Die Blume unter dem Fuße

Tipp

Ronald Firbank: Die Blume unter dem Fuße

Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Christine Wunnicke

Gebunden, 184 Seiten
18,00 Euro
ISBN
978-3-939542-20-9


Es gibt Bücher, die fesseln durch ihre Geschichte und es gibt Bücher, die unterhalten und begeistern einfach durch ihre Sprachgewalt, durch ihre sprachlichen Bilder.

Dieses Buch ist definitiv eines der letzteren. Man fängt an es zu lesen und fragt sich: wie kommt der nur auf diese ganzen Bilder. Ein Buch, bei dem jedes Wort sitzt. Die einzelnen Figuren werden nicht nur so bildhaft beschrieben, dass jeder sie vor sich hat, sondern da passt auch die Art, wie diese reden, voll dazu.

Geschrieben wurde das Buch von Ronald Firbank, jenem ä.

Dabei gibt sich Firbank keineswegs mit den Wörtern zufrieden, die der Wortschatz so schon hat - nein, er kreiert ständig neue; für Übersetzer sicher kein Zuckerschlecken. Insofern ist es zum Einen kein Wunder, dass der 1926 verstorbene Dandy und Sprachkünstler, ein zeitversetzter Kollege Oscar Wildes, bislang auf Deutsch nicht greifbar war, zum Anderen ist die Leistung von Christine Wunnicke gar nicht hoch genug zu bewerten, diese Sprache nachgebildet zu haben. Einige Eindrücke vermitteln die unten zitierten Ausführungen und vor allem auch die Leseprobe auf der Seite des Verlages (maennerschwarmskript.de).

Was rausgekommen ist, begeistert, allerdings nicht durchweg, da man die sprachliche Perfektion nicht am Stück verträgt oder genießen kann und will. In Portionen genossen, hält die Begeisterung über mehrere Tage, wenn nicht gar 2 Wochen.

Superb!

Dirk Carius


Von der Homepage des Verlages
 

Die Libelle über dem Garten Wir befinden uns in Kairoulla, einer mitteleuropäischen Metropole. Die Hofdame Laura de Nazianzi liebt "Seine Mattigkeit" Prinz Yousef, doch der liebt die Hofdamen im Allgemeinen. Die Herzogin von Varna betreibt insgeheim einen kleinen Blumenladen mit der Unterstützung eines tunesischen Jungen, der des Nachts in phantastische Gewänder gehüllt Geschäfte mit "geblendeten" Männern macht. Auf der kleinen Insel St. Helena verbringt Graf Cabinet ein fideles Exil in Gesellschaft eines gern nackt badenden Ministranten. Der Graf von Tolga wiederum betreibt ein Privat-Hamam, und seine Frau erkundet auf einer Bootsfahrt die Reize von Olga Blumenghast. Es geht das Gerücht, im Ritz gebe es Flöhe, und des Nachts unterhalten sich Odentoglossen mit Butterblumen. Firbank schildert eine von Damen reiferen Alters dominierte Welt, in der den Männern nur eine untergeordnete Rolle zukommt, soweit sie nicht den "amphorenhaften" Reiz der Blumenjungen Bachir oder Effendi-Schatz zu entfalten in der Lage sind.

Wer sich bei dieser Inhaltsangabe an eine Soap-opera erinnert fühlt, hat sicher nicht unrecht. Booker-Preisträger Alan Hollinghurst, der Firbank in seinem ersten Roman ("Die Schwimmbad-Bibliothek") ein Denkmal gesetzt hat, kommentiert diese Schnitttechnik so: Für die Darstellung des gesellschaftlichen Lebens, wo alle Kontakte nur flüchtig sind und jede innere Übereinstimmung unwahrscheinlich ist, ist diese Technik auf geistreiche Weise angemessen. Der alltägliche Wahnsinn im Umgang der Figuren untereinander spielt eine wichtigere Rolle als die großen Handlungsstränge, nur der aktuelle Moment ist von Bedeutung. Diesen Moment gestaltet Firbank mit sicherem Blick für das bezeichnende Detail. Der Rezensent der Washington Post hat deshalb recht, wenn er resumiert: Man kann Firbanks Geschichten mit immer größerem Vergnügen wieder und wieder lesen. Wer die richtige Einstellung mitbringt, für den sind sie die amüsantesten Romane der Welt.

Er ist einzigartig, eine schillernde Libelle, die über den sonnigen Garten der Literatur dahinflattert, in dem fast alle anderen Geschöpfe nur kriechen. Carl van Vechten

Ronald Firbank (1886 - 1926) war eines von vier Kindern wohlhabender Eltern. Einen Großteil seines Lebens verbrachte er auf Reisen, er aß wenig, trank viel und war schon zu Lebzeiten als wahrhafter Dandy die Kultfigur eines kleinen Bekanntenkreises. Seine Schriftstellerkollegen sehen in ihm den Befreier des englischen Romans aus den Fesseln des viktorianischen Zeitalters. Mit "Die Blume unter dem Fuße" legen wir die derzeit einzige deutsche Übersetzung Ronald Firbanks vor.

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Pressestimmen

Das liest sich höchst erbaulich; Labsal für Hirn und Seele. Ein Glücksfall, weil von Christine Wunnicke jetzt erstmals genial übersetzt.
Anderas Hergeht in Du & Ich

Das Buch ist Camp. Vielleicht so sehr, dass man in Zukunft lieber diesen Roman als die Lektüre von Susan Sontags wegweisendem Essay "Notes on ‚camp'" von 1954 empfehlen sollte, um den schwer zu fassenden Begriff transparent zu machen. Die ersten Seiten werden beinahe zur Qual, so süßlich, zäh und überfrachtet kommt die Sprache des Autors daher, und so wenig inhaltliche Tiefe will sich erschließen. Man möchte das Buch zur Seite legen und irgendetwas Herzhaftes tun. Hat man sich aber erst einmal an Firbanks sprachliche Kapriolen gewöhnt, öffnet sich dem Leser eine entrückte Welt voller skurriler Figuren. ... Der Roman ist albern, auf herrliche Art und Weise nichts sagend und von bittersüßer, weiser Ironie durchzogen. ... Die liebevolle Übersetzung und Christine Wunnickes gelungenes Nachwort machen Firbanks Wiederentdeckung so gut wie zwingend.
Jan Noll in Siegessäule

Ein Buch wie eine Mischung aus André Heller und Pierre et Gilles, und damit eher etwas für eine geschmacklich genau definierte Leserschaft.
Männer 3/2008

Die Ausdrucksweise erinnert teilweise an Oscar Wilde, der Wortwitz ebenso und doch herrscht dem Werk etwas ganz Eigenes inne. Da spielt es auch keine Rolle, dass Handlungspunkte manchmal nur angedeutet bleiben, dass es eben keinen roten Faden gibt, dass es Szenen gibt, die nur ein Gefühl für das Leben am Hofe und drumherum vermitteln, doch im Kontext eher unwichtig sind. Nicht die Handlung ist für Firbank wichtig, sondern die Art, wie sie verpackt und ausgedrückt wird. ... ein reizendes Buch ... kann man immer wieder lesen und entdeckt doch neue Nuancen, die man vorher nicht bemerkt hatte. Ein Genuss für Lesebegeisterte.

Media-Mania.de

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Leseprobe

Weder Ihre Flitterfreudigkeit die Damengewandkämmerin noch Ihre Traumverlorenheit die Königin fühlten sich vollends bei Kräften. Spekulationen beherrschten das Schloss. Würde man ihnen beiwohnen können, den Fêtes zu Ehren König Jotifas und Königin Thleeanouhees vom Dattelland? - Die Hofmeinung schien in hohem Maße geteilt. Gräfin Medusa Rappa, eine leicht verstörbare Frau, war geneigt zu verwetten, was auch immer die Gräfin von Tolga ‹mochte› (sie wusste es), dass der Hof schon binnen einer Woche unter den Kuppelgewölben des Sommerpalastes würde frösteln müssen. "Ich fürchte, ich habe just keine Zeit (noch Lust), Medusa", entgegnete die Gräfin, die sich auf die königlichen Gemächer zubewegte, "für Wetten." Doch vor der Tür der Antichambre wandte sie sich um und nickte: "Gilt!" Sie fand ihre Landesmutter hingestreckt auf einer mit langen tunesischen Kissen beladenen Couch; eine Ehrenjungfer las ihr vor. "Lebe mit Ziel und ziele hoch!", deklamierte das Mädchen, als die Gräfin näher trat. "Sind Sie das, Violet?", erkundigte sich Ihre Traumverlorenheit, ohne sich umzublicken. "Wie ist Ihr Befinden, Madam?", murmelte die Gräfin beklommen. "Erzählen Sie mir, ich bitt' Sie, von einem Ort, der tröstet und lindert ..." Die Gräfin von Tolga bedachte dies. Und riskierte: "Paris." "Ach, unmöglich!" "Dann eben der Sommerpalast", stieß die Gräfin hervor und betrachtete ihre langen schlanken Finger, die wie die Ranken einer Pflanze waren. "Dr. Cuncliffe Babcock hat es rundweg verboten", erklärte die Königin. Ein Kanonenschuss ließ sie sachte erschaudern. "Das müssen die Datteln sein!", sagte sie. Und in der Tat klang vager Widerhall wie von jubelndem Volke von ferne vereinzelt herüber. "Gebt mir meine Diamant-Anemonen", befahl die Königin und winkte der Jungfer: "Bitte, Mademoiselle, bringen Sie jene noblen Zeilen zum Abschluss." Mit einem schwachen Seufzer nahm die Vorleserin die Pose der sterbenden Intellektuellen ein. "Lebe mit Ziel und ziele hoch!", wiederholte sie, und ihre Stimme war merklich gefärbt mit Gefühl. "Freilich nicht zu hoch. Bedenken Sie dies, Mademoiselle de Nazianzi ..." Hier entstand eine kurze Pause. Und dann - "Ach, Madam! Was für ein Schatz er doch ist!" "Mir scheint, Sie vergessen sich", murmelte die Königin mit einem vernichtenden Blick. "Besser, Sie ziehen sich nun zurück." "Wie stark er ist! Ein Götzenbild könnte man einnischen in seinem lieben Grübchenkinn!" "Es genügt!" Und einen Augenblick später verließ das entflammte Mädchen das Gemach und trällerte dabei leise Depuis le jour. "Heilige Muttergottes", meinte die Gräfin und blickte zur Decke hinauf, "sollte Seine Mattigkeit der Prinz jener Laune erliegen ..." Die Königin löste einen Diamantreif vom Arm und legte ihn um den anderen. "Sie liest in solch einem Tempo", beklagte sie sich, "und als ich sie fragte, wo sie gelernt habe, so rasant zu lesen, gab sie zur Antwort: Auf den Leinwänden der Lichtspielhäuser!" "Ich betrachte sie keinesfalls als distinguiert", bemerkte die Gräfin und richtete den Blick nun ins Gemach hinein. Es war ein recht hoher Raum mit Kassettendecke, durch Glastüren mit anderen Räumen verbunden. Wenn sie in eine jener Scheiben blickte, sah die Gräfin den ‹Thron› gespiegelt und auch etwas Kleines und Kaputtes von Chippendale, aus England herübergebracht, das einem Telefon als Möbel diente. Jenes war aus Muschelgold und Bergkristall gearbeitet, und zur Stunde entlockten ihm die Strahlen der Sonne ein tausendfach neckisches Funkeln. Tapisserien, welche die Liebe von Majnoon und Laila darstellten, verbargen halb die Silberboiserien der Wände, während in der Tiefe des Raumes, jenseits alter Schirwan-Teppiche, die ein ganz fabelhaftes Wunder waren, alle Arten blühender Gewächse launenhafte Jardinieren füllten. Zwischen den Fenstern gab es beschirmte Nischen, auf Wunsch der Königin ihrer Statuen entblößt, ‹auf dass sie andeutungsreich erscheinen mochten›; durch die Fenster selbst konnte die Gräfin über den Ehrenhof hinweg einen Blick auf das Stadtpanorama erhaschen, mit dem Staatstheater und den Garnisonen und den Parlamentsgebäuden und dem Hospital und der mit türkisfarbenen Kacheln gekrönten niedrigen weißen Kuppel der Kathedrale, die allen Kirchgängern als der Blaue Jesus bekannt war. "Es wäre eine fatale Liaison", fuhr die Königin fort, "und es darf nie, nie geschehen!" Statt einer Antwort wechselte die Gräfin einen gewissen Blick mit ihrer Monarchin, der in Hofkreisen als ihr Gequälte-Kreatur-Blick bekannt war. "Nach dem Radau zu urteilen", bemerkte sie, "scheinen Ihre orientalischen Hoheiten bereits Einzug in die Herzen des Pöbels zu halten." Die Königin regte sich leicht inmitten ihrer Kissen. "Zum Anschub des Außenhandels ist eine Allianz mit dem Dattelland keineswegs zu verachten", entgegnete sie und schloss die Augen, als ob ihr eine satte Füllung der Staatskasse in dieser oder jener Weise erlauben würde, ihren eigenen kühnen Grillen zu frönen, deren wohl am heißesten geliebte die Ausrichtung einer Expedition anbetraf, welche Grabungen (nach Kunstgegenständen) zum Ziel hatte: in den Ruinen von Chedorlahomor, einem Faubourg von Sodom. "Gehe ich richtig in der Annahme, Madam, dass es sich um Bananen handelt? ...", erkundigte sich die Gräfin. Doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Seine Mattigkeit der Prinz trat ein mit all seinen farbigen Orden und Ehrenzeichen. Zum Weinen schön, mangelte seinem Antlitz, und zwar schon seit Kindestagen, die Unschuld. Sein Teint war von jener gewissen Tönung der Magnolie, akzentuiert durch ein Paar angenehm ungebändigte Augen und Zähne wie makellose Perlen. "Du hast sie gesehen? Wie sind sie ...? Sag's Mutter, Liebling!", rief die Königin. "Sie sind bloß gräulich", murmelte Seine Mattigkeit, der die königlichen Reisenden an der Eisenbahnstation begrüßt hatte, mit vor Ennui erloschener Stimme. "Sie sind europäisch gekleidet, Lieber?", fragte seine Mutter. "Der König trug einen Bratenrock und eine Mütze ..." "Und sie?" "Schottenrock und karierte Wollstrümpfe." "Sie ist von hervorragender Eigenwilligkeit, hörte ich sagen, Ma'am", erdreistete sich die Gräfin. "Eigenwilligkeit zum ...! Es steht ganz außer Zweifel, sie ist eine schreckliche Person!" Die Königin ächzte sacht. "Ich sehe heute das Leben", erklärte sie, "in der Farbe der Fäulnis." Der Prinz zeigte hier ein klein wenig das Lilaviolett seiner Zungenspitze. "Nun, das ist deprimierend", sagte er, "für uns alle, mit einem Schloss voller Schwarzer ..." "Das ist meine geringste Sorge", bemerkte die Königin. "Oh, Yousef, Yousef", setzte sie hinzu, "willst du mir das Herz brechen?" Der junge Mann streckte seine Zunge noch ein bisschen weiter heraus. "Ich nehme an, Sie sprechen von Laura?" "Aber was siehst du bloß in ihr?", jammerte seine Mutter. "Sie kommt mir gelegen", sagte der Prinz nur. "Puh!" "Sie erfüllt mein Gefühl." "Sie ist so sehr Dienstmädchen ... Ich weiß nicht ..." Die Königin hob schöne Hände, fassungslos. "Très Rinnstein, Ma'am", murmelte die Gräfin, die Stimme zum Halbflüstern gesenkt. "Sie bewahrt uns vor dem Cliché", erklärte der Prinz indigniert. "Sie bewahrt uns vor gar nichts", erwiderte die Mutter. "Oh, Yousef, Yousef! Und diese Augenringe! Hast du die ganze Nacht im Château des Fleurs gespielt?" "Horchen Sie nur auf die Menge!", lenkte der Prinz ab. Und niemals zu matt für Ovationen, hüpfte er zum nächsten Fenster, wo er der Menge Kusshände zuzuwerfen begann. "Schenk ihnen das Erweiterte Lächeln, Liebling", bat seine Mutter mit Inbrunst. "Möchten Sie sich nicht erheben und Ihren Arm um ihn legen, Madam?", schlug die Gräfin vor. "Ich fühle mich keineswegs auf der Höhe", wandte Ihre Traumverlorenheit ein und ließ ihre Finger über ihr Haar gleiten. "Die Sonne scheint, Ma'am ... und Sie tragen Ihre Anemonen ...", lockte die Gräfin, "und um das Volk zu erfreuen, sollten Sie ihn wirklich drücken!" Und sie bat und bettelte die Königin, sich zu erheben, als der König eintrat, vor dem ein wohlgeformter Page ging (sechzehn Jahre alt), mit Wangen frischer denn Milch. "Lauf zum Fenster, Willi", drängte die Königin ihren Gemahl, den Blick auf den letzten Hosenknopf geheftet, der seine langen schlenkernden Beine schmückte. Der König, der einem müden Konditor ähnelte, ließ sich nieder. "Wir finden", sagte er, "dass wir unsere Dosis Gafferei heute bereits eingenommen haben." "Eine klitzekleine Verneigung, Willi!", heischte die Königin. "Das bringt dich nicht um!" "Wir gäben vollendete Welten", fuhr der König fort, "um nun, und zwar allein, zu Bett gehen zu dürfen." "Beseitige den Lärm für mich! Stell sie ruhig! Oder ich werde zu krank", drohte die Königin, "um heute Abend mein Zimmer zu verlassen!" "Soll ich nach Whisky schicken, Ma'am?", fragte die Gräfin, doch bevor sie eine Antwort erhielt, meldete man den Leibarzt Dr. Cuncliffe Babcock. "Ich glaube, ich erlitt soeben einen Rückfall", erklärte Ihre Traumverlorenheit. Dr. Babcock strahlte: Er war auf einem Auge blind, doch dies hinderte ihn nicht daran, mit dem anderen alles zu sehen. "Überlassen Sie es mir, Madam", tröstete er, "ich bringe Sie im Handumdrehn wieder auf die Beine." "Kein Johnnie, Doktor?", hauchte die Königin mit einer Grimasse. Denn ein Glas Johnnie Walker zur Schlafenszeit war ein Lieblingsrezept des großen Arztes. "Nein. Es muss ein wenig stärker sein." "Wir benötigen ebenfalls fachkundige Aufmerksamkeit!", fuhr der König dazwischen. "Ihr seid in der Tat ein wenig blass, Sire." "Immer, wenn ich ausgehe", beschwerte sich der König, "fühle ich mich umgeben von erhobenen Hüten!" Selten nur sprach König Wilhelm von Pisuerga von sich in der Einzahl. Doktor Babcock sah beunruhigt aus. "Erhobene Hüte?", wiederholte er in eindrücklichem Ton. "Nackte Köpfe, Doktor!" Die Königin begann ein wenig zu zappeln. Es missfiel ihr, dass der König interessanter schien als sie selbst. "Diese Ohrringe ermüden mich", sagte sie. "Nehmt sie heraus!" Doch der Prinz, der gründlich zu genießen schien, wie sehr seine Erscheinung das Volk beeindruckte, hatte bereits begonnen, den Inhalt der Blumenvasen aus dem Fenster zu werfen. "Willi ... oh, hindere ihn! Yousef ... Ich verbiete es dir!", schrillte Ihre Traumverlorenheit schwach. Und um die plündernde Hand ihres Sohnes zu bremsen, glitt sie nun zu ihm hinüber, und die Menge, als sie ihrer ansichtig wurde, verdoppelte ihr Jubelgeschrei. Währenddessen hatte sich Mademoiselle de Nazianzi wieder gefangen. Als Nichte Ihrer Flitterfreudigkeit der Damengewandkämmerin hatte sie jüngst unter denkbar glänzenden Bedingungen bei Hofe debütiert. Laura Lita Carmen Etoile de Nazianzi war vielleicht mehr pikant denn hübsch. Ein Dutzend winziger Muttermale waren über ihr Gesicht versprengt und zu beiden Seiten ihrer zarten Nase vermaß je ein großes graues Auge die Welt mit gedankenvoll-kritischem Blick. "Bei derartigen Szenen möchte man schluchzen vor Lachen", dachte sie für sich selbst und bog in den Korridor ein, wo sich zwei der Ehrenjungfern gleich einherstolzierenden Götzinnen die Beine vertraten. "Ist sie wirklich sehr krank? Liegt sie wirklich im Sterben?", fragten sie atemlos. Mademoiselle de Nazianzi befreite sich aus eifrig um sie geschlungenen Armen. "Tut sie nicht", entgegnete sie, die Stimme durchtränkt von beredter Prosodie. Doch in Bann genommen vom Lärm marschierender Stiefel, schoss eines der Mädchen zu einem Fenster. "Oh, Blanche, Blanche, Blanchie, meine Süße", rief sie aus, "Ich könnte tanzen zum Sporenklirren deines Bruders!" "Da wärest du die Erste nicht, mein Liebling", versetzte Mademoiselle de Lambèse und richtete vor einer Glasscheibe ihren kurz geschnittenen Haarschopf. Mademoiselle de Lambèse betrachtete sich als sehr wertvolles Stück Ware und schien der Ansicht, ein einziges Lächeln von ihr lasse Ozeane der Leidenschaft erschäumen. "Armer Ann-Jules", sagte sie. "Ich fürchte, er ist in die Fänge dieser abscheulichen Frau geraten." "Kalpurnia?" "Jede Nacht ist er in der Oper!" "Ich höre, sie trägt das Kostüm eines Schuhputzers in dem neuen Ballet", sagte Mademoiselle de Nazianzi, "und ist gar zu wunderlich extraordinär!" "Hast du schon entschieden, was du zum Ball trägst, Rara?" "Eine schwarze Robe und drei blaue Blumen auf dem Bauch." "Nach diesem Krabbentee bei der Erzherzogin fühle ich mich, als wolle ich kein Abendbrot." Mademoiselle Olga Blumenghast, ein Mädchen mit sachte verkrümmten Schultern, hatte sich vom Fenster gelöst. "Oh? Hielt sie ein Kränzchen?" "Ein oder zwei Vikare und Gräfin Yvorra." "Von ihren Briefumschlägen mit Trauerrand bekommt man Gänsehaut!" "Ich dachte, ich stürbe; es war so fade", versicherte Mademoiselle Olga Blumenghast und trat zur Seite, um Seine Unartigkeit Prinz Olaf (einen Knaben, von aller Unbill des Frühlings erschüttert) und Mrs. Montgomery, die königliche Gouvernante, vorbeizulassen. Sie hatten offenbar draußen in der Menge gebadet und beide lachten noch herzlich über belauschte Bemerkungen. "Wie können Sie nur so frivol sein, Königliche Hoheit!", protestierte Mrs. Montgomery. "Schämen Sie sich! Böser Junge! Schämen Sie sich!" Und ihr beschwingtes britisches Lachen hallte munter durch die Gänge. "Also ich nahm den Tee im Ritz", erwiderte Mademoiselle de Lambèse. "Irgendjemand?" "Nun, etliche!" "Es geht das Gerücht, Prinz Yousef lade dort heute zum Souper." Mademoiselle Blumenghast kicherte. "Habt ihr gehört, wie er die Laternen für die Fête nannte?" "Nein?" "Lauter ‹blöde Blasen›!" "Nein, nein, was für ein Schatz!", seufzte Mademoiselle de Nazianzi fast unhörbar. Und all die nahezu unzählbaren Korridore entlang und bis hin zur Tür ihres Schlafzimmers wiederholte sie dies wieder und wieder: "Nein, was für ein Schatz!"

 

 

 

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