eigentlichen, den entscheidenden Bezugspunkt seiner Kunst gefunden, als hätte dieses Gegenüber in ihm Kräfte geweckt, die ihn über das bisher glanzvoll Erreichte weit hinausführten, als habe er für die noch vor ihm liegende Wegstrecke einen Bruder im Geist der Malerei als Gefährten gefunden."

Zu den Höhepunkten der Münchner Alten Pinakothek gehören die Werke von Peter Paul Rubens. Insgesamt 60 seiner Gemälde werden hier dauerhaft präsentiert. Die Ausstellung Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern. Vorbild und Neuerfindung präsentiert jedoch eine Facette im Werk des Malers, die hinsichtlich  seiner enormen schöpferischen Kreativität überrascht: die Kopien, die er nach Vorlagen berühmter Meister malte. Nur in Ausnahmefällen schuf Rubens Reproduktionen im modernen Sinne, um für ihn nicht erreichbare Werke zu seiner Verfügung zu haben. Vielmehr schuf er durch die Veränderung kleiner Details, aber auch durch seinen unverwechselbaren Pinselduktus nicht nur eine Nachschöpfung, sondern sogar eine Neuinterpretation seiner Vorbilder. Die Einstufung eines Werks als Kopie gegenüber dem Original bedeutet häufig eine Abwertung. In Rubens Oeuvre steht die Kopie für einen künstlerischen Dialog, der sich auf Augenhöhe vollzog. Rubens begegnete dem Vorbild mit großem Selbstbewusstsein, indem er Änderungen vornahm und den künstlerischen Wettstreit suchte. So wurde die Kopie zum Ausgangspunkt eines überaus kreativen Prozesses, der zu neuen Lösungen führte und sein schöpferisches Potenzial sichtbar macht.

Der Ausstellungskatalog enthält neben dem oben erwähnten Essay eine Einführung in die Ausstellung
und Beiträge zu Rubens’ Kopien nach deutschen und niederländischen Alten Meistern, sowie seinen italienische Kopien und der ersten Spanienreise, als auch einen ausführlich kommentierten Katalogteil. Das Buch ist reich bebildert und erlaubt eine aufschlussreiche Gegenüberstellung der Werke.

Edgar Kitter

 

Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern
Vorbild und Neuerfindung

Herausgegeben von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit Beiträgen von Reinhold Baumstark, Kristin Lohse Belkin, Görel Cavalli-Björkman, Mirjam Neumeister, Christian Quaeitzsch und Jeremy Wood

Hatje Cantz Verlag | 2009 | 272 Seiten, 156 Abbildungen, davon 147 farbig, 39,90 Euro im Buchhandel | 27,90 Euro im Museumsshop | ISBN 978-3-7757-2513-2

 

Ausstellung:

Rubens im Wettstreit mit Alten Meistern. Vorbild und Neuerfindung
ALTE PINAKOTHEK, München, bis 07.02.2010

Katalog-Cover    © Hatje Cantz Verlag

Peter Paul Rubens (1577-1640) nach Girolamo Francesco Maria Mazzola, genannt Parmigianino (1503-1540),

Amor schnitzt den Bogen, 1614, Leinwand, 142,5 x 107 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen
© München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek

 

Hatje Cantz Verlag
€ 39,90

Shops:

© 2010 Edgar Kitter